Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 2. 12 19

02.12.19, 16:45 | 'Das Auge des Betrachters'
Wie weit die Stadt doch ist.

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Im Wald für den Adventskranz pflücken.

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Ob wir nicht doch zu jung sind für einen Sonntagsbesuch auf der Rentnerhütte?

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Lasagnekompetenz.

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Per Zufall eines der Alben aus meiner Sammlung hören.

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Den Tag ziehen lassen.

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Und endlich den Witz mit der Wassermelone verstehen. Auch wenn mir, wie in vielen Filmen, die Reaktionen der Charaktere fremd bleiben, der Verlauf der Handlung für mich völlig unabsehbar bleibt. Vielleicht kann ich Menschen, vielleicht auch nur Schauspiel schlecht lesen.
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Sonntag, 25. 11 18

25.11.18, 22:35 | 'Das Auge des Betrachters'
Auch in diesem Dorf eine zweite Welt. Die der Angestellten, der Führungskräfte, der Anderen eben. Büromenschen, Lehrer, Erfolgreiche. Es ist nicht alles anders auf dem Dorf. Die Arbeit formt die Weltbilder, oder vielleicht formen auch die Weltbilder die Wahl der Arbeit. Zuversicht allenthalben, so auch heute nachmittag in der Sonne, als ich mit meiner Milchkanne entlang schlendere und begrüßt werde von einer Blonden, Langbeinigen. Einen Tag haben wir miteinander verbracht, vor vielen Jahren, und seitdem mögen wir uns, ohne uns anzunähern. Sie trägt Stiefel und einen Rock und erzählt von dreißig Bienenvölkern, während sie Mann und Kinder im Zaum und am Kragen hält, mit ihrer Stimme lenkt und führt. Ich denke an mein Auto, das nun oben hinter der Werkstatt steht, um einen simplen Fehler zu löschen. Und daß ich TÜV brauche, und vielleicht ein neues Auto. Das erscheint mir groß, riesig, als ein wahrer Rückschlag, mit meinem Studium und der Promotion und der Stelle in der großen Stadt. Sie lacht unbeschwert, erzählt vom großen Haus, und da ist irgendwo noch was, denke ich, als ich durch die tief hängende, müde Sonne nach Hause laufe, die Milchkanne schlenkernd an der Hand, da muß noch etwas sein, was die Welt trennt in die, die vorangehen und die, die Hindernisse bewundern. Ich kann rechnen, wie ich will, es wird mir nicht dazu reichen, und während ich rechne, machen sie einfach.
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Mittwoch, 21. 11 18

21.11.18, 07:08 | 'Das Auge des Betrachters'
Manchmal scheint mir, ich habe das Grauen des freien Samstages noch nicht überwunden. Noch nicht angenommen, vielleicht. Mag sein, es ist dieses Chillen, von dem alle reden. Nicht ausgeschlossen, doch war dies nie mein Ziel.
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Dienstag, 27. 02 18

27.02.18, 21:27 | 'Das Auge des Betrachters'
Drei Seiten Prosa für einen Förderantrag. Genug für heute.
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Donnerstag, 12. 10 17

12.10.17, 12:46 | 'Das Auge des Betrachters'
Zu heimatlos gerade, um zu schreiben. Ich brauche eine Umgebung dazu, und in der bin ich zu selten. Der heimatliche Schreibtisch taugt mir nicht mehr, und in der Wohnung möchte ich den Rechner nicht aufklappen. Im Büro, nun ja.
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Mittwoch, 19. 07 17

19.07.17, 07:26 | 'Das Auge des Betrachters'
Ein langer Auswärtstermin, mit einem Auto hingefahren, das die Luxusklasse einst definiert hat und jetzt immerhin noch versinnbildlicht. Im Rucksack schon die Badehose. Am Abend dann noch an den See gefahren. In der Abendsonne gelegen, geschwommen, wieder aufgewärmt. Mit diesem glänzenden Riesenauto Brot vom Vortag gekauft und mir angemessen seltsam vorgekommen. Eine Kleinigkeit gegessen, geschlafen, das Auto wieder ins Büro gebracht. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das eine ganz tolle Freizeit ist, oder ob es nur überspielt, daß zwischen Büro und Büro keine zwölf Stunden mehr übrig bleiben. Daß ich eigentlich lieber radeln würde. Aber man muß aus den Möglichkeiten das Beste machen, denke ich, und deshalb werde ich mich diese Woche noch mit einem ebenso noblen Auto abholen lassen, an einen anderen See, mit einem ähnlichen Ziel.
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Dienstag, 3. 01 17

