Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 3. 08 15

03.08.15, 15:13 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Daß ich nun wirklich manchen Freunden den hoffnungslosen Alkoholismus ansehe. Da reicht es nicht mehr, die Augen zu schließen, da reicht es nicht mehr, auf den großen Spaß mit ihnen zu verweisen und darauf, daß sie ja ganz patent und unglaublich freundlich und arbeitsam und ehrlich und alles sind. Alkohol macht krank, und das sieht man. Doch der Mensch ist frei, und so sitzen wir einander gegenüber auf den Bierbänken, und wir lachen, sie rauchen und trinken, und ich halte mich an meinem Apfelschorle fest. Ich kenne mich und meine Schwäche, ich sehe euch, und insgeheim seid ihr meine Vorbilder und meine Ängste in einem. So wie ihr will ich sein, und doch nicht, niemals.

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Ich arbeite furchtbar langsam. Ich verbringe Stunden um Stunden damit, eine Zahl zu berechnen, die ich einige Seiten später dekonstruieren werde. Das soll zeigen, daß ich mich tatsächlich mit dem Problem beschäftigt habe. Daß ich es erfasst habe. Daß meine Einschränkungen Hand und Fuß haben. Sonst zeigt sie nicht viel, diese riesige Zahl, ein unumstößlicher Berg inmitten meines Textes, der sagen soll, daß ich auch in diesen Dingen exakt arbeite, und daß es tatsächlich ein großes Problem ist, das ich da dekonstruiere. Irgendwas und zehn hoch nochwas, und das ist wie Melonen tragen. Seht her, ich habe eine große Zahl klein gemacht, ich habe eine Melone getragen, und wie mich dieser Akademismus anwidert, so fasziniert er mich auch: Tatsächlich exakt zu sein. Annahmen als solche kennzeichnen, die Folgen beschreiben, die Schärfe des Menschenverstandes den Zahlenberg zu handlichen Brocken zerteilen zu lassen.

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Aus Angst vor Urlaub schiebe ich ihn vor mir her. Man muß doch was anfangen mit diesen wenigen Tagen, und ich weiß auch schon, was, aber ich tue es dann doch nicht, und die Arbeit ist Ausrede und Grund zur gleichen Zeit. Ich kann erst wieder ruhen, wenn die Seitenzahl ausreichend sein wird, und jetzt dürfen wir alle höhnisch lachen.

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Ein schneller Entschluß, ein halber Tag auf einem fremden Schlepper, ein wüst hoher Zweiachsanhänger im Genick, und selten empfinde ich ja ein direkteres Glück, eines, das mehr ist als ein Zahlenberg, das sich nicht dekonstruieren und kaum erklären lässt.

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Die ersten tausend Kilometer sind voll, das Maschinchen muß zum Kundendienst und sich die Freigabe holen für die nächsten Drehzahlen. Fünftausendsechshundert, Achttausendfünfhundert, zwölftausend, ich habe die Stufen längst auswendig im Kopf. Am ersten warmen nach den letzten kühlen Abenden fahre ich hundertfünfzig, ducke mich auf der Maschine, und wir springen ab, als unter uns die Straße nach unten knickt. Trägheit, denke ich und Schwerkraft, und der Helm ist voll mit meinem Juchzen, und dem tut es auch nichts, wenn einer schneller ist. Daß mein Glück so unabhängig ist, das freut mich, und so freut es mich auch, daß die Helden nicht mit jedem ihrer Lieder recht behalten.

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Ich überlege hin und her, und dann nehme ich die letzte Bahn. Ich weiß auch nicht, es muß die Flucht in eine Illusion sein, der ich die Einsamkeit nicht abnehme. Solange Lärm im Haus ist, kannst Du nicht einsam sein. Nicht beliebig. Ein billiger Traum, ein Aberglaube, und doch reißt es mich genug, grundlos. Ich fahre den Rest mit meinem Auto, habe den Geschmack der Anführungszeichen, die das "Zuhause" umfassen, schal im Mund, ein Reh, ein Schreck, nur leicht nach links, ich touchiere es nur, und mein Hintermann erledigt es dann. Er flucht und fährt weiter, ich rufe die Polizei, die sich um den Rest und die Reste kümmern muß. Am nächsten Tag sagt einer, sie würden noch viel zu wenige Gebühren erheben, und ich stimme ihm zu und verpacke das Ja aber, daß dann keiner mehr die Polizei holen möchte, ganz hinten, denn das Ja aber, daß die Rede zwar frei sein soll, sich aber in Gegenwart der Obrigkeit nicht immer empfiehlt, dieses Ja aber, das habe ich gelernt und trage es mit mir, ich Feigling, dem nun also genau die Freiheit verbleibt, die mir gebührt.

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Daß der Abend mit dem Treffen vor der Buchhandlung und dem wundervollen Essen in Kleinasien, daß dieser Abend sich genau überschneidet mit dem, was ich mir einen Tag zuvor erarbeitet hatte, das finde ich dann doch sehr amüsant, das verleiht ihm einen zusätzlichen Wert abseits dessen, daß ich nie vergessen kann, wie lange ich für dies und jenes zu arbeiten habe.

