Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.

19.08.15, 18:52 | '19th nervous breakdown'
Dieses Interview im Stern dreht sich, wie so vieles in dieser Zeit, um Flucht. Der Gesprächspartner vertritt die Ansicht, daß offene Grenzen sinnvoll sind. Konkret spricht er von der Erlaubnis, Flugzeuge und Fähren zu benutzen, damit niemand im Meer ertrinken muß.

Nun. Meine Gedanken drehen sich hier vor allem um den Menschenschmuggel. Das ist ein bestialisches Geschäft, und wenn wir von Menschenrechten und Menschenwürde reden, dann denke ich zuerst daran, daß mit Menschen Handel getrieben wird. Daß einem Menschen ein Wert zugewiesen wird, und zwar ganz simpel und brutal der Wert, der für den Transport verlangt wird. Die Menschen, die solchen Handel treiben, halte ich im Prinzip für derart skrupellos, daß sie zu allem bereit sind. Daß für sie ein Menschenleben tatsächlich nur den Wert seiner Überfahrt hat. Und daraus schließe ich, daß wir da ein Geschäftsmodell sehen, das schon ziemlich alt ist: Der Krieg ernährt den Krieg. Denn nur wo Menschen durch Gewalt zur Flucht gezwungen werden, wird an der Flucht verdient. Vielleicht profitieren die Schmuggler nur, vielleicht sind sie aktiv an den Konflikten beteiligt, vielleicht ist das sogar ein überaus lukratives Geschäftsmodell. Überfalle ein Dorf, lass diejenigen bezahlen, die es können, töte den Rest, um mehr Angst und mehr Schrecken zu verbreiten. Ich halte es für möglich, daß so direkt der Konflikt weiter gefördert wird, und womöglich sogar direkt finanziert. Man verlangt von Menschen Geld dafür, sie nicht umzubringen, und mit diesem Geld kauft man sich Waffen, um den nächsten Menschen vor die gleiche Wahl zu stellen. Jetzt lassen sich diese Menschen sicher ihr Geschäftsmodell nicht einfach wegnehmen. Was tun sie also?

Ich glaube nicht daran, daß aus einem Kriegsgebiet zu Fuß wegmarschiert werden kann. Der Krieg ist schnell und schneller, er ist motorisiert. Außerdem zerstört er die Infrastruktur, oder er kontrolliert sie zumindest. Ich kenne mich in Syrien nicht aus, aber ich glaube nicht, daß man dort einfach noch so als Flüchtender eine Fahrkarte kaufen kann. Weder für einen Zug, noch einen Bus, oder gar ein Schiff. Das heißt, daß Flüchtende dort trotzdem in Geiselhaft sind, ganz unabhängig von unseren Grenzen. Ich glaube sogar, daß mit offenen Grenzen dieses Geschäftsmodell noch einfacher wird. Man spart sich ja dann sogar den Transport, man spart sich die Heimlichkeit, man spart sich alles, und warum nicht einfach im Mittelmeer damit drohen, das eigene Schiff zu versenken, wenn nicht von anderer Seite noch einmal bezahlt wird?

Sogar wenn die Menschenschinder und die Menschenschmuggler nichts miteinander zu tun haben: es bleibt Geiselhaft, und die Geisel bezahlt. Und ich glaube, daß dieses Geschäft noch attraktiver wird, wenn man nur noch Schinder sein muß und auf den Schmuggel dann verzichten kann. Ich glaube einfach nicht, daß wir dieses Elend so verbessern können. Im Gegenteil, ich fürchte, wir würden es dadurch verschlimmern. Denn in meinem Kopf sind das die gleichen, die Schinder und die Schmuggler, und sie brauchen Geld, um ihren Krieg weiter zu führen. Hätten sie tatsächlich nur alle umbringen wollen, hätten sie das doch schon längst geschafft. Nein, sie bringen nur gerade so viele um, daß mit den anderen noch Geld zu verdienen ist.

Und nein, was zu tun ist, weiß ich nicht. Aber daß in den letzten Jahrzehnten oft das Gute gewollt und das Schlechteste daraus geworden ist, das muß ja vielleicht immer so bleiben.

