Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Dienstag, 1. 03 16

01.03.16, 12:42 | 'Das Auge des Betrachters'
Wie sieht ein europäischer Ansatz aus? Die Frage treibt mich um, seit ebendieser Ansatz als Heilmittel verkauft wird. Aber was macht ihn aus? Wie löst er Probleme? Dazu einige ungeordnete Gedanken.
Die weite Reise ist ein Problem. Diese dauert, ist gefährlich und anstrengend, und über die vielen Grenzen hinweg verdienen Verbrecher Geld durch Schleuserei (darüber habe ich hier schon einmal nachgedacht.) Ein anderes Problem ist die Konzentration auf wenige Länder, beziehungsweise die Gründe für ebendiese.
Ein europäischer Ansatz, der nicht als Krieg daherkommen soll, sollte also die Reise verkürzen und eine Überkonzentration auf wenige Länder vermeiden. Nun. Politik also. Und Geld.
Politik sehe ich nicht - wo ist der Ansatz Europas, von den Nachbarländern die Grenzöffnung zu verlangen? Und Geld sehe ich auch nicht - wie man liest, wird in den zum Bersten vollen Lagern auch noch gehungert. Warum sehe ich da die Europäische Union nicht? Steht das nur in keiner Zeitung? Oder denke ich den Ansatz falsch? Wer die weite Reise verhindert, trocknet die Schleuserei aus. Er senkt die Gefahren für die Einzelnen, erhöht die Chancen auf eine gemeinsame Reise für Familien und Schwache. Außerdem ist eine kurze Reise eher plan- und durchführbar. Ein dritter Unterpunkt wäre Schutz - was machen eigentlich die Blauhelme gerade?
Überkonzentration. Mal ohne die Gründe dafür gedacht - alle Strukturen sind starr. Deshalb ja Strukturen. Sie wachsen nur langsam und verändern sich nur zäh. Ich halte eine finanzielle Überforderung durchaus für möglich, ebenso wie eine strukturelle, das heißt in der direkten Versorgung. Zudem hat sich gezeigt, daß es auch eine Überforderung der Stimmung geben kann, eine politische Überforderung also. Um all dies zu vermeiden, muß man sich um die Gründe kümmern. Die sind zunächst der Konflikt selbst - aber der lässt sich nun nicht mehr vermeiden. Weiter sind es mangelnde Aufnahme in den Nachbarländern, und eben dort dann mangelnder Schutz und mangelnde Versorgung. Politik und Geld mal wieder. (Übrigens ist eines klar: Geld, das in andere Länder transferiert und dort ausgegeben wird, ist zum größten Teil mal weg, wogegen es, wenn es hier ausgegeben wird, auch mindestens eine kleine Runde hier zirkuliert. Ich halte das nicht für Wirtschaftsförderung, da man im Inland mit dem Geld Strukturen aufbaut, wie zum Beispiel eine Beamtenschaft, die man auf eine sehr lange Zeit bezahlen muß, während man die Hilfen für andere Länder einstellen kann, wenn sie nicht mehr benötigt wird. Außerdem fließt das Geld auch von hier aus ab, da es ja für die Reise der Nächsten benötigt wird. Es profitieren also mal wieder die Schleuser, und das Elend fängt von vorne an. Lange Reise, Gefahr, Kosten. Siehe oben.) Aber zurück zu den Gründen. Nach den obengenannten Gründen kommt die fehlende Perspektive. Die zwischen die Fronten Geratenen sehen kein Ende, und die an der Front Aufgeriebenen fürchten das Ende. Beide haben gegen einen oder mehrere überlegene (und rachsüchtige) Gegner keine Perspektive. Die Lager bieten auch keine. Neues Leben also. Und in diesem Punkt ist, das haben die letzten Monate meiner Meinung nach gezeigt, Europa nicht einig. Ich kenne die Gesetze der einzelnen Länder nicht. Ich halte allerdings weder das Gesicht Frau Merkels noch die Aussicht auf ein Taschengeld für einen ausreichenden Grund, sondern ausschließlich die Hoffnung auf ein neues Leben. Ein europäischer Ansatz wäre, darüber zu diskutieren. Und ein europäischer Ansatz wäre ein gemeinsamer Standard, angefangen bei Asylrecht und Unterbringung und Versorgung, über Bildung bis hin zur übergeordneten Frage nach dem neuen Leben. Um es anders zu sagen: Ist Asyl gleich Zuwanderung? Ich denke nicht, daß man das gleichsetzen darf, denn bei Asyl spielen die Bedürfnisse der Asylsuchenden die Hauptrolle, während bei der Zuwanderung die Bedürfnisse des Landes die Hauptrolle spielen müssen. Und solange die beiden Bedürfnisse gegeneinander stehen, ergibt sich kein Kompromiß. Deshalb bin ich für eine klare Trennung. Das nähme der schieren Zahl der Asylsuchenden vielleicht auch einen Teil des Reizes. Es ist schließlich etwas anderes, eine Million zu achtzig Millionen zu versorgen, als eine Million zu siebenhunderttausend Schulanfängern oder zu drei Millionen Arbeitslosen hinzuzufügen. Es geht mir nicht um die absolute Zahl, nur um den Unterschied. Aber zurück zum gemeinsamen Standard: Der muß Teil eines europäischen Ansatzes sein, und den müssen auch schwache Länder tragen können. Wir sind nun mal nicht alle gleich stark, und auch Europa muß sich an den Schwachen orientieren. Subsidiarität, heyho. Das bedeutet nun nicht, daß ein Land die Versorgung in allen anderen Ländern bezahlen muß, sondern daß der gemeinsame Standard an sich eine Überkonzentration auf einzelne Länder verhindert. Quoten und Kontingente kann man machen, eine Selbstregelung fände ich schöner. Dann kann man immer noch Geld für die Ärmeren innerhalb der EU hin und her schieben. Wenn das aus stärkeren Ländern kommt, wäre das ein echtes Konjunkturprogramm. Überspitzt gesagt, könnte man ein paar Tausend Griechen auf EU-Kosten in Lohn und Brot bringen, indem sie Unterbringung und Versorgung übernehmen. Dafür zahlen sie dem griechischen Staat dann Steuern und kurbeln tatsächlich an der Wirtschaft. Klarer Nachteil - das Geld wird in der EU umverteilt. Aber nun, nichts anderes machen die jeden Tag. Zurück. Teil des gemeinsamen Standards wäre die Versorgung, Unterbringung, die bereits genannte Frage der Dauerhaftigkeit, Bildung, schlußendlich Geld. Und, allen voran die Kernfrage nach den Grundvoraussetzungen für Asyl. Auch die müssen einheitlich sein, aber das ergibt sich nach der Trennung von der Zuwanderung vermutlich deutlich leichter als jetzt, wo alles durcheinandergewürfelt und gegeneinander ausgespielt wird. Dazu gehört für mich auch eine Priorisierung. Vielleicht führen diese Standards zu einer Senkung der - ich nenne sie jetzt einfach mal so - Asylschattenmigration. Außerdem wäre ein europäischer Ansatz deutlich stärker darin, diese politisch zu beeinflussen. Ich glaube nicht, daß ein einzelnes Land dem politischen und wirtschaftlichen Druck eines Europa widerstehen kann. Eines einzelnen Landes jedoch schon.

