Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Donnerstag, 22. 09 22

22.09.22, 11:27 | '10000 lightyears from home'
Wie ich andernorts schon geschrieben habe, hat alles seine Zeit. Die Zeit selbst endet vermutlich nicht, auch wenn sie, wie die Physiker sagen, wohl einst begonnen haben und auch heute noch relativ sein soll. Doch blogger.de in dieser Form wird enden, und mit ihm wohl auch dieses kleine Weblog. Wo ich mich gerade wieder daran gewöhnt und einen Modus gefunden hatte. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, habe ich einst an einem Badezimmerspiegel gelesen. Und erst Jahre später verstanden, warum es genau dort hängen mußte. So hat eben wirklich alles seine Zeit.
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Montag, 5. 09 22

05.09.22, 08:55 | '10000 lightyears from home'
Ich klaube ein paar Seen zusammen, denn Seen gehen immer. Luftbilder, Parkplätze, eine Art loser Route, erstellt in einer halben Stunde nach einer schlaflosen Nacht im Zug.

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Mit Dachträgern habe ich immer Pech. Zu schmal, zu breit, und immer irgendwie unpassend. Eine Kombination geht dann doch.

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Den Router ausstecken. Den Raspberry, der als DNS dient, abschalten. Die Behelfs-NAS herunterfahren. Es ist schon irgendwie ein Rechenzentrum geworden hier. Nur nicht fragen, wofür.

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Das erste Mittagessen in einem überteuerten Lokal, das Pizza an Touristen verkauft, die Italien nicht von Frankreich unterscheiden können. Ich möchte mir damit die Befremdung nehmen, mich durch gewohnte Vorgänge versichern. Doch daß ich auswärts gegessen habe, ist lange her. Und wie das in Frankreich noch gleich war mit dem Trinkgeld, ich weiß es nicht mehr. Ich habe noch ein kompliziertes Verfahren mit Münzen auf einem Teller im Sinn, die dann hin- und herwandern, aber ach, Ungeduld.

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Ein Mahnmal für La Grande Guerre. Ich werde noch viele sehen in dieser Gegend, durch die zwei Weltkriege getost sind. Der Erste ist vier Jahre geblieben, und vielleicht sorgt das für eine andere Art des Erinnerns. Zu Hause hängen zwei eiserne Platten im Kircheneingang, darauf die Namen der Gefallenen. Nur ihre Geburtsdaten stehen darauf, denn wann sie gefallen sind, hat man wohl nicht herausfinden können. Der Tod und sein Zeitpunkt sind dem Krieg vielleicht egal, vielleicht einfach einkalkuliert, denke ich. Dann, als ich um die verwitterten Betonkreuze gehe und die vielen Namen lese, schüttelt mich die Erkenntnis: Der Tod und sein Zeitpunkt sind Ziel eines Krieges. Und manchmal auch Grund.

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Ein weit verästelter See hinter einer riesigen Staumauer. Ich rätsle lange, wie hoch der Wasserspiegel wohl sein sollte. Auf den langen Sandbänken wachsen Gräser und ganze Büsche. Weit draußen ein Angler in seinem Boot. Der Parkplatz ist klein und hat mehrere Ebenen. Das Auto steht ganz unten am See, ganz eben, zwischen Bäumen. Ich koche auf dem kleinen Gasbrenner, aus Dosen und Dingen, die man halbfertig im Supermarkt kaufen kann. An diesen sonderbaren Einkauf denke ich zurück, als ich im Dachzelt liege. Dann rauscht mich der Wind in den Schlaf.
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Dienstag, 2. 08 22

02.08.22, 16:20 | '10000 lightyears from home'
Neulich war ich radeln. Das ist bei mir nun nicht ungewöhnlich, auch wenn der Arbeitsweg derzeit eher mit dem Auto zusammenhängt. Denn der hat sich ja in diesem Jahr geändert - um ein Gebäude nur, doch leider ist mir dadurch der Spind verlorengegangen, und all mein notwendiges Zeug, als da wären Plastikschüsseln und Computerhardware und Büroklamotten, kriege ich kaum in den Rucksack gestopft, wenn dazu auch noch Duschzeug mit muß. Ich kenne mich außerdem recht gut und weiß jetzt schon, daß ich alle paar Tage ohne Hosen dastehen werde. Oder ohne Duschgel. Und das wären nur die leicht lösbaren Probleme.