03.01.17, 17:46 | 'Das Auge des Betrachters'
Zugenommen oder abgenommen?
Ab und zu. Ich sitze zuviel auf Stühlen und zu wenig auf Sätteln.

Haare länger oder kürzer?
Auch dieser Mob war zwischendurch kurz eine Frisur.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Dank neuer Brille bin ich mir überhaupt nicht mehr sicher.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Alles und einiges, das ich gar nicht besaß.

Der hirnrissigste Plan?
Das Ding schreib' ich im Sommer? Da kann man schon mal kaufen? Sportwagenjobs sind mir zu schnell? Wird schon wieder werden? Am Bodensee ist man doch gleich? Alle irre hier, und ich scheine unbedingt vorn mit dabei sein zu wollen.

Mehr bewegt oder weniger?
Mehr, mehr, mehr - und jetzt nur noch die Fingerspitzen.

Die gefährlichste Unternehmung?
Kaufen und dann nach dem Geld schauen.

Der beste Sex?
Bank.

Die teuerste Anschaffung?
Knapp hundert Quadratmeter.

Das leckerste Essen?
Salade Niçoise.

Das beeindruckendste Buch?
Das Schreiben meines eigenen.

Der ergreifendste Film?
Colonia Dignidad.

Die beste CD?
Cäthe, wegen "Tiger Lilly." Keimzeit, wegen "So."

Das schönste Konzert?
Keimzeit, Tivoli Freiberg, ohne eine Mark in der Tasche, Bier aus Freundeshand, Dein Atem an meinem Hals.

Die meiste Zeit verbracht mit...?
Der Dissertation.

Die schönste Zeit verbracht mit...?
Doktoren und Traktoren.

Vorherrschendes Gefühl 2016?
Ach nee, doch nicht.

2016 zum ersten Mal getan?
Arbeits- und kuhlos gewesen.

2016 nach langer Zeit wieder getan?
Tisch und Bett geteilt.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Das Sterben von Weitem, von Nahem und sich langsam entfernend.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dich von mir.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ein Puzzle.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Verständnis und festen Stand.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Alles wird gut.

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Alles wird gut.

2016 war mit einem Wort...?
Staubig.

Listen gibt es hier und da und dort. 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008.
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Mittwoch, 6. 04 16

