Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 3. 12 12

03.12.12, 12:27 | 'Das Auge des Betrachters'
Ob es hilft, all das schon vorher zu wissen? Kann man sich ändern, die Welt ändern, und was bereut man stattdessen? Gibt es Reulosigkeit? Und wie stark prägt es die Antworten, daß man nur die fragt, die es sich leisten können, so zu sterben? (via froschfilm)

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Paartanz allein, meine Frau ist beim Fußballtraining. Hört sich jetzt alles seltsam an, aber ich kann das erklären! Jedenfalls hat es mit Fasching zu tun, und damit, daß ich dann zwar Urlaub, aber keinen Skiurlaub haben kann, und daß wir die Idee mit den Auftritten und dem Wettbewerb plötzlich ganz wunderbar fanden, mitten in der Nacht. Und überhaupt Hebefiguren!

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Je näher ich der Heimat komme, um so mehr Schnee. Ich werde hektisch, ich bin sowieso zu spät. Und außerdem: Schnee! Ich parke vor einer Kiste brauner Flaschen, und als ich aussteige, ploppt es schon. Eins zur Beruhigung und für geschmeidiges Tanzen. Wenn das so weitergeht, denke ich noch.

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Die Grundschritte üben. Rechts, links, Seitkick. Links, rechts, Seitkick andersrum.

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Diese verfluchten Pedale, diese zweimal verfluchten Kurbeln, und wenn Aluminium und Stahl sich mal verlieben, dann trennt sie nur der Winkelschleifer. Dann schweiße ich die Pedale an die Welle, schaue über die Nasenspitze durch die Flucht. Vorschub, Strom, Feuer frei. Das alte Rad hat Kufen, und ich den Wahnsinn gepachtet.

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Hinauf bis in den Wald! Nur beim ersten Schuß nicht fehlen, nur bei der ersten Abfahrt nicht stehenbleiben. Es dauert nur Meter, bis ich falle, und plötzlich sehe ich das Gefälle wieder anders, die kleinen Abhänge und Unebenheiten, die Baumstümpfe und Wiesenraine mit ihren Gebüschen. Schneetreiben. Unter mir die Lichter der Straßenlaternen. Luft holen, irgendeine Dummheit rufen, herrjeh, ist das schnell und wieso habe ich Schnee in der Nase?

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Rasant bis unkontrolliert, verrückt aber nicht gefährlich. Schneeweiß komme ich in den Keller, wo vier sitzen und einer dicke Zigarren raucht. Eines noch, sage ich, und als sie dann aufbrechen, mitten in der Nacht, zu einer dieser Runden, die mit knitzem Lächeln beginnen und mit schweißnassem Lachen irgendwo enden, bleibe ich. Vernunft ist, wenigstens vier Stunden zu schlafen.

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Es ist eben doch nicht nur zeichnen. Ich bringe die Evolventengleichung noch aufs Papier, aber nicht mehr in den Rechner. Geschätzte Zahnräder sehen sehr geschätzt aus.

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Ein Gutenachtkaffee, und da sitzt noch einer. Im Fernseher Musik. Er nickt, als ich an der Tasse nippe. Wir kennen das. Und dann reden wir von Plänen, und wie es ja doch immer anders kommt. Von Verantwortung und Familie, und daß es damit ja auch ist wie mit den Plänen. Vom Tragen und Getragenwerden. Vom Teilen und Verteilen. Wer gibt, wer nimmt. Und welchen Luxus man nicht kaufen kann. Mit euch möchte ich nicht alt werden, sage ich. Aber mit mir auch nicht.

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Und was man alles nicht braucht.

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Wir kaufen einen 3D-Drucker. Tolles Internet.

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Als ich vom Melken komme, ist es hell und kalt.
Als ich Futter lade, geht die Sonne auf.
Beim Frühstück duckt sich der Nebel und gibt die Dreikaiserberge frei.
Du weißt gar nicht, mampfe ich ins Telefon, den Kaffee vor der Nase und dicke Scheiben Kranzes auf dem Teller, Du weißt gar nicht, wie gut Du es hast.

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Liegeboxen herrichten, Stroh einstreuen, all das. Als ich auftauche, sind sie schon ausgeflogen. Es sind doch diese Wintertouren, die uns ausmachen, an den langsamen Samstagen. Nicht diesen Winter, denke ich, als ich durch den Stall laufe. Aber die Winter gehen uns nicht aus.

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Ja, sage ich, da komme ich mit.

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An der Bar wird geraucht. In einer Ecke sitzt eine, die kenne ich. Den Namen nicht, und sie redet ja auch gerade.

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Einen treffe ich, der war doch noch so klein!

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Und einen, mit dem ich einst Mitleid hatte.

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Die schnellen Dreierrunden.

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Sie hat nach Dir gefragt. Und jetzt ist sie weg. Das ist nicht schlimm, sage ich, und dann fällt mir auch ihr Name wieder ein. Das Haar unter dem Helm, die Kunststoffpanzerung unterm Trikot. Kleines Mädchen, großes Rad! habe ich einmal gelacht.

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Die Chäs|chügli.

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Sie redet leise, und ich muß mich über sie beugen. Sie erzählt von Neuseeland und den Kühen dort. Dreihundert, sagt sie, und ich drohe ihr mit dem Finger. Mach mich nicht neidisch, lache ich, und erzähle von den wenigen Kühen. Große Welt, kleine Welt. Du, sagt sie, und tippt mit dem Finger nach mir. Wieso tippt sie in mein Telefon? Und wieso stolpert sie, als ich einen Schritt zurück mache?
Ich stehe auf der Straße, die Ohren taub wie die Finger. Meine Schritte hallen. Takt machen. Die Beine nicht zu sehr heben. Auf den Schritt atmen. Der Dönerimbiss hat zu, und gerade jetzt könnte ich noch, sage ich laut. Wenn Du das Geld nicht willst! Es ist kalt und klar. Mondhell. Die paar Kilometer ins Dorf, denke ich. Nur über den ersten Hügel nicht anhalten. Nicht langsam laufen. Über den zweiten noch. Jetzt weiter.
Als ich an der Tür stehe, tippe ich, daß ich an der Tür stehe. Das Offensichtliche festhalten. Käsebrot und Kaffee. Die Uhr sagt, daß es sich nicht mehr lohnt, das Bett zu wärmen. Ich ziehe mich um. Kaffee und Käsebrot. Es ist Zeit. Wir sind jetzt auch daheim, sagt das Telefon.
Als ich vom Melken komme, schneit es.

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Werkstattag. Tierarzttag. Den Weihnachtsmarkt streiche ich für heute gerne. Den Besuch auf der Berghütte nur ungern. So ist das, gern und ungern und trotzdem.

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Dieser Brocken Leben in dieser Maschine Mensch. Was treibt uns noch, wenn da kein Ehrgeiz mehr ist? Niemand kann etwas verlangen. Setz Dich doch, sage ich mir. Aber ich setze mich nicht. Bleib doch stehen, sage ich mir. Aber ich laufe weiter. Bleib doch liegen, sage ich mir. Aber ich stehe auf. Da ist kein Lockstoff, dem ich witternd folge. Keine Peitsche, die mich treibt. Ich sehe meinen Händen zu, wie sie Folien zerschneiden, Schnee schaufeln und Heu gabeln. wie sie auf Tasten tippen, Hände schütteln, Gläser heben. Das ist also Leben, denke ich. Das ist es also, was man einmal bedauern wird.
# |  1 RauchzeichenGas geben