Rauchzeichen




novemberregen   |   24.08.2015, 20:06   |  
Zu der Frage, wie man aus einem Kriegs-/Krisengebiet wegkommt, muss man glaube ich ganz genau hinschauen, um welches es sich handelt.

Syrien hast du als Beispiel genommen. Dort ist es ja in aller Regel nicht so, dass dort die Leute direkt an der Küse in ein Boot steigen und nach Italien oder Griechenland fahren. Sehr viele gehen tatsächlich erstmal zu Fuß oder in motorisiert (Transporter?) über die nächste Landesgrenze, bzw. es gab (ob es sie noch gibt, weil ich nicht) bis Ende 2014 auch noch eine ganz normale Fähre zwischen Latakia (Syrien) und Mersin (Türkei) - und auch wenn 2014 jetzt schon lange her ist, darf man nicht vergessen, dass viele der Flüchtlinge, die nun hier ankommen ja schon seit Monaten oder sogar Jahren unterwegs sind.

Es ist gut möglich, dass für den Weg innerhalb Syriens auch schon der Kontakt zu Schleusern notwendig ist, wie Du sagst, aus umkämpften Gebieten wird man nicht so leicht herauskommen, vielleicht braucht man jemanden, der sagt, in welche Richtung man wann rennen muss, wo Minenfelder sind, wo Straßensperren. Viele kommen aber sicher auch noch aus Orten, in denen noch nicht gekämpft wird, die jungen Leute z.B., die ihre Einberufung zur Armee erhalten. Vielleicht haben die noch die Möglichkeit, sich eigenständig zu einer Grenze zu transportieren, wobei ihnen vermutlich keine Ausreise mehr erlaubt ist (weiß ich aber nicht).

Die Schleuser mit den Schiffen kommen aber für die Syrer erst später ins Spiel, sehr häufig in der Türkei. Also in zum Beispiel Mersin, wo die Fähre hinfährt oder fuhr, oder Izmir, wenn sie sich bis dort durchgeschlagen haben. Von dort - Orten, von denen es, wäre es legal, durchaus und problemlos möglich wäre, auf sicherem Wege nach zum Beispiel Deutschland zu reisen, kommen die Schleuserboote ins Spiel, von denen wir momentan so viel hören, und transportieren nach Italien, Griechenland oder Zypern.

Tatsächlich könnten eigentlich auch viele Flüchtlinge wirklich per Flugzeug einreisen, aus Syrien direkt momentan wohl nicht, aber natürlich völlig problemlos aus der Türkei, ohne sich auf Schlauchboote begeben zu müssen. Das ist aber ja nicht erlaubt, und so werden dazu auch Schleuser benötigt, die falsche Papiere etc. besorgen. Die Flughafenkontrollen zu umgehen, scheint aber schwierig zu sein, weshalb viele eben das Boot nehmen oder wirklich auch zu Fuß weitergehen, über Mazedonien (von der Stürmung der Grenzzäune dort neulich hast Du sicher gehört), Serbien und Ungarn. Und auch dabei werden wieder Schleuser bezahlt, um über die Grenzen zu kommen, weil eine offizielle Einreise nicht möglich ist (und durch den Grenzzaun, den Ungarn baut, natürlich auch weiter erschwert wird).

Den Schritt aus dem eigenen gefährlichen Land heraus kann man vermutlich nicht beeinflussen. Aber all die Gefahren danach wohl schon. Wir fahren ja auch nicht mit dem Schlauchboot in die Türkei in Urlaub ;-)

novemberregen   |   27.08.2015, 13:33   |  
So etwas meine ich. Es wäre in Österreich / Ungarn durchaus möglich gewesen, eine Fahrkarte zu kaufen.

texas-jim   |   30.08.2015, 11:25   |  
Das ist so schlimm, daß ich nichts mehr sagen kann.

novemberregen   |   30.08.2015, 13:18   |  
Mh, Entschuldigung, das war nicht als Killer-Argument gemeint und ich wollte auch nicht auf der Betroffenheitssaite spielen. Jeder einzelne, der unterwegs stirbt ist einer zu viel, aber gleichzeitig zählt das Grauen, das 71 Menschen erlebt haben, in der Weltgeschichte sehr wenig.