06.04.16, 07:52 | 'Das Auge des Betrachters'
Platzhalter für ein überaus grandioses Wochenende mit dem Besuch einer Bar am Donnerstagabend, wo ich einen Freund wiedertraf, einem Freitag mit einer asiatischen Suppe, die mich nicht vom Hocker riß, und einer Gegenübersitzenden, die genau das seit einiger Zeit tut. Dann Bier draußen und großer Spaß mit der Kellnerin, weil ich nicht auf Kommando austrinken kann. Ich bringe Dich nach Hause, hab ich gesagt. Rumeiern am Samstag, ich finde nicht recht in das nächste große Kapitel der Dissertation. Kuchen gebacken, hin und her organisiert, Radeln gewesen, kein Wasser zum Duschen gehabt, keine Bahn gekommen, diverse Leute informiert und eingesammelt, Geburtstag gefeiert, mich zu Beginn wie immer etwas fehl am Platz gefühlt, dann immer besser, gut unterhalten, dann kurz Hektik, da hat sich einer etwas übernommen und flüchtet aus der Wohnung, sobald er es schafft, beide Seiten des Türrahmens zu verfehlen, ich hechte hinterher und halte ihn zurück, Deine Jacke, meine Jacke, ich hole beide aus dem Schlafzimmer, steht da die Vom-Hocker-Reißende mit glänzenden Augen und murmelt etwas von Held, ich hab Romantik und Hektik, da der Türrahmen den Kameraden nicht lange aufgehalten hat und er jetzt schon im Treppenhaus rumort, daher kein Kuss, stattdessen ein tiefer Blick, brennt ja auch bis ins Mark, sowas, dann langes Warten an der Bahn und viel Überreden, an der nächsten Bahn noch mehr Warten und noch mehr Überreden, ein Anruf, wir sind noch nicht soweit, und ich übersetze den tiefen Blick von eben, heraus kommt Gestammel, na super, dann irgendein Schnellrestaurant, dann wieder Bahn, trunkene Schwüre und Bekenntnisse, als wären wir nicht längst zu alt, dann eile ich zurück und tanze mit einer sehr großen Frau, während die Tiefblickende nach Hause geht, dann suchen wir noch ein Oberteil, an das ich mich nicht mehr erinnern kann, sitzen dann sehr lange in einer Seitenstraße auf einem Bretterstapel, frisch gesägt und ungehobelt duftend, Vogelzwitschern, ich bringe sie nach Hause, fahre dann selbst los, dann noch in den Morgen radeln, immer noch kein Wasser, also Bett, wieder aufstehen, Wasser suchen, rechts und links und Auszug, einfacher Fehler eigentlich, Kaffee und Duschen und Dösen, und ungenutzte Zeit kann ich ja so gar nicht, also rufe ich irgendwann an, Die Sonne scheint, sage ich, und Lass uns zum See gehen, und dann liegen wir da auf einer roten Decke, ich schaue ihr beim Räkeln zu, die Sonne verschwindet, und so tun wir, verabschieden uns, Bis morgen, wie schön das ist, und dann trödele ich noch ein bißchen hin und her, nichts Richtiges, das ist alles schon längst passiert.
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Dienstag, 1. 03 16