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Ein älterer Mann, betrunken nuschelnd, der ganz dringend noch ein Bier haben muß und dazu mit seinem Bon wedelnd an der Warteschlange entlanggeht, mit der Sicherheit des erfahrenen Trinkers schnurgerade, weil er ja doch eine Verabredung zum Fußball habe in wenigen Minuten, und dazu muß er unbedingt dieses Bier getrunken haben, ganz hektisch wird er nun und nuschelt Fußball- und Bierworte. Die Wartenden schauen, ich schaue, und nur der Mann scheint die Absurdität der Situation nicht zu begreifen. Zum Glück bedient ihn jemand anderes, der ihn besser zu kennen scheint.

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Bei diesem Radeln von neulich, da bin ich nun verhungert. Das ist nun nichts neues, und störend daran ist nur, daß es nicht besser wird. Den Berg stört das nicht, und das stört wiederum den Menschen, und vermutlich ist das ein wesentlicher Grund, warum alle Welt auf Berge steigt und radelt. In meinem Fall, versuche ich mich an einer Entschuldigung, liegt der Berg nun mal vor der Haustür und im Weg. Das stört ihn wiederum wenig, und so kann ich mich zwar in Rage radeln, kippe aber zuletzt doch fast vom Rad. Und es hat nur wenige Jahre gedauert, bis ich mir eingestehe, daß eine andere Kassette meinen Anstieg sehr viel angenehmer machen könnte. Das wird hier so langsam eine Einkaufsliste.

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Ich bekomme sehr erheiternde Geschichten erzählt darüber, wie zwei Menschen ihre Leben gestalten, und so füllen sich die dunklen Stellen in meinen Bildern von ihnen mit diesen leuchtenden Geschichten, die mit Güte und Witz erzählt werden. Ich habe, so siedet mich mein schlechtes Gewissen, nie nach diesen Stellen gefragt. Ich habe immer geglaubt, in anderen sei das Nichts die Normalität. Oder nicht einmal das, ich habe das Nichts als Nichtwissen und Nichttun einfach hingenommen. Ich komme mir sehr engstirnig vor dabei und horche umso aufmerksamer. Was sie nicht alles erlebt haben müssen zwischen ihren Geschichten, und was sie nicht alles getan haben müssen, um bis hier zu gelangen. Wir teilen nur einen Berührpunkt, einen Angelpunkt gar, vielleicht erklärt das mein Nichtwissen. Ganz sicher entschuldigt es nicht, ihnen das Nichts vorzuhalten, das nur in meinem Bild ist.

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Ich sitze auf dem Balkon in der Sonne, eine knappe Stunde habe ich dafür. Ein neues, altes Buch liegt auf meinen Beinen und strahlt aus weißen Seiten. In der Ferne höre ich eine Großpackenpresse und den Schlepper brummen, ganz sanft wirkt es durch die Entfernung. Sehen kann ich das Gespann nicht, und vielleicht höre ich irgendwann auf, es zu spüren. Entfernung im Raum, Entfernung in der Zeit. Und das mir, der sich doch nie entfernen wollte.
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Montag, 6. 12 21

06.12.21, 15:49 | '10000 lightyears from home'
Es muß ja wirklich so sein, und immer muß es so sein, daß ich nach einer schmächlich versäumten Antwort ein unglaubliches Bestreben entwickle, auf ähnliche Fragen nie wieder sprachlos zu sein. Derzeit in diesem Theater: Differentialgleichungen. Man macht sich kein Bild.

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Die Nachwirkungen der Impfung scheinen sich mit jedem Schuß zu verstärken. Nach ein wenig und ein wenig mehr Müdigkeit hatte ich diesmal ein sehr strammes Fieber, das ich am besten durch die Daten des Schlafzimmersensors beschreiben kann. Raumtemperatur um drei Grad erhöht gegenüber normal, Luftfeuchte bis auf über siebzig Prozent getrieben. Impfen statt heizen, denke ich, als ich mit dem ersten klaren Blick die Mail des Gasversorgers lese, der mal eben den Arbeitspreis um schlappe fünfzig Prozent anheben will. Steuer macht teuer.

