Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Mittwoch, 7. 08 13

07.08.13, 14:17 | 'Blonde on Blonde'
Und dann sitzen wir im Auto, erhitzt von der Sonne und der Felswärme, abgespannt von der Anstrengung beim Klettern, ein wenig feucht vom einsetzenden Regen, ermüdet, satt und zufrieden vom Tag. Der Hund schnauft ruhig im Kofferraum, das Wasser läuft still über die Scheiben, der Dunst schlägt sich von innen daran nieder, und ich nestle vorsichtig an einem dünnen Umschlag.
"Reiß ihn doch auf" lacht es vom Beifahrersitz, und genau das mache ich in fliegender Hast, lese aufmerksam die Karte, fühle die aufsteigende Wärme der Worte und ziehe aus den Fetzen des Umschlags das Geschenk. Wie Du mich kennst, stammle ich. Wie ich mich freue. Ich hoffe, Du hast Zeit und kommst mit mir, und dann schaue ich zum Beifahrersitz, sehe ein knitzes Grinsen und ein Schulterzucken; Du darfst doch mitnehmen, wen Du möchtest, und ich höre das Lachen dahinter, dieses große, helle Lachen, und sage, daß ich nichts und niemanden mitnehmen möchte. Nur Dich.
# |  Rauchfrei | Gas geben


07.08.13, 14:00 | 'Single Trails'
Als ich auf die Uhr schaue, ist es drei vor sechs. Sonnenaufgang. Ich packe mein Zeug und verabschiede mich vom Paradies. Als ich im Dorf ankomme, öffnet eben der Bäcker. Kaffee verkauft er keinen, dafür Cola, Brötchen und allerhand anderes. Außerdem wundert er sich, wo ich denn um die Uhrzeit schon herkomme, erkennt mich aber gleich als Olp'ngrossa. Ja, sage ich strahlend, und ich verliere meine gute Laune auch nicht, als er mir erklärt, daß es eine ziemlich doofe Idee war, ins Tal zu radeln, wo ich doch gleich wieder hoch muß. Ich mag keine Straßen fahren, also folge ich seinem Rat nur so halb und schiebe entlang eines kleinen Baches unterhalb der Straße zurück auf den Arlbergpass. Dort gibt es Kaffee, aber nicht um die Uhrzeit. Und Wanderwege in meine Richtung auch nicht. Ich fahre also auf der Straße nach Sankt Anton. Stanton City, lache ich in den Wind, weil meine Eltern das immer sagen. Die Tradition, über Neujahr dort zu sein, hat sich im Dorf tatsächlich bis heute gehalten. Ich biege am Ortseingang rechts ab, schaue mir das Wasserkraftwerk an und radle dann zur Konstanzer Hütte.

Dort muß ich draußen bleiben, weil drinnen eben geputzt wird. Im Flur darf ich mein Telefon laden, und hinterm Haus entdecke ich Steckdosen für Ebikes und eine kleine Kletterwand. Ein Mädchen, das hier wohl eben einen Ferienjob begonnen hat, bringt mir Kaffee und Kuchen, während sie sich allerhand freundliche Anweisungen vom Wirt anhört. Eine ältere Dame setzt sich zu mir, in voller Wandermontur, und sie erzählt von ihren Damentouren, der Hüfte, dem Abstieg und davon, daß wir sogar im gleichen Stadtteil wohnen. Hihi, sage ich, und würde mich tatsächlich freuen, sie wiederzusehen. Die Wirtin fährt weg, ich renne ihr nach, damit sie die Dame mitnimmt, aber ich bin leider zu langsam. Nur ein Kaffee bisher, sage ich entschuldigend, als ich wieder um die Hütte biege. Sie lacht und rüstet sich zum Loslaufen. Mein Telefon ist auch fast voll geladen, der Kaffee ist leer und der Kuchenteller saubergeleckt. Ich klicke ein und radle los.

Schön ist es im Verwall, denke ich und freue mich an den Schildern. Hochverwall. Trittsicherheit erforderlich. Something to talk about. Immer wieder begegne ich rastenden Wanderern, Kühen und Viehgattern. Ich finde Hüttenruinen, und irgendwann hört der Weg auf. Ich schaue zurück ins Tal, klemme mir den Fahrradsattel über die Schulter und mache mich an den Aufstieg. Immer wieder kontrolliere ich meine Route am Telefon und sehe nach, wie weit es noch zur nächsten Rast ist. Die Entfernung in Luftlinie ist überschaubar, schwindet aber in meinem Schweiß auch nur ganz langsam dahin. Erst auf den letzten paar Metern kann ich wieder radeln. Ein paar kleine Seen hat es hier, und den Schildern zufolge dienen sie der Trinkwasserversorgung und dürfen daher nicht betreten werden. Die gummibestiefelten Hutträger, die drin herumpatschen und ihre Würmer baden, kümmert das nicht besonders. Vielleicht dürfen die das.