01.03.16, 12:42 | 'Das Auge des Betrachters'
Wie sieht ein europäischer Ansatz aus? Die Frage treibt mich um, seit ebendieser Ansatz als Heilmittel verkauft wird. Aber was macht ihn aus? Wie löst er Probleme? Dazu einige ungeordnete Gedanken.
Die weite Reise ist ein Problem. Diese dauert, ist gefährlich und anstrengend, und über die vielen Grenzen hinweg verdienen Verbrecher Geld durch Schleuserei (darüber habe ich hier schon einmal nachgedacht.) Ein anderes Problem ist die Konzentration auf wenige Länder, beziehungsweise die Gründe für ebendiese.
Ein europäischer Ansatz, der nicht als Krieg daherkommen soll, sollte also die Reise verkürzen und eine Überkonzentration auf wenige Länder vermeiden. Nun. Politik also. Und Geld.
Politik sehe ich nicht - wo ist der Ansatz Europas, von den Nachbarländern die Grenzöffnung zu verlangen? Und Geld sehe ich auch nicht - wie man liest, wird in den zum Bersten vollen Lagern auch noch gehungert. Warum sehe ich da die Europäische Union nicht? Steht das nur in keiner Zeitung? Oder denke ich den Ansatz falsch? Wer die weite Reise verhindert, trocknet die Schleuserei aus. Er senkt die Gefahren für die Einzelnen, erhöht die Chancen auf eine gemeinsame Reise für Familien und Schwache. Außerdem ist eine kurze Reise eher plan- und durchführbar. Ein dritter Unterpunkt wäre Schutz - was machen eigentlich die Blauhelme gerade?
Überkonzentration. Mal ohne die Gründe dafür gedacht - alle Strukturen sind starr. Deshalb ja Strukturen. Sie wachsen nur langsam und verändern sich nur zäh. Ich halte eine finanzielle Überforderung durchaus für möglich, ebenso wie eine strukturelle, das heißt in der direkten Versorgung. Zudem hat sich gezeigt, daß es auch eine Überforderung der Stimmung geben kann, eine politische Überforderung also. Um all dies zu vermeiden, muß man sich um die Gründe kümmern. Die sind zunächst der Konflikt selbst - aber der lässt sich nun nicht mehr vermeiden. Weiter sind es mangelnde Aufnahme in den Nachbarländern, und eben dort dann mangelnder Schutz und mangelnde Versorgung. Politik und Geld mal wieder. (Übrigens ist eines klar: Geld, das in andere Länder transferiert und dort ausgegeben wird, ist zum größten Teil mal weg, wogegen es, wenn es hier ausgegeben wird, auch mindestens eine kleine Runde hier zirkuliert. Ich halte das nicht für Wirtschaftsförderung, da man im Inland mit dem Geld Strukturen aufbaut, wie zum Beispiel eine Beamtenschaft, die man auf eine sehr lange Zeit bezahlen muß, während man die Hilfen für andere Länder einstellen kann, wenn sie nicht mehr benötigt wird. Außerdem fließt das Geld auch von hier aus ab, da es ja für die Reise der Nächsten benötigt wird. Es profitieren also mal wieder die Schleuser, und das Elend fängt von vorne an. Lange Reise, Gefahr, Kosten. Siehe oben.) Aber zurück zu den Gründen. Nach den obengenannten Gründen kommt die fehlende Perspektive. Die zwischen die Fronten Geratenen sehen kein Ende, und die an der Front Aufgeriebenen fürchten das Ende. Beide haben gegen einen oder mehrere überlegene (und rachsüchtige) Gegner keine Perspektive. Die Lager bieten auch keine. Neues Leben also. Und in diesem Punkt ist, das haben die letzten Monate meiner Meinung nach gezeigt, Europa nicht einig. Ich kenne die Gesetze der einzelnen Länder nicht. Ich halte allerdings weder das Gesicht Frau Merkels noch die Aussicht auf ein Taschengeld für einen ausreichenden Grund, sondern ausschließlich die Hoffnung auf ein neues Leben. Ein europäischer Ansatz wäre, darüber zu diskutieren. Und ein europäischer Ansatz wäre ein gemeinsamer Standard, angefangen bei Asylrecht und Unterbringung und Versorgung, über Bildung bis hin zur übergeordneten Frage nach dem neuen Leben. Um es anders zu sagen: Ist Asyl gleich Zuwanderung? Ich denke nicht, daß man das gleichsetzen darf, denn bei Asyl spielen die Bedürfnisse der Asylsuchenden die Hauptrolle, während bei der Zuwanderung die Bedürfnisse des Landes die Hauptrolle spielen müssen. Und solange die beiden Bedürfnisse gegeneinander stehen, ergibt sich kein Kompromiß. Deshalb bin ich für eine klare Trennung. Das nähme der schieren Zahl der Asylsuchenden vielleicht auch einen Teil des Reizes. Es ist schließlich etwas anderes, eine Million zu achtzig Millionen zu versorgen, als eine Million zu siebenhunderttausend Schulanfängern oder zu drei Millionen Arbeitslosen hinzuzufügen. Es geht mir nicht um die absolute Zahl, nur um den Unterschied. Aber zurück zum gemeinsamen Standard: Der muß Teil eines europäischen Ansatzes sein, und den müssen auch schwache Länder tragen können. Wir sind nun mal nicht alle gleich stark, und auch Europa muß sich an den Schwachen orientieren. Subsidiarität, heyho. Das bedeutet nun nicht, daß ein Land die Versorgung in allen anderen Ländern bezahlen muß, sondern daß der gemeinsame Standard an sich eine Überkonzentration auf einzelne Länder verhindert. Quoten und Kontingente kann man machen, eine Selbstregelung fände ich schöner. Dann kann man immer noch Geld für die Ärmeren innerhalb der EU hin und her schieben. Wenn das aus stärkeren Ländern kommt, wäre das ein echtes Konjunkturprogramm. Überspitzt gesagt, könnte man ein paar Tausend Griechen auf EU-Kosten in Lohn und Brot bringen, indem sie Unterbringung und Versorgung übernehmen. Dafür zahlen sie dem griechischen Staat dann Steuern und kurbeln tatsächlich an der Wirtschaft. Klarer Nachteil - das Geld wird in der EU umverteilt. Aber nun, nichts anderes machen die jeden Tag. Zurück. Teil des gemeinsamen Standards wäre die Versorgung, Unterbringung, die bereits genannte Frage der Dauerhaftigkeit, Bildung, schlußendlich Geld. Und, allen voran die Kernfrage nach den Grundvoraussetzungen für Asyl. Auch die müssen einheitlich sein, aber das ergibt sich nach der Trennung von der Zuwanderung vermutlich deutlich leichter als jetzt, wo alles durcheinandergewürfelt und gegeneinander ausgespielt wird. Dazu gehört für mich auch eine Priorisierung. Vielleicht führen diese Standards zu einer Senkung der - ich nenne sie jetzt einfach mal so - Asylschattenmigration. Außerdem wäre ein europäischer Ansatz deutlich stärker darin, diese politisch zu beeinflussen. Ich glaube nicht, daß ein einzelnes Land dem politischen und wirtschaftlichen Druck eines Europa widerstehen kann. Eines einzelnen Landes jedoch schon.

