Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 6. 08 12

06.08.12, 00:01 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Diese Geschichte ist unvollständig. Ihr fehlt der wichtigste Teil. Das ist nicht schlimm, denn ich kenne diesen Teil. Und ich schütze ihn. Das ist meine Aufgabe. Das bin ich.

Als ich zur Welt kam, packte mein Vater den Kofferraum voller Sekt und fuhr zu all seinen Freunden, um die Nachricht zu verbreiten. Ich kam gerade recht zur Stallzeit. Wann er nach hause kam, weiß ich nicht.
Ein paar Jahre später brachte er mir das Fahrradfahren bei. Mein erstes Rad war grün. Oder rot. Ich weiß es nicht mehr, sie unterschied nur die Farbe, und ich weiß nicht mehr, welches ich zuerst kaputt gemacht habe. Vielleicht keines, denn ich ging meist sehr pfleglich mit meinen Sachen um. Mit diesem Rad bin ich oft in den Kindergarten geradelt. Das war ein halber Kilometer, und es war steil genug, daß ich auf dem Rückweg schieben musste. Ich flitzte also über die Kreuzung und schloß mein Rad an den Holzzaun des Kindergartens. Ich besaß ein gelbes Zahlenschloß, und ich habe nie die Kombination vergessen. Außerdem bin ich nie angefahren worden. Nur einmal, von einem Sportwagen. Der war zwar geparkt, aber ich habe lauter geweint als der Sportwagenfahrer und war somit unschuldig. Wer den Spiegel dann bezahlt hat, weiß ich nicht mehr. In der restlichen Kindergartenzeit hatte ich keinen Radunfall mehr, sondern nur noch einen mit einer Spitzhacke im Auge. Ich bekam dann viel vorgelesen, und als mich das langweilte, wurde ich wieder gesund.
Mit dem Rad bin ich manchmal geflüchtet. Aus dem Kindergarten, aus dem Dorf. Über eine stark befahrene Straße, entlang einer wenig befahrenen Straße, ins nächste Dorf. Meistens hat mich auf dem Weg jemand gefunden und mitgenommen. Und wenn ich Glück hatte, nicht nach Hause sondern auf den Hof, zu Oma und Opa. Ich glaube, damals habe ich gelernt, was ich sagen muß, wenn mich jemand fragt, wo ich hingehöre.
Ein paar Jahre später sind wir da auch hingezogen, und so folgte die Wirklicheit manchmal dem Wunsch. Wir zogen im Herbst in das neue Haus, und ich habe es bereits im ersten Winter geschafft, vom Wald mit dem Schlitten bis in den Garten zu fahren. Bis zum Salto dauerte es noch einen Sommer. Damals kaufte mein Vater ein schnelles Auto. So waren wir schneller im Krankenhaus, und so kam es, daß ein Sechszylinder mein Leben rettete. Mehrmals. Ich bekam Hustensaft, obwohl ich keinen Husten hatte. Ich bekam ein neues Medikament, aber nur ein einziges Mal.
Es wurde Sommer, und ich bekam ein weißes Rad. Ein Rennrad mit drei Gängen und einem großen Tachometer mit roter Nadel. Die Nadel konnte achtzig anzeigen, und den Trick mit der Bohrmaschine an der Tachowelle kannte ich damals noch nicht. Aber wir hatten ja Berge, und ich war schon ganz dicht dran, als sich die Tachowelle ums Vorderrad wickelte. Ein paar Minuten später kam mein Vater angefahren, das Rad musste in den Kofferraum und ich mal wieder ins Krankenhaus. Wie so oft war alles halb so wild, und damals bekam ich sogar Ansichtskarten von den Schwestern, wenn ich sie ein Weilchen nicht besucht hatte. Meine Eltern bekamen graue Haare, ich musste den Tachometer abbauen und die Geschwindigkeiten nun schätzen. Je länger die Narbe, nun ja. Die ganz großen Narben trage ich heute noch, denn da gab es diesen Weg hinterm Hof, der den Berg herunter aus dem Wald kam. Man mußte nur sehr lange hochschieben. Bremsen lernte ich erst spät.
Dann bin ich verreist. Alleine. Ich bin in Telefonzellen fast erstickt, nachts fast erstickt, und zwischendrin radelte ich oft zum Freibad. Das war allerdings noch im Bau und wurde erst im Jahr darauf eröffnet.
