Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Dienstag, 22. 01 19

22.01.19, 22:00
Ein Abend zusammen mit dem Vetter, Bier vor mir und in meinem Rücken das Feuer, leise knisternd sinkt es in seiner Glut zusammen hinter den geschwärzten Scheiben. An kalten Abenden sollen das meine Zutaten sein.

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Die Bank im Fränkischen, auf der ich saß, an einem Schild, das am Rand des Nichts eine Naturschutzmaßnahme erklärte, von der niemand Notiz nimmt, denn es ist niemand da. Vermutlich schützt das die Natur am besten, denke ich heute. Damals war ich sehr müde, sehr erschöpft und voll zitternder Hoffnung, nach Hause zu kommen in einer Minute, und in der nächsten voll eiserner Überzeugung, nach Hause kommen zu müssen, und ich weiß nicht, was heller glänzte und schlimmer schmerzte.

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Gerade wollte ich meine letzte Etappe noch einmal nachvollziehen, anhand der aufgezeichneten Koordinaten. Doch ach, es gibt kein Programm dafür. Google Earth zeigt sich überaus unkooperativ, vermutlich anhand meines gepanzerten Browsers, und sonst? Da ist nicht viel um Google herum, wenn es um Karten geht, oder?

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Welch Wunder, wie weit ich geradelt bin. Ich möchte das wieder tun. Einen Kreis ziehen vielleicht, und alle Städte einmal anfahren. Harburg fällt mir ins Auge, warum auch nicht. Ein erster warmer Tag, ein Rennrad, am Morgen aus dem Bett aufspringen, Kaffee in die Tasse, Wasser in die Flaschen, Riegel in die Rückentaschen. Geld, vielleicht, mehr nicht. Oder einmal um das Nördlinger Ries. Es wird viel zu sehen geben in diesem Sommer, hoffe ich.

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Eine Szene aus meiner Schulzeit, die mich gerade immer wieder anspringt: Ich sitze vorn in der ersten Reihe, ganz links am Gang auf der rechten Seite, neben mir drei leere Plätze. Der Lehrer, dieser eine Lehrer, er bezeichnet mich als einen prototypischen Aufklärer, und wie immer brause ich auf, widerspreche, und wie so oft ist es nur mein Widerspruchsgeist, der mich zu reden heißt, bevor ich noch weiß, was ich sagen soll. Das stimmt nicht, rufe ich laut, das ist doch Quatsch. Und wie immer lässt er mich reden, dieser Große, macht mich dadurch denken, zwingt mich auf die einfachste Weise zum Argumentieren: indem er mir den Raum gibt, zu argumentieren. Und so suche ich hektisch, grabe in den grauen Furchen meines Kopfes, man sieht mir das wohl an, und sage dann, erleichtert über meinen Fund und aufgebracht über meine neue Wahrheit, die ich verbreiten muß: Weil Aufklärung stets ein Prozess sein muß, sage ich, deshalb kann keiner nur Aufklärer sein. Aufklärer gilt es zu werden, sage ich und komme mir klug vor. Schon damals konnte ich den Schalk im Lehrergesicht vermuten, und die leise Zufriedenheit erfüllter Erwartungen, aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet und war einfach nur ein furchtbar unangenehmer, aufsässiger Pennäler, der auf keine andere Weise gebändigt werden konnte, als sich um Kopf und Kragen zu reden, und ich kann mir heute genausogut ein leises Seufzen hinter dem Schnauzer im Lehrergesicht vorstellen. Wer weiß das schon, und ich gestehe dem verehrten Lehrer heute auch gern zu, daß dieses Lassen im Unklaren eine Kunst sein kann.

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Ich freue mich der neuen Bleibe in der alten Heimat entgegen. Und doch immer wieder die bange Frage: Was, wenn Du dort bist? An meinem alten Schrank hängt der Spruch eines längst vergangenen Tages, der wie manch anderer auf der Treppe zu meinem Zimmer lag, als ich nach Hause kam: Nun bist Du mit dem Kopf durch die Wand - und was wirst Du in der Nachbarzelle tun? Ich weiß es nicht, ich werde es sehen müssen. Vielleicht hätte ich ja doch in die Berge gehen sollen. Einmal noch die Ferne suchen.
# |  2 RauchzeichenGas geben


22.01.19, 21:00
Zugenommen oder abgenommen?
Letztendlich dann doch zugenommen. Ich sitze im Büro ganze Tage lang, ich habe mir das Klettern genommen und das Kämpfen kaum mehr geschafft. Und ich denke an DocBuelle selig, der einst schrieb, man nehme mit jedem Lebensjahrzehnt zwei Kilo zu. Die siebzig ist gefallen, und auch die Radreise im Sommer hat mich nur kurz darunter gebracht.