Am Ende bleibt für mich, daß ich wie Frau Merkel einen europäischen Ansatz sehe. Was ich im Gegensatz dazu nicht sehe, ist auch nur der Ansatz eines solchen Ansatzes. Und deshalb glaube ich weiterhin an den europäischen Ansatz, aber nicht mehr an den Ansatz von Frau Merkel.
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Donnerstag, 31. 12 15

31.12.15, 23:59 | 'Das Auge des Betrachters'
Zugenommen oder abgenommen?
Ich habe immer noch keine Waage, aber ich achte mehr auf mein Gewicht, glaube ich. Und die paar Male, die ich mich gewogen habe, habe ich nicht mehr im Kopf. Ich habe noch ein Bild von mir, vom Silvestermorgen des letzten Jahres, im Badezimmer des Marathonmädchens, nackt auf ihrer Waage stehend, weil ich mich da so leicht und so schwer und irgendwie so außerhalb gefühlt habe, daß ich mich wiegen mußte, um zu begreifen, daß ich überhaupt noch da war. Ich glaube, ich habe ein wenig Ausdauer verloren und wieder ein paar Muskeln gewonnen. Ich habe, und das war am Silvestermorgen dieses Jahres, eine Falte entdeckt an mir, und nicht nur die üblichen an der Stirn, sondern eine auf der Wange, die nicht mehr mit dem Lächeln verschwindet. Ich habe außerdem, wenn ich mich sehe, einen Blick auf meine Hüften. Ich habe wieder Hüften, oder erstmals vielleicht, ich weiß es nicht. Im Liegen immer noch eine tiefe Furche in meinem Bauch. Ich bin wieder lange Touren gefahren, wieder mal knapp zweihundert Kilometer am Stück, auch wenn es Gewalttouren waren, eine davon allein, auf den letzten Kilometern mit irgendwas, das nach der Gewalt kommt, die ich mir selbst antun kann, mit Liegen neben der Straße, mit dem Gefühl, den Kreislauf, das eigene Leben spüren zu können, mit Biß. Die andere Tour mit einem Freund in der Hitze, und da war der Trainierte mein Gradmesser, der mich abhängen kann in der Ebene, da war ich früher schon schwach, ich mag den Wind als Gegner nicht, und dann mit blauem Flimmern an einem der letzten Berge im Schwarzwald, mein Schweiß salzsauer auf dem Oberrohr, jeder Tritt aus der Tiefe, aus dem Nichts, dem Dunkel, in dem der Wille haust, und ich kann mich noch daran erinnern, wie ich an das Ortsschild oben gefallen bin, ausgeklickt schon, Stoßatmung, liegen, der nachheizende Körper in der äußeren Hitze, aber Sieg, Sieg, Sieg, und Stahl hätte ich biegen können, damals. Zugenommen also, auf jeden Fall, und mitgenommen.

