Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 25. 02 13

25.02.13, 11:22 | 'Das Auge des Betrachters'
"Sie müssen sich doch auch mal was sagen lassen," poltert er und weiß wahrscheinlich selbst nicht, ob er jetzt wütend ist oder amüsiert über den Eifrigen, der seine Ideen vor sich herträgt.

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Die letzten Kilometer auf dem Heimweg sind die schlimmsten. Die langsamsten. Die verzweifeltsten. Dann die Ortstafel. Die ersten Häuser. Wie von selbst rezitiere ich mir ihre Geschichten. Dort habe ich Bohrer geschliffen. Aus diesem Fenster geschaut. Hier wohnt jener, gegenüber eine andere. Ich fahre weiter, biege im Ort ab. Stehe auf dem Hof, als es eben dunkel wird. In der Einfahrt eine dünne Schicht Schotter auf dem Eis. Für das Milchauto, für den Futtermischwagen. Ich stürme den Melkstand und atme den Duft von Kühen, von Milch und von Mist. Süßliche Euterpflege, scharfe Reinigungsmittel. Ich bekomme ein paar Spritzer auf meine gute Jacke, und genau so soll das. Der Bauer lacht. Zwei Samstage sollte ich haben, sage ich zu ihm, und er lacht wieder. Geh, sagt er.

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Und dann sitze ich da mit einem, der müde aussieht nach der Woche, wie ich auch und doch so anders, in einem anderen Leben, mit ähnlichen Meinungen und anderen Ansichten, und sie begrüßen mich verschnupft von fern oder gesund von nahem, so sind sie hier, achten auf andere und räumen schnell die ganzen Schuhe weg, als ich mich auf den Boden vor die Dose mit all den Kabeln setze. Und dann sind da die verschiedenen Stecker, und sie müssen doch drucken, und für einen Adapter ist es jetzt zu spät am Abend. Also versenke ich mich in Netze und Subnetze, und alles bitte so, daß sie den Adapter einfach einstecken können und sich alles in Wohlgefallen auflösen möge. Nun.

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Zum Pflügen ist es dann zu spät, also fleddere ich noch ein wenig die Briefe, die ich immer liegenlasse. Bedanke mich für Einladungen, bezahle Rechnungen. Sortiere Papiere, die ich ja-nein-weißnicht-vielleicht noch einmal brauchen werde, nach einem System, das sich irgendwie ergeben hat, und das ich selbst nicht ganz verstehe.

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Ich bin früh wach. Der kalte Motor ist mit sich selbst beschäftigt, poltert mühselig weißen Rauch in den Tag. Ich stelle den Pflug ein, Oberlenker vorne im Langloch, Hubstreben kurz, all das. Ich hebe das Tonnengewicht an, die Fuhre pendelt sich aus. Die Reifen drücken sich flach an den Boden. Dann los. Zum Mittag bin ich wieder da.

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Und selten, daß sowas passt. Ich bin ja immer der, der fertigmacht. Der hier noch schnell und dort noch kurz, weil man ja sonst noch einmal fahren muß.

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Glück muß man sich erarbeiten, denke ich dabei. Glück muß man wollen. Glück muß man annehmen. Und als ich die Wühlmaus sehe, die in den Reifenspuren springt und sich seitlich in den Schnee gräbt, auf der Flucht vor den Vögeln, die aufmerksam auf den frischen Furchen sitzen, da genehmige ich mir Glück. Ein Glücksmoment mit Wühlmaus und Milan und Wintersonne.

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Futter laden, und draußen ist ja immer Kuddelmuddel. Sind die Abläufe schwieriger, mit mehr Abhängigkeiten versehen. Hier ist ein Weg blockiert, dort eine Mischung schon geladen, und hier kündet eine Hupe vom kochenden Kühlwasser. Manchmal wäre ich ja lieber Melker, lache ich, als ich mir die verbrannten Finger im Schnee kühle, und das meine ich ja nicht so.

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Der perfekte Stammtisch. Unser Lachen. Unsere Einladungen. Freund, sage ich, die Hand auf seiner Schulter, hab vielen Dank. Und er lächelt knitz und freundlich, wie man Menschen anlächelt, mit denen man zusammengeboren wurde, aufgewachsen ist, und mit denen man weitergehen möchte.

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Ich möchte alles auskosten hier. Dieses Leben schlürfen.

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Endlich wieder Kühe, schreibe ich ihr, und es kommt ein Grinsegesicht zurück. Von manchen reicht das.