Haare länger oder kürzer?
Seit die Friseurin im Dorf wohnt, komme ich um einen Haarschnitt ab und an kaum mehr herum. Aktuell schon, und ich bin soweit, daß es mich stört, obwohl es noch vergleichsweise unwild ist. Spießer!

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Die Brille hat einen blinden Fleck, und beim Erwähnen der Saugnäpfe, die den Augapfel halten, während der Laser sein Schnitzwerk tut, habe ich fast eine Armlehne abgerissen. Trotz aller Beruhigung durch die lachende Klassenkameradin traue ich mich nicht, denn sie weigern sich, mich völlig zu betäuben. Und außerdem, sagte sie mir, hast Du noch zehn Jahre bis zur Altersweitsichtigkeit, da lohnt sich das doch kaum mehr. Au.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Es war ein anständiges Sparjahr mit einem etwas zähneknirschenden Ende.

Der hirnrissigste Plan?
Von außen betrachtet vermutlich, mich für den nächsten Freitag arbeitsfähig zu melden, eine Fahrkarte zu buchen und dann in fünf Tagen durch fast ganz Deutschland zu radeln. Geradeaus, auf Stollen. Von innen betrachtet die Projektion eigener Bedürfnisse auf andere, ohne daß andere vorhanden gewesen wären.

Mehr bewegt oder weniger?
Den Kopf zu wenig, den Körper zu ungleichmäßig.

Die gefährlichste Unternehmung?
Dem schlechten Schlaf nach zu urteilen, eine Nacht im Thüringer Wald. Dem Urteil der Fachleute nach, eher eine scharfe Stunde mit einem Beil auf einem Dach, das im Anschluß kein Dach mehr war. Dem Augenrollen der besten Freundin nach zu urteilen ein nicht zu verhütendes Mißgeschick.

Der beste Sex?
Wie im Film.

Die teuerste Anschaffung?
Ein Auto, das nicht vom Fahrverbot betroffen ist.

Das leckerste Essen?
Mit Ehrfurcht gegenüber der Künstlerin.

Das beeindruckendste Buch?
"Verdammtes Land" von Andreas Altmann mangels großer Konkurrenz. Dicht gefolgt von "Vom Einfachen das Beste" von Franz Keller, der wunderbar spricht, aber leider keinen Lektor gefunden zu haben scheint.

Der ergreifendste Film?
Mich ergreift nun fast jeder Film, da ich keine sehe, die Mittel nicht kenne, die Methoden mir nicht geläufig sind. "Gone girl" vielleicht, auf den letzten Drücker geschaut.

Die beste CD?
Wandas "Niente" vielleicht, weil "Amore lascia mi fare?" Oder doch Hans Hartzens "Glanzlichter?" Oder "Around the sun" von Mainfelt? Oder natürlich die Hellraisers & Beerdrinkers? Starkes Jahr, und trotzdem nicht aus den Schuhen geballert worden. Zumindest nicht nur von der Musik.

Das schönste Konzert?
Wanda in Ansbach mit Freunden, patschnass auf den Motorrädern, schlafend vor dem Baumarkt? Metric in Frankfurt, nach hektischer Fahrt mit dem dicksten aller Dienstwägen?

Die meiste Zeit verbracht mit...?
"Ja, aber..." zu denken.

Die schönste Zeit verbracht mit...?
Pedalen und Traktoren und Theaterspielern und Freunden.

Vorherrschendes Gefühl 2018?
Glücksmomente, die durch den Alltag scheinen. Und Unsicherheit, wie der Alltag sein soll.

2018 zum ersten Mal getan?
Schluß gemacht. Nicht am Stück bis ans Ziel geradelt, sondern nur bis ans Ende des Könnens. Einen Neuwagen erworben.

2018 nach langer Zeit wieder getan?
Trunkene Dummheiten.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Dieselfahrverbote, Pendelfahrten, das Mißgeschick und die lehrreichen Folgen.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Das wird nichts mit uns.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ich bin immer noch nicht gut im Schenken.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Mir immer wieder die Rückkehr zu erlauben.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
"Ich kämpfe, bis Du kündigst."

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ich komme nach Hause.

2018 war mit einem Wort...?
Weichenstellend.

Schlampig geführte Listen gibt es hier und da und dort. 2017 (ausgesetzt), 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008.
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