Haare länger oder kürzer?
Reise mit leichtem Gepäck, haben sie mir gesagt, und so habe ich mich wieder einmal geschert, bevor wir nach Kuba geflogen sind. Von dort an Wildwuchs, und nur, wenn ich der resoluten Friseurinnenverwandtschaft begegnet bin, wurde es ein wenig lichter. Derzeit ist wieder Verwahrlosung auf dem Kopf, im Gesicht, ach Haare. Es gibt ja keine Frisur für mich, und nicht einmal ohne Frisur sehe ich nach Hipster aus, nur nach Verwahrlosung. Haare, ja. Alle noch da, und irgendwann gehe ich auch mal zu einem richtigen Friseur. Versprochen.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Die Brille hat ziemlich nachgelassen. Das rechte Glas verliert die Beschichtung, die Flecken fransen die Lichtkanten aus, ich werde eine neue brauchen. Ich weiß gar nicht, wie lange ich die schon habe, sechs Jahre vielleicht. Die Arbeitsbrille taugt längst nicht mehr, und doch fühle ich mich noch wohl mit diesem Nichts an Gestell und Glas, das jeden Schlag wegsteckt und auf das ich nicht achten muß. Laser mit fünfunddreißig, bis dahin warten. Eine Fehlsichtigkeit ist ja keine Krankheit, sagt die Krankenkasse, auch wenn ich mit sechs Dioptrien kaum mehr aus dem Haus kann ohne Brille. Irgendwas mit Patientendaten auf einer Karte erzählt mir die Kasse noch, und das in genau der Woche, als das alles gestohlen gemeldet wurde. Stattdessen fahre ich vom Zahnarzt zur Kasse, mit einem Blatt Papier zurück, und beim Zahnarzt war ich ja sowieso nur, weil meine Zahnspange dann doch den Kleberkampf verloren hat gegen meine Neigung zu harter Brotkruste. Als Kassenpatient bekommt man einen Termin, wenn einem Draht ganz unangenehm aus dem Mund hängt, binnen einer Woche, und vielleicht ist es bitter, zu sagen, daß das fürs Kaiserreich noch recht luxuriös gewesen wäre. Aber ich will ja keine großen Kriege mehr, kein Kohlhaas sein, ich will nicht weitsichtig sein und immer das Große, das Ganze sehen, wenn ich mir bloß was kaufen will, und wer weiß, ob ich das in einem Jahr noch brauche? Daher kaufe ich mehr, was ich will, mache mehr, fliege in den Urlaub, auch wenn das die Welt nicht rettet, denn die Welt retten allein macht auch nicht glücklich. Auch weg von den ganz großen Rädern, weg von der Idee, Hochschullehre zu machen, irgendwann, oder eine Karriere zu planen oder irgendwas. Kurz sehen. Kleine Schritte gehen. Schöne Schritte, wenn es geht. Den Blick senken, statt zum Horizont zu starren. Bloß nicht stolpern jetzt.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Parolen ausgegeben zum Beispiel. Ein großer Läufer zu werden, wie idiotisch, aber das gehört zu den hirnrissigen Plänen weiter unten. Ein guter Kletterer. Ein Alleinstehender, ein allein Stehender. Und mehr Geld, ja: für die teuerste Anschaffung zum Beispiel. Und die Beste, pfeif aufs Klima.

Der hirnrissigste Plan?
Die Parolen. Die Idee, mich in den ausgesperrten Sommermonaten selbst einzusperren und zu schreiben. Die Idee, wieder zu fahren, man verliebt sich ja so leicht in Häcksler, Traktoren, Kettenfahrzeuge. Die Idee, mich nicht mehr zu verlieben. Trotzdem zu suchen, nein doch nicht. Wieder Motorrad zu fahren. Mich hinzusetzen und endlich, endlich eine Diss zu schreiben. Mich zu bewerben in der schönsten Landschaft der Welt, mit den schönsten Maschinen der Welt, viel zu weit weg von meiner Welt. Mir Gedanken über Politik zu machen - das macht mich ja völlig irre, wie Irre jede Diskussion besetzen. Und die ständige Frage, ob nicht doch ich völlig irre geworden bin, daß ich die allesamt immer irre finde.

