Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 18. 03 13

18.03.13, 11:01 | '10000 lightyears from home'
Ich gehe früh, es war eine harte Woche. Einseitige Wochen sind immer hart, auch wenn es Fortschritte gibt.

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Fortschritte. Ein paar Zeilen Code. Ein paar Stunden Lesen in Dokumentationen und Handbüchern. Nachdenken über Workspaces, Parallelisierung, Vektororientierung und die Übergabe von Daten. Und darüber, was das alles mit Konzeptarbeit zu tun hat.

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Flucht vor dem Menschenverstand in die Simulation.

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Und daß, nach allem Abwägen, dann doch der Kundenwunsch bestimmt.

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Was ich nicht schaffe: Die Lager dieser doofen Pedale austauschen.

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Das ritualisierte Elterngespräch.

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Wir rühren den Güllekeller auf. Der Bauer fährt, ich laufe neben dem Hinterrad her und bediene die Knöpfe auf dem Kotflügel. Das haben wir so oft geübt, daß es wortlos klappt. Blaue Stunde, sage ich irgendwann, und wir stehen auf diesem hämmernd vibrierenden Betondeckel in der Dämmerung, der kleine Vierzylinder jubelt im Hintergrund, der Propeller prügelt auf die Schwimmdecke ein und die Gülle plätschert an den Wänden. In unseren grünen Overalls, in grünen Stiefeln, mit schwarzen Händen. Es war ein weiter Weg bis hier.

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"Nachtschicht?" fragt die Bäurin, und ich nicke.
"Das gefällt Dir", sagt sie, und ich kann mein Lachen kaum noch bei mir behalten.

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Bis ich dann die Pumpe aufgetaut habe, stehe ich eine halbe Ewigkeit auf dem runden Stahl des Fasses, die Lanze des Hochdruckreinigers in der Hand, und der heiße Dampf quillt aus der Luke, gefriert auf meinen Schuhen, und freihändig stehe ich da und winke dem Bauern, der unten vorbeimarschiert.

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Aber zuerst muß der Boden gefrieren. Ich setze mich also zuhause an den Schreibtisch und finde Daten, die im Strudel einer ungewollten Systemwiederherstellung verlorengingen.

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Um Mitternacht fahre ich durch das Dorf. Gruppen von Jugendlichen laufen durch die Straßen, lachen und winken. Ein Fest für die Austauschschüler aus Spanien. Sie tragen kurze Röcke und kurze Mäntel, während ich mich in meine schwere Jacke kauere. Welt.

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Beim zweiten Fass werde ich geduscht. Bis ich meine Hosen los bin, sind sie gefroren.

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Umgezogen und anrüchig fahre ich weiter. Langsam aus dem Hof. Auf der Straße schnell und mittig. Hier fährt niemand bei Nacht. Ich friere, weil ich immer wieder absteigen und in der Kälte warten muß, bis das Fass betankt ist.
Und gegen vier wartet man ja doch nur auf den Morgen.
Ich schalte die Radiosender durch. Hample auf dem Sitz. Kalt macht wach und warm macht müde.
Schlagartig: Dämmerung. Ich kann Bäume erkennen. Den Fahrbahnrand. Die Silhouette des Waldes im Osten. Ich mache ein paar Fotos, bis es mich an die Pfoten friert.

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Als die Sonne aufgeht, gerate ich in Hektik. Die Sonne beißt sich durch das Eis, und dann kann ich nicht mehr fahren. Dann trägt mich der Frost nicht mehr über den nassen Boden. Spurlos fahren ist auch so ein Ideal.

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Um halb sechs kommt mir der Bauer entgegen, und kurz darauf der andere. Wir grüßen. Nachtfahren sind nichts Besonderes. Nur ein Stück Arbeit zur richtigen Zeit. Und ein wenig Quälerei, ein wenig Selbstüberwindung. Und was geht, wollte ich ja schon immer wissen.

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Gegen zehn frühstücke ich kurz mit der Tochter des Bauern. Der Engel trägt die Haare vom Schlaf verwuschelt zu einem wilden Knoten gebunden und sieht deutlich müder aus als ich. Wir lachen uns an. Geh wieder ins Bett, sage ich.