Ich konzentriere mich wieder auf den steilen Schotterweg, und darauf, wenigstens ein paar von der Gruppe vor mir einzuholen. Eine junge Dame trägt ihr Trikot umgebunden und sonst nicht mehr viel. Ich grüße, als ich vorbeifahre. Das Rad auf der Schulter steige ich schließlich die Treppe zur Terrasse der Heilbronner Hütte hinauf. Langsam, damit ich in der Sonnenglut nicht wieder rückwärts hinunterfalle. Von der anderen Seite kommt mir das Mädchen entgegen, es gibt also auch einen Weg um die Hütte, den ich übersehen hatte. Mir läuft aber auch die ganze Zeit der Schweiß in die Augen! Ich setze mich auf eine Bank, und aus dem Mädchen wird eine Gruppe von Radlern, die sich gegenseitig Riegel anbieten und die Pulsuhren ablesen. Sechzehnjährige Profis, denke ich, und als ich auf der Terrasse schnell mein Trikot wechsle, mich mit Sonnenschutz einsprühe und das nasse Hemd übers Geländer hänge, hört das Geschnatter kurz auf. Doch keine Profis, denke ich, winke den Mädels zu und bestelle Kuchen, Cola und Wasser bei der lederbehosten Wirtin und esse mit Genuss. In der Küche darf ich mein Telefon laden, im Bad meine Flaschen füllen. Quellwasser, sagt die Wirtin, und ich denke an die ersäuften Angelwürmer. Die Profigruppe ist gerade mit den Nudeln durch und wendet sich dem Salat zu, als es mich reißt. Ich will weiter. Ich muß weiter. Ich schaue auf die Uhr. Ich würde heute noch gern auf das Idjoch kommen. Bis zwölf in Ischgl, hatte ich mir gedacht, aber zwölf ist es schon auf der Heilbronner Hütte.

Ich zahle also, hole das Telefon aus der Küche und radle wieder los. Die Trails hochtragen, die Schotterwege abfahren. Selber Profi, denke ich, mache dann aber doch den Dämpfer auf, die Knie und Schultern locker, und lasse es laufen. Vorbei an schwitzend Emporfahrenden, vorbei am Kopser Stausee und weiteren Anglern darin und deren Autos direkt am Ufer. Ich begegne dem ersten Radverbotsschild - ausgenommen bergwärts steht da - und fahre durch Galtür und allerhand Skiorte bergab. Irgendwo finde ich einen Supermarkt, decke mich mit Wasser, Nusszopf und Wurst ein und wechsle dann auf einen Wanderweg nach Ischgl. Schön ist Ischgl nicht, wenn man darauf zu radelt. Es ist nach zwei, und ich finde ein Schild, das mich zur Bodenalpe führt. Zunächst auf Teer begegnen mir einige Wanderer und eine Menge Betonmischer. Es wird gebaut am Berg. Ich fahre irgendwann aus dem Schatten in die Sonne, die Serpentinen werden steil und steiler, und immer wieder muß ich anhalten oder eine Runde schieben. Die Schilder für das Ironbike-Rennen sind schon aufgehängt, und ab und zu überholt mich ein eingeölter Profi in einem derartigen Höllentempo, daß ich bereits nach einigen Metern schon wieder abreißen lassen muß. Der Dampf reicht gerade so eben für langsames Kurbeln, mehr ist nicht drin in der Hitze. Als ein Wanderweg die Strecke kreuzt, sehe ich ein paar orthodoxe Juden mit Kindern, Kippa und schwarzen Mänteln beim Wandern und freue mich, daß meine Religion fürs Radeln keine Kleiderordnung bereithält. Außer Radhosen trage ich nämlich längst keine mehr. Vier Stunden zur Bodenalpe stand auf dem Schild im Tal, und die Differenz zwischen Wander- und Radelzeit weist deutlich auf die Radelmöglichkeiten hin. Trage ich, bin ich kaum schneller. Rolle ich durch die Ebene, lache ich im Minutentakt.