Ich kam nach Hause, das Rad kam auf dem Dachträger mit. Wir hatten im neuen Haus ein Garagentor, das elektrisch öffnete. So mußte dazu niemand aussteigen. Leider nahm auch niemand das Rad vom Dachträger, bevor wir in die Garage fuhren. Das Dach war zerkratzt, das Rad zerdellt, und an der Garage sind heute noch weiße Streifen. Das Rad wurde ausgebeult und von den Schutzblechen befreit, und ich kam zur Schule.
In meiner Klasse waren elf Schüler. Das forderte mich. Ich mußte jeden Morgen am Hof vorbeiradeln. Dort stand ein Schlepper, und die Melkmaschine lief. Ich ging durch die Milchküche, wo Oma putzte, durch den hinteren Gang, wo mein Onkel molk und meine Schuhe schmutzig wurden. Opa fütterte die Kühe, und ich musste zur Schule. Das überforderte mich, und so kam ich gern zu spät. Meine Lehrer verboten mir, mit dem Rad zur Schule zu kommen. Ich bekam einen Wutanfall, und meine Eltern eine Einladung zur Rektorin. Ich durfte weiterhin mit dem Rad zur Schule fahren. Ich bekam meinen ersten Liebesbrief in der ersten Klasse, und bald darauf eine gescheuert, weil ich die Autorin geküsst hatte. Ich durfte Pflügen, unter Aufsicht und stehend, am Lenkrad festgeklammert, mit beiden Füßen auf dem Gaspedal stehend. In einem sumpfigen Loch fuhr ich mich fest und musste zum nächsten Hof laufen und um Hilfe bitten. Manchmal erinnert mich der Helfer heute noch daran.
Ein paar Jahre später feierte man meine Kommunion. Ich war tags zuvor auf den heißen Auspuff des Dieselrosses getreten und einseitig barfuß in der Kirche. Der kalte Steinboden war toll. Ich bekam ein neues, rotes Rad mit vielen Gängen. Es gab Verkehrsunterricht, und im Jahr darauf wechselte ich morgens die Richtung und radelte in die Stadt zur Schule. Obwohl ich jetzt nicht mehr am Hof vorbeikam, war ich nicht pünktlicher. In meiner neuen Klasse waren vierunddreißig Schüler, und mit mir nur vier aus meinem Dorf. Von den anderen wollte ich nichts wissen und wäre aufgrund meines Verhaltens fast nicht versetzt worden.
Ich las zuhause, ich liebte den Hof, ich spielte Fußball im Dorf und fuhr auf Inline Skates zu neuen Narben. Das Innenfutter konnte man waschen, um das Blut herauszubekommen. Auf den Skates war ich schnell, dachte ich immer. Bis mich einmal eine Biene überholte. Steil bergab, und außerdem mittig zwischen meinen Beinen. Die Biene stoch, ich stürzte. Danach fuhr ich langsamer.
Ich kaufte ein BMX-Rad. Das war groß in Mode. Damit konnte ich nicht besonders schnell oder besonders weit fahren. Das sah ich bald ein. Und ich konnte auch nicht automatisch die Tricks der anderen BMX-Fahrer. Das einzusehen dauerte einige Schrammen. Vor allem, da es die Zeit der Halfpipes, der selbstgezimmerten Schanzen und der helmlosen Köpfe war.
Mein Onkel kam ums Leben. Ich schaute einem Hof beim Sterben zu. Ich radelte ums Dorf, heulte und schwor schreiend, alles wiedergutmachen zu wollen. Danach heulte ich nicht mehr.
Ich lernte Windsurfen in Italien, trug Zeitungen aus und verkaufte mein Rad an einen Freund, mit dessen Freundin ich viel später auf einer Kellertreppe knutschte. Das neue Rad war blau, grün und gelb. Ich fuhr damit auf einen anderen Hof, und von dort aus mit dem Schlepper. Einmal kamen meine Eltern, um mir zuzusehen. Ich war sehr stolz und bin bis zum Führerschein nie erwischt worden, auch wenn ich auf Bundesstraßen unterwegs war. Als ich dann doch einmal ein Auto verbeulte, fragte keiner nach mir und alle nach Versicherungen. Vielleicht durfte ich deshalb kein Mofa haben. Also radelte ich weiter. Auf dem anderen Hof gab es einen schweren Unfall, und ich bezog ein Zimmer dort. Die Wände waren krumm, die Mauern dick, und ich saß oft auf der Fensterbank und las Testberichte von Landmaschinen. Ich ging in den Stall und zur Schule. Dort saß ich meist allein, aber ich schlief sowieso viel. In meinem Mäppchen war ein kleines Kissen, das ich mir unter die Stirn legte. Mein Onkel kam zurück, käseweiß und dünn, mit einem Gerüst aus Plastik, das ihn aufrecht hielt. An Krücken lief er mir nach, ob ich beim Mähen auch die Grenzen einhielt. Immer klappte das nicht. Er schenkte mir ein Moped, das ich versteckt hielt. Ich fuhr nur nachts und ohne Kennzeichen.