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Gegen Mittag ist der Spaß vorbei. Es taut. Die Wege werden nass, die Wiesen tief. Ich höre auf, und diesmal zähle ich fast gar nicht den Unterschied zwischen Soll und Schaffen.

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Alte Marksteine suchen in der Sonne. Immer wieder schaue ich auf in den blauen Himmel. Meistens stolpere ich dann über Schwarzdornen und Brombeeren. Und manchmal finde ich im Fallen auch die Marksteine, vom Moos bewachsen und vom Alter schief.

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Beim Mittagessen ein bißchen Englisch, ein wenig Französisch, und ich lerne, was Kuh auf Spanisch heißt.

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Noch ein neues Gesicht. Wie es sich gehört, frage ich: Wem gehörst Du denn? Was machst Du? Und im Sommer den Hof pflastern?
Freunde von Bauerntöchtern müssen manchmal sehr tapfer sein.

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Kleinarbeit. Basteleien. Durchs Dorf fahren.

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Dann duschen. Dann Geburtstag. Meine Augen wollen nicht mehr recht.

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Alte Freunde, Nähe und Ferne. Seltsames Gefühl, schöne alte Bilder. Eine gemeinsame Sprache, neue Worte. Ich lerne.

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Ich gehe als einer der letzten. Die Alten vom Club sind noch da an der Bar. Aber das muß nicht mehr, nicht heute, es würde nichts besser machen.

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"Onkel Jimmy" steht auf dem Geschenk. Zwei Paare, zwei Kinder, und Onkel Jimmy. Come of age, alter Mann, und daß man eben nicht alles alleine kann. Schon recht so, sage ich ein paar Mal.

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Familienfeier. Ich erzähle von meiner fixen Idee, und da bin ich bei den großen Reisenden ja immer richtig. Eine Matratze, ein paar Kisten, das Rad. Endlich neben meinem Rad schlafen, lache ich.

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Es sind nicht die Fotos, sondern die Bilder.

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Und dann stehe ich zwischen zweien. Menschen, die es sich gut gehen lassen. Jeder für sich. Jeder auf seine Art. Jeder mit seinen Sorgen. Es gibt wohl keinen Weg, denke ich. Sondern nur den Horizont.
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Donnerstag, 21. 06 12

21.06.12, 08:45 | '10000 lightyears from home'
In der Zeitung die Anzeigen. Ein Name blinzelt mich an. Vor ungefähr zwölf Jahren habe ich sie gesehen, rechne ich mir anhand meines Abschlussjahres aus, habe nie gewusst, was ich zu ihr sagen soll. Einige Male stand ich da und wusste nicht, und dann habe ich noch Fotos gemacht, auf einer Weihnachtsfeier. Die Fotos sind heute wie Fremdkörper im Album, zeigen sie doch Menschen. Und die wollten sie nie sehen.

Und während sie am Samstag heiraten werden, verlege ich Kabel.


Laufe ohne Socken umher.


Und mache etwas ganz anderes.


Manchmal komme ich mir sehr jung vor. Und manchmal frage ich mich, was ich denn die ganze Zeit über getan habe. Wie ich so alt werden konnte, ohne etwas zu tun.

Da steht etwas von starken Händen, und genau das wünsche ich euch. Ihr macht das schon. Ich brauche noch ein bißchen. Schaue euch wieder zu, wortlos und von Weitem. Der Abstand wächst.
# |  Rauchfrei | Gas geben

Sonntag, 20. 05 12

20.05.12, 02:16 | '10000 lightyears from home'
Der gute Vorsatz für den Juni: einmal ausgehen. Lieber Texaner, tu wenigstens so, als wärst Du ein normaler Mensch. Und nicht nur eine Fahrmaschine.
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Mittwoch, 14. 03 12

14.03.12, 20:35 | '10000 lightyears from home'
"Inaktive Sim" sagt das Telefon, und das war es dann auch.