Mehr bewegt oder weniger?
Oha. Viel gelaufen, nicht mehr gelaufen, wieder mehr gelaufen. Gaussglocke reverse. Keine Ahnung, warum ich im Sommer nicht laufen mag. Da fahre ich Rad. Einige Male übrigens auch die Strecke aus der großen Stadt mit dem Rad. Einige Male jetzt mit der Kombination aus Fußmärschen und Bahnen. Rechtzeitig bewegt außerdem: die ersten Bewerbungen sind los, und ich kann noch einigermaßen gelassen abwarten, ob ich bald Sportwagen bauen darf. Wenn schon irre, dann richtig. Mehr bewegt, ja. Es gibt jetzt eine Struktur und einen Teil des großen Textes. Rest folgt. Es gab Konferenzen und Bürotage. Mehr bewegt, auch wenn das Motorrad gerade mal tausend Kilometer bekommen hat. Mehr bewegt, weil mehr getraut. Mehr bewegt, weil neu bewegt. Mehr bewegt, ganz zum Schluß noch mit der Frage, ob ich Dich küssen darf. Mehr bewegt auf Skiern, auch wenn ich Skifahren völlig irre finde: innerhalb von Minuten bin ich völlig platt, weil ich ein schlechter Techniker bin und deshalb viel Konzentration und Kraft brauche. Und kaum halte ich an, schelte ich mich für die Pausen. Alle irre. Auch ich. Um den Gletscher grün. Im Lift Alkoholfahnen. Auf den Pisten Hubschrauber. Alle irre. Oh, und weniger bewegt: Zweiunddreißig Stunden im Bett geblieben, nur für zwei Tassen Kaffee aufgestanden.

Die gefährlichste Unternehmung?
Die Probefahrt mit der Z. Was für eine irre Maschine. Wie gut sie zwischen meine Knie gepasst hat. Wie ich ihr Säuseln verstanden habe, wie ich sie Brüllen machen wollte. Eine andere gekauft. zurück zu den Brot-und-Butter-Fahrzeugen. Am glücklichsten war ich ja doch mit der GS, damals. Auch wenn die Ninja ein Rausch war. Nun. Dann noch mein Schrei durchs Funkgerät: Finger weg! und von da an der gesamte Film in diesem riesigen Maissilo im kalten Xenonlicht, auf Knien schaufelnd, in kleinen Schritten zwischen zwei riesigen, brüllenden und knirschenden Maschinen, die Hand auf einem zum Bersten gespannten Gurt, die andere Hand erhoben: Ich sage, wann es gut ist. Insgesamt vielleicht der Kuss, der mich im dümmsten Fall allein in der Stadt festhält. Nicht zu ändern jetzt. Und auf diese Gefahr freue ich mich tatsächlich. Irre zu sein ist ja doch ganz okay, finde ich jetzt. Und manchmal muß man eben setzen. Und dann ganz lange steigern.

Der beste Sex?
Man kann es auch zu ernst nehmen. Mit der Aufrichtigkeit, zum Beispiel. Und mit dem Sex auch.

Die teuerste Anschaffung?
Die GSR. Und ja, das Drumherum. Kundendienst, Montageständer, Pflegemittel. Solches Zeug kaufe ich jetzt einfach. Zack, her damit, was soll der Geiz. Dann noch einige Male groß für Freunde gekocht, und auch da wurde ich mehr als belohnt für mein Geld. Dann vielleicht noch zwei Reifen wegen eines Plattfußes, und im Herbst noch einmal zwei Reifen wegen eines Plattfußes. Scheiße am Schuh, ja. Gestern übrigens: Plattfuß. Was haben wir gelacht. Oh, und ganz zum Schluß noch: Freie Tage. Unschuldiges Nichtstun. Wird das Schwerste, vermutlich werde ich noch hyperaktiv hier. Und eine kleine Anschaffung noch, die sich vielleicht auswächst: Die geschenkte, elterliche Kaffeemaschine, defekt, mit Dichtungen für fünf und einer Pumpe für fünfzehn Euro ausgestattet. Und mit viel Liebe gedichtet. Ein Groschengrab, und dabei passt sie nicht einmal in meine Küche. Wie schön, eine neue Wohnung also auch noch. Aber erst im nächsten Jahr, erst im neuen Beruf.