Ich kam auf noch einen Hof, und einmal telefonierte ich mit einer Seelsorgerin. Bist Du sicher, daß Du Sorgen hast, fragte sie, und da legte ich wieder auf.
In einer Hütte mit vier Quadratmetern trank ich mein erstes Bier und meinen ersten Schnaps. Der hatte achtzig Prozent und war schnell wieder draußen.
Ich wurde volljährig, machte alle möglichen Führerscheine und kaufte ein Motorrad. Ich fuhr damit zur Schule, ich fuhr damit in Winter in Badehosen, ich wurde damit geblitzt und nicht erwischt. Ich verlor einmal einen Sozius. Mein Rad wurde gestohlen, und ich fand es zerstört wieder. Das nächste Rad war gebraucht und schwarz. Meine Wochen hatten einen Rhythmus, der aus Abenden bestand. Montags, dienstags, mittwochs, donnerstags. Wir waren viel unterwegs, und an den Wochenenden liefen wir aus den umliegenden Dörfern nach hause. Ständig spielte eine Band in einer Turnhalle, und wir waren dabei. Wir standen, tranken und tanzten im Kreis, wir poussierten nachts auf Spielplätzen und in Hauseingängen.
Ich kam mit dem Schlepper zur Schule und blockierte den Lehrerparkplatz. Ich verliebte mich in das schönste Mädchen der Schule und schrieb ihr einen Brief, auf den sie nie reagiert hat. Stattdessen wurde sie meine beste Freundin. Auf Klassenfotos trug ich ausgemusterte Hosen der Bundeswehr und keine Haare. Oder einen wilden, blondierten Mob. Ich hörte rechtsradikale Musik, Bryan Adams und Pur. Meine Haare wurden kurz und lang und orange, daß es aussah, als trüge ich eine Mütze. Ich ging zu Konzerten der Rolling Stones. In den Sommerferien fuhr ich mit dem Motorrad an die Ostsee, machte mir Freunde und lernte Mähdrescher fahren. Ich kaufte ein blaues Rennrad und fuhr Duathlon und siegte ab und zu auch. Ich wurde gemustert und schraubte danach die große Tafel über der Tür zum Kreiswehrersatzamt ab. Ich bekam trotzdem mein Abiturszeugnis, betrank mich ein wenig auf der Feier, stahl ein Glas, das ich heute noch habe, kaufte ein schwarzes Auto und hatte einen wundervollen Sommer. Auf dem Ausflug der Abiturienten lernte ich die Namen meiner Mitschüler. Ich fuhr mit dem Motorrad und mit dem Auto, ich fuhr auf den Höfen und bei einem Lohnunternehmer. Ich machte Zivildienst.
Ich schlief auf Höfen und lernte Familien kennen. Sie alle waren unglücklich, und ich hatte nichts zu tun. Dafür Heimweh. Ich lernte, was todunglücklich bedeutet, und weshalb Menschen von Dächern springen. Auf einem Lehrgang lernte ich ein Mädchen kennen, an deren Haustür ich heute noch jedes Jahr vorbeifahre. Ich habe nie mehr geklingelt. Ich kaufte ein Geländemotorrad für den Winter, das im Frühjahr abbrannte. Ich hatte ein rotes Radio im Auto, und eine Menge CDs, Marke Eigenbau. Meine CD-Reihe wurde legendär, und ich lernte alle Lieder auswendig. Mein schwarzes Auto transportierte Leute und Material und mich überallhin. Im nächsten freien Sommer verkaufte ich das rote Motorrad und kaufte ein schwarzes. Nichts mehr unter hundert Pferdestärken, sagte ich. Ich sagte, Lasst es gut sein, und spuckte in ein Auto. Bei einem Feuerwehreinsatz brach ich durch zwei Geschossdecken und fiel ins Treppenhaus. Ich besuchte meine Oma im Krankenhaus. Dann starb sie. In Paradeuniform trat ich vor meinen Opa. Er war sehr stolz auf mich. Dann starb er. Ein Freund starb in einem Schwimmbecken, einer an Krebs, einer verbrannte. Einer sprang mir vor die Füße, als ich aus der Schule lief. An diesem Abend saßen wir zu dritt auf der Ruine und sprachen kein Wort. Ich betrank mich in Jugendclubs und in Turnhallen. In Garagen und Wohnzimmern und auf Wiesen. Ich hasste den Zivildienst wie nichts Gutes und war froh um die vier Wochen Ernteurlaub. Den Monat verbrachte ich im Wald und im Sturmholz. Den Sommer wieder auf Höfen und Schleppern. Ich schraubte meinen persönlichen Rekord auf zweiundsiebzig Arbeitsstunden am Stück, sah aus wie der Tod und glaubte, das sei das Leben. Wir feierten einen Geburtstag in einem Hühnerstall, und die Musikanlage ging in Rauch auf. Aus den Trümmern unserer Hütte rettete ich eine angefangene Schnapsflasche und behielt sie.