Am Ende bleibt für mich, daß ich wie Frau Merkel einen europäischen Ansatz sehe. Was ich im Gegensatz dazu nicht sehe, ist auch nur der Ansatz eines solchen Ansatzes. Und deshalb glaube ich weiterhin an den europäischen Ansatz, aber nicht mehr an den Ansatz von Frau Merkel.
# |  Rauchfrei | Gas geben


01.03.16, 09:38 | 'Egalitaeten'
Aus einem augenzwinkernden "Lass es uns erst mal für uns behalten" wurde ein Zuwarten, daraus dann ein "Bitt gib mir noch ein wenig Zeit", und aus den Gutenmorgengrüßen und den Gutenachtküssen wurden wenige Nachrichten - "Ich bin da" und "Tut mir leid, daß ich mich nicht gemeldet habe." Wir sehen uns seltener, was nicht an mir liegt, und auch nicht unbedingt an Dir, sondern an den Umständen. Ich komme nicht klar durch meine Gedanken, ich kann überhaupt nicht denken gerade, zumindest keinen Gedanken bis zum Ende. Es ist der langsame Rückzug, der mich aufbringt, der mich nachzieht, bis ich zu weit gegangen bin, zu weit für mich, um mich zurückziehen zu können, weil ich ja genau das auch nicht will.

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Unausgegorenes Denken. Unausgegorenes Schreiben. Und das Offenlegen, das fällt mir auch nicht mehr so leicht.

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Zuversicht sollte es werden dieses Jahr. Stattdessen lese ich ein mehrschrittiges Programm zur emotionalen Stabilität. Unberührter zu werden.