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Der Sonntagmorgenbesuch bei unserem Häuptling, meiner Oma. Stress, sagt sie, Stress ist ja für andere. Du hast dafür ja keine Zeit. Und dann schauen wir die neuen Bilder an, von überall auf der Welt, und freuen uns daran.

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Kekse backen, und eines weiß ich sicher: Ich möchte dereinst einen großen Backofen haben, und das ist die erste definitive Aussage über mein Leben seit langem. Ein großer Backofen. Es braucht ja nicht viel für mich.
Das ist ja die eine Seite des Tricks: nicht mehr zu brauchen, als man hat. Und andererseits: was man hat, auch zu gebrauchen.

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Um zehn vor vier stehe ich da und warte auf den Tierarzt. Höre mir Bruchrechnen an; Punkt vor Strich, Hauptnenner, all das. Und sage mit gutem Gewissen, daß man das wirklich brauchen kann.

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Um vier kommt der Tierarzt. Frisches Stroh, heißes Wasser, Stricke. Die Spritze fällt das Tier wie einen Baum. Wer die Wirkung von ein paar Millilitern klarer Flüssigkeit einmal gesehen hat, schaut seine Hände, die unbesiegbaren, und seine Beine, die standhaften, und seinen Willen, der all das kontrolliert, doch ganz anders an. Betäubungsmittel als Gottesbeweis, denke ich, aber zu mehr komme ich nicht. Wir wuchten das Tier auf den Rücken, und jetzt würde ich gern die ganzen Tierschützer sehen. Das Fingerschnippen an der Bauchhaut klopft einen Takt. Repositionierung ohne Fixierung, sagt der Tierarzt, und böse bin ich darum nicht. Brustlage also, und mit Mühe zwinge ich die schlaffen Hufe unter den Körper. Morgen noch einmal, sagt er, und ich nicke, bis es mich trifft: morgen ohne mich.

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Wie er die Ruhe bewahrt und die lachende, bärige Gelassenheit, mit der alles zu bewältigen scheint: der Radlader läuft nicht recht, der Mischwagen wird heiß, und irgendwer muß jetzt melken. Und dann stehe ich da, mit grünem Overall und Stiefeln, blauem Schurz und Stulpen und Handschuhen, mit Mütze und kalten Zehen. Ich bin ruhig auf dem Laufhof, ich kann das hektische Scharren von Hufen nicht hören. In der Grube wirble ich, und muß doch zwei, drei Mal rennen und fragen. Die Frischlaktierenden, die Sorgenkinder, die Hochlaktierenden und dann die zweite Garde. Zwischendurch schlurfe ich über den Hof, der Schurz schlägt mir an die Beine, und plötzlich sind da noch zwei Kälber, Hallo Welt! schauen sie verdutzt, und ich nehme die beiden Damen gleich mit zum Melken.

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Leuchtende Schneeflocken im kalten Schein der LED.

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Das Sehvermögen der Tiere.

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Singen im Melkstand. Rote Streifen vom Euterpflegemittel auf meinen Wangen.

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Es ist spät, weil wir nicht eingespielt sind in diesen Positionen. Ich bin ja hier nie Melker, und umso mehr bin ich stolz.

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Zweihundert nochmal, sage ich laut, obwohl mir jetzt schon die Schultern schmerzen.

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Am Mittag habe ich noch von unternehmerischen Landwirten gelesen, und den unterschiedlichen Zielen, die sie und ihre Mitarbeiter haben. Diese Schreiberlinge haben nichts verstanden, denke ich. Nichts von Landwirtschaft, nichts vom Familienbetrieb, vom Familienanschluss. Nichts davon, wie der Älteste mit roten Augen vom Skifahren erzählt. Die mittlere mit glühenden Augen und hellem Lachen die Tasche in die Ecke feuert. Der kleinste vom Häckseln träumt, weil der Winter schon so lange geht.

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Im Jugendhaus noch eins, mit den Kleinen und den Großen. Einer mit Gipsfuß und zig Brüchen.

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Dann am Telefon eine ferne Stadt. Ein fernes Leben. Burn-out sagt sie, und ich weiß, daß sie das glaubt. Sie erzählt von Whirlpools auf Dächern, von Champagner und Yachten. Meine Hände riechen noch nach Melken und Kuh, und ich höre ihr ruhig zu, bis sie schlafen kann.
# |  4 RauchzeichenGas geben