Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Freitag, 18. 10 19

18.10.19, 20:02 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Druck und Spannung. Und die Hoffnung, daß sich einiges zum Guten wenden wird.
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Dienstag, 19. 06 18

19.06.18, 15:08 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Auf dem verwackelten Bild ein grober Holzboden mit tiefen Fugen zwischen den rauhen Dielen, meine festen Zustiegsschuhe, zwei Waden wie kräftige Baumstämme, das Bändel, das die Lederhosen unterm Knie zusammenhält, der Saum eines fliegenden Rocks, am Boden samtene Schuhe mit Schleifchen, am Bildrand schmutzige Zehen eines Barfüßigen. Was haben wir getanzt!
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Sonntag, 2. 10 16

02.10.16, 14:37 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Bleibt alles anders.

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Zu mir finden.

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Phantomschmerz und Abwürfe.

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Schnell noch Zahnbürste und Kaffee für das neue, alte Büro herrichten.
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Montag, 1. 08 16

01.08.16, 17:40 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Kurz bevor ich offiziell zum Mittdreißiger werde, habe ich noch schnell Dinge eingekauft, von deren Notwendigkeit ich bisher nicht überzeugt war. Als da wären ein Klostein und ein Mikrofasertuch für die Reinigung von Fensterscheiben. So geht erwachsen, fürchte ich, auch wenn ich von Klosteinen in Zukunft wieder Abstand nehmen werde. Riechen komisch. Mikrofasertücher sind dafür prima. Und eine weitere Premiere ist der Erwerb einer Flasche Geschirrspülmittel. Nun, nicht der Erwerb an sich, aber der rechtzeitige, denn mit der alten Flasche sind noch etwa zwei Spülgänge möglich. Sonst gab es immer einige Tage ohne Spülmittel. Und einmal, da hatte ich diese Idee mit dem Vorrat. Kaufe drei, dann hast Du zwei in Reserve. Gedacht, getan, ein Mann, ein Wort, drei Flaschen Spülmittel, und nach ein paar Tagen war mir dann auch klar, woher der Schleim im Küchenschrank nur kommen konnte: Die Flaschen waren nicht dafür geeignet, liegend gelagert zu werden, weil nicht ganz dicht. Nun ja. Dafür habe ich dreierlei Sorten Kettenöl vorrätig. Das beschreibt mich ganz gut, fürchte ich. Auch mit Mitte dreißig, und Erwachsenwerden ist ja sowieso optional, sage ich immer. Und immer, wenn ich das sage, seufzt die Doktorin zustimmend. Ich weiß auch nicht, warum.
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Montag, 30. 05 16

30.05.16, 13:23 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Ein Wochenende des Wartens. Nichts Besonderes getan, und genau das reut mich ja immer. Mehr Überwindung, schwöre ich mir dann.

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Radeln mit Kindern. Kalt war es, geregnet hat es. Ein Sonnentag auf dem Rad, einer am großen See, und dort kaufe ich sogar Schuhe, weil ich nicht mehr schieben will. Weniger schieben, mehr erledigen.

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Lange Tage, lange Nächte, große Liebe zu den kleinen, schlaksigen Gestalten, die so Großes leisten, drei Tage auf den Rädern verbringen, die Laune nicht verlieren, das große Abenteuer suchen. Was wir ihnen geben können mit dieser Freizeit, eine kleine Erinnerung vielleicht, ein paar neue Freunde, ein Mehr an Kraft durch ihre Anwendung und ihr Austesten.

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Wenig Zeit, weil viel Durcheinander. Reibungsverluste.

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Unter den Tisch fallen lassen.

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Ich bleibe bei Dir, lade mich selbst ein.

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Radeln in der Sonne. Ein kleiner Sturz, abgefangen durch diesen großartigen Körper, den ich mehr und mehr zu schätzen weiß, obwohl er so gar nichts richtig gut kann, dafür vieles so ein bißchen.

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Eine Stunde bei einem lang nicht gesehenen Freund auf dem Ladewagen verbracht.

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Eine Stunde auf dem Motorrad. Wie es mich nur führt, wie Motorradfahren Lust und Zweck ist. Es ist gut, fahren zu können.

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Eine Stunde auf dem Häcksler. Ich bringe Dir das bei, sagt er, und mein Herz klopft.

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Noch ein paar Stunden radeln. Wie ich den Diesel aufrechne gegen den Treibstoff, den mein Körper braucht. Ich esse einen Döner in einem dieser kleinen, ausgestorbenen Straßendörfer.

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Mir kommen die Städte fremd und verlassen vor, dabei sind sie bevölkert. Die Bürger, glaube ich zu beobachten, ziehen sich ins Private zurück, ins Auto, in die Wohnung, in den Kleingarten, überlassen die öffentlichen Plätze denen, die ihnen wiederum fremd sind. Das Gefühl der Überfremdung kann ich durchaus verstehen, nur kann ich aus einem Gefühl keinen Schluß ziehen.

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Duschen, einigeln unter der Decke, und als ich mit einem Bier in der Hand lesen will, treffe ich den Mann mit dem Hammer und schlafe ein.

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Trink Bier mit uns, schreibt er, und ich sitze einen Moment lang da: Warum eigentlich nicht? Dann tanken, und erst auf der Autobahn merke ich, daß ich meinen Schlafsack vergessen habe. Ich werde ihn nicht brauchen.

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Trinken. Es ist warm, wir reden Belangloses mit geringem Eifer und großer Freude. Auf dem Balkon steht einer, eingefallene Wangen, dunkle, tiefe Augen, und irgendwann erzählt er mir vom Krieg. Ich spreche langsam, präpositionslos, wie ich mich immer anpassen will an die Sprache der anderen, wenn ich verstanden werden will.

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Spät in der Nacht sitze ich auf starken Schultern, reite durch die Stadt. Jungs, klingelt ein Vorwurf in meinen Ohren, aber es klingt dann doch so liebevoll.

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Irgendwann schlafe ich ein.

