Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Freitag, 15. 05 20

15.05.20, 11:17 | '10000 lightyears from home'
Und wie ich so hin und her dachte, überlegte und argumentierte, kam mir auf einmal das Lied in den Sinn, dessen Text am Küchenschrank meiner Großmutter hing. Sie hatte ihn in wundervoller Schrift auf ein einfaches Blatt geschrieben und mit Klebeband befestigt. Die Ecken waren eingerissen und von vielen streifenden Berührungen eingerollt und vergilbt. Von guten Mächten wundervoll geborgen, stand da, und als ich stumm die wenigen Zeilen in mich hineinsang, ohne mich an die Melodie erinnert zu haben, da tauchten auch die Gesichter der Ahnen auf, mit dem weisen Lächeln ihrer vielen Jahre, ihrer harten Geschichten, und mit ihrer ganzen, lebensfrohen Zuversicht. Sich nicht zu sehr schonen, nicht zu lange warten. Milde waren sie, und meine völlig erfrorenen Füße wurden wieder warm. Mein altes Wirdschonwerden war auf einmal wieder da, und meine Vorfreude auf jeden neuen Tag, der Neues bringen darf und soll und muß. Zum Glück habe ich meinen Hesse nicht mehr zusammenbekommen, sonst hätte ich laut aufgelacht. Bereit zum Abschied und zum Neubeginn. Und mehr noch: zuversichtlich, daß beides gelingen möge. Neugierig, wo die nächste Stufe hinführt.
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Dienstag, 7. 04 20

07.04.20, 09:54 | '10000 lightyears from home'
Und dann ein stiller Moment am späten Abend, als der Freund erzählt, wie er die Menschen um sich neu entdeckt, anders erkennt. Zwischen denen, die ihre Häuser zu Festungen machen und denen, die anderen das Lachen auf der Straße nicht mehr gönnen. Ich frage mich, ob sich alle für so viel klüger halten als die jeweils anderen? Ob wir andere erziehen wollen oder gängeln, oder nur dafür sorgen, daß auch sicher niemand ein wenig besser durch die Zeit kommt als man selbst?

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Völlige Frustration zuvor im Büro. In dieser Form noch nie erlebt. Ich spüre meinen Herzschlag im Hals klopfen, als ich zum hundertsten Mal ein Dialogfenster verfolge, das zu nichts führt. Ein Dokument verschicke, das niemand liest. Ordnung in einem Prozess halte, der dafür überhaupt nicht geeignet ist. Über Mittag sitze ich auf dem leeren Parkplatz in der Sonne und lese, übe Handstand.

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Wir treffen uns in der Dorfmitte zum Radeln. Immer wieder die Freude an der eigenen Tätigkeit und am Messen mit anderen. Bergan, bergab, ein lachender Überschlag. Nur Schürfwunden. In rasender Fahrt durchs Dorf, den anderen unserer beiden Hausberge hinan. Noch ein Freund und dessen Sohn. Abstand. Freude, ich kann mich kaum zügeln, als wäre ich ein junger Hund, der nur mit Mühe davon abgehalten werden kann, an allem und jedem hochzuspringen vor Freude. Gen Osten, den Berg entlang, dann den steilen Stich aus groben Steinbrocken, glatt von den Fuhrleuten vor hundert Jahren. Der Jüngste kämpft, und ich traue mich nicht, zu schieben. Ich bin der, der nebenher fährt, statt voraus. Der Freund lässt den Jüngsten den Weg aussuchen, fragt ein Warum und gibt sich zufrieden. So sieht es aus, wahr- und ernst genommen zu werden. Sogar im besten Fall bin ich davon noch zehn Jahre entfernt. Ich hoffe, daß wir dann immer noch Freunde sind. Und hier. Der Jüngste wird dann volljährig sein. Man muß der Zeit nicht alles glauben, aber sie lässt sich dann doch nicht abhalten von unseren Mätzchen. Wir sinnieren über die Feste in der Hütte, damals, und was am Lagerfeuer geschah. Still treten wir in die Pedale, juchzend stieben wir dann den schmalen Weg hinunter. Der Jüngste vor mir, es lupft ihn einige Male, aber immer fängt er sich wieder. Bald wird er uns überholen, denke ich und freue mich darauf. Das Altern kann auch bittersüß werden, hoffe ich. Allein durchs Dorf, wundere ich mich, und justiere mich dann, daß ich mit sechs Jahren nichts dabei fand, allein durchs Dorf zu radeln.

