Dieseldunst
Don't listen to a word I say.
Donnerstag, 28. 07 16

28.07.16, 15:40 | 'Rage within the machines'
Quervergleiche von heimtückisch Ermordeten mit der Anzahl von Verkehrstoten, mit der Zahl an Krebstoten durch das Rauchen. Zu denen, die vor Jahren in Winnenden ums Leben gekommen sind, hat doch auch keiner gesagt, sie wären immerhin nicht vom Bus überfahren worden. Was denkt ihr euch eigentlich mit solchen Vergleichen? Erzählt ihr den Opfern einer Vergewaltigung, die ja mit neuen Gesetzen erst besser geschützt werden sollen, auch, daß sie sich ja nicht so anstellen sollen, immerhin seien sie ja nicht im Straßenverkehr umgekommen? Da sterben ja auch Fußgänger und Radfahrer, weil sie eben nicht durch eine Armlänge Blech um sie herum geschützt werden. Und vermutlich gibt es dort auch mehr Verletzte als durch Vergewaltigungen, ich weiß es nicht. Also alles gut, kein Grund zu Veranlassung, nur ich könnte das Kotzen kriegen, wenn ich so eine herablassende und menschenverachtende Argumentation ausgerechnet von denen lesen muß, die sonst den Mund vor lauter Empathie und Menschlichkeit kaum mehr schließen können.
# |  Rauchfrei | Gas geben