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Brunch. Habe ich ja auch selten. Heimfahrt. Ich reinige den Balkon und die Stühle vom Staub, der hier in der Stadt so dicht und schwer und grau ist. Ich putze die Wohnung, entkalke allerhand Geräte. Sonntagsarbeit statt Langeweile.

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Dann kommst Du. Draußen Gewitter und Regen, drinnen Zürcher Geschnetzeltes, Rösti, Salat, Rotwein, Erdbeeren mit Sahne und wir.
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Sonntag, 27. 03 16

27.03.16, 14:23 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Wir haben eine Abmachung, die unter dem Mantel des Scherzes darin besteht, daß ich Dir jeden Tag ein Kompliment machen darf. Ein Lob, das Du nicht ablehnen darfst, sondern annehmen mußt, das ist Dein Teil der Abmachung. Und ich merke wieder, wie mir das wohltut. Der tägliche Kontakt, ein freundlicher Gedanke, und kurz darauf Deine Antwort, vor ein paar Tagen sogar mit einem der erhofften Kussmünder, den ich seither, locker as locker can, links liegenlasse, und links liegenlassen heißt ja linkisch schweigend zu grinsen, und links auf dem Herzen trage ich seither den Kussmund mit mir und meine Lobeshymnen in einer Notiz, ich wäre ja kein Ingenieur, hätte ich keinen Vorrat daran gesammelt.

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Überhaupt das Lob. Es zeigt mir, was mir an Dir gefällt, und ich muß dann über die Worte nachdenken, mit denen ich bisher schon gelobt habe. Ich muß über Dich nachdenken und über mich, und warum ich will, was Du bist, und was es mit mir macht, was ich will, was ich bekomme, was ich werde und wie.

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Du könntest Dich dran gewöhnen, sagst Du, und ich sage, daß unsere Abmachung nur sieben Tage läuft, meine Worte aber für siebzig Jahre reichen.

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Das Nebenbeibemühen, und so gehen sie plötzlich alle, die Rücksichtsvollen, sind müde oder müssen zur Bahn, und dann stehen wir da, und Du schickst mich weg, und mit einem Lachen lasse ich mich schicken. Ich will jeden Schritt gehen, hab ich mal gesagt, und vielleicht ist es das, was ich am besten kann.

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Wie ich mich jetzt nicht mehr anbiedern muß. Ein Zeichen der Niederlage, vielleicht, denn vielleicht ist das Anbiedern, mit dem ich mich so beiße, auch nur das Geltenlassen der Anderen, vielleicht bin ich zu bissig mit mir und mit allen, zu überzeugt, zu breit stehe ich da und weigere mich ja immer, zu wanken und zu weichen. So standen wir neulich in einer Küche, und ich sagte einfach, daß das alles Unfug ist und ich es nicht mehr hören will.

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So stehe ich auch nun wieder, wo ich mich früher so heimisch gefühlt habe, mit Wunschbändern angeflochten an diesen Ort, und vielleicht war da mehr Wunsch als Band, und nun ist nicht mehr viel da, und manche ringen sich noch zum Hallo durch, und ich beobachte mein Schweigen, wie immer fällt mir nichts Nichtssagendes zu sagen ein, ich könnte ja Listen auswendig lernen und doch nichts wissen, und mit anderen bin ich warm und da, und wieder beobachte ich mich selbst, es reißt mich nicht mehr, es ist nun mal so, und ich bin auch müde, ich halte Dich nun wirklich für engstirnig und arrogant, und ein solches Urteil schlägt ja sofort im Kreis zurück, denn vielleicht bin ich es, engstirnig und arrogant, das kann gut sein, und unter Tränen hat mich die Königin der Dreikaiserberge einst als uninteressiert und kalt verschrien, und von Menschen, die mir am Herzen sind, kann ich mir auch das nur zu Herzen nehmen.

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Ich rieche es dann förmlich, ich weiß doch auch nicht, wie es passiert ist, rede mit anderen und amüsiere mich mit einer Lockigen, Lachenden, und es tut mir recht leid, daß wir beide darüber reden, wieviele Kinder hier schon gezeugt wurden, während sie von der Theke herüberschielen und abblitzen mit ihren Plastikbechern und den scharfen Getränken. Das tut mir leid, denn ich wünsche ja allen Glück irgendwie und ein Finden, wo ich schon hier nicht mehr suchen möchte. Ich räume das Feld, ich summe auf dem Heimweg vor mich hin, lasse das Licht und den Rauch und den Lärm zurück. Wer weiß, was in einem Jahr ist.

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Eine Altbauwohnung, die man charmant nennen müsste. Wasserleitungen mit Mosaiksteinchen verziert, eine Treppe, auf der man sich den Hals brechen muß, ein Chaos an Küche und eines an Nippes von den Reisen, und daß ich mich ja am liebsten übers Nicht definiere, damit mache ich es mir ja auch immer viel zu einfach, lasse mir also Schalen und Künstwerkchen und Tücher und alles zeigen und glaube mehr und mehr, daß man Länder überhaupt nicht bereisen kann, daß man nur Menschen erforschen muß und dazu ja viel zu wenig Zeit mitbekommen hat auf die Reise.

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Zeit - da arbeiten andere sich krumm, und ich überlege hin und her. Wäre ich stark, denke ich da, aber vielleicht muß einer auch von allem ein bißchen tun, ein bißchen Auto, ein bißchen Acker, ganz viel Luft.

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Im Kopf ein Bilderbogen, wie ich die vollgeladene Batterie vom leuchtenden Ladegerät trenne, ins Moped einbaue und das Fenster der Hütte öffne, bevor ich sie frevelhaft im Inneren starte. Kohlenmonoxide, alles, an mein Herz, ich schraube den Sitz wieder fest und starte dann.

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Meine Rundreisen sind kurz, sind an den Gashähnen und an Sonnenstrahlen herbeigezogene Gründe, weil ich ja nicht grundlos sein kann.

