Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 17. 06 13

17.06.13, 10:45 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Ich stürme nach Hause. Die neuen Schuhe liegen im Kofferraum, und im Laden habe ich mich noch lächerlich gemacht, ein Bild von meinen Füßen in zwei unterschiedlichen Schuhen, Himmel und Hölle, verschickt und mit dem Verkäufer gelacht, als das Telefon mir blinkend verkündete: Nimm die Hölle!
So tat ich dann auch, und das Höllengefühl bestätigte sich nach wenigen Minuten im Pumakäfig. Mit einem Krampf fiel ich auf die Matte, nestelte an den Bändeln und riß an den Schlaufen, bis meine Füße wieder frei waren. Die geben schon nach, hat man mir gesagt, aber ob meine Zehen vorher schon nachgeben, wusste mir dann auch keiner zu sagen.

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Geburtstagsgeld geholt, und Kontoauszüge. Im Auto gesessen und sehr gelacht.


Das müsste ich einem Steuerberater erst einmal erklären, fürchte ich.

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Es ist halb zehn, als ich ankomme, und bisher war das nie eine schlechte Zeit. Doch dann kommen sie mir schon entgegen, tragen das Essen ab, und drinnen sehe ich bestuhlte Tische, eingedeckt mit Servietten und Besteck. Oh, denke ich, aber wie hätte man diesen Stil eines Sechzigsten vermuten können? Jede Minute im Laden, jede im Pumakäfig, und noch jede draußen wird mir ein wenig schal. Ich bin zu spät, und es sind nur wenige da. Dafür bleiben wir dann lang und reden ruhig, damit der Dreißiger eben doch ein Sechziger sein kann. Wenn er sich das so wünscht.

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Mit Begeisterung zeige ich beim Frühstück am Fernseher die Bilder, wie ich dastehe, in der Gruppenmitte und am Rand, die viel zu großen Hände in den Hüften, ein Rucksack auf den Schultern, die Sonnenbrille im Gesicht. Unbeholfen wirke ich, aber die Freude sieht man mir an, an den arbeitenden Händen, die alles umarmen wollen, an dem Lächeln, das sich nie so recht in meinen Mund getraut, weil ich dann immer gleich jauchzen und lachen muß; und auf den Bildern der anschließenden Nacht bin ich zu sehen, sitzend und zugewandt, und einmal beim Reden erwischt mit großer Geste, mit eindringlichem Blick, ein Bierglas vor mir, und das ist eines der wenigen Bilder, auf denen ich mir gefalle, auf denen ich mich erkenne, auf denen ich bin.

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Kühe heben, Kälber tränken, Mähwerk schweißen. Mittag.

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Heumahd.

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Immer noch Maisäcker richten. Die letzten, die grünsten, die nassen, und die, für die man einen Schlüssel suchen muß. Frage nicht nach Sonnenschein, sage ich, als ich zurück bin, und daß ich kein Kreiseleggengeholper mehr haben will, für ein paar Monate vielleicht; dabei wissen wir alle, daß der Juni schon mittig liegt und die Wintergerste schon droht, und dann Zwischenfrucht, so geht das Jahr in diesem Jahr, alles ineinander, alles zu spät.

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Wieder stehe ich in dem kleinen Gatter und zwinge die Kälber zum Glück im Eimer, locke mit dem Finger und ein wenig Milch in der Handfläche, lasse mir auf die Hände und Schuhe sabbern und schaumen, lasse mir den Kälberdurchfall am Overall abputzen; ich schaue die Reihe der kleinen Iglus entlang, in denen sich auch ein paar Kranke verstecken und denke kurz an die, die mir was von Bio erzählen wollen, während sie selbst bei Kopfschmerz schon Tabletten fressen, aber den Viechern wird kein Schmerz und keine Krankheit zugestanden, wird Heilung verwehrt, und darin liegt eine Verzweckung, denn der Mensch, der sie essen wird, kümmert sich nicht um Schmerzen, sondern um Rückstände, ach. Und ich denke an das Reden von der industriellen Landwirtschaft und daran, wie schmal das Leben ist, wie es frisst und verschlingt und kämpft, und daß Leben niemals aufgibt, und auf der anderen Seite des Grates ist das Lohnens- und Erstrebenswerte, und was weiß denn ich, ich leide doch mit und habe trotzdem schon Kitze erlösen müssen, weil es für sie keine Rollstühle gibt. Falsch, falsch, möchte ich schreien, aber ich kann doch nichts sagen, denn ich weiß doch auch nicht, wie es besser sein soll.

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Ich stehe in der Radladerschaufel, wuchte an der Körnerschnecke und lache nach unten, als die Schaufel kippt und ich kurz im Nichts stehe, bis die Gelenke sich wieder fangen über dem Totpunkt der Kinematik, und die Schaufelschneide meine schweren Schuhe wieder stützen mag.

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Als ich nach Hause komme, sitzen sie auf der Terrasse in der Sonne. Wir haben schon beschenkt in unserem Teamwork von Vater und Sohn, zwei Mails, eine Bestellung, und dann einer, der das Paket abfängt.