Das leckerste Essen?
Jedes Bauernessen mit dem Bauern, der Bäurin, den Kindern, dem Vetter. Wird es so nicht mehr geben. Vielleicht noch meine selbstgemachten Burger mit der selbstgemachten Sauce und den selbstgebackenen Brötchen, wenn ich das mal so selbstsicher ausbreiten darf. Denn das fand ein Gast sehr lecker, und nun darf ich öfter kochen. Eine dankbare Esserin, wie habe ich mir das gewünscht!

Das beeindruckenste Buch?
Kafkas Hungerkünstler. Mehr Ebenen als jedes Hochhaus. Leider keine Liste geführt im letzten Jahr.

Der ergreifendste Film?
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Ich habe keine Minute davon gesehen, ich mußte ja die ganze Zeit an Deinem Haar riechen. Dann vielleicht irgendein Tatort? Filme ergreifen mich ja immer, ich bin sie nicht gewöhnt, ich lasse sie wirken, ich kann halt Märchen, und dann bleibe ich noch sitzen und starre auf den Abspann, während die anderen sich schon mit der Welt weiterdrehen.

Die beste CD?
Metric - Synthetica. Schon älter, aber endlich richtig hingehört und endlich richtig verstanden. Gisbert zu Knyphausen war letztes Jahr, Alexa Feser war letztes Jahr, und Thees Uhlmann wiederholt sich in höchster Gutheit, aber für mich kaum mehr unterscheidbar.

Das schönste Konzert?
Metric in Frankfurt in der Batschkapp vielleicht. Ja, Metric. Alexa Feser war auch schön, aber schon im Frühjahr. Und Konzerte verblassen, deshalb muß man mehr auf Konzerte gehen. So in der Richtung sagte das auch die große Emily Haines, und dann sang sie, was mir bis heute in den Ohren klingt: I want it all, I want it all, I want it all. Vielleicht verblasst ja doch nicht alles.

Die meiste Zeit verbracht mit...?
Durchbeißen.

Die schönste Zeit verbracht mit...?
Maisgeruch und Motorenlärm. Kuhnähe und Stallgeruch. Körperwärme und Vanillehaar.

Vorherrschendes Gefühl 2015?
Ich trag mich, so weit wie ich kann.

2015 zum ersten Mal getan?
Ein Neufahrzeug gekauft. Mich von Kühen verabschiedet. Mich ernsthaft konzentriert, statt zu zerfasern.

2015 nach langer Zeit wieder getan?
Nächstes Jahr steht hier irgendwas mit einem Friseur, versprochen! Aber dieses Jahr: Ein Paket mit einem langen Brief, geschrieben mit meinem Lieblingsfüller, der wieder tut.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Nachts wach und reglos in der Kälte zu liegen im Januar. Meine Rufe ins Leere, kein Echo. Die ach so gleichgültige Geburtstagsradtour.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Wo auch immer das hinführt, ich will jeden Schritt gehen.
Wie auch immer das ausschaut, ich will alles sehen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Vielleicht war es die Kaffeemaschine und der Brief. Vielleicht war es auch der Tag, an dem ich mehr als tausend Kilometer fahren und erstmals den Vater stützen mußte.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Es war irgendein Abschluß in diesem Jahr, den ich noch nicht zu Ende überlegt habe, aber der irgendwie lief. Aufbruchsstimmung. Zuversicht. Mut. Und ich weiß nicht einmal genau, wer mir jetzt genau was davon geschenkt hat. Habt Dank. (Und vielleicht liest Du das einmal, und vielleicht verstehst Du dann, warum Menschen ihr Privates ins Öffentliche verwandeln. So ganz habe ich es bis heute auch nicht verstanden.)

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
"Du mußt mich nicht jedes Mal fragen."

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
"Darf ich Dich küssen?"
(Antwort siehe oben.)

2015 war mit einem Wort...?
Zusammenaufbruch. (Pfft. Ab jetzt gibt es dieses Wort. Mir egal. Ich darf das.)

Listen gibt es hier und da und dort. 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008.
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