Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Dienstag, 5. 03 13

05.03.13, 08:08 | 'Kann Spuren von Irrsinn enthalten'
Und dann nimmt sie eine ihrer Kontaktlinsen heraus, feuchtet sie im Mund an und setzt sie dann wieder auf ihr Auge, und das alles dauert genau die schweigenden zwei Minuten, bis wir uns wieder gefangen haben.
Es ist nicht perfekt, sage ich. Nichts. Nirgends. Niemals. Mit niemandem. Und dann rede ich gegen ihr Heimweh an. Sage, daß sie die einzigen Sonnentage des Winters erwischt hat. Erzähle, wie viel Heimat man in sich tragen kann, bis sie lacht und mich bittet, aufzuhören, denn wer so schlecht lügt wie ich, dem muß es schon sehr ernst sein.

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Daß sich Gefühle nicht rechtfertigen müssen und nicht relativieren lassen.

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Manchmal denke ich an den hohen Heuboden im alten Stall. Wie die Balken aus den hohen Heustapeln ragen, sich in alle Richtungen verlieren. Es ist duster, ganz oben unterm First eine einzelne Glühbirne, von Staub und Spinnweben halb verdeckt. Es duftet und staubt. Man kann hier herkommen über die Treppe und den Fruchtboden, oder über die senkrechte Leiter auf der anderen Seite. Durch Ritzen zwischen den Dachplatten dringen Streifen von weißem Licht, in denen der Staub flimmert. In einer Ecke gibt es ein Loch, das ins Wohnzimmer des alten Hauses führt. Dort wird jetzt ebefalls Frucht gelagert. Mit einer gebogenen Gabel reißen wir das Heu aus dem Stapel. Ab und zu fallen große Mengen auf uns herunter. In großen Haufen schieben wir das Heu zur Luke. Die rohen Bodendielen sind davon ganz glattgeschliffen. Zum Schluß springen wir durch die Luke auf den Haufen, der auf dem Futtertisch liegt.
Im Kälberstall gegenüber ist das Heu in kleinen Ballen gestapelt bis unters Dach. Die Ballen sehen aus, als würden sie über den Haufen nach unten stolpern und dort irgendwann zum Liegen kommen, wenn man sie anschubst.

Das Jahr, in dem der Heuboden leer wurde. In dem ich die Reste zusammenfegte, und wir uns anlogen, die seien das Beste.

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Sie lehnt sich an meine Knie, und ich wende mich auf dem Barhocker zu ihr. Handball, sagt sie, und dabei spricht sie schnell und undeutlich. Ab und zu spüre ich einen Tropfen Speichel an meiner Wange. Als sie gehen, verabschiede ich mich freundlich. Und als sie spät nachts noch einmal anruft, antworte ich sanft, bis sie auflegt.

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I turned to look but it was gone
I cannot put my finger on it now
The child is grown
The dream is gone
Ich tanze mit dem Freund aus Kindertagen und mit dem roten Unglück durch den leeren Saal, wo vorhin noch Jugendliche cool waren. Seine Freundin steht mit ihrem Freund an der Theke. Sie sehen uns zu und trinken Sekt. Und es kann gar nicht spät genug werden.

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"Was wäre, wenn wir?"

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"Woher weißt Du?" fragt er immer wieder. Er, der so laut und einnehmend war, ist hier leise und sediert. Ich stehe unversehens im Wohnzimmer der Wohngruppe, wo ich einen Flur erwartet hätte. Er führt mich zu einer Sitzgruppe am Fenster. Hölzerne Möbel. In den Nischen Ergometer. Der Raum ist sehr lang und schmal. Am anderen Ende kümmert sich jemand um den Kaffeetisch.
"Woher weißt Du?" fragt er wieder, und ich antworte mit der Wahrheit: Aus dem Dorf.
Daß ihn niemand besucht hat bis jetzt. Vier Monate.
Daß er in ein oder zwei Monaten wieder unterrichten wird.
Daß er nur noch nicht weiß, wie viele Stunden.
Daß er den letzten Walser nicht mehr zu Ende gelesen hat.
Daß er sich überhaupt noch an mich erinnert. An "meinen" Walser, an meine "Sonderstellung".
Daß er sicher war, daß aus mir etwas wird.
Ich erzähle viel, frage wenig. Das geht mich ja alles nichts an. Und ich weiß auch nicht mehr so genau, warum ich hier bin. Ich wollte mich bedanken dafür, daß er ein guter Lehrer war. Aber das kommt mir jetzt verkehrt vor. So sitze ich bloß und erzähle, bis er nervös wird und mir erklärt, daß sie freitags immer gemeinsam Kaffee trinken. Dann gehe ich.

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An diesem Abend bleibe ich lange im Melkstand. Singe während des Melkens. Während ich den Laufhof abschiebe, im grellen Licht einer riesigen LED. Während ich die Melkzeuge reinige und den Boden abspritze. Dann sitze ich lang vor der Transitgruppe auf einem Strohballen in der Kälte. Schaue den Atemwolken zu. Wickle mich in meine warme Jacke. Horche, wenn eines der Kälber gegen die Wand des Iglus stößt. Rieche Mist und Stroh, Kühe und Heu.
Nie dort zu landen, denke ich. Dir können sie gar nicht genug spritzen, daß Du dort nicht unglücklich bist. Die können doch niemanden heilen dort. Ich habe sogar meinen Werksausweis am Hosenbund gelassen, damit ich dort nicht verwechselt werde. Ich lache mir zu, klopfe das Stroh von meinen Hosen und mache das Licht aus.

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Ein Nachmittag unter dem Güllefass, das ich schön in der Sonne geparkt habe. Die Lenkachse braucht Pflege. Die Hebel brauchen neue Dichtringe. Die Zapfwelle Fett. Und die verbogenen Kotflügel zerre ich wieder gerade.
Bis später, sagt er lachend, und ich winke von unten.

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Da sitzen zwei mit einem Neugeborenen. Dort zwei mit einem Zweijährigen. Dort einer mit Gips, im kritischen Blick seiner Frau. Einer trinkt mit glasigem Blick.

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Ich sitze im Fond wie früher, und wie früher schaue ich aus dem Fenster und bekomme gar nicht mir, wer mit mir redet.

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Daß es immer Bänder sind, die unsere Wege zusammenschnürten. Daß es nun auseinandergeht, wo die Bänder fehlen. Man muß sich mehr strecken, um sich zu erreichen, denke ich. Kreuzt andere Wege. Das ist eben so, denke ich, und proste den beiden zu, die demnächst heiraten werden.

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Sonntagmorgenschreibtisch. Ich sortiere Post und Liegengebliebenes. Ich öle das Rad, und dann bin ich los. Fährst Du, oder trainierst Du? fragt das schlaue Buch. Heute trainiere ich, bleibe auf dem kleinen Blatt, suche einen runden Tritt. Kalte Hände, kalte Füße. Nach drei Stunden bin ich zurück. Habe diesmal einen anderen Weg gewählt. Den gewohnten darf ich nicht mehr fahren, denke ich. Wozu auch, und wohin?

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Dann packe ich mein Zeug, und früh am nächsten Morgen fahre ich wieder. Schon acht Monate.
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