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Im Stall wieder mehr Routine. Mehr Handgriffe, mehr Übersicht, und plötzlich sind die Stunden wieder zu kurz, weil sich dies und jenes aufdrängt. Ein quietschendes Lager. Eine Warnleuchte. Eine dunkle Ecke.

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Den vielleicht letzten Nachtfrost der Saison nutze ich, um frühmorgens zum Gülletrac zu werden. Ich lese von den Nachtschwärmern und von Coolness, von Vorträgen und Feiern und fühle mich ganz wohl so.

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Den beiden, die sich hier niederlassen, gönne ich den Traum. Ich bin dann doch überrascht, wie heruntergekommen das Haus ist. Wir können uns auf dem Balkon aufstellen, einer links, einer rechts, sage ich. Hosen runter, und beide treffen wir in die Nachbargärten. Das lassen wir dann aber doch, weil sich der Bautrupp des vorigen Wochenendes wohl schon als Hausbesetzer vorgestellt und die Nachbarn geärgert hat. Kleinspießeridylle links, mit Schlappen an der Glastür zum Garten, mit akkurater Hecke zum Reihennebenhausterrasse, mit kritischem Blick zu uns staubigen Flegeln. Rechts Grossspießerterrasse, mit schrägem Wintergarten, Riesengrill in Edelstahl, mit Sitzgruppe in Natursteinumfriedung und Gartenhütte. Vielleicht hundert Quadratmeter. Herrjeh. Mein Herz.
Wir reißen also Wände heraus und tragen sie kleingeklopft in Eimern zu den Containern. Und ich muß zugeben, daß ich mir sowas nicht vorstellen kann. Mit Wänden zwei dünne Schläuche von Räumen, duster und eng. Ohne Wände dann schon besser. Viel besser.
Im Keller war ein Räucherofen eingemauert. Da gab es nichts, das waren eben ein paar Ziegel. Und unterm Dach macht der Kamin einen Versatz in zwei Richtungen. Wir klopfen alles weg, auch die Abtrennungen im Gewölbekeller. Nur den hundert Jahre alten Most, den lasse ich stehen und schließe ganz vorsichtig das Fass wieder, bevor ich alle Fenster aufreiße. Hallelujah!
In der Küche ein Radler, und er bietet mir ein Zimmer an. Kann man immer brauchen.
Nicht hier, denke ich. Nicht hier, nicht hundert Kilometer von zu hause.

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Abends werden wir an der Tür begrüßt. Die Freundin ist weg, der Bruder ist da. Ich weiß nichts zu sagen. Die Bilder an der Wand sind umgedreht. Beim dritten Spiel werde ich müde und vergesse, wer am Zug ist.
Ich bin ein guter Verlierer. Ich bin ein schlechter Spieler.

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Auf der "Chronik" eines Toten nur noch sein tägliches automatisches Horoskop. Es sieht nach Glück aus. Zwei Monate weiter hinten der letzte, der sich hier von ihm verabschiedet. Wie klein die Menschen aussehen zwischen den Maschinenbotschaften. Wie unpassend ihre Bilder sind, die sie lachend zeigen, tanzend, Arm in Arm.
Das Leben geht weiter.

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Montags bin ich mir immer sicher.

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Ein wahnwitziger Streit. Nach einem Tag weiß ich den Grund nicht mehr, und ich möchte darin ein gutes Zeichen sehen.

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Da reißt einer ein Haus weg, und ein anderer hilft ihm. Ein Architekt, ein Professor, und dann ich. Ich säge die Balken ab und reiße das Garagentor aus der Verankerung. Den eisernen Sturz schlage ich aus der Wand. Ich klopfe mir den Staub aus den Hosen, bevor ich ins Auto steige, und denke, daß man irgendwann nicht mehr bauen sollte, wenn man kein Bauigel ist. Bau, bis Du dreißig bist. Und dann tu etwas anderes.

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Dreißig. Oha.

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Die zerlegte Funkuhr harrt noch ihrer Verwertung.

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Geld für ein Hobby ausgeben. Für ein Späßchen. Klappt mal so, mal so.