Jetzt ist mir nicht mehr nach Lachen. Meine Fersen sind wund vom Schieben in den Steilstücken und den harten Schuhen. Meine Waden brennen, weil ich genau die wohl nicht recht eingesprüht habe. Meine Schultern schmerzen vom Rucksack, und ich überlege ernsthaft, eine Reserveunterhose zurückzulassen. Auf dem Gipfel tauchen Kräne auf, ich quere die Mittelstation und irgendwann bin ich an der Bodenalpe. Alle anderen scheinen in guter Verfassung, in teuren Klamotten und unverschwitzt. Das Restaurant ist umzäunt, weil hier oben noch Kühe weiden. Weiter unten habe ich einen nagelneuen Stall gesehen, tatsächlich wird also noch für Anbindehaltung gebaut. Ich mag nicht in das Restaurant, ich mag mich nicht zu den Schönen und Kühlen setzen, da bleibe ich lieber heiß und leere meine erste Wasserflasche. Dann radle und schiebe ich auf Schotter weiter zu einem kleinen See, noch weiter an Schneefeldern und den wohlbekannten schwarzen Pisten vorbei, die mir sogar jetzt noch ein gutes Angstgefühl verpassen. Da soll ich runter? Jetzt muß ich aber zuerst einmal nach oben. Ich ignoriere die Fersen, die Waden, alles, trete einen Meter nach vorn und rutsche wieder einen zurück. Dann bin ich oben. Es ist fast fünf, der Wind pfeift, ich ziehe mir etwas an und schaue hinab in die Schweiz. Das wars. Ich suche mir vorsichtig einen Weg nach unten. Nur jetzt keinen Fehler machen und ein paar hundert Höhenmeter zurück müssen. Die Bauarbeiter gegenüber haben Feierabend, die Ausflügler steigen in die letzte Gondel, ich bin allein. Erhaben trifft es ganz gut, und juchzend biege ich, alle Vorsicht vergessend, auf den Enduro-Trail ab.

Mal möchte mich mein Rucksack von oben überholen, mal muß ich eine Linie auslassen, weil ich die Kurve nicht kriege, dann muß ich mich auf den groben Steinen wieder zu Geschwindigkeiten zwingen, die mich drüberfliegen lassen. Aber irgendwann bin ich an der Mittelstation und schaue zurück. Die Sonne verschwindet hinterm Grat, ich habe noch nicht einmal die Sattelstütze eingefahren. Ich bin gut mit mir und der Welt, und wieder möchte ich kein Hotel. Stattdessen fahre ich noch ein wenig ab, vespere auf einer Wiese und schaue den Bauern beim Heuen zu. Dann machen auch die Feierabend, und ich schaue mir ein paar der leeren Hütten an, suche mir die schönste aus, die noch in der Sonne liegt.

Ich wasche mich mit Wasser aus der Flasche und setze mich dann doch splitterfasernackt in den kleinen Gebirgsbach weiter unten. So könnte ich sitzenbleiben, denke ich, und erfriere dann doch fast. Es wird dämmrig, ich wandere zurück auf den Grat und denke an nichts. Ich denke an tausend Dinge, aber ich denke nichts zu Ende. Jetzt hast Du Zeit, denke ich, aber mir wollen keine Schlüsse kommen. Vom Grat aus sieht man keine Lichter, keine Dörfer. Nur Berge, und ziemlich viel Himmel. Unter meinen Füßen glitzert etwas, ich hebe einen Stein auf. Ein Herz. Kantig, scharf und mit glitzernden Schichten von Quarz oder Katzengold oder wasauchimmer. Gestein kann ich nicht. Ich schiebe ihn ein und weiß plötzlich, wem er gehören soll. Ich habe einmal einen solchen Stein bekommen, und jetzt werde ich einen verschenken. Lauf der Welt, denke ich, und irgendwie verlässt mich die Trauer, ich schaue ihr nach, sie schwebt ins Tal, und ich bin leicht und warm.

Im Schlafsack verfluche ich die scharfe Wurst, den harten Boden und mein altes Kreuz. Ich lache mich aus, weil ich eine Packung Salzstangen auf den Berg geschleppt und keine gegessen habe. Was ich nicht alles gleichzeitig verfluchen und verlachen kann, in den drei Sekunden, bis ich einschlafe, denke ich noch. Oder nicht mehr.
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