Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Sonntag, 29. 07 12

29.07.12, 20:13 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Ich komme nach hause. Ich sitze auf dem Schlepper. Ich sitze unter dem Mähwerk. Ich schwitze, schweiße, klopfe. Der Bolzen bleibt fest, das wildgelockte Mädchen lacht mich rasend. Um zehn gebe ich auf.

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Leben einfangen.

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Ich komme wieder nach hause. Lade ein, zwei Wägen mit Gerste ab. Schnecke, Vorreiniger, Gebläse. Schwarzer Staub pudert mich, als ich um die Gerätschaften wiesele. Dann viel Wasser.
Ich sitze auf dem Schlepper. Wagen um Wagen rollt herein, wirft mir das gehäckselte Gras unter die Räder. Ein Lagerschaden zur Kaffeepause. Bis Mitternacht glaube ich noch an das Fest, und um halb eins bin ich dort. Direktflug vom Silo. Das Silo bleibt die Nacht über offen, und vielleicht ist das dieses Alter, von dem alle reden. Reden will ich auch, mit allen, sofort. Ich rede mit dem Freund, der in vier Wochen Vater sein wird. Und ich dreißig, lachen wir. Ich rede mit dem Freund, der ein Haus baut. Wie letztes Jahr, lachen wir. Ich bin schmutzig und müde und trinke weiter. Ein Sturm kommt auf, als die Frau singt. Sie halten die billigen Zeltplanen fest. Es ist heiß. Der Engel geht mit anderen, und irgendwo ist das auch Liebe. Ich drehe mich. Will nicht mit allen, die vielleicht, und vielleicht auch doch nicht. Ich bin zu müde, um mich zu bemühen. Entschlüsseln, was sie sagen. Es müssen lachende Gesichter sein, es müssen Geschichten sein, es müssen große Hände auf meine Schultern fallen. Lauernde machen mich müde, ich halte doch mit meiner Freude auch nicht hinter dem Berg. Tue ich sehr wohl, denke ich dann, wie immer neben mir stehend und stichelnd. Weiß doch keiner, was sich einer denkt, mit schwarzen Armen, struppigen Haaren und zerbeulten Hosen, in schweren Schuhen. Dreckige Knie, denke ich, und dann sage ich zu einem der Lauernden, daß gestrickte Strümpfe, wie sie aus meinen Schuhen herauswallen, im Sommer das Beste sind. Keine Schweißfüße, dafür eine Menge Gras in den Schuhen. Er geht, und das finde ich gut. Belauert mich nicht.
Es tropft, es schlägt, und ich weiß um den Morgen. Das offene Silo siedet in mir, doch der Wind würde die Folien packen. Es gibt Dinge, die gehen nicht. Gehen hundertundachtzig Kilometer am Tag? Zwei Städte queren? Kann man einen Menschen für ein Dorf eintauschen? Nein, denke ich. Ich wäge nur das Unlück der Stadt gegen das Glück mit einem Menschen. Daß Unglück auch so schwer sein muß! Ich schlafe ein und wache auf. Stehe im Silo, schwitze ein Hemd durch mit Folien und Sandsäcken, aber auf dem Fest war ich noch! Und der Regen? Der staubt, so wenig war er. Hemdenwechsel, Kaffee. Güllefahren. Schwüle. Kaum, daß ich zu Mittag essen kann. Abends Regen. Scharf, schneidend, auf dem Boden eine dünne Wasserfläche, die Tropfen schießen bis auf den Grund. Ich beobachte die Blasen, die sie werfen. Wie wundervoll. Das Gras glänzt in der Sonne, bis ich es beschmiere. Es wird schon noch mehr regnen, tröste ich das Gras.
Und das tut es, als ich auf dem Fest an der Theke stehe. Der Kleine neben mir, und sonst auch alle. Kurz sehe ich eine, da denke ich über eine Entschuldigung nach. Sehe dann ein, daß es Dinge gibt, die nicht mehr gehen. Trinke eins und noch eins, aber nicht so richtig. Das ist schön, so kann ich nach hause gehen, aufrecht und an der frischen Luft. Am Morgen plagt mich nichts, und so vertrödele ich ihn. Es kommen ja immer viele Briefe, wie ich das so lang an meinen Eltern bewundert habe. Die bekamen immer Post. Und ich war fünfundzwanzig und wußte nicht, wieso ich nie Post bekam. Jetzt weiß ich nicht, warum ich so viel Post bekomme. Viele Nummern, alle wichtig. Ich hefte sie ab. Viele Ämter, und auch die hefte ich ab. Strolche durch den Stall und bin stolz auf meinen Sonntagsdienst. Misten, füttern, Kälber beobachten. Katzen muß ich noch fotografieren, für Freunde, die eine Katze vom Hof retten wollen. Ich kriege sie nicht einmal auf ein Bild, und die wollen sie in der Wohnung. Ich schaue nach einer schnaufenden Kalbenden, aber die ist alt genug, und die Bänder sind noch stramm am Becken, und überhaupt macht das die Natur schon recht, da muß der Bauer Geduld haben. Ich fahre also durchs Dorf zurück, grüße in schmutzigen weißen Socken, esse zu Mittag und radle dann mit dem Engel, wir essen ein weltbestes Eis von meinen letzten Kreuzern. Hier hat es eine Bank, die meine Karte nicht mag, und dann mag ich eben kein Geld haben. Ich mag auch keine Früchte im Eis, aber wenn die doch von hier sind! Ich grüße alle, die ich kenne, so freue ich mich.
Uns begegnen zwei Mädchen, und weil man nie weiß, ob man das nicht bald wieder braucht, schaue ich ihnen nach. Winde mich auf dem Rad, daß der Engel lacht. Schlechte Karten, lache ich, solange ich mit Dir unterwegs bin. Traut sich ja dann keine. Und sonst schaut mich keine an, aber das sage ich nicht. Und nicht, daß ich gerne nicht angeschaut werde, solange ich nur mit Dir - nun. Stattdessen erzähle ich, wie ich neulich mit einer Einjährigen im Park saß und ein Radler trank, und wie mir die Frauen nachschauten!
Wir verabschieden uns, und das Plätschern des Bächleins prägt sich mir ein. Dann sammle ich Wäsche, versuche, auf der Terrasse zu lesen. Mache Kaffee, backe Kuchen. Und jetzt ist es acht, und ich muß los. Große Stadt. Hol sie der Teufel.
# |  1 RauchzeichenGas geben