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Die Bäurin kocht nebenbei, und ich schreibe Adressen auf, und dann stehen wir auf dem Hof und reden, während meine Sehnsucht zu den Kühen quillt.

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Ein anderer Hof noch, noch ein freudiger Händedruck, und wieder Geschichten von der Arbeit, die man sich von außen nicht vorstellen mag, von der Zukunft, von dem wenigen Futter nach dem trockenen Sommer, von dem Milchpreis, bei dem man zu jeder Arbeitsstunde noch Geld mitbringen muß, und wenn ich etwas tun könnte, ich würde alles tun. Sag Bescheid, sage ich irgendwann, auch wenn das reichlich mager ist.

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Eine Runde noch, sage ich mir lachend, damit ich wenigstens zwanzig Kilometer gefahren bin, und plötzlich stehe ich auf noch einem Hof, da habe ich einen Augenblick wohl nicht mitgedacht, und ich sehe hoch zu dem alten Schloß mit dem hölzernen Balkon, auf dem Wäsche weht, ich sehe durch den Stall, wie einer vom Radlader springt und lacht und sich freut, und so laufe ich neben ihm her bei seiner Arbeit, durchs Haus irgendwann, und seine Frau freut sich und ärgert sich zugleich, daß sie nicht gekocht hat, und da sitzen die Kinder und rutschen bereitwillig, und ich sitze dann in der Sonne und esse Pizzastücke, und er redet draußen dann von seiner Krankheit, aber nur kurz, als würde er mich kurz hinter meinen Schutzschild in die Sonne blicken lassen, die ihn verbrennt, den Tätigen, den Willigen, den lachend Umarmenden und Zugreifenden, der dann doch nicht kann, nicht mehr können wird, der nur noch aus Willen besteht und mir von Werten erzählt, bei denen andere nicht mal mehr stehen können, wo er noch läuft und gabelt und kehrt und fährt, und wo er mich am meisten beeindruckt, das ist gar nicht die Arbeit und das Wollen, es ist das Schätzen der Sonnenwärme, deren Strahlung ihn gleichzeitig verbrennt. Da sieht einer die Freunde und die Freude und das Schöne nur noch deutlicher, noch klarer, je mehr Schmerz und Arg ihm die Welt bereitet, und da könnte ich in die Knie gehen mit meinem Gejammer, mit meinen Nichtigkeiten, meiner Kleinigkeit und Kleinheit. Mach Du weiter, sagt er zu mir, und einer, der immer lacht, scherzt doch nie zu sehr, nimm Dir eine der beiden, ich sag zu allem Ja. Ach, denke ich, immer diese Blitze, hinter denen ich mich in Stiefeln sehe statt in Anzügen, in diesem alten Schloß statt in dumpfen Wohnungen, in dieser Weite statt der Enge der Stadt, und ich sage, daß ich alt bin und die beiden jung sind, wie sie da oben saßen mit ihren Schlabberhosen und den Hausschuhen und den Engelslocken, wie sie gutmütig mit mir lachen, aber ach. Es ist schon gut so, es ist ein Blitz, und im Gewitter kann ja auch keiner leben, und doch kann ihm kaum jemand widerstehen.

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Ich singe unterm Helm. Idyllische Straße. Schwäbischer Wald. Kurvenräubern.

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Auf dem Weg zur Osternacht überlege ich, wie lange ich die Kirchen jetzt gemieden habe, was mir daran widerstrebt. Der Katechismus ist es nicht, den finde ich sehr tröstlich, und während der Wiederholungen und der Geschichten kann ich sehr gut meine eigene Geschichte denken, träumen vielleicht, wer weiß schon, was dazwischen liegt, aber es ist lang und ich bin irgendwann müde gedacht und ergebnislos, wie immer beim Träumen, und dann der Leib Christi, den mag ich nicht, um den habe ich mich schon als Kind herumgemogelt, abenteuerlich die Emporen gewechselt, wie wir da in Gruppen nach vorne gingen, zuerst bei denen, die warten, um zu denen zu gelangen, die schon auf dem Rückweg sind, und diesmal bleibe ich sitzen, einfach so, und dann habe ich den Eindruck, daß sich jemand an mich lehnt, an meine schwere, alte Motorradjacke, die mich auch im Schlaf noch aufrecht halten könnte, und ich sehe mein Hand auf einem Knie und denke immer noch oder träume schon wieder.

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Ich sehe Dich vorne beim Abendmahl, und ich sehen Dich leuchten, als Du zu mir zurückkehrst.

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Ich bekomme einen geschnitzten Elefanten geschenkt. Ein Elefant für mich. Anhänglichkeit, Anschmiegsamkeit, wie mir das fehlt.

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Wie ich sein will. Woraus ich bestehen will. Wie mich verändert, was ich verändern kann. Die Arbeit und ihre Menge. Die Menschen. Ärztin, Christin, Reisende, Müsli statt Alkohol, die Pegeltrinker, die Lachenden, das Herumtreiben, und ich bin irgendwie alles und muß doch mehr eins sein. Wie man sich bindet, so liebt man. Wie will ich sein, wenn ich nicht weiß, wer ich bin? Wie will ich werden, wenn ich nicht weiß, was Du mit mir machst? Ich könnte der Ruhige sein in einem Moment, der geführte Reisen unternimmt und gebildet liest, und ich kann der Wilde sein im anderen Moment, der am lautesten lacht und am schlimmsten tanzt, ich kann nur nicht nur eines sein, fürchte ich, und muß es doch aufgeben, so zu sein, denn so wie ich kann niemand sein, wenn ich selbst nicht eindeutig bin.

