Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Samstag, 6. 04 19

06.04.19, 23:03 | 'Was zu tun ist'
Sehr früh aufgestanden heute. Auf den Hof gefahren, vor fünf fahre auch ich die vier Kilometer mit dem Auto. Frost, auf einem Silo finde ich Eisplatten. Sie machen die Folien schwer und rutschig. Ich kann nicht mehr genau rekapitulieren, was ich getan habe und in welcher Reihenfolge, und daran zeigt sich, glaube ich, auf welcher Ebene ich Stallarbeit kann. Ich sehe die Arbeiten, ich erledige sie, ich taktiere, indem ich Werkzeug von einem Fleck zum anderen trage oder noch schnell auf dem Weg wohin etwas anderes nebenbei tue, aber ich habe keine Strategie. Das ist alles nicht nichts, keinesfalls, sonst wäre ich nicht hier auf einem Spitzenbetrieb zur Vertretung, sonst würde man mich das nicht tun lassen. Ich weiß nicht, ob es nur die Routine ist oder ein tieferes Wissen, das mir fehlt, um vor mir selbst einen weniger gescheuchten Auftritt zu machen. Nach der Stallzeit Kaffee, dann decke ich Silos auf, dann Mittag, dann füttere ich. Der Vetter hat allen Ernstes gemeint, ein Betrieb dieser Größe ließe sich allein führen. Er war lang nicht draußen, denke ich, auf den Feldern, hat lang nicht die Stunden auf dem Hof und auf dem Feld gezählt. Ich denke an die Worte meines Bauern, der einst erzählte, wie er sich zu Beginn immer viel zu viel vorgenommen hatte, wie die Tage zu kurz für die Arbeiten waren, und wie er gelernt hat, mit dem Unfertigen zu leben. Ich werde noch sehr lang darüber nachdenken müssen, denn darin steckt mehr Weisheit, als ich bisher erfassen kann. Immerhin habe ich nicht vergessen, was man mir erzählt hat, und auch das ist ja schon was. Post vom Amtsgericht, und vor Gerichten habe ich nun wirklich Mores. Ich will nicht eingesperrt werden, wenn ich auch nicht wüßte, wofür. Das Füttern geht nahtlos wieder in die Stallzeit über, und statt Vorderwasser zu haben, bastle ich an der Anlage, beobachte kurz die Goldfische im Tränkebecken, trage Wassereimer und melke eine kranke Kuh von Hand. Und schaufle Mist. Viel Mist. Ich glaube, um das zu vermeiden, hätte ich so gut wie jede Baumaßnahme getroffen. Einstreuen noch, damit die Damen glücklich in ihren Strohbetten wühlen können. Auch wenn es frustrierend ist, daß ihr größtes Glück darin zu bestehen scheint, das schöne Stroh hinaus auf den Laufgang zu befördern. Den Sohn des Vetters habe ich im Mischwagen auf dem Schoß und auf dem Radlader. Welch Kindheit, denke ich, welch Abenteuer voll Lärm und Maschinen und Tieren und Bewegung. Mir ist davon die Wurstdose geblieben, in der das Milchgeld war, und davon ein Kreuzerle und der Weg über den Hof, an Nußbaum und Miste vorbei, zum Hintereingang der Krone gegenüber, eine alte Frau und ein ausgesuchtes Eis, auf der Mistenmauer neben einer riesigen Silberdistel gegessen, daß es nur so schmatzt. Was ihm bleiben wird? Ich werde es nicht erfahren, ich werde siebzig sein, wenn er mein Alter hat. Zwei Mal lassen wir heute eine Kuh fliegen, und ich überlege kurz, was wohl ein ahnungsloser Tierfreund zu einer solchen Maßnahme sagen würde, empfohlen vom Tierarzt und lang erprobt. Der Umgang erscheint grob mit diesen großen Tieren, die gleichzeitig so zäh und so verspielt sein können, mit ihren ganz eigenen großen Köpfen. Ich weiß, daß sie stehen muß, um zu leben, und deshalb stellen wir sie auf, wieder und wieder, bis sie stehenbleibt, schwer schnaufend und mit bebenden Flanken. Als sie sich gefangen hat, frisst sie schon, und ich freue mich über jeden Zungenschlag, mit dem sie das Heu im Maul faltet und knickt, um es kauen zu können. Vesper dann, und nach zehn bin ich hier, wo ich zu Hause sein soll und vor fünf schon gegangen bin. Ich erinnere mich an die Lehre vom Unfertigen, ich trinke noch eins und gehe dann zu Bett.
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