Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 21. 01 13

21.01.13, 10:33 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Wir trinken noch eins im Stehen, dafür, daß er mich abgeholt hat. Selbstverständlich, sagt er, wie alle anderen auch, die ich in den letzten Wochen gebeten habe. Und trotzdem bin ich froh um den Brief mit der deutlich sichtbaren Plastikkarte. Um die Kennzeichen, um die ganzen Briefe und Bescheinigungen, die mir sagen, daß ich jetzt wieder kann, so ich denn möchte. Ich möchte ein Auto haben, denke ich jetzt. Ich möchte fahren können, auch wenn ich nicht immer dahin will, wo ich hinfahren muß.

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Und dann am Ofen. Vereinsgerede, Gerede von Kranken und Gesunden, von Übergewicht und Sport und davon, wer jetzt wo und wie. Ich sauge das auf.

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Ein Faschingsball in einer halben Halle. Die Mädchengruppe einheitlich kostümiert und darum um so unterschiedlicher. Und daß sowas für mich nur an Fasching funktioniert, wo ich sie doch sonst so gern verlache, die modisch Uniformierten.

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Daß mein Senior meine Musik hört.

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Wie ich das Aufflammen von Xenongaslampen verehre.

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Ihr Blick durchbohrt ihn, seine riesigen Muskelberge arbeiten hilflos in seinem Fleisch. Sie weicht. Abwehrende Hände, und er sieht aus, als würde er sich in diese messerscharfen Nägel werfen wollen, um sich nötigenfalls aufzuschlitzen, wo ihn diese Hände doch so lang umarmt, gehalten, gestreichelt haben. Vielleicht schaffst Du es, irgendwann dankbar zu sein, denke ich. Ich würde es Dir wünschen.

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Fährst Du mich nach hause, fragt sie katzenzahm, und ich sage ja und flüchte dann.

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Geschrei von draußen. Ich setze mich auf, steige aus dem Bett und stiere in die Nacht. Ihre Stimme. Das Geschrei geht ins Crescendo. Ich ziehe meine Jacke an und will nach draußen. Hier wird niemand geschlachtet, sage ich lächelnd. Als ich an der Tür stehe, staubt ein Auto vorbei. Dann Ruhe.
Auch recht.

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Mal wieder Ordnung machen, Überweisungen schreiben, sowas. Das Telefon brummt. Pflügen.

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Eine Zeitlang warte ich noch, ob ich hoffen soll, weiß ich schon nicht mehr. Es wird spät und später, und irgendwoher weiß ich, daß sie nicht kommen wird. Planänderung wahrscheinlich.

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Zum Mittag die Gören. Ihr seid schon recht, ihr seid schon rotzfrech genug, daß man euch loslassen kann.

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Ich werde pünktlich fertig, und das ist ja auch selten. Die Grenzen sind verschoben. Da ist ein neuer Zaun. Pfähle. Das stimmt so nicht, denke ich, reiße die Pfähle heraus und werfe sie auf das Dach, auf dem ich früher nach jedem Sturm die Platten getauscht habe. Nicht mehr meins, heute.

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Umgezogen und geschminkt, ein Foto mit zwei Damen im Arm. Großes Gelächter. Dritter Platz. Großer Jubel, denn im Feiern sind wir Erste. Wir werfen das Trainermädchen in die Höhe, das sich stocksteif macht, wieder und wieder, und genießen uns selbst. Wir schreien uns an, in der Kabine, tollen durch die anderen Umkleiden, zeigen den anderen, wie gefeiert wird.

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Er kennt sie alle an der Bar. Redet leichtfüßig und lacht, und wie er sich anpasst und verändert! Wir trinken noch eins aus Plastikbechern und eins aus Gläsern, und irgendwann tanzen wir und sie mit uns. Zeigt mir ihren Ring und Bilder von ihren Kindern, und darauf trinken wir noch eins, daß es auch glückliche Menschen geben muß.

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Verstrahlt und bärtig, mit den Resten von Farbe in den Brauen sitze ich dann zwischen Leuten, die so aussehen, als würden sie jeden Sonntag auswärts frühstücken. Als wäre das normal. Wir sitzen dann da und reden nebeneinander, wie wir sitzen, weil man sich hier nicht gegenüber sitzen kann. Arme verschränken, Arme öffnen. Haben Sie schon einmal elegant Kresse gegessen? Kaffee aus großen Schüsseln ohne Henkel getrunken? Ich streiche mir über die Stoppeln, und irgendwann hat es sich dann auch auserzählt, und ich schleiche über die vereisten Straßen nach hause.

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Zusammensitzen hier, zusammensitzen dort. Bluthochdruck, Hochzeit, Skiurlaub, Wiedereingliederung. Energiesparlampen, Wasserkosten, nasses Holz im Ofen, und wie sich der Geschmack von Milch verändert. Es ist schön mit euch.
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