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Ein viel zu großer Kreis, eine viel zu kleine Gesellschaft. Verrückte Zeit, verrückte Welt.
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Dienstag, 19. 03 19

19.03.19, 09:54 | '10000 lightyears from home'


Vom Parkhaus blicke ich hinab auf das Büro, in dem ich fast sieben Jahre saß, zu der Firma, der ich meinen Namensbestandteil verdanke, und ich bin unsicher, ob sich Wehmut und Vorfreude so genau die Waage halten, ob ich mir kein Kippen zutraue oder ob ich völlig apathisch bin. Es ist schlimm und es ist gut. Es war schön und wird jetzt anders, vielleicht auch wieder schön. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, diesen bekannten Satz von einem Zettel in einem Badezimmer habe ich mir bewahrt, und er trifft mich heute noch mehr als sonst. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, und jedem Ende eine Ewigkeit.
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Montag, 12. 11 18

12.11.18, 09:17 | '10000 lightyears from home'
Am Samstagabend die offenen Tore am Feuerwehrhaus, drei Mann in den schweren Anzügen, die Schläuche aufrollen. Vor einem Tor brummelt der alte Unimog. Und weil ich ja nie einfach so stehenbleiben kann, habe ich auf einmal wieder einen der Schläuche in der Hand, spüre das rauhe Gewebe und die kalten Kupplungen, die zuverlässig knacken und einrasten.
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Sonntag, 11. 11 18

11.11.18, 16:55 | '10000 lightyears from home'
May the good Lord shine a light on you, heute und in dieser Minute, zwei Jahre vergangen, und nach einem endlos trüben Tag ein Sonnenstrahl, der die Hügel ins Licht taucht, der die Natur aufleuchten lässt, der auch mich trifft, von ganz weit weg, außer Reichweite, und doch so präsent und da und wahr wie ein Gedanke, wie die Erinnerung, zu der Du geworden bist.
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Sonntag, 4. 11 18

04.11.18, 15:23 | '10000 lightyears from home'
Es wird mir schon reichlich wehmütig bei dem Gedanken, daß es nach dem heutigen Abend schon für fast zwei Jahre wieder vorbei sein soll mit dem Theaterspiel. Die ersten Proben noch während meines Urlaubs, mit dem Rad und in kurzen Hosen. Die lang zerredeten Abende mit dem Theaterküken. Der langsam eintretende Herbst über die Probenzeit. Der gemeinsame Festbesuch, das gemeinsame Fahren mit dem großen Auto, unser gemeinsames Lachen und Fühlen. Die Abende, an denen ich direkt von der Arbeit in die Heimat gefahren bin, ein schnelles Essen oder auch keines mehr, Probenarbeit, noch mehr Reden mit dem Theaterküken, mit dem Bärtigen, mit der Lesenden. Meine Aufregung in der halben Stunde vor jeder Aufführung, sie wird auch heute wieder zuverlässig beginnen. Ich drehe am Glücksarmband, bringe die Schweinchen in Position. Die Euphorie, die Anspannung, das Bühnenlicht. Baden im warmen Applaus der kleinen Turnhalle. Das Küken Shotgun auf dem Weg in die Stadt. Gin Tonic, Redenredenreden, und beide schlafen sie auf dem Sofa ein. Ich bin ja nie müde, suche mir dann ein Zimmer. Frühmorgens sehe ich das Küken, gedreht, die Nähe des Schnarchenden gesucht. Frühstücken. Trennen. Das Verlieben in die Rolle, in die Personen, die Geschichte, und danach das Vermissen. Ein paar Monate lang bleiben uns noch Redewendungen, Sätze, Worte. Kapierst Du denn gar nichts? rufe ich. Schulterklopfen beim Essen und Bekanntbleiben im Dorf. Es wird geredet, und es wird vergessen werden. In zwei Jahren wieder, spätestens.
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Freitag, 14. 09 18