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Es ist auch ein Maß an Körperlichkeit in mir, vielleicht ist auch das männlich, vielleicht bin das nur ich, aber auch daran messe ich mich, wie ich aussehe, wie ich mich forme, und welche Form ich fühlen will. Es sind die Dreißiger, denke ich, und vielleicht bin ich, Peter Pan, ja anders, daß ich so gar nicht älter werde, nur die Augen vielleicht, und überhaupt gar nie der Kopf, der Dumme, der ungefüge voller Unfug. Es kommt mir vor, als alterten, als reiften die anderen schneller, und das ist mein Vergleich, mein Benchmark, es ist gar nicht der Verdienst, der kümmert mich ja übers Wesentliche und die Fahrzeuge hinaus nur wenig, es ist die Zukunft, die ihr alle schon begonnen habt mit euren Häusern und euren Kindern und euren Familien, und vielleicht ist das keine Zukunft für mich, sondern wieder nur ein Traum.

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Es ist tatsächlich so, daß ich eure Freude hören möchte, auch wenn das ungehörig ist, auch wenn das ein Fetisch sein mag, dem man Lack und Leder eher verzeihen könnte als das schlichte Aufsaugen der Freude, ausgedrückt durch Herzschlag, Atem, Stimme, Hände.

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Ich singe wieder.
In your eyes faint as the singing of a lark
That somehow this black night
Feels warmer for the spark
Warmer for the spark
To hold us 'til the day when fear will lose its grip
And heaven has its ways
And heaven has its ways
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Es regnet am Morgen, und nach der Hälfte der Strecke halte ich an einer Tankstelle. Mache ich ja nie, wenn es nicht nötig ist, ich friere ja lieber fertig, als mich auf halber Strecke aufzuwärmen, ich mag ja keine Etappen, dachte ich. Da wischt eine Frau über die Zapfsäulen, und ich grüße sie lächelnd, was sie unterm Helm nicht sehen kann, und deshalb mag ich vielleicht die Helme so, die das Lächeln verbergen, und wenn ich mag auch die Augen, dann kann ich anlächeln, wen ich möchte. Ich suche mir eine andere Säule, tanke SuperPlus aus keinem Grund in das winteralte Benzin, und später weiß ich doch, daß ich mich am angezeigten Minderverbrauch freuen werde, und ich weiß auch, daß die Kilometer und der Verbrauch an sich ja unnötig sind, nur meiner Freude dienen, aber daß der Mensch nicht nur sitzen kann, daß sein Elend sein Drang und sein Trieb ist, das wußten wir ja schon. Ich gehe nach drinnen, ich bin der erste Kunde des Tages, und wir reden dann kurz übers Motorradfahren, und so bestelle ich noch einen Kaffee, ich, der ich Kaffee an Tankstellen verachte, weil es beim Fahren ja nur ums Fortkommen geht und nicht um Kaffee, und sie fragt und ich erzähle von meiner Freundin, die nicht Motorradfahren möchte, und deshalb fahre ich allein und am frühen Morgen, dann stiehlt uns das nicht den Tag, und ich lüge überhaupt nicht, wird mir klar, ich träume nur, und vielleicht bin ich im Traum mir selbst näher als jemals sonst, und Träume zu teilen wäre demnach das Ehrlichste, was ich tun kann, an einer ostersonntäglichen Tankstelle im Nirgendwo mit einer freundlichen Frau, die von ihrem Motorrad erzählt, und daß sie bei Sonnenschein ja immer arbeiten muß, und auch für mich kommt es gar nicht auf die Worte an, es ist der geteilte Traum, das Schöne, ob es das gibt oder nur aus Wolken besteht, die können ja auch schön sein, und so erzähle ich noch ein wenig, daß wir mit dem Auto an den Gardasee fahren wollen, ein wenig klettern, etwas Radeln, viel Liegenlachenlassen, und dann noch nach Fontainebleau, der Steine wegen, von der Wohnung und der Arbeit und unseren Gemeinsamkeiten, und so essen wir ein Stück des trüben Tages auf, schmecken den Sommer des anderen, und ich glaube wirklich, daß ein Traum die Süße im bitteren Tankstellenkaffee sein kann. Aufgewärmt gehe ich, und verfroren komme ich schließlich an. Und vielleicht erreiche ich auch mich, irgendwann, bevor ich erfriere.
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Samstag, 9. 01 16

09.01.16, 12:38 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Herzliches Zehntes, kleines Blog! Mit einer fremden Erkenntnis hat alles angefangen, damals vor zehn Jahren.

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Der einsame Abend.

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Die gemeinsamen Abende.

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Ach, Herdentier.

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Was zu tun ist. Als Liste vielleicht.
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Dienstag, 27. 10 15

27.10.15, 14:00 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Beim gestrigen Klettern zu Beginn noch ganz tapfer die Panik in schweren Zügen überwunden und durchgezogen. Und während jedes solchen Zuges wundere ich mich ja selbst. Das hält ja, denke ich, und darüber vergesse ich immer, mir die Bewegung zu merken. Das hält ja ist das Mantra, und Das hält ja möchte ich einüben. Leider verfliegt dieser Mut schnell, und durch das Bezwingen der Panik verringert sie sich leider nicht. Sturzangst durch Stürzen besiegen, aber das bringe ich im Moment nicht über mich. Und dann lässt die Kraft nach, und wenn ich ungünstig hänge, verdampft sie geradezu, und zurück bleibt heißer, klammernder Schmerz, der Vorbote des Loslassens, des Fallens. Mehr für die Finger tun, denke ich dann, und mehr für die Beweglichkeit tun, und dann noch mehr bewegen, noch mehr.

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Wir lachen über kalte Mädchenfüße und dicke Decken, über das Bewegen im Schlaf, und dann lehnen wir doch wieder aneinander, mein Seil um Deinen Körper geschlungen, Dein Ausdruck eine Einladung, eine Warnung, ich weiß es nicht. Ist das der Todesblick, frage ich vorsichtig, und da lachst Du schon wieder. Aber mehr weiß ich dann nicht.

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Ich erzähle vom Konzert und von der großen Liebe zu dieser Musik und der Göttin, die sie spielt, und ich vergleiche das mit meiner ersten Fahrt mit einem Sechszylinder. Reihensechser, sage ich, und Turbodiesel, und damit ist für mich auf eine Weise alles so klar wie auf die andere Weise für die Zuhörenden. Erwachsenwerden ist optional, sage ich zu einem, der, von einem Handtuch bedeckt, allzu auffällig zu uns herübersieht.