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Keinen Leistungssport hat man mir für zwei bis drei Tage empfohlen, und so ganz bin ich darüber noch nicht hinweg.

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Noch ein paar Niederlagen eingesammelt. Nur blöd, wer sich selbst unter Erfolgsdruck gesetzt hat.
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Freitag, 15. 05 20

15.05.20, 11:17 | '10000 lightyears from home'
Und wie ich so hin und her dachte, überlegte und argumentierte, kam mir auf einmal das Lied in den Sinn, dessen Text am Küchenschrank meiner Großmutter hing. Sie hatte ihn in wundervoller Schrift auf ein einfaches Blatt geschrieben und mit Klebeband befestigt. Die Ecken waren eingerissen und von vielen streifenden Berührungen eingerollt und vergilbt. Von guten Mächten wundervoll geborgen, stand da, und als ich stumm die wenigen Zeilen in mich hineinsang, ohne mich an die Melodie erinnert zu haben, da tauchten auch die Gesichter der Ahnen auf, mit dem weisen Lächeln ihrer vielen Jahre, ihrer harten Geschichten, und mit ihrer ganzen, lebensfrohen Zuversicht. Sich nicht zu sehr schonen, nicht zu lange warten. Milde waren sie, und meine völlig erfrorenen Füße wurden wieder warm. Mein altes Wirdschonwerden war auf einmal wieder da, und meine Vorfreude auf jeden neuen Tag, der Neues bringen darf und soll und muß. Zum Glück habe ich meinen Hesse nicht mehr zusammenbekommen, sonst hätte ich laut aufgelacht. Bereit zum Abschied und zum Neubeginn. Und mehr noch: zuversichtlich, daß beides gelingen möge. Neugierig, wo die nächste Stufe hinführt.
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Dienstag, 7. 04 20

07.04.20, 09:54 | '10000 lightyears from home'
Und dann ein stiller Moment am späten Abend, als der Freund erzählt, wie er die Menschen um sich neu entdeckt, anders erkennt. Zwischen denen, die ihre Häuser zu Festungen machen und denen, die anderen das Lachen auf der Straße nicht mehr gönnen. Ich frage mich, ob sich alle für so viel klüger halten als die jeweils anderen? Ob wir andere erziehen wollen oder gängeln, oder nur dafür sorgen, daß auch sicher niemand ein wenig besser durch die Zeit kommt als man selbst?

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Völlige Frustration zuvor im Büro. In dieser Form noch nie erlebt. Ich spüre meinen Herzschlag im Hals klopfen, als ich zum hundertsten Mal ein Dialogfenster verfolge, das zu nichts führt. Ein Dokument verschicke, das niemand liest. Ordnung in einem Prozess halte, der dafür überhaupt nicht geeignet ist. Über Mittag sitze ich auf dem leeren Parkplatz in der Sonne und lese, übe Handstand.

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Wir treffen uns in der Dorfmitte zum Radeln. Immer wieder die Freude an der eigenen Tätigkeit und am Messen mit anderen. Bergan, bergab, ein lachender Überschlag. Nur Schürfwunden. In rasender Fahrt durchs Dorf, den anderen unserer beiden Hausberge hinan. Noch ein Freund und dessen Sohn. Abstand. Freude, ich kann mich kaum zügeln, als wäre ich ein junger Hund, der nur mit Mühe davon abgehalten werden kann, an allem und jedem hochzuspringen vor Freude. Gen Osten, den Berg entlang, dann den steilen Stich aus groben Steinbrocken, glatt von den Fuhrleuten vor hundert Jahren. Der Jüngste kämpft, und ich traue mich nicht, zu schieben. Ich bin der, der nebenher fährt, statt voraus. Der Freund lässt den Jüngsten den Weg aussuchen, fragt ein Warum und gibt sich zufrieden. So sieht es aus, wahr- und ernst genommen zu werden. Sogar im besten Fall bin ich davon noch zehn Jahre entfernt. Ich hoffe, daß wir dann immer noch Freunde sind. Und hier. Der Jüngste wird dann volljährig sein. Man muß der Zeit nicht alles glauben, aber sie lässt sich dann doch nicht abhalten von unseren Mätzchen. Wir sinnieren über die Feste in der Hütte, damals, und was am Lagerfeuer geschah. Still treten wir in die Pedale, juchzend stieben wir dann den schmalen Weg hinunter. Der Jüngste vor mir, es lupft ihn einige Male, aber immer fängt er sich wieder. Bald wird er uns überholen, denke ich und freue mich darauf. Das Altern kann auch bittersüß werden, hoffe ich. Allein durchs Dorf, wundere ich mich, und justiere mich dann, daß ich mit sechs Jahren nichts dabei fand, allein durchs Dorf zu radeln.