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Meine Strecken führen mich immer zu den Freunden, die nie da sind. Vielleicht wird das noch anders, vielleicht muß ich noch zielloser werden.

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Ich backe Brötchen. Ich koche Rotwein. Ich lege Fleisch und Eiswürfel und Prosecco ins Gefrierfach, und dann kommen sie alle in meine kleine Wohnung, und ich muß Stühle aus dem Garten holen, und dann essen wir und trinken und ich spiele Musik, wir reden und ich spüle danach tatsächlich alle Teller, die ich habe, und das hätte ich gern oft und öfter, diese Art des Feierns, aber mir gelingt das Feiern ja selten. Ich räume noch die halbfeuchte Wäsche wieder aus der Verbannung auf den Wäscheständer, von wo sie den Gästen hatte weichen müssen.

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Die Akzeptanz der Einsamkeit.
Das Erlernen der Einsamkeit.
Dieses Jahr hat es ziemlich in sich.

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Meine Hemmung, mich grundlos zu bewegen. Nichts ohne Grund.
Meine Hemmung, mich allein zu bewegen. Gesellschaft nimmt mir nicht die Unsicherheit, sondern macht mich mit ihr anlegen, treibt mich an und manchmal über.

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Ich darf die Einladungen nicht vergessen, die ich ausschlage. Die mir dann doch zu viel sind. Zu viel Unsicherheit dort. Es liegt auch an mir.

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Auf diesem Konzert am Freitagabend. Man drückt mir eine Kamera in die Hand, und es gelingen mir einige Schnappschüsse von Singenden, Spielenden, Klatschenden. Ich bin ja eher Zoom als Weitwinkel, ich will Gesichter und Bewegung statt Übersicht und Überblicken. Ich erwische einen Schalter an dem unbekannten, riesigen Gerät, und von da an wackelt alles, schärft sich ncihts. Ich bedaure und gebe die Kamera zurück. Dann gehe ich früh, weil ich ja doch niemanden sehe.

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Wenn mir die Arbeit entgleitet, wenn man mich von der Leidenschaft abbringt, was bleibt dann von mir?

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Schlaflose Nächte. Spät und später. Hector in seiner Mittlebenskrise macht es nicht besser, und die Plüschgewitter erst recht nicht. Aus Büchern ziehe ich dann doch noch mehr Gedanken, und mein eigenes Gewirr bringe ich erst recht nicht in Ordnung so.

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Ich denke, das möchte ich nicht. Wie das kommt, schriftlich und endgültig, und es besiegelt und beendet einen Prozess, der nun schon fast drei Jahre läuft. Ich müsste zugeben, daß ich längst nicht mehr kenne, was ich vermisse. Ich müsste zugeben, daß ich nie hatte, was für andere normal ist. Zugeben, daß manches unerreichbar bleibt.

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Eine Wohnung in der Heimat, vielleicht. Oder eine neue Heimat. Zumindest ein Versuch. Ich nagle mich stattdessen hier fest, denn Flucht lasse ich nicht gelten, Flucht ist kein Weg und kein Ziel.

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Am frühen Morgen gehe ich durch meine Straße, wo die Nachbarn ihren Sperrmüll vor die Tür gestellt haben. Ich schäme mich kurz und angemessen und packe dann zwei wundervolle weiße Stühle auf meinen Balkon. Ach, Möbel.

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Braucht ihr mich denn noch, frage ich leise. Bleib noch ein wenig, höre ich.

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Seit einiger Zeit bin ich länger aus der Schule heraus, als ich drinnen war. Ein Drittel Leben beim besten Willen. Ein Schreibtisch voller Papier, an dem ich schnell frühstücke und hastig zu Mittag esse. Ein, zwei Abende in Gesellschaft. Jeder Gegenstand ein Strang, an dem ich mich nicht weiter hangle. Die Pumpe, für eine Reise angeschafft, die verschoben ist. Das Rad an der Wand für die großen Runden, noch keine zehn in diesem Jahr. Der Schlafsack, mit dem ich kaum ein Dutzend Male auf dem Balkon geschlafen habe. Wer hätte das gedacht.

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Mäandern kann ich nicht. Marschieren kann ich gut.

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Ich hätte gern was mit Dir gemacht, schreibe ich einfach und ehrlich, und dann bleibe ich stumm, weil damit alles gesagt ist.

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Daß man aber auch immer träumen und hoffen muß.

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Ich schmeiße alles hin und werde Hipster, sage ich grinsend in den Spiegel, und dann setze ich doch den Rasierer an.

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Sie zählt die Schuhe über meiner Tür: Radfahren, Laufen, Klettern, Sonstiges. Und ich habe den Eindruck, sie redet den Rest des Abends kaum mehr mit mir.

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Im Halbdunkel.

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Ich wünsche mir für die Zukunft, daß diese Gegenwart nur eine zwischenzeitliche Vergangenheit gewesen sein wird. As tears go by.

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Mehr Mühe, das Gute zu sehen.
# |  2 RauchzeichenGas geben