14.09.18, 10:33 | '10000 lightyears from home'
Bei allem Respekt, den mir meine Außergewöhnlichkeiten vielleicht einbringen, entfernen sie mich doch, verhindern durch die Distanz in Aktion und Verständnis eine tiefere Nähe, statt sie durch Interesse zu erzeugen. Ein bißchen wie ein Tier im Zoo.
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Montag, 20. 08 18

20.08.18, 08:36 | '10000 lightyears from home'
Vielleicht, weil es ein ganz klein wenig anstrengender, vielleicht auch nur ein wenig unentspannter ist, vielleicht, weil das Schreibfenster nicht mehr sauber in den neuen Browsern mitskaliert, vielleicht bewirkt all das zusammen, daß ich hier nur noch wenig schreibe.
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Dienstag, 10. 04 18

10.04.18, 16:15 | '10000 lightyears from home'
Wie es mich dann doch trifft, daß die Herstellung der Butterbrezel, der heiligen, der unantastbaren, nun auch von der Automatisierung betroffen ist. Ich halte eine in Plastik verpackte Brezel ins Licht, stehe vor dem brummenden Automaten im Keller unseres Bürogebäudes, packe sie aus und betrachte die Löcher in ihrem Rücken, gestanzt von einer stählernen Gabel, so stelle ich mir das vor, durch deren Zinken die Butter mit viel Druck in die Brezel gepresst wird. Jetzt hat es die Brezel auch noch erwischt, denke ich und drehe die Gepiesackte in ihrer knisternden Plastikverpackung. Man glaubt ja nicht, was sich alles automatisieren lässt, und man glaubt erst recht nicht, was sich dazu alles zu lohnen scheint. Ich vermisse die sogenannten einfachen Tätigkeiten, ich vermisse die Präzision, die mein Körper durch Wiederholung erreicht, und die Stärke, die er dadurch erreicht, und die Mischung aus Entrücktheit und einer ungezwungenen Konzentration. Und was ist besser daran, eine Brezelbebutterungsmaschine zu reinigen, als eine Brezel von Hand zu schmieren? Ach, womöglich ist selbst das Reinigen schon automatisiert, und in ein paar Jahren steht in diesem Keller dann keiner mehr, um sich eine Butterbrezel zu holen. Wenn nur ich nicht mehr da stehen muß, denke ich dann, sondern mir meine Brezel wieder selber schmieren kann. Denn die Automatisierung des Brezelschmierens lohnt sich ja - es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre - nur für die, die bloß blöde an brummenden Automaten in hallenden Kellern stehen können, um ihre Butterbrezel zu bekommen, weil sie ihre Zeit damit zubringen, Dinge zu automatisieren.
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Donnerstag, 16. 11 17

16.11.17, 16:37 | '10000 lightyears from home'
Am Montag schon die ersten Schneeflocken, auf dem Weg zur Arbeit im Schein der Stirnlampe. Die gingen noch schnell in triefenden Regen über, wie das immer so ist, wenn ich erst aus der Stadt heraus bin. Hinter der Autobahn, hinter dem letzten Hügel fängt es dann meist richtig an zu regnen, und ich bin mir sicher, daß das irgendwie genau so beabsichtigt ist, weil Demut und so, aber das sind dann schon die schlechten Tage. An den guten Tagen freue ich mich einfach so weiter vor mich hin.