Mittwoch, 27. 07 16

27.07.16, 17:22
Eine der lauten, rauchigen und rotweinduftenden Stimmen meiner Kindheit ist verstummt. Ein großer Mann warst Du, in einem großen Haus, mit einer freundlichen Familie, und ich war ein ängstliches Kind damals. Jahrelang war die Familienweihnacht drei- und vierteilig, und sie fing stets bei euch an, in dem riesigen Wohnzimmer, nachdem mich das hohe Treppenhaus schon völlig hatte verstummen lassen. Deine Frau, die Patentante meiner Mutter, haben wir schon begraben, und eine Deiner Töchter auch. Zwischendrin hast Du mich ab und zu weggeschickt, mit einem der Kleintransporter Deiner Firma, Deines Geschäftes, Deines Lebens. Unterlagen hektisch in die große Stadt fahren, oder ein Sofa in ein anderes Bundesland. Einen der größeren Laster hatte ich mal, als ich der Königin der Dreikaiserberge einen Maien gesteckt habe. Ich habe Dir nie ein Bild davon gezeigt, denn ich habe selbst keines davon, aber ich weiß noch um meinen Stolz, daß da ein Schlüssel war, den ich von Dir bekam, und wie Du laut und bärig gelacht hast dabei, denn wir waren alle mal jung, und wir haben alle mal Maien gesteckt. Wenn Du Pfarrer werden magst, hast Du immer gesagt, denn einen Pfarrer bräuchte diese Familie noch, dann finanziere ich Dein Studium, und ich glaube Dir heute noch, Du hättest genau das getan. Stattdessen bin ich Ingenieur geworden, und als ich einmal schlecht finanziert war, da habe ich bei Dir gearbeitet, auf dem Hof Gerüstteile geputzt, eingerüstet und abgerüstet, mit Farbe gespielt und auf der Heimfahrt im Bus geschlafen. Ich saß da mit Männern, die kaum Deutsch konnten, die mich freundlich aufgenommen haben, die mir von der Notwendigkeit des Lernens mehr erzählt haben, als ich aus der Schule mitgenommen habe. Sie hatten ebenso rauhe und große Hände wie Du. Sie kamen aus aller Herren Länder, und sie alle haben Dich verehrt. Weil Arbeit eint, weil Arbeit ein Ziel war, und weil Du das immer selbst hattest, dieses Ziel. So saßen wir kurz beim Mittag in der kleinen Kammer mit unseren staubigen, trockenen Händen, und abends fuhren wir zu Deinem Haus, um den Lohn abzuholen, wie sich das gehörte. Da saß dann Deine Frau im Büro, und oft dröhnte Dein Lachen durch eine der vielen Türen. So habt ihr mich alle geprägt, ihr Alten, und besonders Du mit Deinem Vorbild, mit Deinem Mitnehmen, mit Deinem Leben. Einmal, da waren wir gemeinsam auf einer Baustelle, weil einer fahren mußte mit Deinem geliebten alten Bus, und das Maßband halten fürs Aufmaß und alles eintragen in einer langen Liste in der Sommerhitze einer wuselnden Baustelle. Verstanden habe ich die schnellen Überschläge nicht, aber bewundert habe ich Deine Erfahrung, Dein Wissen und Deinen Auftritt. Ja, hast Du gepoltert, in diesem Container, wo der Bauleiter saß, habt ihr denn euren Leuten nichts zu trinken? Gibt es sowas? Und dann hast Du mich losgeschickt, mit fünfzig Euro, sauren Sprudel für alle Mann, weil Du immer wolltest, daß es allen gut geht, weil Du immer alle gleich gut behandelt hast, weil keiner Mangel leiden sollte, wo er doch eine Arbeit zu tun hatte. Daß Du als einer der Alten schon immer und jederzeit ein Förderer der Jungen warst, das haben selbst die Zeitungen in den Nachrufen geschrieben, und die Jungen selbst haben Dich als ihren größten Unterstützer bezeichnet. So hast Du Dich an der Jugend gefreut und an den Enkeln, die kleinste gerade im Kindergarten, hast sie, hast uns alle geliebt, auch wenn wir nur noch auf unsere eigene, schwäbische Art verwandt waren, mit wenig Blut und ganz viel Herz und Seele. Fünfundachtzig Jahre hat Deine Kraft gereicht, mit all der Arbeit, all dem, was man im Leben so einstecken muß, wenn man sich nicht versteckt. Und versteckt hast Du Dich niemals.
Manchmal, wenn ich am späten Abend zu meinen Eltern nach Hause komme, da kann ich euch noch hören, meinen Vater und Dich in seinem Büro, ihr zwei Lauten, ihr zwei Eifrigen, über Pläne gebeugt, jahrzehntelang in dichten Rauch gehüllt, dann einige Zeit nicht mehr. Irgendwann bist Du nur noch mit einem kleineren Bus gekommen, warst Seniorchef, da wären andere längst in Rente gewesen, und irgendwann nur noch zur Terrassentür hereingekommen, weil Du zu Kaffee und Kuchen kamst und für die Naht an einem neuen Hemd, statt für Bauten und Pläne und Politik. Ich habe Dir viel zugehört, und ich habe viel von Dir gelernt, von Deinen großen Händen und Deiner lauten, rauchigen Stimme, die nun schweigen darf. Hab Dank.

Hab Dank und mach es gut, Kurt.
Wherever you may roam.
(7.4.1931 - 24.5.2016)
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27.07.16, 16:33 | 'Heller als tausend Sonnen'
Ich frage mich, murmelst Du so leise, daß ich mehr Deinen Atem auf meiner Brust spüre als ich Deine Stimme hören kann, ich frage mich, wie ich nur ohne Dich schlafen kann, und ich streiche Dir das Haar aus der Stirn und sage, daß Du das ja überhaupt nicht mehr können mußt.
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Montag, 25. 07 16

25.07.16, 12:32 | 'Rage within the machines'
Es hat kurz und heftig geregnet, die Luft ist feuchtwarm und schwer. In der Fußgängerzone laufen die Menschen noch unter den Vordächern. Wir sind eine Gruppe aus drei Herren und einer Dame, schlendern lachend durch den Abend, die Regenjacken über die Arme gehängt. Von der Seite tritt ein junger Südländer auf uns zu, die rechte Hand ausgestreckt, in der linken hält er eine Flasche. "Money", fordert er. Wir weichen ihm aus, er tritt weiter vor, im Vorbeigehen streife ich seine Fingerspitzen. "I kill you", zischt er mich an. Ich sehe ihm in die Augen und antworte leise: "Try."
Sommer zweitausendundsechzehn.
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