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Nachtradeln. Nightswimming.

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Ein Top-Down-Ansatz.

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Und eigentlich, denke ich mir, habe ich mich ganz gut eingerichtet in meinen Mängeln. In meiner kalten Wohnung, in meiner Fahrerei zwischen den Welten, in meinem leeren Kühlschrank und meiner irren Tageseinteilung. Ein Zweiter, denke ich mir, würde ja doch alles nur durcheinanderbringen. Und dann wird mir doch kalt.
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Montag, 3. 08 15

03.08.15, 15:13 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Daß ich nun wirklich manchen Freunden den hoffnungslosen Alkoholismus ansehe. Da reicht es nicht mehr, die Augen zu schließen, da reicht es nicht mehr, auf den großen Spaß mit ihnen zu verweisen und darauf, daß sie ja ganz patent und unglaublich freundlich und arbeitsam und ehrlich und alles sind. Alkohol macht krank, und das sieht man. Doch der Mensch ist frei, und so sitzen wir einander gegenüber auf den Bierbänken, und wir lachen, sie rauchen und trinken, und ich halte mich an meinem Apfelschorle fest. Ich kenne mich und meine Schwäche, ich sehe euch, und insgeheim seid ihr meine Vorbilder und meine Ängste in einem. So wie ihr will ich sein, und doch nicht, niemals.

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Ich arbeite furchtbar langsam. Ich verbringe Stunden um Stunden damit, eine Zahl zu berechnen, die ich einige Seiten später dekonstruieren werde. Das soll zeigen, daß ich mich tatsächlich mit dem Problem beschäftigt habe. Daß ich es erfasst habe. Daß meine Einschränkungen Hand und Fuß haben. Sonst zeigt sie nicht viel, diese riesige Zahl, ein unumstößlicher Berg inmitten meines Textes, der sagen soll, daß ich auch in diesen Dingen exakt arbeite, und daß es tatsächlich ein großes Problem ist, das ich da dekonstruiere. Irgendwas und zehn hoch nochwas, und das ist wie Melonen tragen. Seht her, ich habe eine große Zahl klein gemacht, ich habe eine Melone getragen, und wie mich dieser Akademismus anwidert, so fasziniert er mich auch: Tatsächlich exakt zu sein. Annahmen als solche kennzeichnen, die Folgen beschreiben, die Schärfe des Menschenverstandes den Zahlenberg zu handlichen Brocken zerteilen zu lassen.

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Aus Angst vor Urlaub schiebe ich ihn vor mir her. Man muß doch was anfangen mit diesen wenigen Tagen, und ich weiß auch schon, was, aber ich tue es dann doch nicht, und die Arbeit ist Ausrede und Grund zur gleichen Zeit. Ich kann erst wieder ruhen, wenn die Seitenzahl ausreichend sein wird, und jetzt dürfen wir alle höhnisch lachen.

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Ein schneller Entschluß, ein halber Tag auf einem fremden Schlepper, ein wüst hoher Zweiachsanhänger im Genick, und selten empfinde ich ja ein direkteres Glück, eines, das mehr ist als ein Zahlenberg, das sich nicht dekonstruieren und kaum erklären lässt.

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Die ersten tausend Kilometer sind voll, das Maschinchen muß zum Kundendienst und sich die Freigabe holen für die nächsten Drehzahlen. Fünftausendsechshundert, Achttausendfünfhundert, zwölftausend, ich habe die Stufen längst auswendig im Kopf. Am ersten warmen nach den letzten kühlen Abenden fahre ich hundertfünfzig, ducke mich auf der Maschine, und wir springen ab, als unter uns die Straße nach unten knickt. Trägheit, denke ich und Schwerkraft, und der Helm ist voll mit meinem Juchzen, und dem tut es auch nichts, wenn einer schneller ist. Daß mein Glück so unabhängig ist, das freut mich, und so freut es mich auch, daß die Helden nicht mit jedem ihrer Lieder recht behalten.

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Ich überlege hin und her, und dann nehme ich die letzte Bahn. Ich weiß auch nicht, es muß die Flucht in eine Illusion sein, der ich die Einsamkeit nicht abnehme. Solange Lärm im Haus ist, kannst Du nicht einsam sein. Nicht beliebig. Ein billiger Traum, ein Aberglaube, und doch reißt es mich genug, grundlos. Ich fahre den Rest mit meinem Auto, habe den Geschmack der Anführungszeichen, die das "Zuhause" umfassen, schal im Mund, ein Reh, ein Schreck, nur leicht nach links, ich touchiere es nur, und mein Hintermann erledigt es dann. Er flucht und fährt weiter, ich rufe die Polizei, die sich um den Rest und die Reste kümmern muß. Am nächsten Tag sagt einer, sie würden noch viel zu wenige Gebühren erheben, und ich stimme ihm zu und verpacke das Ja aber, daß dann keiner mehr die Polizei holen möchte, ganz hinten, denn das Ja aber, daß die Rede zwar frei sein soll, sich aber in Gegenwart der Obrigkeit nicht immer empfiehlt, dieses Ja aber, das habe ich gelernt und trage es mit mir, ich Feigling, dem nun also genau die Freiheit verbleibt, die mir gebührt.

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Daß der Abend mit dem Treffen vor der Buchhandlung und dem wundervollen Essen in Kleinasien, daß dieser Abend sich genau überschneidet mit dem, was ich mir einen Tag zuvor erarbeitet hatte, das finde ich dann doch sehr amüsant, das verleiht ihm einen zusätzlichen Wert abseits dessen, daß ich nie vergessen kann, wie lange ich für dies und jenes zu arbeiten habe.

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Meine Strecken führen mich immer zu den Freunden, die nie da sind. Vielleicht wird das noch anders, vielleicht muß ich noch zielloser werden.

