Dieseldunst
In den Gelben Seiten unter Träumer.
Montag, 22. 06 26

22.06.26, 19:19
Viel über den Tod nachgedacht, oder besser gesagt über das Sterben. Ich kann mir das nicht vorstellen, ich will doch alles noch sehen. Von meinem Büro aus kann ich Heu liegen sehen, das gestern mit zwei und heute mit drei Litern gewaschen wurde. Ich will das wissen, wann es nach Hause findet! Ich will wissen, wie dieses Leben weitergeht, und die der anderen. Ich habe Angst vor dem Sterben, weil ich es mir unglaublich schmerzhaft vorstelle. Wie schlimm muß ein Leben werden, um es freiwillig abzugeben? Und vom freiwilligen Ableben berichten ja viele Sterbende, und noch mehr diejenigen, die sie begleiten. Es ist gut, sagen sie, doch mir kommt das furchtbar vor. Wie elend muß es werden, daß man auf den nächsten Tag verzichten mag?

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Ob sich die Welt verändert hätte vor knapp einem Jahr, wurde ich neulich gefragt. Gefragt in dem Sinn, daß jemand nur seine Geschichte erzählen wollte, denn meine Antwort nahm er gar nicht wahr: Nein, die Welt hat sich nicht verändert, und gerade das hat mich nachhaltig verstört. Ich bin am frühen Morgen nach Hause gefahren, während alle anderen zur Arbeit fuhren. Ich bin dann Dinge einkaufen gegangen, die man so in den vermeintlich letzten Wochen kauft, und nichts um mich hatte sich verändert. Nur ich selbst, und seitdem muß ich als neuer Mensch in dieser alten Welt zurechtkommen. Vielleicht kann ich daher ein bißchen von dem ganzen Staunen verstehen, das ich seither beobachten darf. Und vielleicht ist es ein Stück vom Himmel, wenn ein kleiner Kopf an meiner Schulter liegt. Vielleicht habe ich deshalb diesen Sand in den Augen, mit den kleinen Tränchen, die ich meistens wegblinzeln kann. "Plötzlich alles richtig, und plötzlich alles klar," sangen einst Pur, und ich hatte dieses Lieblingslied tatsächlich ganz und gar vergessen. Bis vor einem Jahr.
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22.06.26, 09:08
In einem längeren Radiobeitrag zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen in Südamerika wird ein Mann befragt, der mit Jungen arbeitet. Man hört ihn sagen, daß die Jungen ihren Gefühlen ausgeliefert sind und diese nicht umformen, ausdrücken, einhegen können. Sie könnten nur, sagt er, sich selbst verletzen, sich gegenseitig verletzen, oder Frauen verletzen. Dann schwenkt der Beitrag weiter, zurück zum Sprecher und den möglichen Wegen aus dieser Krise. Ich nehme es vorweg: diese angesprochene Ursache der Gewalt wird weder in den Maßnahmen bedacht noch überhaupt thematisiert. Und von den möglichen Opfern, den Jungen selbst, den Männern und den Frauen, sollen ausschließlich die Frauen durch die Maßnahmen geschützt werden. Sollen die Jungen selbst sehen, wo sie bleiben. Womit man wieder bei den Ursachen wäre, doch bleibt man nicht nur im Radio auf diesem Auge wohl lieber blind.

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Erst durch die wütende Beschimpfung durch einen Politiker der Guten, der von einer "armen Wurst" mit einer "verqueren Wahrnehmung" spricht, wurde ich auf ein Gespräch zwischen einem Journalisten der Bösen und einem Schauspieler aufmerksam. Und im Gegensatz zum Guten kommen die beiden nicht mit Beschimpfungen daher, sondern stets mit ihren Limitierungen: Es könne auch ganz anders sein, als sie es wahrgenommen hatten, und für dies und jenes seien sie nun sicher keine Experten. Der Schauspieler schilderte dann seine Eindrücke und Gefühle, erzählte von den subjektiv erlebten Situationen und seinen eigenen Schlüssen daraus. Ob diese nun tief oder flach, richtig oder falsch sein mögen, kann ich hier kaum beurteilen, doch seltenst wurden sie auf "die Leute" verallgemeinert. So nahm ich dieses Gespräch wahr, und wenn ich wählen müßte, aber ach. Vor den Guten war mir schon immer bange.

