Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Freitag, 1. 01 16

01.01.16, 00:59 | 'Das Auge des Betrachters'
Zugenommen oder abgenommen?
Ich habe immer noch keine Waage, aber ich achte mehr auf mein Gewicht, glaube ich. Und die paar Male, die ich mich gewogen habe, habe ich nicht mehr im Kopf. Ich habe noch ein Bild von mir, vom Silvestermorgen des letzten Jahres, im Badezimmer des Marathonmädchens, nackt auf ihrer Waage stehend, weil ich mich da so leicht und so schwer und irgendwie so außerhalb gefühlt habe, daß ich mich wiegen mußte, um zu begreifen, daß ich überhaupt noch da war. Ich glaube, ich habe ein wenig Ausdauer verloren und wieder ein paar Muskeln gewonnen. Ich habe, und das war am Silvestermorgen dieses Jahres, eine Falte entdeckt an mir, und nicht nur die üblichen an der Stirn, sondern eine auf der Wange, die nicht mehr mit dem Lächeln verschwindet. Ich habe außerdem, wenn ich mich sehe, einen Blick auf meine Hüften. Ich habe wieder Hüften, oder erstmals vielleicht, ich weiß es nicht. Im Liegen immer noch eine tiefe Furche in meinem Bauch. Ich bin wieder lange Touren gefahren, wieder mal knapp zweihundert Kilometer am Stück, auch wenn es Gewalttouren waren, eine davon allein, auf den letzten Kilometern mit irgendwas, das nach der Gewalt kommt, die ich mir selbst antun kann, mit Liegen neben der Straße, mit dem Gefühl, den Kreislauf, das eigene Leben spüren zu können, mit Biß. Die andere Tour mit einem Freund in der Hitze, und da war der Trainierte mein Gradmesser, der mich abhängen kann in der Ebene, da war ich früher schon schwach, ich mag den Wind als Gegner nicht, und dann mit blauem Flimmern an einem der letzten Berge im Schwarzwald, mein Schweiß salzsauer auf dem Oberrohr, jeder Tritt aus der Tiefe, aus dem Nichts, dem Dunkel, in dem der Wille haust, und ich kann mich noch daran erinnern, wie ich an das Ortsschild oben gefallen bin, ausgeklickt schon, Stoßatmung, liegen, der nachheizende Körper in der äußeren Hitze, aber Sieg, Sieg, Sieg, und Stahl hätte ich biegen können, damals. Zugenommen also, auf jeden Fall, und mitgenommen.

Haare länger oder kürzer?
Reise mit leichtem Gepäck, haben sie mir gesagt, und so habe ich mich wieder einmal geschert, bevor wir nach Kuba geflogen sind. Von dort an Wildwuchs, und nur, wenn ich der resoluten Friseurinnenverwandtschaft begegnet bin, wurde es ein wenig lichter. Derzeit ist wieder Verwahrlosung auf dem Kopf, im Gesicht, ach Haare. Es gibt ja keine Frisur für mich, und nicht einmal ohne Frisur sehe ich nach Hipster aus, nur nach Verwahrlosung. Haare, ja. Alle noch da, und irgendwann gehe ich auch mal zu einem richtigen Friseur. Versprochen.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Die Brille hat ziemlich nachgelassen. Das rechte Glas verliert die Beschichtung, die Flecken fransen die Lichtkanten aus, ich werde eine neue brauchen. Ich weiß gar nicht, wie lange ich die schon habe, sechs Jahre vielleicht. Die Arbeitsbrille taugt längst nicht mehr, und doch fühle ich mich noch wohl mit diesem Nichts an Gestell und Glas, das jeden Schlag wegsteckt und auf das ich nicht achten muß. Laser mit fünfunddreißig, bis dahin warten. Eine Fehlsichtigkeit ist ja keine Krankheit, sagt die Krankenkasse, auch wenn ich mit sechs Dioptrien kaum mehr aus dem Haus kann ohne Brille. Irgendwas mit Patientendaten auf einer Karte erzählt mir die Kasse noch, und das in genau der Woche, als das alles gestohlen gemeldet wurde. Stattdessen fahre ich vom Zahnarzt zur Kasse, mit einem Blatt Papier zurück, und beim Zahnarzt war ich ja sowieso nur, weil meine Zahnspange dann doch den Kleberkampf verloren hat gegen meine Neigung zu harter Brotkruste. Als Kassenpatient bekommt man einen Termin, wenn einem Draht ganz unangenehm aus dem Mund hängt, binnen einer Woche, und vielleicht ist es bitter, zu sagen, daß das fürs Kaiserreich noch recht luxuriös gewesen wäre. Aber ich will ja keine großen Kriege mehr, kein Kohlhaas sein, ich will nicht weitsichtig sein und immer das Große, das Ganze sehen, wenn ich mir bloß was kaufen will, und wer weiß, ob ich das in einem Jahr noch brauche? Daher kaufe ich mehr, was ich will, mache mehr, fliege in den Urlaub, auch wenn das die Welt nicht rettet, denn die Welt retten allein macht auch nicht glücklich. Auch weg von den ganz großen Rädern, weg von der Idee, Hochschullehre zu machen, irgendwann, oder eine Karriere zu planen oder irgendwas. Kurz sehen. Kleine Schritte gehen. Schöne Schritte, wenn es geht. Den Blick senken, statt zum Horizont zu starren. Bloß nicht stolpern jetzt.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Parolen ausgegeben zum Beispiel. Ein großer Läufer zu werden, wie idiotisch, aber das gehört zu den hirnrissigen Plänen weiter unten. Ein guter Kletterer. Ein Alleinstehender, ein allein Stehender. Und mehr Geld, ja: für die teuerste Anschaffung zum Beispiel. Und die Beste, pfeif aufs Klima.