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Ein viel zu großer Kreis, eine viel zu kleine Gesellschaft. Verrückte Zeit, verrückte Welt.
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Dienstag, 19. 03 19

19.03.19, 09:54 | '10000 lightyears from home'


Vom Parkhaus blicke ich hinab auf das Büro, in dem ich fast sieben Jahre saß, zu der Firma, der ich meinen Namensbestandteil verdanke, und ich bin unsicher, ob sich Wehmut und Vorfreude so genau die Waage halten, ob ich mir kein Kippen zutraue oder ob ich völlig apathisch bin. Es ist schlimm und es ist gut. Es war schön und wird jetzt anders, vielleicht auch wieder schön. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, diesen bekannten Satz von einem Zettel in einem Badezimmer habe ich mir bewahrt, und er trifft mich heute noch mehr als sonst. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, und jedem Ende eine Ewigkeit.
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Montag, 12. 11 18

12.11.18, 09:17 | '10000 lightyears from home'
Am Samstagabend die offenen Tore am Feuerwehrhaus, drei Mann in den schweren Anzügen, die Schläuche aufrollen. Vor einem Tor brummelt der alte Unimog. Und weil ich ja nie einfach so stehenbleiben kann, habe ich auf einmal wieder einen der Schläuche in der Hand, spüre das rauhe Gewebe und die kalten Kupplungen, die zuverlässig knacken und einrasten.
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Sonntag, 11. 11 18

11.11.18, 16:55 | '10000 lightyears from home'
May the good Lord shine a light on you, heute und in dieser Minute, zwei Jahre vergangen, und nach einem endlos trüben Tag ein Sonnenstrahl, der die Hügel ins Licht taucht, der die Natur aufleuchten lässt, der auch mich trifft, von ganz weit weg, außer Reichweite, und doch so präsent und da und wahr wie ein Gedanke, wie die Erinnerung, zu der Du geworden bist.
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Sonntag, 4. 11 18

04.11.18, 15:23 | '10000 lightyears from home'
Es wird mir schon reichlich wehmütig bei dem Gedanken, daß es nach dem heutigen Abend schon für fast zwei Jahre wieder vorbei sein soll mit dem Theaterspiel. Die ersten Proben noch während meines Urlaubs, mit dem Rad und in kurzen Hosen. Die lang zerredeten Abende mit dem Theaterküken. Der langsam eintretende Herbst über die Probenzeit. Der gemeinsame Festbesuch, das gemeinsame Fahren mit dem großen Auto, unser gemeinsames Lachen und Fühlen. Die Abende, an denen ich direkt von der Arbeit in die Heimat gefahren bin, ein schnelles Essen oder auch keines mehr, Probenarbeit, noch mehr Reden mit dem Theaterküken, mit dem Bärtigen, mit der Lesenden. Meine Aufregung in der halben Stunde vor jeder Aufführung, sie wird auch heute wieder zuverlässig beginnen. Ich drehe am Glücksarmband, bringe die Schweinchen in Position. Die Euphorie, die Anspannung, das Bühnenlicht. Baden im warmen Applaus der kleinen Turnhalle. Das Küken Shotgun auf dem Weg in die Stadt. Gin Tonic, Redenredenreden, und beide schlafen sie auf dem Sofa ein. Ich bin ja nie müde, suche mir dann ein Zimmer. Frühmorgens sehe ich das Küken, gedreht, die Nähe des Schnarchenden gesucht. Frühstücken. Trennen. Das Verlieben in die Rolle, in die Personen, die Geschichte, und danach das Vermissen. Ein paar Monate lang bleiben uns noch Redewendungen, Sätze, Worte. Kapierst Du denn gar nichts? rufe ich. Schulterklopfen beim Essen und Bekanntbleiben im Dorf. Es wird geredet, und es wird vergessen werden. In zwei Jahren wieder, spätestens.
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