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Eine Ricke, doch kein Kitz im hohen Gras. Warum, so denke ich beim langsamen Schreiten hinterm Balkenmäher, die Vermenschlichung nun auch die trifft, die es besser wissen müssten, die nun von "Walfrauen" statt Kühen sprechen. Ob sie selbst von ihren Fühlis für die Wale überwältigt werden oder nur die anderen überwältigen wollen?

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Wenig Gras im Zweiten Schnitt. Kurze Silozeiten sind es nur, und diese auch noch zu unchristlichen Zeiten. So wird auch meine Ernte in diesem Jahr magerer ausfallen, und es mehren sich die Gedanken, wie dies zu kompensieren sein wird.

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Ich kenne tatsächlich kaum jemanden, der nichts nebenbei tut. Ob sie nun eine kleine Landwirtschaft haben, ein kleines Gewerbe angemeldet oder nur einen Minijob: mein Bekanntenkreis steht nie auf einem Bein. Sie haben Bagger, Schlepper, Werk- und sonstiges Zeug, kaufen ein und arbeiten und verkaufen wieder. Ich selbst habe mich unter meinen Leidenschaften stets für die entschieden, die mindestens nichts kosten sollten, am besten noch sich ein wenig bezahlt machen. An dieser Stelle spüre ich derzeit die Einschnitte: Hier wollen sie die Minijobs eindämmen, um Vollzeitstellen zu fördern. Was soll ein Mitarbeiter tun ums Jahr, wenn sein Mähdrescher nur sechs Wochen Erntedauer hat? Sie ist und bleibt ein wetterabhängiges Saisongeschäft, die Landwirtschaft, und tatsächlich sind uns Minijobbern doch die Randzeiten lieber, die wir einfach in unsere Arbeitstage einbauen können, als den Vollzeitkräften, die jeden Tag eine vollflexible Arbeitszeit erbringen müssten. Ich kenne auch tatsächlich niemanden, der sich einen Deut um die tägliche Höchstarbeitszeit kümmern würde. Es scheint mir so, als wäre die Realität längst weiter als die Forderungen, doch bin ich weder Maßstab noch messgenau dafür. Was soll ein Lehrauftrag noch, wenn die Gerichte diesen nun als abhängige Beschäftigung einstufen, die die Musik- und Hochschulen dann nicht mehr bezahlen können? Es muß doch ein Weg gefunden werden, um den Willigen mehr Möglichkeiten zu geben, ohne ihnen jeden Vorteil gleich wieder abzuverteilen.
Es ist im Übrigen gar nicht die Not, die meine Freunde antreibt. Alle können leben von dem, was sie im Beruf verdienen. Sie werden nur nicht satt darin. Sie möchten wirtschaften, entscheiden, agieren, planen. Was haben wir Abende an Stehtischen verbracht und uns die Köpfe heißgeredet darüber, wie man einen Holzspalter und drei Wägen am sinnigsten an einen Ort verbringen könnte. Und was haben wir für irre Konstruktionen schon gebastelt - ich erinnere mich an eine Bohrung in die stählerne Bodenplatte eines Spaltgerätes, darauf ein eigens gedrehter Bolzen, schnell eingesetzt und gesichert, um die Wägen schnell mal eben ein, zwei Meter zu versetzen, damit das Holz nicht gar so weit getragen werden muß. Darin stecken Energie und Arbeit, kreative Leistung, freies Denken in einem Maße, wie es uns die normale Arbeit nun einmal nicht bietet. Wir sind spielende Kinder, etwas groß geraten, zugegeben, und wir ziehen lieber, als zu sitzen.
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