Der hirnrissigste Plan?
Die Parolen. Die Idee, mich in den ausgesperrten Sommermonaten selbst einzusperren und zu schreiben. Die Idee, wieder zu fahren, man verliebt sich ja so leicht in Häcksler, Traktoren, Kettenfahrzeuge. Die Idee, mich nicht mehr zu verlieben. Trotzdem zu suchen, nein doch nicht. Wieder Motorrad zu fahren. Mich hinzusetzen und endlich, endlich eine Diss zu schreiben. Mich zu bewerben in der schönsten Landschaft der Welt, mit den schönsten Maschinen der Welt, viel zu weit weg von meiner Welt. Mir Gedanken über Politik zu machen - das macht mich ja völlig irre, wie Irre jede Diskussion besetzen. Und die ständige Frage, ob nicht doch ich völlig irre geworden bin, daß ich die allesamt immer irre finde.

Mehr bewegt oder weniger?
Oha. Viel gelaufen, nicht mehr gelaufen, wieder mehr gelaufen. Gaussglocke reverse. Keine Ahnung, warum ich im Sommer nicht laufen mag. Da fahre ich Rad. Einige Male übrigens auch die Strecke aus der großen Stadt mit dem Rad. Einige Male jetzt mit der Kombination aus Fußmärschen und Bahnen. Rechtzeitig bewegt außerdem: die ersten Bewerbungen sind los, und ich kann noch einigermaßen gelassen abwarten, ob ich bald Sportwagen bauen darf. Wenn schon irre, dann richtig. Mehr bewegt, ja. Es gibt jetzt eine Struktur und einen Teil des großen Textes. Rest folgt. Es gab Konferenzen und Bürotage. Mehr bewegt, auch wenn das Motorrad gerade mal tausend Kilometer bekommen hat. Mehr bewegt, weil mehr getraut. Mehr bewegt, weil neu bewegt. Mehr bewegt, ganz zum Schluß noch mit der Frage, ob ich Dich küssen darf. Mehr bewegt auf Skiern, auch wenn ich Skifahren völlig irre finde: innerhalb von Minuten bin ich völlig platt, weil ich ein schlechter Techniker bin und deshalb viel Konzentration und Kraft brauche. Und kaum halte ich an, schelte ich mich für die Pausen. Alle irre. Auch ich. Um den Gletscher grün. Im Lift Alkoholfahnen. Auf den Pisten Hubschrauber. Alle irre. Oh, und weniger bewegt: Zweiunddreißig Stunden im Bett geblieben, nur für zwei Tassen Kaffee aufgestanden.

Die gefährlichste Unternehmung?
Die Probefahrt mit der Z. Was für eine irre Maschine. Wie gut sie zwischen meine Knie gepasst hat. Wie ich ihr Säuseln verstanden habe, wie ich sie Brüllen machen wollte. Eine andere gekauft. zurück zu den Brot-und-Butter-Fahrzeugen. Am glücklichsten war ich ja doch mit der GS, damals. Auch wenn die Ninja ein Rausch war. Nun. Dann noch mein Schrei durchs Funkgerät: Finger weg! und von da an der gesamte Film in diesem riesigen Maissilo im kalten Xenonlicht, auf Knien schaufelnd, in kleinen Schritten zwischen zwei riesigen, brüllenden und knirschenden Maschinen, die Hand auf einem zum Bersten gespannten Gurt, die andere Hand erhoben: Ich sage, wann es gut ist. Insgesamt vielleicht der Kuss, der mich im dümmsten Fall allein in der Stadt festhält. Nicht zu ändern jetzt. Und auf diese Gefahr freue ich mich tatsächlich. Irre zu sein ist ja doch ganz okay, finde ich jetzt. Und manchmal muß man eben setzen. Und dann ganz lange steigern.

Der beste Sex?
Man kann es auch zu ernst nehmen. Mit der Aufrichtigkeit, zum Beispiel. Und mit dem Sex auch.

