Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 10. 06 13

10.06.13, 13:34 | 'Heller als tausend Sonnen'


Silagewochenende. Ich fahre mit dem Zug in Richtung Heimat, treffe am Bahnsteig eine Lehrerin samt Freundin und lasse mich mit Schokolade füttern.

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Mein Auto hat tausend Kilometer und einen Kratzer mehr, eine seltsam modulierende Kupplung, und daß im Briefkasten schon ein Brief mit dem Konterfei des Patenonkels wartet, weiß ich da noch gar nicht. Nun.

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Sonnenbrille auf und lossiliert.

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Wie gern man schwitzt, wenn man so lange gefroren hat.

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Und wie selten man dann doch zum Essen kommt.

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Am Abend komme ich auf den Hof, wo sie noch gemütlich die krummen Wiesen einfahren, damit der Häcksler morgen nicht so viel kurven muß. Der Bauer sitzt mit Sonnenbrille und Bier grinsend auf der Bank, ich schraube noch die Tritte ab, blase die Filter und Kühler aus, und irgendwas findet sich ja immer, bis es dann Nacht ist und ruhig und wir zu dritt auf dem Bänkchen sitzen.

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Man müsste mehr über lastabhängige Bremsanlagen wissen, denke ich, und bei jedem Anfahren bleibt die Achse des Hängers noch stehen.

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Steineklopfen, Sklavenarbeit, und nachdem ich die Furchen mit der Kreiselegge zu faustgroßen Brocken zerschlagen habe, bin ich geschüttelt und gerührt.

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Stallarbeit als Unterbrechung für mich, als den Tag beendende Routine für ihn, und so können wir uns ja gar nicht verstehen.

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Ich hänge die Feldspritze ab. Das hat bei uns schon mal einen fast umgebracht, und als ich vorsichtshalber am Tank rüttle, da neigt sie sich langsam, ich stemme mich mit den Armen an das Gestänge, sie neigt sich langsamer, aber umkehren kann ich das nicht mehr, und so mache ich dann einen Schritt zur Seite und lasse die Schwerkraft machen. Kette und Frontlader und noch ein wenig Schweiß, nichts passiert, nichts, wovon man hier Aufhebens macht.

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Es ist Abend, als ich ans Mais säen komme. Oben auf der Wiese machen die Jungs ein Feuer, und unten am Feldrand schleppe ich Eimer mit Mineraldünger zur Maschine. Ich winke, und sie drehen ihre Batteriemusik noch ein wenig auf, daß ich auch etwas davon habe. Immer wieder marschieren sie vorbei, in kleinen Gruppen, aus dem Dorf über die Wiesen zu dem Fest, und dieses öffentliche Feiern ist so typisch für unser Dorf, wer kommt, der kommt und wer singt, der singt.

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Auf dem zweiten Schlag ist es feucht, die schmalen Pflegeräder drücken tiefe Spuren in den Boden. Er schmiert nicht seitwärts, sinniere ich, aber kipplig wird er doch mit der schmalen Spur, und dann ist irgendwann Mitternacht und ich finde die nasse Stelle vom Frühjahr wieder. Fahrspuren sehen bei Nacht immer wild aus, denke ich, aber dann gebe ich doch auf. Ende des Saatguts, Ende der Schicht. Ich fahre durchs Dorf, und da sitzen zwei noch auf einer Bank unterm Nussbaum, die Zigaretten und das Bier zwischen ihnen, und ich winke ihnen zu, als sie in die vielen Scheinwerfer blinzeln.

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Ich radle am Nussbaum vorbei und hinaus ans Feuer, wo sie mich begrüßen, voll von Sonne und Feuer und Musik, und dann stehe ich da eine Weile und rede und wünsche ihnen allen, daß sie diese Jugend bewahren mögen, mit dem Knistern und Lachen und dem Tragen von Bierkästen zu zweit.

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In einem Garten Musik, ein Junggesellenabschied. Daneben im Garten leises Gelächter, ein Geburtstag, und den Staub und den Schmutz und die Müdigkeit sieht man mir sicher kaum mehr an, als ich mich dazugeselle und gratuliere und grüße, und viel mehr noch sieht man mir das nach.

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Ich wache auf, als das entfernte Singen eines Häckslers ertönt. Und noch einmal, als es zu regnen beginnt.

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Was und wieso erfahre ich am frühen Morgen, als wir im Auto sitzen. Sie raucht und redet reines Deutsch, und irgendwie ist mir, als lichte sich der Rauch eines Feuers, das schon lang nicht mehr brennt. Danke, sage ich irgendwann, und steige aus.

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Mit dem Rad mache ich mich auf den Weg, die Schäden der Nacht begutachten. Halb so schlimm, denke ich, und rechtzeitig aufhören kann ich jetzt also auch, soso, das muß dieses Alter sein.

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"So kennt man Dich garnicht", lacht der Bauer, als ich zum Bericht antrete, mit Sonntagshosen und Sonnenbrille, "ganz ohne Overall und sauber", und irgendwas wird schon dran sein, lache ich, wenn das alle sagen.

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Das Telefon klingelt, das Wetter grollt, der Plan ändert sich, und ich schaue mir Hochhäuser an und fahre dann wieder los, in die Stadt, wo wir ein Plätzchen haben, und nichts ist dort los, niemand da, und ich gewöhne mich an den Sandstein und die flächigen Griffe, und irgendwann steige ich vor, während der Hund unten tobt und am anderen Ende des Seils eine ist, die achtgibt und unverwüstlich ist, und so schiebe ich mich nach oben, und nur ein einziges Mal fasse ich in einen Eisenring, hänge an einem Finger vor meiner Nase, weil fallen mag ich so gar nicht.

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Ich parke wie angewiesen, und als ich durch das Viertel laufe und den alten Turm bewundere, da grüßen sie freundlich, und ich grüße zurück, denn das freut mich besonders an der Stadt, in Gedanken bin ich beim Hund und bei dem warmen Plätzchen, das auf mich wartet, und erst, als sie mich an der Hand halten und mir die Eingangstür zeigen wollen, da verstehe ich und mache mich schnell los, lächle Nein, danke, und ich scheine so zu lächeln, daß sie es verstehen und mich ziehen lassen.

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"Mit euch möchte ich am liebsten gleich los", sagt sie, und dann reden wir von Arbeit und Kraft und Energie und davon, was wir gerne tun, und ich bin beeidruckt davon, wie sie mich alle erkennen hinter dem Gerede, und dann reden wir davon, was wir alles noch wollen, und dieses Wir ist warm und schön und schließt mich ein, daß ich immer hier sitzen möchte, den warmen Hund auf den Füßen, und diese warmen Menschen um mich und mit all dem, was in ein sonniges Wochenende passt.
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