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Ich backe Brötchen. Ich koche Rotwein. Ich lege Fleisch und Eiswürfel und Prosecco ins Gefrierfach, und dann kommen sie alle in meine kleine Wohnung, und ich muß Stühle aus dem Garten holen, und dann essen wir und trinken und ich spiele Musik, wir reden und ich spüle danach tatsächlich alle Teller, die ich habe, und das hätte ich gern oft und öfter, diese Art des Feierns, aber mir gelingt das Feiern ja selten. Ich räume noch die halbfeuchte Wäsche wieder aus der Verbannung auf den Wäscheständer, von wo sie den Gästen hatte weichen müssen.

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Die Akzeptanz der Einsamkeit.
Das Erlernen der Einsamkeit.
Dieses Jahr hat es ziemlich in sich.

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Meine Hemmung, mich grundlos zu bewegen. Nichts ohne Grund.
Meine Hemmung, mich allein zu bewegen. Gesellschaft nimmt mir nicht die Unsicherheit, sondern macht mich mit ihr anlegen, treibt mich an und manchmal über.

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Ich darf die Einladungen nicht vergessen, die ich ausschlage. Die mir dann doch zu viel sind. Zu viel Unsicherheit dort. Es liegt auch an mir.

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Auf diesem Konzert am Freitagabend. Man drückt mir eine Kamera in die Hand, und es gelingen mir einige Schnappschüsse von Singenden, Spielenden, Klatschenden. Ich bin ja eher Zoom als Weitwinkel, ich will Gesichter und Bewegung statt Übersicht und Überblicken. Ich erwische einen Schalter an dem unbekannten, riesigen Gerät, und von da an wackelt alles, schärft sich ncihts. Ich bedaure und gebe die Kamera zurück. Dann gehe ich früh, weil ich ja doch niemanden sehe.

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Wenn mir die Arbeit entgleitet, wenn man mich von der Leidenschaft abbringt, was bleibt dann von mir?

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Schlaflose Nächte. Spät und später. Hector in seiner Mittlebenskrise macht es nicht besser, und die Plüschgewitter erst recht nicht. Aus Büchern ziehe ich dann doch noch mehr Gedanken, und mein eigenes Gewirr bringe ich erst recht nicht in Ordnung so.

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Ich denke, das möchte ich nicht. Wie das kommt, schriftlich und endgültig, und es besiegelt und beendet einen Prozess, der nun schon fast drei Jahre läuft. Ich müsste zugeben, daß ich längst nicht mehr kenne, was ich vermisse. Ich müsste zugeben, daß ich nie hatte, was für andere normal ist. Zugeben, daß manches unerreichbar bleibt.

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Eine Wohnung in der Heimat, vielleicht. Oder eine neue Heimat. Zumindest ein Versuch. Ich nagle mich stattdessen hier fest, denn Flucht lasse ich nicht gelten, Flucht ist kein Weg und kein Ziel.

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Am frühen Morgen gehe ich durch meine Straße, wo die Nachbarn ihren Sperrmüll vor die Tür gestellt haben. Ich schäme mich kurz und angemessen und packe dann zwei wundervolle weiße Stühle auf meinen Balkon. Ach, Möbel.

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Braucht ihr mich denn noch, frage ich leise. Bleib noch ein wenig, höre ich.

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Seit einiger Zeit bin ich länger aus der Schule heraus, als ich drinnen war. Ein Drittel Leben beim besten Willen. Ein Schreibtisch voller Papier, an dem ich schnell frühstücke und hastig zu Mittag esse. Ein, zwei Abende in Gesellschaft. Jeder Gegenstand ein Strang, an dem ich mich nicht weiter hangle. Die Pumpe, für eine Reise angeschafft, die verschoben ist. Das Rad an der Wand für die großen Runden, noch keine zehn in diesem Jahr. Der Schlafsack, mit dem ich kaum ein Dutzend Male auf dem Balkon geschlafen habe. Wer hätte das gedacht.

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Mäandern kann ich nicht. Marschieren kann ich gut.

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Ich hätte gern was mit Dir gemacht, schreibe ich einfach und ehrlich, und dann bleibe ich stumm, weil damit alles gesagt ist.

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Daß man aber auch immer träumen und hoffen muß.

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Ich schmeiße alles hin und werde Hipster, sage ich grinsend in den Spiegel, und dann setze ich doch den Rasierer an.

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Sie zählt die Schuhe über meiner Tür: Radfahren, Laufen, Klettern, Sonstiges. Und ich habe den Eindruck, sie redet den Rest des Abends kaum mehr mit mir.

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Im Halbdunkel.

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Ich wünsche mir für die Zukunft, daß diese Gegenwart nur eine zwischenzeitliche Vergangenheit gewesen sein wird. As tears go by.

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Mehr Mühe, das Gute zu sehen.
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Montag, 15. 06 15

15.06.15, 12:35 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Als wäre das Schreiben ein Abfluss, der mir verstopft ist, den ich gerade nicht mehr öffnen kann. Es hat sich so viel gesammelt, so vieles hat mich beeindruckt, daß ich kaum mehr beginnen kann, kein loses Ende mehr finde, ohne die anderen alle zu vergessen. Wider das Vergessen war stets mein Antrieb hier.
Jetzt hangle ich mich an meinen Bildern entlang, und sie bilden doch nur grobe Maschen in dem Netz, in dem ich gern alles fangen möchte.

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Einkäufe. Ich habe eine Kette erst gewechselt, als die Kettenlehre nicht einmal mehr zwischen die Glieder passen wollte. Damit war auch die Kassette fällig, und die habe ich in der Hektik eben vom anderen Rad gestohlen. Und nun stehe ich da mit der fixen Idee, mit einer neuen Kurbel, Kette und Kassette auf 2x10 umzubauen, wenn ich denn schon eine Kassette brauche. Aber da ist I-Spec, da sind irgendwelche Details, da rechnet man Kettenlängen und Übersetzungen hin und her, denn ein kurzer Käfig im Schaltwerk wäre doch auch sehr fein; und so kommt man doch zu nix. Aber man gibt auch kein Geld aus.

