Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Sonntag, 3. 01 16

03.01.16, 11:21 | '10000 lightyears from home'
Ja, der Jahresendfragebogen. Der wartet noch. Leider komme ich zu nichts, obwohl ich alle Zeit hätte. Gerade arbeite ich seit zwei Tagen an der alten Kaffeemaschine meiner Eltern, zum Beispiel. Die hat vor einiger Zeit durch beharrliches Verlangen nach Entlüften ihr Bleiberecht in Mutters Küche verwirkt, und daraufhin eine unserer beliebten Familientraditionen in Gang gesetzt: Mein Senior erklärt alles, was ihm nicht mehr gefällt, für defekt und ersetzt es. Ich zerlege alles, was für defekt erklärt wurde und stelle später fest, daß mein Zerlegen den Defekt erst erzeugt hat. Ja, ich glaube auch, daß ich adoptiert bin. Und die ganze Zeit über steht die Seniorin daneben und wundert sich, wie einer so kurzentschlossen viel Geld ausgeben kann, um angeblich defekte Geräte zu ersetzen, und ein anderer ebenso kurzentschlossen eine beliebig große Fläche in einen Zoo von Einzelteilen verwandeln kann, den er dann mehrere Tage lang unter Fluchen bewacht und durchkämmt, und dabei Zeit und Kosten auf sich nimmt, daß es tatsächlich längst ein neues Gerät reichen würde. Dickköpfe sind wir ja alle hier, der eine mit Geld, der andere mit Gewalt, die dritte mit Geduld.
Jedenfalls riecht es hier ein wenig verbrannt und nach Bohnen. Aber immerhin habe ich den Fehler - und diesmal war es tatsächlich einer, und der war in der Bedienungsanleitung - gefunden und behoben, und nun tausche ich noch einige Dichtungen, und alles wird wieder gut.
So habe ich das auch der Doktorin mitgeteilt, die nicht nur ebenso schön wie klug ist, sondern auch noch mit einer Menschenkenntnis gesegnet, die exakt um den halben Erdball reicht, was ganz passend ist, wo uns genau dieser halbe Erdball derzeit voneinander trennt, und die deshalb gleich nachgefragt hat, wie ich dieses Riesentrumm von einer Kaffeemaschine denn in meiner Küche unterbringen werde. Nun. Ich ertappe mich ja derzeit dabei, nach Wohnungen zu suchen, die einen Ticken größer sind als meine jetzige, die vielleicht eine Tür zum Badezimmer und eine in die Küche haben, aber allzuviel darf man in der großen Stadt ja nicht erwarten für ein Drittel meines Monatslohnes. Der wiederum, und das wird mich in den nächsten Monaten noch mehr beschäftigen, fällt ab Mitte des Jahres aus. Und damit die Neuigkeiten vollständig sind, habe ich den zweiten Teil meines Monatslohnes samt der Arbeit und samt dem Herzblut und dem Dieseldunst und den dreckigen Fingern aufgegeben. Aus Erfahrung klug geworden, könnte man sagen, denn die Flucht ins Wochenende hat ihren Beitrag zur Entfremdung schon einmal beigetragen, und man muß ja nicht jeden Fehler doppelt begehen. Außerdem ist da noch ein großes Schriftstück zu verfassen, und damit meine ich es sehr ernst. Also mit dem groß und mit dem Schriftstück. Das wird kein Spaß, das war es schon in den zwei Sommermonaten nicht, und das wird auch nichts Leichtes, denn ich mag es schwer und schwierig und genau und detailliert. Und zudem wird meine Wochenendbehausung als Gästezimmer benötigt. Das erschließt sich erst, wenn man die Größe des Hauses und den Unwillen meines Seniors, Gäste zu beherbergen, kennt. Was habe ich gelacht.
Nun. Bleibt alles anders. Wird schon, weil muß ja. Mehr Zuversicht, mehr Mut. Damit rette ich mich ins neue Jahr, ersetze Angst durch Neugierde und Furcht durch Hoffnung. Haben Sie es gut, wo auch immer, wie auch immer. Ich muß zurück an die Kaffeemaschine.
# |  12 RauchzeichenGas geben