Heute dann leichter Nebel, auf dem Weg dichter werdend, und bald begegne ich wieder den Schneeflocken, die im kaltweißen Licht aufblitzen und leuchten, bis sie aus dem Lichtkegel fallen. Vielleicht ist es nur Feinstaub, denke ich, und vielleicht auch nur ausfallender Nebel. Fällt Nebel nun aus, frage ich mich, und versinke in wilder Sucherei, die mich lehrt, das Ausfällen auch aufgrund einer Übersättigung stattfinden kann, und als Laie denke ich mir dabei einen Nebel, der sich in kältere Regionen bewegt, wo die Löslichkeit von Wasser in der Luft absinkt. Allerdings ist der Nebel schon keine Lösung mehr, denn dort ist das Wasser bereits zu feinen Tröpfchen kondensiert, weil eben die Wasseraufnahmefähigkeit der Luft überschritten, die Luft übersättigt mit Wasser ist. Wäre nun der Übergang aus der Lösung zur Schneeflocke ein indirekter mit dem Weg über den Wassertropfen, so müsste ich korrekt von Erstarren reden. Im anderen Fall, daß die Schneeflocke nun direkt aus dem gelösten Wasserdampf entsteht, von Resublimation. Die Kristallbildung des Schnees ist nun aber ein Thema für sich, und zwar eines, das ich leider nicht soweit verstanden habe, um davon erzählen zu können. Man hat es nicht leicht mit den Blogs und der Wahrheit, wenn man nun mal kein Physiker ist, und kein Wetterfrosch, sondern lediglich einer, der eben im Regen auf dem Rad naß wird und versucht, die ersten Schneeflocken mit der Zunge zu fangen, sie anzuhauchen und in einem Aufglühen schmelzen zu sehen. Aber nun, so romantisch ist der tägliche Arbeitsweg nun auch wieder nicht.

Besser als im Auto ist er allemal. Denn aufgrund von Gegebenheiten hat sich die Zahl der verfügbaren Parkplätze stark reduziert und so einen Vorgang eingeleitet, den ich das Rattenrennen nenne. Nun sind alle, oder wenigstens die meisten - und ich wollte schon immer mal wenig und meist in einen Zusammenhang bringen - sehr sehr früh am Morgen im Büro und dabei sehr sehr schlecht gelaunt, während andere sehr sehr spät mit irgendwelchen Hilfsbussen auftauchen, was aber an der Zahl der verfügbaren Parkplätze und an der allgemein sehr sehr schlechten Laune nicht viel ändert. Erst am Freitag spüre ich Besserung, denn die meisten halten das unmenschlich frühe Aufstehen nicht die ganze Woche über durch, oder sie kommen nur noch vier Tage die Woche, wer weiß das schon.

Ich jedenfalls trinke den warmen, gesüßten Kaffee aus meiner neuen Thermoskanne, die mich dran erinnert, daß man nicht alles Alte ewig nutzen muß. Die alte Kanne, die war quasi noch ein Erbstück, von meinem Senior für seine ersten Baustellen erworben, in Leder eingebunden und mittlerweile leider völlig untauglich. Zwar noch dicht, aber nicht mehr isolierend, schwer und groß und unhandlich, habe ich sie dann versehentlich fallen lassen, was sie mit Splittern quittierte. Ich überraschte mich anschließend selbst, indem ich kurzerhand eine neue Kanne kaufte, in der Ramschabteilung des riesigen Kellermarktes, den ich regelmäßig nutze, weil er mir halt am nächsten liegt. Nun ist die neue Kanne außen kleiner, innen größer, leichter und länger warm.

Der Mensch entfremdet sich, so schrieb ich eben an jemanden, nicht mehr nur von der Natur, sondern gleich von der ganzen Umwelt. Von Licht und Luft, von Temperatur und Geruch. Ja, schreibt man mir zurück, da hast Du sicher recht. Ein gelbes Zwinkern, ein halber Satz. Ich für meinen Teil setze mich nun aufs Rad, denke ich. Denn das Auto trägt das Private mit in die Öffentlichkeit, das sage ich ja schon lang, aber es trennt eben auch den Menschen von der Welt.
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