Ich weiß die Antworten auf deine Fragen auch nicht, vieles lässt sich auch nicht eindeutig beantworten, die Überforderung ist überall groß, keiner kann in die Zukunft schauen. Ich wollte nur darstellen, warum es mir hilfreich erscheint, die Einreise für Asylsuchende zu erlauben, damit niemand sterben muss.

texas-jim   |   30.08.2015, 14:02   |  
Nein nein, es geht mir nicht um das Argument. Ich tue mich nur schwer damit, in großen Maßstäben über einzelnes Elend zu reden. Nun.

Ich möchte das mal zweiteilen. Die Flucht aus einem Kriegsgebiet, und die Reise in ein "Wunschgebiet". Warum nehmen Menschen das auf sich, aus einem sicheren Land in ein anderes zu "fliehen"? Die Reise von Ungarn, Rumänien, Bulgarien ach Deutschland ist doch keine Flucht, oder? Was treibt sie in zwei drei Länder? Sind es (am Beispiel der Syrer) die Verwandten in Deutschland? Laut statista.com lebten Ende letzten Jahres gerade mal 118000 Syrer in Deutschland - keine Ahnung, ob da Asylbewerber bereits mitgezählt sind? Für Schweden und England hab ich jetzt spontan gar keine Zahlen, vielleicht sind es dort noch mehr? Ist es überall anders, in Griechenland, Italien, irgendwo, tatsächlich so schlimm? Und wenn ja, warum? Warum kümmert sich unsere Außenpolitik nicht darum, daß es auch dort menschenwürdig zugeht?

Ach, ich könnte noch so viel fragen, aber dieses ganze Elend lässt mir keine Luft mehr, und die Gewalt, mit der hierzulande gestritten wird, nimmt mir die Worte.
Warum wird erst jetzt ermittelt und verhaftet?

novemberregen   |   30.08.2015, 20:53   |  
Ja, warum jemand so ein irrsinniges Risiko auf sich nimmt, um innerhalb der EU noch weiterzukommen, das habe ich auch noch nicht ganz verstanden. Ich weiß, dass die Situation in den Ländern mit EU Außengrenzen wohl katastrophal ist, aber kann sie so katastrophal sein, dass sie ihr Leben (nochmal) aufs Spiel setzen? Sind die Chancen, Asyl gewährt zu bekommen, so unterschiedlich? Oder die Chance, als annerkanter Flüchtling in der Gesellschaft später Fuß fassen zu können? Es scheint so zu sein, aber ist das möglich? Innerhalb der EU? Andererseits, ja, Griechenland zum Beispiel kann sich ja selbst derzeit kaum gerade halten. Ich werde versuchen, dazu mehr herauszufinden. Vielleicht müsste man mal hinfahren und es sich anschauen.

Andererseits finde ich den Streit der Länder innerhalb der EU auch wieder absurd, damit meine ich die Dublin-Regelung, nach der immer in dem Land Asyl beantragt werden soll, in dem eingereist wurde. Es ist ja offensichtlich, dass das fast nur die Grenzstaaten betreffen kann und es damit nochmal ein Stück unmöglicher wird, in Deutschland zum Beispiel Asyl zu beantragen. Den Zank um die Flüchtlinge - also: wer sie nicht bekommt - innerhalb eines Raumes, der doch eigentlich für freien Verkehr von Menschen und Dingen stand, kann ich nicht nachvollziehen.

vert   |   16.09.2015, 12:05   |  
ich hätte da eine idee, warum man zum beispiel ungern in ungarn bleibt: https://www.youtube.com/watch?v=bRbmFYYbcyw

novemberregen   |   16.09.2015, 12:50   |  
In den letzten Wochen ist mir (und vermutlich auch vielen anderen) recht klar geworden, warum man nicht in Ungarn bleiben möchte. Als ich den Kommentar am 30.8. geschrieben habe, war es noch nicht so einfach, solche Informationen zu finden.

Trotzdem vielen Dank!
Mitrauchen
 


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