Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 11. 03 19

11.03.19, 10:12
Kein Wunder, daß selbst das Wetter durcheinander ist, daß es stürmt und regnet und daß gleichzeitig die Sonne scheint, denke ich mir, als ich nach einem verzerrten Umzugstag im Auto vor dem Haus sitze, zuerst hinauf zur dunklen Wohnung und dann in meinen Schoß auf das Telefon schaue. Kein Wunder, daß die Welt in Aufruhr gerät, an einem Tag, an dem ein solches Kämpferherz zu schlagen aufgehört hat.
Ich bleibe einfach sitzen, der Wind rüttelt an den Stoßdämpfern, pfeift in den Fensterdichtungen, singt durch die Dachreling. Ich sitze immer noch, nun in der Garage, der Hänger steht friedlich am Gartenrand, und meinen Rucksack werde ich gleich einfach im Auto vergessen. Ich tappe durch das leere Haus, wo nur die hölzerne Decke leise im Sturm knackt. Ich stehe eine Weile im leeren Zimmer herum und schaue auf weiße Wände. Durchs Nachbarfenster in den Fernseher. Durchs große Fenster übers Welland hinweg. Hier und dort ein Licht.
Ich klingle und sehe dann erst den Schlüssel in der Tür stecken, weit draußen hinter dem Dorf. Im Flur riecht es nach Hund und wir umarmen uns lang und hart. Ich bin wortlos still wie immer, lasse mir erzählen vom roten Unglück. Flaschen klimpern, auf dem Tisch brennt eine Kerze. Später trinken wir noch aus Deinen Kristallgläsern, den guten, die Du nie benutzt hast. Lachen über die alte Geschichte unseres Kennenlernens, meinen knitzen Trick mit dem Telefon. Ich kann mich heute noch an den Mut erinnern, den es mich damals gekostet hat, mich einfach selbst anzurufen mit Deinem Telefon, während ich mich weit und schnell links und rechts umsah, ob nicht doch einer guckte, wie ich es vom Tresen nahm und gleich darauf wieder da ablegte, um weiter zu tanzen. Diese Idee, dieser Moment, und darauf all die gemeinsamen Jahre. Unbefangen warst Du, hast auch mich aufgenommen in den riesigen Kreis der Freunde Deiner Tochter, alle unterschiedlich und doch alle gleich: mit größtem Herzen und feinstem Gespür. Man kann also jenseits der siebzig sein und immer noch auf einem Mountainbike-Festival die Verpflegung für alle Helfer organisieren, in einem weißen Zelt, in dem Deine Autorität allein dafür gesorgt hat, daß ich stets versucht war, mir die Hände zu waschen, die Haare zu kämmen und die Schuhe auszuziehen. Gelacht hast Du und Sekt getrunken mit Mädels, die Deine Enkel hätten sein können. Meine Vorliebe, ach was, meine hemmungslose Sucht nach Deinen Nussecken hast Du mit einem Lächeln bemerkt und immer wieder befeuert. Zuletzt im Winter, nach den Weihnachtstagen, als wir angerückt waren, um die alte Sägemühle abzureißen. Da hast Du uns noch bekocht und für uns gebacken, die Kälte allein durch Deine Anwesenheit verjagt und mit einer wohligen Wärme ersetzt, die als Zutat in all Deinen Speisen und Taten war. Keine Lust mehr, hast Du vor einigen Tagen gesagt, und wie alles, alles auch das in die Tat umgesetzt. Keine Lust mehr. Und nun bist Du gegangen, und wir sitzen hier im Heizraum und trinken auf Mama, rauchen noch eine, und zwischendurch stehe ich am plätschernden Graben und schaue in den Sternenhimmel, wo Böen die Wolken zerfetzen, und als ich mich verabschiede, da danke ich noch, ich hab mich sehr gefreut, und selbst dabei werde ich hier noch richtig verstanden. Ich hab mich wirklich sehr gefreut, hier sein zu dürfen, und ich habe mich immer an der Freundschaft gewärmt, die aus diesem fernen Moment des Mutes entstanden ist.

Mach es gut, Mama M. Wherever you may roam.
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