Ich begann zu studieren und stieg am ersten Tag versehentlich in einen Lieferantenaufzug, der eigentlich verschlossen sein sollte. Ich stieg aus und durfte dann vom Dach über die Feuertreppe klettern. Ich mochte mein Studium, aber nicht studieren. Also studierte ich im Winter und fuhr im Sommer. Trieb mich in Ställen herum. Auf Baustellen. Auf Schleppern. Ich verpasste Vorlesungen und Prüfungen, verliebte mich in das rote Unglück und bekam eine zweite beste Freundin. Ich nahm mir ein Zimmer und zog nicht ein. Ich kratzte den Aufkleber vom Abitur von der Heckscheibe des schwarzen Autos und verschrottete es. Das Emblem vom Lenkrad behielt ich. Ich kaufte ein blaues Auto, das alle nur den Schlampenschlepper nannten. Ich radelte mit zig Kindern an den Bodensee. Ich raste mit dem Motorrad in einen Graben und zerdepperte mir den Helm an einem Stein. Die kurzen Hosen bekamen nur Grasflecken, das Motorrad eine neue Front.
Ich lernte ein Mädchen kennen. Mit einem Freund steckten wir zwei Maien in einer Nacht. Mein Maien hing in der Stromleitung. Ihr Vater hatte einen guten Draht zum Energieversorger und ich kam ungeschoren davon. Der Freund hatte Erfolg mit dem Baum, und ich eine Freundin. Fast genau ein Jahr später habe ich sie verlassen und damit unendlich verletzt. Ich verlor einen Freund und eine meiner kleinen Heimaten.
Hansdampf in allen Gassen. Ich kaufte noch ein schwarzes Rad und plagte mich die Berge hinauf und hinunter. Ich brauchte Hilfe, um meinen Kleiderschrank wieder aufzustellen. Ich stromerte und konnte mir vieles vorstellen. In der Zukunft, irgendwie. Ich war schon nicht mehr da, aber dort noch nicht fertig. Also riß ich mich am Riemen, zog mit meinem besten Freund zusammen und studierte. Ich schrieb zwei Studienarbeiten, fror den Winter über im Dachgeschoß und machte wilde Salate. Ich lernte ein Mädchen kennen und vergaß es fast wieder. Ich stritt mich, setzte ein halbes Jahr keinen Fuß mehr auf den Hof. Dafür schrieb ich eine Diplomarbeit und schwor mir, nie wieder in die große Stadt zu gehen und mein Dorf zu verlassen. Außerdem kaufte ich wieder ein schwarzes Auto und rang mich irgendwann im Winter durch, den Schlampenschlepper zu verkaufen. Ich grub ihn aus dem Schnee, scheuchte ihn durch die Schneewehen und verkaufte ihn dann.
In den ersten Wochen meiner Diplomarbeit saß ich mit den Kollegen über Mittag in der Sonne, schaute auf mein Telefon und verliebte mich. Ich bekam Besuch auf einem weißen Rad, ich bekam mein Diplom und kaufte mir ein rotweißes Rad. Ich suchte nach Stellen, lehnte eine kleine Firma ab und wurde in einer großen nicht glücklich. Ich sagte, Lasst es gut sein, und meinte es auch. Ich machte so etwas wie einen Sommerurlaub, wir fuhren zu zweit an den Gardasee und hatten die Räder dabei. Ich fand heraus, daß ich gern auf Berge radle. Nach einem guten Jahr kündigte ich und begann die Arbeit an meiner Dissertation in der großen Stadt.
Heute werde ich dreißig.
# |  20 RauchzeichenGas geben