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Dann sitze ich noch auf einer anderen Terrasse; während mein Gegenüber Poker spielt auf einem Tablet, schaue ich in die Wolken und in den Mond, und irgendwann werde ich müde und bin im Bett.

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Der Duft, der Anblick, das Leben alter Menschen.

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Ich fasse mir ein Herz, irgendwann, aber sonntags ruhen sie alle. Also steige ich auf, lasse den Rucksack liegen, und dann treffe ich sie hier und dort, mit denen ich nicht gerechnet hatte; und irgendwann muß ich mich neu justieren, wen ich anrufe an sonnigen Sonntagen, und von wem ich schon weiß, daß nicht, weil.

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Du bist nicht schuld, sagt mein Telefon plötzlich, und zuerst denke ich nach, ob das so sein kann, zucke dann die Schultern, denn an Schuld will ich nicht denken, wenn ich nicht weiß, was ich denn nun schon wieder getan habe.

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Nackt und bloß und eine blöde Idee.

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Wir verabreden uns für Freiburg, denn dort ist es schön und dort bauen sie Trails, und wir radeln so unterschiedlich, das wird ein Spaß.

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Bist Du von hier, fragen sie mich, und ich versuche zu erklären, daß ich das bin und doch wieder nicht, nicht jetzt und trotzdem beides gern, und sie kommen aus der Stadt und fahren sonntags aufs Land; So wie ich, lache ich, und dann trinken wir aus Thermoskannen, ich lese in ihrem Buch über meinen Fels, und sie haben eine riesige Kamera dabei, mit der ich Bilder mache, am Fels und am Seil entlang. Meine Schuhe sind im Rucksack, mein Rucksack im Haus, mein Fehler, entschuldige ich mich. Dann in der Stadt, sagen sie lachend, und Nur nicht sonntags, lache ich zurück. Sie tragen große Brillen mit eingefärbten Gläsern, die oben dunkler sind als unten, sie tragen lange Hosen und weite Hemden, sehen modisch und kontrolliert aus, und eine von ihnen raucht zwischen langen, schlanken Fingern; Bis Mittwoch, sage ich, und dann radle ich davon.

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Sie mühen sich ab mit der Sense, als ich ankomme. Ich zeige ihnen den Dreh und erzähle von der Zeit, als ich abends mit der Schubkarre in den Garten gefahren bin, drei Karren am Abend, in sauberen Reihen. Ich habe mähen gelernt und schnelles Wetzen, ich kann dengeln und aus dem Sack säen, aber gemacht habe ich das alles schon lange nicht mehr, und daß ich dafür erst in die Stadt fahren muß! Dann stehe ich am Ende der Mahd und schaue zurück, die ersten Hiebe zu kraftvoll und ohne Schwung, doch gegen Ende ein sauberer Schwad, ein guter Schnitt, und immer wieder fasse ich in meine Tasche nach dem Wetzstein, der da sein sollte, und den hat man ihnen natürlich nicht mitverkauft.

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Striegeln. Und daß einer, der Kühe tätschelt und Kälber streichelt, sich dann doch ein wenig schämt und sich rosa fühlt, das zeigt schon, wie weit ich weg bin von mir. Als sich der große Kopf an meiner Schulter reibt, weil es genau dort juckt, und ich genau dort dann kratze und reibe, bis der Kamerad brummt und schnaubt, da ist das verflogen, und ich putze in einer Gründlichkeit, wie ich früher die Kühe gestriegelt habe, mit dem Strich, gegen die Bürste, und so weiter.
Dann lerne ich, wie man Steigbügel einstellt, und daß das bei mir nicht funktioniert, weil meine Beine länger sind als die Faustregel, und ich schwinge mich auf und merke dann schon, daß es das war mit den Dingen, die ich kann.
Schritt und Trab, Schultern zurück, Fersen nach unten. Die Kommandos prasseln, und Takt kann ich eigentlich nie. Irgendwann doch, und dann fehlt das Geholper, die Hüfte fühlt sich nicht mehr pornographisch an, ich schnalze mit der Zunge und drücke mit den Knien, führe mit den Beinen und halte die Zügel ganz richtig.
Und wie ich noch stolz bin und mir die geschundenen Waden reibe, steigt sie auf, das blonde Haar fliegt und sie schimpft mit dem Wildgewordenen, der so auf mich achtgeben mußte und jetzt wieder Hengst sein darf, galoppieren und durchparieren, und ich kann nicht genau sagen, wer mehr Spaß hat oder mehr schwitzt von den beiden. Dann bauen wir Hindernisse auf, der Sand spritzt, die beiden Hunde kennen sich kaum mehr vor Begeisterung, und selbst die Katze auf dem Stalldach schaut zu. Ich lasse die Beine vom Geländer baumeln und denke über lange Hosen nach. Da kommen sie angeflogen, nassglänzend und mit leuchtenden Augen, und wir teilen uns die Handgriffe des Fütterns, laufen den Weg entlang zur Koppel, in den Händen die Halfter, umtollt von den Hunden, und auf dem Rückweg klappern die Hufe neben mir, vor mir mein Schatten und der Pferdeschatten, und aus den Gärten in der Umgebung raucht die Holzkohle, während hinter uns die Sonne untergeht.
# |  3 RauchzeichenGas geben