Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Dienstag, 3. 02 15

03.02.15, 16:13 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Rückwärts erzählen.

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Doch noch gelaufen, weil ich auf der Heimfahrt diesen Jogger sah. Ich wollte aber nicht an den Hauptstraßen laufen, und Nebenstrecken werden hier ja nicht geräumt. Wunderbare grüne Stadt, denke ich, in der die Bürgersteige so spiegelglatt sind, daß selbst jemand, der auf einem Bein auf einem Balanceboard stehend in einem glatt gefliesten Badezimmer freihändig Zähneputzen kann, nicht mehr laufen kann. Ich schlittere im Stehen den Hang hinunter und wundere mich nicht mehr, daß niemand unterwegs ist. Die Straßen sind trocken von Salz. Klar, da sind ja die wichtigen Autos, die man aber eigentlich überhaupt nicht mehr in der Stadt haben will. Dreißig Prozent weniger will der Oberhäuptling, und dann setzt der sich in seinen Dienstwagen, lässt die Straßen räumen und die Radwege und Bürgersteige so vereisen, daß sich niemand mehr bewegen kann. So mag ich die Grünen ja am liebsten, wenn ich so richtig sauer auf sie sein kann.
Ich biege irgendwo ab, lande im Wald, lande in knietiefen Pfützen, die unterm Schnee versteckt sind. Zehn Kilometer am Schluß, ha! Dann spüle ich in Unterwäsche ab, weil ich ja immer nachschwitze, winke der Nachbarin, nehme eine Dusche und ein Bier auf dem Sofa. Easy living.

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Ich bin so euphorisiert, daß ich lieber falsch als langsam spiele. Offbeat, sagt der Lehrer ein ums andere Mal. Offbeat. Tod und Teufel, und ich wollte immer einigermaßen synchron sein. Trotzdem: Follow me in Dauerschleife. Und meine Nachbarn müssen das ertragen.

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Es ist schön, mit dem Faschingsverein essen zu gehen. Die Jungen Wilden, die noch jüngeren Schüchternen, und wir alten Herren des Elferrates.

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Dichtes Schneetreiben vor dem Umzug, und erst, als wir auf dem Wagen stehen, scheint die Sonne. "Wir machen das noch nicht so lange" sagen mir die jüngsten Gardemädels, und auf dem Heimweg sind sie schon frech genug, mir die Blume aus dem Knopfloch zu stehlen. Ich nenne sie einfach alle Schatz, weil ich mir ihre Namen zu den glatten Gesichtern nicht merken kann.

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Vielleicht ist mein Problem, daß ich es nicht Arbeit nennen mag.

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Der Wocheneinkauf ist teuer diese Woche. Kommt davon, wenn man mit dem Auto unterwegs ist. Und Bier kauft. Aber hey, ich habe wieder Bier im Haus und muß nicht mehr am Bahnhofskiosk grüne Flaschen kaufen.

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Der nächtliche Abbau. Es ist wie immer, das Fest ist mir zu schnell vorüber. Jetzt, genau jetzt hätte es noch ewig so weitergehen können.

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Einhundertundfünf Kilometer gelaufen im Januar. Gegen Ende ein wenig nachgelassen. Dafür sind die Waden und Fußgelenke nun wieder schmerzfrei. Dauermuskelkater ist ja auch nicht so meins.

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Unbedingt wieder mit dem Beastmaker trainieren. Fingerkraft.

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Einen Vortrag sollte ich ja auch noch halten. Huch.

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Arbeitskonzentration fällt mir so schwer.

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Auf dem Weg ins völlige Durcheinander. Nur noch Fetzen hinterlassen hier.

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Ich spüle Gläser und Becher und betrinke mich gewissenhaft. Und immer wieder ein einzelner Becher mit pinkfarbenem, klebrigen Lippenstift. Sie trinkt ganz schön viel, denke ich.

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Das Gefühl, zu alt zu sein. Ich gehöre hier nicht mehr her, denke ich, als ich allein in der Halle stehe, umgeben von der tobenden Jugend. Ich gehöre mit Dir irgendwohin, wo wir laut lachen können und uns leise in die Augen sehen. Wo mir nicht vom Stehen die Beine wehtun, sondern vom Tanzen der Schweiß hinabrinnt. Wo ich nicht schauen muß, wer in wessen Armen liegt, sondern wo ich wissen kann, daß wir in einem Bett liegen werden. Ach, Mist.

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Dann ist plötzlich Februar, mitten in der Nacht, und ich sehe sehr oft aufs Telefon und muß mich noch mehr am Riemen reißen. Ich denke an diesen Morgen, als Dein Telefon klingelte und Du Dich entschuldigt hast - dieser Ton gehört Deiner Schwester. Und dann standest Du da, nackt im Morgen vor dem Bett, das Telefon am Ohr, die andere Hand verlegen in den Haaren, und ich konnte die Frage nur erahnen, wo Du bleiben würdest, und Du nanntest nur den Namen der großen kleinen Stadt, fragend, entschuldigend, lächelnd, und ich war froh und glücklich darüber, denn das war freundlich zu mir und dieser Stadt, das war verheißungsvoll und versprechend, und eine Woche später saß ich dann bei Deiner Schwester am Tisch und sagte den Namen Deiner Stadt und lächelte, als sie mich etwas ganz Ähnliches gefragt hatte.

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Das Freitagsklettern an der Hochschule gefällt mir. Dieses Mal bricht ein Griff unter meinem wuchtigen Antritt weg, und ich schleudere brachial und unkontrolliert gegen die Wand. Es kracht, und das sind die wichtigen Stürze, denke ich. Die machen stark im Kopf. Oder sie versauen mich ganz fürs Felsklettern, denn von dem im Herbst ausgerissenen Brocken und dem Glück, nun nicht ein zweites Holzkreuz an meinem Heimatfels zu sein, komme ich immer noch nicht recht los. Ich reibe mir das Blut vom Schienbein und klettere noch einmal. Ein Reibungstritt an der Wand, etwas mehr Gewalt an den Fingerspitzen.

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Wie mir die Frau des besten Freundes beiläufig mitteilt, daß sein Vater gestorben ist. Seine Augen glänzen, und ich bemerke erst jetzt die Stille, die ich bislang zerredet habe. Ich weiß nicht, was sagen, ich weiß nicht, was denken. Tut mir leid, sage ich leise, und als sich die Damen auf das Sofa verziehen, da trinken wir still und leise Whisky und Bier. Vielleicht ist es das, was Freunde tun können, tun müssen. Ich weiß es nicht. Noch einen, fragt er leise, und ich nicke. Ich bin da, sage ich durch das bernsteinfarbene, scharfe Gesöff. Ich bin da, und wenn es alle Flaschen Whisky dieser Welt kostet.

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Es ist eine ziemliche Arbeit, die Liebe zu relativieren, denke ich mir. Und es ist immer, immer wieder schade drum.
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