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Gutes Radeln in der Kälte am Samstag. Kalt, aber sonnig, und ich bilde mir ja ein, daß meine rote Nasenspitze nur von der Sonne kommt. Hatschi.

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Daß mir auch alles zu Staub zerfallen muß, worüber ich rede. Und ich rede doch so gern.

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"Colonia Dignidad" hat mich sehr erschreckt. Der wahre Anteil daran, der im Film eben nur kurz auftaucht und gerade auf diese Weise unheimlich bedrückend wird. Der Abspann mit den Fotografien und den kurzen Texten. Bisher wurde noch kein Mitglied der Deutschen Botschaft dafür haftbar gemacht, schreiben sie da. Auch sehr erschreckend. Und in den letzten beiden Einstellungen macht der Film viel kaputt - mit Schreibfehlern. Ich habe beim Überfliegen einen gesehen, der kein Tippfehler sein kann, der ein Verständnisproblem anzeigt, und ich frage mich, wie das passieren kann. Liest das niemand durch? Kann denn überhaupt noch jemand lesen? Ich werde sehr kulturpessimistisch, wenn es ums Lesen geht. Sprache an sich ist doch schon so unzureichend, daß man nie beschreiben kann, was passiert, und daß man immer wieder baß erstaunt dasitzen kann, wenn einer mit der Sprache spielt, wenn einer Bilder erzählt und Treffer landet an Stellen, die man selbst nicht kannte. Vermitteln durch Sprache, Erklären, Lernen, Präzisieren, und in meinem Lamento sind wir schon am Parkplatz, steigen in das kalte Auto, und während ich unruhig auf dem kalten Leder hin und her rutsche, sagt die Dame auf dem Fahrersitz, übrigens mit Abitur und Studium und Promotion und einer überaus gutbürgerlichen Familie, daß das keiner mehr braucht, und sie sagt es so, als sei meine flammende Rede etwas Niedliches, als sei Sprache nur eine meiner kleinen Schrulligkeiten, und da verstumme ich dann. Ich weiß doch auch nicht, wer die Sprache kaputtgemacht hat, ich weiß doch auch nicht, warum sich keiner mehr kümmert, oder ob das nicht vielleicht ein Effekt dessen ist, daß jetzt alle schreiben, auch die, die vorher stumm waren, und vielleicht ist falsches Sprechen ja schon besser als stumm zu bleiben, und es tritt nur dadurch zutage, daß sie es nie gelernt haben, nie gezeigt bekommen vielleicht, und trotzdem würde ich gern jemanden dafür feste schütteln, damit der nur noch mit dem Kopf nicken und das wieder in Ordnung bringen kann.

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Sieh es als gut an, das ist ja immer das Credo. Aber das ist es eben nicht. Ich verstecke mich ungern, ich bin ungern in der Situation, den Arm so weit auszustrecken, daß ich nicht mehr stabil stehen kann, und gleichzeitig nicht zu wissen, ob man mir nicht die Hand entziehen wird. Wird sie nicht, soll ich sagen. Und vielleicht ist das richtig. Wie lang wartet man da? Vielleicht nähere ich mich ja auch nur, damit ich nicht so krumm und ausgestreckt und instabil dastehen muß? Wie begreift man Wackligkeit als Chance, wenn man doch beim Klettern stets um Halt bemüht ist, sich ohne Anstellung mit festen Bürozeiten unwohl fühlt, und beim Kampfsport zwei Mal wöchentlich lernt, daß ein sicherer Stand das ist, was einen, nun ja, absichert?

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Mehr mäandern vielleicht.

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Auch das Schreiben als Chance begreifen. Wenigstens das müsste klappen. Muß klappen, soll ich doch in wenigen Monaten ein ganzes Buch abgeben.

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Reifen kaufen. Hallelujah, so ein Fahrradreifen kostet ja ein Vermögen, und jedes Mal lese ich mich wieder fest in irgendwelchen Bewertungen. Zefix, Zeit!

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Ein Satz, ein Lächeln am späten Sonntagabend. Weißt Du, wie leicht Du mir Wärme machst?

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Ein paar Stunden bei Freunden verbringen. Ich speichere die Wärme dieser Familie in mir.

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Durch Nichtnachfragen habe ich mich in eine Situation gebracht, aus der ich mich durch Improvisation wieder herauswinden muß. Ein wenig Getriebelehre am Wochenende, ein wenig Wissen über die Firma, und doch nicht zu wissend wirken, auch wenn ich den Spitznamen des Geschäftsführers kenne.
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