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Kundenentbindung selbst erlebt.
Keine Werbung? Das kann ich nicht, das gibt meine Liste nicht her, dann muß ich die Nummer löschen. Seitdem Werbe-SMS.
Keine Erreichbarkeit am Telefon? Schreibe ich eben eine Mail und bekomme die lapidare Antwort, man werde sich melden.
Lieferzeit? Normal eine Woche, und dann legt man sich einfach mal zwei Wochen in ein Loch, damit einen der Kunde nicht finden kann. Ihr scheint es echt nicht nötig zu haben, ey.

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Enttarnt war ich doch längst, und anonym bin ich auch nicht wirklich. Dazu gibt es dann doch zu viele Details, zu viele Bilder, zu viel Zeit hier. Aber angesprochen zu werden fühlt sich schräg an. Es hemmt mich, unerklärlich, denn was soll ich erklären? Daß ich lieber vor hundert Unbekannten als vor einem Dutzend Bekannter vor mich hin denke? Die Unbekümmertheit muß erst wieder wachsen.
Und die Vielfalt, die ich predige, die ich gern habe, die ich verteidigen will, die muß ich denn auch zeigen. Ich will anders sein können, ohne mich zu verstecken, damit auch andere anders sein können. Lass Dich im Kleinkram nicht auf Linie bringen, sage ich mir.

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Wie seltsam ruhig ich am Routeneinstieg bin. Ich höre mir das nette Geplapper an, ohne etwas zu sagen. Ich bemühe mich um ein Lächeln, turnusmäßig und grundlos. Ich mag euch ja trotzdem, möchte ich sagen - nur jetzt möchte ich mich konzentrieren.
In der Wand dann die Frustration nachlassender Kraft und zunehmender Angst, und wie ich beides sofort vergessen habe, wenn ich wieder am Boden stehe und mir den Schweiß von der Nasenspitze puste.

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Die Amerikanerin trägt ein rotes Kleid mit weißen Punkten und erzählt lachend von ihren Motorrädern. Von ihrem Rennrad.

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Angefixt von ein paar Minuten Einradfahren. Nun kriegt man mich also schon mit nur einem Rad. Wie einfach das ist.

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Wir treffen uns zum Bouldern in der sündig schwülwarmen Halle. Später regnet es noch, aber bis dahin sind wir längst verschwitzt und klebrig. Eine blonde Strähne klebt an ihrem Ohr, als wir nebeneinander auf der weichen Matte liegen. Wir führen uns vor, wie wir im Schlaf liegen, und ich denke kurz daran, wie großartig ein Sport ist, bei dem man in den Pausen als erwachsene Menschen nebeneinander liegen, selbstgebackenen Apfelkuchen essen und sich verschwitzt anlächeln kann. Man kann sich gegenseitig festhalten, während man auf den Sesseln den Rücken stärkt, man kann sich mit der langen Griffbürste ärgern, bis man halb aufeinander sitzt und dem anderen die Arme niederdrückt, bis man erst daraufkommt, was man da tut und ablässt, ganz ohne Verlegenheit.

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Es gilt nun, noch mehr zu bewahren, was man mir anvertraut. Vertrauensschutz.

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Wir trinken noch eins an der Bar, und sie lacht, als ich gegen alle Gewohnheit ein Radler trinke. Wie wir dann selbstverständlich im kühlen Regen stehen, während sie raucht. Wie wir dann selbstverständlich zu ihrem Auto gehen und sie mich mitnimmt, bis zur Haltestelle. Wie wir uns selbstverständlich umarmen, warme an heißer Wange, und wie ich mich wundere ob dieser Selbstverständlichkeit.

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Am Radständer Unordnung, die Räder durcheinander, und erst im Flur erkenne ich, daß da jemand am Schloss gesägt hat. Erfolglos, was ein Glück! und eine Mail an die Polizei schreibe ich dann trotzdem. Angst essen Seele auf, schreibe ich, lösche es dann aber doch wieder. Nüchternheit bewahren

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Samstäglicher Einkauf, im Ort wird ein Fest vorbereitet. Ich bin naß von einem Regenschauer und wundere mich, daß ich hier sein kann. Ich arbeite und wundere mich nicht, daß ich unruhig werde. Vielleicht ist es nur die Enge und die Untätigkeit, denke ich dann.

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Was man nicht alles so hat mit jedem Fahrzeug. Da sind die Felgen so hoch, daß normale Ventile viel zu kurz sind, also flicke ich erstmals einen Rennradschlauch. Ich radle dann über die Fildern, folge einer langen Straße um den Flughafen und hinunter ins Neckartal. Zehn Kilometer sanftes Gefälle, und ich bin ein riesiges, grinsendes Huuiii!, minutenlang.
Ab der Hälfte der Strecke kenne ich mich aus, könnte abbiegen, einen Abstecher in die Vergangenheit machen. Aber die ist mir gerade eh zu nah. Nein, sie ist mir zu fern, sie geht mir nur zu nah gerade, und ich weiß nicht wie ich sie von mir weisen kann, wenn sie mich nachts überfällt, wenn sie mir morgens den ersten wachen Atemzug raubt, wenn sie mich abends in der Dunkelheit vor sich her treibt. Du, denke ich, und Dir davon erzählen, doch das darf ich nicht. Jemand wie Du, denke ich, doch das ist eitel und lächerlich, und Überhaupt jemand, denke ich dann, aber das will ich dann doch nicht. Und so radle ich dahin und denke an Lehrerinnen und Doktorinnen, und ich mache mir Listen im Kopf, die ich schnell wieder verwerfe, wenn ich mich bei einem Aufzählungszeichen ertappe.

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Ankunft in einem leeren Haus. Warum, denke ich, und dann überfällt es mich, daß das die Zukunft sein wird. Fünf Jahre noch, oder vielleicht auch nur drei. Sie werden alt, sie ändern sich, und mein Widerstand kann doch die Zeit nicht aufhalten. Das Altern der Eltern. Die Kaffeemaschine ist zerlegt, der Kühlschrank ist leer, die Läden sind heruntergelassen. Ich lasse mein Rad provokant in der Tür stehen. Heute wird sich niemand daran stören.