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Meine Entfaltung ist zu gering, und das kann man auch ausrechnen.
Ich fahre zu schnell mit den großen Blättern. Selbst bei den üblichen zweistellig-prozentigen Steigungen kann ich nicht langsamer. Keine Gänge, keine Kekse. Und dann bin ich kaputt und wundere mich. Sechsundzwanzigdrei, sagt das Streicheltelefon, und das im März.
Ich hatte einmal einen Lehrer, der mir die kleinen Gänge pries. Die ersten tausend im Ersten, war seins. Dann tausend mit links, und tausend mit rechts. Dann loslegen. Ich habe diesen Sport dann für Jahre außer Acht gelassen.

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Ist all das nicht vielleicht der sinnlose, verzweifelte Versuch, kein leeres Leben zu führen?

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And when you think you've got it all worked out
That's probably when they'll put you in the ground
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Eine Strömungsgleichung, an der ich mir schon länger die Zähne ausbeiße: Saint-Venant-und-Wantzel. Und das als Ingenieur.

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Mehr Höhere Mathematik.

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Mehr Wald.

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Die Großmutter wird fünfundachtzig. Der Großvater neunzig. Sieht doch alles so schlecht nicht aus.

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Am Telefon stört sich einer daran, daß man jungen Bauern vorspiegle, ein Mann könne dreihundert Kühe. Ich bin mir nicht sicher, ob ein Mann dreihundert Kühe kann. Aber ich weiß, daß jeder Stall einen Mann ausfüllt. Es gibt immer mehr Arbeit als Arbeiten. Immerhin das habe ich gelernt. Und das mag ich.
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Mittwoch, 4. 01 12

04.01.12, 08:50 | '10000 lightyears from home'


Vor zehn Jahren habe ich diesen Sinnspruch von einem Lehrer bekommen. Vor der Prüfung, eingerollt und zusammen mit einem Schokoriegel. "Gegen die Nervosität", sagte er, teilte jedem Prüfling ein Sprüchlein und Schokolade aus und verließ dann den Raum.
Zehn Jahre.
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Mittwoch, 14. 12 11

14.12.11, 20:32 | '10000 lightyears from home'
Und als ich an seinem Schreibtisch lehne und er mir am Taschenrechner vorrechnet, daß ich noch die komplette Strecke bis zum Mond zurücklegen müßte in meinem Berufsleben, mit dreiundzwanzig Kilometern einfach, vielen Tagen und einigen Jahren, da gefriert mir kurz das Lächeln.
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Mittwoch, 2. 11 11

02.11.11, 13:57 | '10000 lightyears from home'
Sehnsucht nach irgendwas. Nach dem Blick auf die beiden großen Türme vielleicht. Nach dem Innenhof und der Zeit und den kurzen Wegen. Nach den Freunden, links und rechts. Nach der Sehnsucht, die mich von dort wegtrieb. Vielleicht muß man sich nach irgendwas sehnen.
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Donnerstag, 6. 10 11

06.10.11, 18:34 | '10000 lightyears from home'
Einmal im Jahr sollte man Randy Pauschs letzte Vorlesung hören. Viel mehr muß nicht.
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Sonntag, 31. 07 11

31.07.11, 10:47 | '10000 lightyears from home'
Manchmal, da möchte ich mich auch schön anziehen.
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Dienstag, 19. 07 11

19.07.11, 22:12 | '10000 lightyears from home'
Und dann ist es abends zehn, es regnet kräftig, dunkel ist es schon wieder und die letzte Baustelle schließt, der Stall ist verrammelt, die Schlepper stehen dunkel und kalt da, es sind alle Kabel gelegt und alle Tapeten von den Wänden gerissen, und dann radle ich langsam durchs Dorf und werde langsam naß und nässer, von den Dächern prasselt der Regen, plätschert in den Rinnsteinen und klimpert unter den Dohlendeckeln. Und da denke ich wieder, daß ich mich orientieren muß. Daß ich tun muß, was mir Freude macht. Daß ich es aufladen muß mit Müssen, wie ich alles auflade, was mir Freude macht. Daß ich gern arbeite, meinen Händen zusehe, daß ich gern erschöpft bin, daß ich gern viel mehr tun würde, daß ich irgend etwas tun muß.
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