Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 18. 03 13

18.03.13, 19:27 | 'RaffRaff'
Heute erstmals völlig hilflos angesichts moderner Zahlungsweisen: PayPal. Kreditkarte. Tschüss.
# |  Rauchfrei | Gas geben


18.03.13, 13:53 | 'In Fetzen gerissen'
Ich habe meinem Vater die neue CD von Eric Burdon gekauft. Die ist nicht natürlich nicht rechtzeitig geliefert worden, weil ich auch nicht recht und vor allem nicht rechtzeitig wusste. Nicht schlimm, sagt er, als ich ihm davon erzähle, und daß der noch Musik macht. Und vielleicht ist es das, wovon ich ihn überzeugen möchte, während er sich auf ein würdiges Altern einschießt: Unwürdig zu altern. Musik zu machen. Nicht zu alt zu sein für irgendwas. Vielleicht das einzige, was ich meinem Vater beibringen muß. Vielleicht ist das aber auch furchtbar falsch, alles.

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Und manchmal, wenn Du einen Namen fallenlässt, dann gebe ich den ein und finde ein Bild, und dann trifft mich wieder ein Schlag, eiskalt ätzendes, bitter vergälltes Wasser flutet mein Herz, weil die alle schön sind und alle das tun, und weil sie alle Dich sehen dürfen.
# |  Rauchfrei | Gas geben


18.03.13, 11:01 | '10000 lightyears from home'
Ich gehe früh, es war eine harte Woche. Einseitige Wochen sind immer hart, auch wenn es Fortschritte gibt.

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Fortschritte. Ein paar Zeilen Code. Ein paar Stunden Lesen in Dokumentationen und Handbüchern. Nachdenken über Workspaces, Parallelisierung, Vektororientierung und die Übergabe von Daten. Und darüber, was das alles mit Konzeptarbeit zu tun hat.

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Flucht vor dem Menschenverstand in die Simulation.

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Und daß, nach allem Abwägen, dann doch der Kundenwunsch bestimmt.

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Was ich nicht schaffe: Die Lager dieser doofen Pedale austauschen.

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Das ritualisierte Elterngespräch.

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Wir rühren den Güllekeller auf. Der Bauer fährt, ich laufe neben dem Hinterrad her und bediene die Knöpfe auf dem Kotflügel. Das haben wir so oft geübt, daß es wortlos klappt. Blaue Stunde, sage ich irgendwann, und wir stehen auf diesem hämmernd vibrierenden Betondeckel in der Dämmerung, der kleine Vierzylinder jubelt im Hintergrund, der Propeller prügelt auf die Schwimmdecke ein und die Gülle plätschert an den Wänden. In unseren grünen Overalls, in grünen Stiefeln, mit schwarzen Händen. Es war ein weiter Weg bis hier.

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"Nachtschicht?" fragt die Bäurin, und ich nicke.
"Das gefällt Dir", sagt sie, und ich kann mein Lachen kaum noch bei mir behalten.

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Bis ich dann die Pumpe aufgetaut habe, stehe ich eine halbe Ewigkeit auf dem runden Stahl des Fasses, die Lanze des Hochdruckreinigers in der Hand, und der heiße Dampf quillt aus der Luke, gefriert auf meinen Schuhen, und freihändig stehe ich da und winke dem Bauern, der unten vorbeimarschiert.

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Aber zuerst muß der Boden gefrieren. Ich setze mich also zuhause an den Schreibtisch und finde Daten, die im Strudel einer ungewollten Systemwiederherstellung verlorengingen.

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Um Mitternacht fahre ich durch das Dorf. Gruppen von Jugendlichen laufen durch die Straßen, lachen und winken. Ein Fest für die Austauschschüler aus Spanien. Sie tragen kurze Röcke und kurze Mäntel, während ich mich in meine schwere Jacke kauere. Welt.

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Beim zweiten Fass werde ich geduscht. Bis ich meine Hosen los bin, sind sie gefroren.

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Umgezogen und anrüchig fahre ich weiter. Langsam aus dem Hof. Auf der Straße schnell und mittig. Hier fährt niemand bei Nacht. Ich friere, weil ich immer wieder absteigen und in der Kälte warten muß, bis das Fass betankt ist.
Und gegen vier wartet man ja doch nur auf den Morgen.
Ich schalte die Radiosender durch. Hample auf dem Sitz. Kalt macht wach und warm macht müde.
Schlagartig: Dämmerung. Ich kann Bäume erkennen. Den Fahrbahnrand. Die Silhouette des Waldes im Osten. Ich mache ein paar Fotos, bis es mich an die Pfoten friert.

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Als die Sonne aufgeht, gerate ich in Hektik. Die Sonne beißt sich durch das Eis, und dann kann ich nicht mehr fahren. Dann trägt mich der Frost nicht mehr über den nassen Boden. Spurlos fahren ist auch so ein Ideal.

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Um halb sechs kommt mir der Bauer entgegen, und kurz darauf der andere. Wir grüßen. Nachtfahren sind nichts Besonderes. Nur ein Stück Arbeit zur richtigen Zeit. Und ein wenig Quälerei, ein wenig Selbstüberwindung. Und was geht, wollte ich ja schon immer wissen.

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Gegen zehn frühstücke ich kurz mit der Tochter des Bauern. Der Engel trägt die Haare vom Schlaf verwuschelt zu einem wilden Knoten gebunden und sieht deutlich müder aus als ich. Wir lachen uns an. Geh wieder ins Bett, sage ich.

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Gegen Mittag ist der Spaß vorbei. Es taut. Die Wege werden nass, die Wiesen tief. Ich höre auf, und diesmal zähle ich fast gar nicht den Unterschied zwischen Soll und Schaffen.

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Alte Marksteine suchen in der Sonne. Immer wieder schaue ich auf in den blauen Himmel. Meistens stolpere ich dann über Schwarzdornen und Brombeeren. Und manchmal finde ich im Fallen auch die Marksteine, vom Moos bewachsen und vom Alter schief.

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Beim Mittagessen ein bißchen Englisch, ein wenig Französisch, und ich lerne, was Kuh auf Spanisch heißt.

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Noch ein neues Gesicht. Wie es sich gehört, frage ich: Wem gehörst Du denn? Was machst Du? Und im Sommer den Hof pflastern?
Freunde von Bauerntöchtern müssen manchmal sehr tapfer sein.

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Kleinarbeit. Basteleien. Durchs Dorf fahren.

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Dann duschen. Dann Geburtstag. Meine Augen wollen nicht mehr recht.

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Alte Freunde, Nähe und Ferne. Seltsames Gefühl, schöne alte Bilder. Eine gemeinsame Sprache, neue Worte. Ich lerne.

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Ich gehe als einer der letzten. Die Alten vom Club sind noch da an der Bar. Aber das muß nicht mehr, nicht heute, es würde nichts besser machen.

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"Onkel Jimmy" steht auf dem Geschenk. Zwei Paare, zwei Kinder, und Onkel Jimmy. Come of age, alter Mann, und daß man eben nicht alles alleine kann. Schon recht so, sage ich ein paar Mal.

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Familienfeier. Ich erzähle von meiner fixen Idee, und da bin ich bei den großen Reisenden ja immer richtig. Eine Matratze, ein paar Kisten, das Rad. Endlich neben meinem Rad schlafen, lache ich.

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Es sind nicht die Fotos, sondern die Bilder.

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Und dann stehe ich zwischen zweien. Menschen, die es sich gut gehen lassen. Jeder für sich. Jeder auf seine Art. Jeder mit seinen Sorgen. Es gibt wohl keinen Weg, denke ich. Sondern nur den Horizont.
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