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Wir stehen neben einem Minibagger, und dann trinken wir noch eins zwei drei, und ich weiß doch auch nicht. Ich sitze dann auf einer Bank und mir wird trunkenkalt. Ich stehe dann auf einer Schultoilette, wie schon vor vierundzwanzig Jahren. Ich gehe dann schnell, begleitet von Lachen und Musik.

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Let there be Rock!

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I'd run right into hell and back.

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Ich plane ein wenig hin und her, und mit ein wenig Optimismus werde ich schon alle schaffen, denen ich meinen Sonntag versprochen habe. Wie schön das ist, Sonntage zu versprechen!

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Wir reden beim Fahren, mein Kopf ist schwer, die Beine sind leer. Und trotzdem würde ich nicht anhalten, wir haben uns schon immer aneinander gemessen. Wir reden ehrlich, aber voller Freude, und so rede ich am liebsten. Es ist ja nicht alles schlimm, und was schlimm ist, lässt sich im Reden vielleicht verbessern. Alles ist Streben, alles ist von der Sonne gewärmt.

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Der Plastiknobelhobel auf dem Ipf, fast schon drüben in Bayern.

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Wie schön es ist, Interessen zu teilen. Wir kennen gemeinsame Menschen, wir zeigen uns gegenseitig Getreide und Felder.

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Einen Tag Dreck fahren. Ein Tag auf dem Bagger im Regen, und wie schwer dieses Glück wiegt, gedachte Bewegungen durch die Hände in die Maschine zu leiten.

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Im Zelt ist es eng und laut, und ich spüre mich schrumpfen. Ich darf das, sage ich mir, ich muß das nicht mögen. Und so grüßen wir freundlich und freuen uns daran, die größten Chaoten zu kennen, die mit Hut und Krawatte durch den See schwimmen und sich an sich selber freuen. Wir essen, trinken und winken, und ich freue mich am Handschlag.

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Wir radeln in einen Hof hinein, einfach so. Da stehen einige Männer, und plötzlich sitzen wir auf einem Kirchenfest, im Garten eines hunderte Jahre alten Gebäudes, wir essen Kuchen und trinken Kaffee und schauen den Kindern beim Spielen zu.

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Ein schönes Gesicht, denke ich und blinzle in die Sonne. Sie fragt mich irgendwann, und ich stelle mich einfach als den Vetter vor. Ich mache es mir gern einfach. Sie denkt ein wenig nach. Da war mal jemand, sagt sie, bei meiner Tochter, der wollte immer einen alten Porsche fahren. Ja, sage ich leichthin und doch ertappt, dann war das wohl ich. Aber dem Porsche bin ich nicht näher, sage ich lächelnd dazu. Sie scheint unter eine Wolke zu geraten, als sie von der Tochter erzählt, und ich habe plötzlich wieder das Bild im Kopf, auf meinem Sofa, in der Nacht vor meinem Geburtstag, vor tausend Jahren, in der Nacht nach dem Fest, Hand in Hand, in der Wärme und mit nichts im Garten, im Schwimmbad auf dem Rücken in den Himmel starrend, bis mich ein Schwall Wasser traf, und wie dann doch daraus nichts geworden ist. Sie ist weit weg, und ich bin noch da, und vielleicht sind Eltern ja immer so besorgt um ihre Kinder, müssen ihnen das Beste und die Nähe wünschen, und was wäre da besser und näher als ein Ingenieur, dessen einziges Laster Fahrzeuge sind? Die Wolken erdrücken sie fast, und mit fällt nichts ein, als zu sagen, daß die Welt hier für manche zu eng sein muß. Wir sehen uns um, das Lachen im Garten, Sonnenwärme, diese freie, ruhige Anhöhe mit der schönsten Aussicht der Welt. Ich bin ein Trottel und kein Trost, und ich habe heute, dreizehn Jahre später, noch einmal eine Mutter traurig gemacht. Es tut mir leid, denke ich, daß ich all das nicht geschafft habe, nie geschafft habe, in allen Anläufen nicht und nicht mit aller Kraft, mit allem Wollen und allem guten Willen.

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Wir verabschieden uns von der Gesellschaft und von einander, und ich sehe nach Stunden erstmals wieder auf die Uhr und auf das Telefon. Tage, von denen man nicht wissen möchte, daß sie vergehen.
Ich radle also noch ein Stück weiter, bis ich endlich überhaupt nicht mehr kann. Ich bin leer, ich bin erschöpft, und ich wundere mich selbst, daß ich noch mit einem Herrn vom Sicherheitsdienst ins Gespräch komme, daß ich nach Hause finde, daß ich noch essen und trinken und duschen kann, und daß ich dann im Liegen langsam abkühle, wach mit geschlossenen Augen und am Morgen mit schweren Gliedern.

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Zuvor noch am Bahnhof messe ich mein Glück in den Minuten, die ich auf die Bahn warten muß. Das funktioniert nur, wenn man weder weiß, wann die Bahnen fahren, noch wie spät es ist. Hektik kann ich nicht mehr, das geben die Beine nicht mehr her. Ich muß einundzwanzig von dreißig möglichen Minuten warten, und das ist ganz guter Durchschnitt hier. Ich sitze also in der Sonne, ziehe das Telefon hervor und beantworte die gesammelten Nachrichten. Telefoniere laut und lachend mit einem, der wieder am frischgemähten Gras mich wird berauschen lassen. Ende der Woche, sagt er.
Das Bild, das ich gegen Mittag noch gezeigt habe, ist ausgetauscht, und man sieht die feinen Linien der Arme nicht mehr, nur noch Strohhut und Lachen statt Kleidchen, und ich freue mich trotzdem schon und sehe es gar nicht ein, mich nicht an Schönheit freuen zu dürfen.
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