Die teuerste Anschaffung?
Die GSR. Und ja, das Drumherum. Kundendienst, Montageständer, Pflegemittel. Solches Zeug kaufe ich jetzt einfach. Zack, her damit, was soll der Geiz. Dann noch einige Male groß für Freunde gekocht, und auch da wurde ich mehr als belohnt für mein Geld. Dann vielleicht noch zwei Reifen wegen eines Plattfußes, und im Herbst noch einmal zwei Reifen wegen eines Plattfußes. Scheiße am Schuh, ja. Gestern übrigens: Plattfuß. Was haben wir gelacht. Oh, und ganz zum Schluß noch: Freie Tage. Unschuldiges Nichtstun. Wird das Schwerste, vermutlich werde ich noch hyperaktiv hier. Und eine kleine Anschaffung noch, die sich vielleicht auswächst: Die geschenkte, elterliche Kaffeemaschine, defekt, mit Dichtungen für fünf und einer Pumpe für fünfzehn Euro ausgestattet. Und mit viel Liebe gedichtet. Ein Groschengrab, und dabei passt sie nicht einmal in meine Küche. Wie schön, eine neue Wohnung also auch noch. Aber erst im nächsten Jahr, erst im neuen Beruf.

Das leckerste Essen?
Jedes Bauernessen mit dem Bauern, der Bäurin, den Kindern, dem Vetter. Wird es so nicht mehr geben. Vielleicht noch meine selbstgemachten Burger mit der selbstgemachten Sauce und den selbstgebackenen Brötchen, wenn ich das mal so selbstsicher ausbreiten darf. Denn das fand ein Gast sehr lecker, und nun darf ich öfter kochen. Eine dankbare Esserin, wie habe ich mir das gewünscht!

Das beeindruckenste Buch?
Kafkas Hungerkünstler. Mehr Ebenen als jedes Hochhaus. Leider keine Liste geführt im letzten Jahr.

Der ergreifendste Film?
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Ich habe keine Minute davon gesehen, ich mußte ja die ganze Zeit an Deinem Haar riechen. Dann vielleicht irgendein Tatort? Filme ergreifen mich ja immer, ich bin sie nicht gewöhnt, ich lasse sie wirken, ich kann halt Märchen, und dann bleibe ich noch sitzen und starre auf den Abspann, während die anderen sich schon mit der Welt weiterdrehen.

Die beste CD?
Metric - Synthetica. Schon älter, aber endlich richtig hingehört und endlich richtig verstanden. Gisbert zu Knyphausen war letztes Jahr, Alexa Feser war letztes Jahr, und Thees Uhlmann wiederholt sich in höchster Gutheit, aber für mich kaum mehr unterscheidbar.

Das schönste Konzert?
Metric in Frankfurt in der Batschkapp vielleicht. Ja, Metric. Alexa Feser war auch schön, aber schon im Frühjahr. Und Konzerte verblassen, deshalb muß man mehr auf Konzerte gehen. So in der Richtung sagte das auch die große Emily Haines, und dann sang sie, was mir bis heute in den Ohren klingt: I want it all, I want it all, I want it all. Vielleicht verblasst ja doch nicht alles.

Die meiste Zeit verbracht mit...?
Durchbeißen.

Die schönste Zeit verbracht mit...?
Maisgeruch und Motorenlärm. Kuhnähe und Stallgeruch. Körperwärme und Vanillehaar.

Vorherrschendes Gefühl 2015?
Ich trag mich, so weit wie ich kann.

2015 zum ersten Mal getan?
Ein Neufahrzeug gekauft. Mich von Kühen verabschiedet. Mich ernsthaft konzentriert, statt zu zerfasern.

2015 nach langer Zeit wieder getan?
Nächstes Jahr steht hier irgendwas mit einem Friseur, versprochen! Aber dieses Jahr: Ein Paket mit einem langen Brief, geschrieben mit meinem Lieblingsfüller, der wieder tut.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Nachts wach und reglos in der Kälte zu liegen im Januar. Meine Rufe ins Leere, kein Echo. Die ach so gleichgültige Geburtstagsradtour.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Wo auch immer das hinführt, ich will jeden Schritt gehen.
Wie auch immer das ausschaut, ich will alles sehen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Vielleicht war es die Kaffeemaschine und der Brief. Vielleicht war es auch der Tag, an dem ich mehr als tausend Kilometer fahren und erstmals den Vater stützen mußte.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Es war irgendein Abschluß in diesem Jahr, den ich noch nicht zu Ende überlegt habe, aber der irgendwie lief. Aufbruchsstimmung. Zuversicht. Mut. Und ich weiß nicht einmal genau, wer mir jetzt genau was davon geschenkt hat. Habt Dank. (Und vielleicht liest Du das einmal, und vielleicht verstehst Du dann, warum Menschen ihr Privates ins Öffentliche verwandeln. So ganz habe ich es bis heute auch nicht verstanden.)

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
"Du mußt mich nicht jedes Mal fragen."

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
"Darf ich Dich küssen?"
(Antwort siehe oben.)

2015 war mit einem Wort...?
Zusammenaufbruch. (Pfft. Ab jetzt gibt es dieses Wort. Mir egal. Ich darf das.)

Listen gibt es hier und da und dort. 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008.
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