Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 10. 03 14

10.03.14, 15:49 | 'Power to the Bauer'

Die Entjungferung des fabrikneuen Pfluges bleibt mir vorbehalten. Das Recht der ersten Furche quasi. Vielleicht auch nur, weil keiner dran will an einen Pflug, an dem noch keine Einstellung passt, an dem noch auf jeder Spindel der Lack klebt, und von dem noch keiner weiß, ob er denn nun passen wird.
Schwerer ist er, und die Schare sind stärker gewendelt. Es sind eben doch lehmige Böden hier. Ich drehe hier und dort, und schon nach ein paar Bahnen bin ich daheim.
Eine gute Stunde Gewöhnung lassen sie mir, bis der kleine weiße Lieferwagen über den Feldweg heranrauscht. Beim Bremsen wankt er, und ich merke mir irgendwas mit Schrauben und Blattfedern. Und obwohl ich längst zu alt bin für Ackerparty und Schlepperdisco, drehe ich unwillkürlich das Radio leiser.
Der Bauer scharrt in der Schlussfurche, die sich wie ein scharfer Strich durch die Wiese zieht. Ich halte an, als ich bei ihm bin und öffne die Tür. Nach einige Sätzen vom Untergriff, der sich durch das schärfende Schleifen im Boden erst einstellen muß, von den wenigen Ampferwurzeln, die ich gesehen habe, von diesem und jenem, lässt er mich wieder und verschwindet mit Lieferwagen und Staubwolke.
Ich ziehe weiter meine Bahnen, die rechte Hand auf der Klaviatur der Hebel und Knöpfe, die linke am Lenkrad und an der Wendeschaltung. Ich arbeite mechanisch, und das bedeutet gute Arbeit, und freie Gedanken bedeutet es noch dazu. Es fängt wie so oft damit an, ob das Arbeit genannt werden darf, wenn es doch nur Spaß und Spiel ist. Ob und wieviel man arbeiten darf und soll und muß. Und was ich denn nun lieber täte, nicht allgemein, sondern heute an diesem sonnigen Samstag. Und mir fallen die fünf Räder ein, die in unterschiedlichen Zuständen zwischen zerlegt, mit plattem Reifen über unerprobte Neuerungen bis hin zu blankgewienert herumstehen. Aber für den Sonntag ist auch noch schönes Wetter angesagt, und ich werde radelnde Begleitung haben, und ich habe schon eine Idee von einer Hütte und einem halben Hähnchen und meinen käsigen Beinen auf einer sonnenwarmen Bank. Ich bin es zufrieden, bis auf den Schnupfen vielleicht, und an der Stelle kommt mir die Idee, es auch mal gut sein zu lassen. Vielleicht ist das ja richtig für mich, auch wenn es sonst für keinen passt? Den Samstag in Schmutz und Anstrengung zu verbringen und mit dem großen Plan im Kopf, den ich immer sofort ausbreite, wenn mir jemand sagt, was noch alles zu tun ist. Meist endet mein Plan in irgendeiner Nacht oder noch danach, aber das macht nichts. Ich kann Sofa, mittlerweile, auch wenn ich darauf nur Gitarre übe. Ich kann Bett, und am besten kann ich das morgens kurz vor der Abfahrt des Linienbusses. Ich muß mich nicht sezieren, und wenn ich nicht normal bin, so bin ich doch meist recht zufrieden.
Dann denke ich an mein Alter. Daran, daß man das doch längst nicht mehr tun sollte. Daß man vielleicht für irgendwas zu spät kommt. Für Kinder, für eine Familie, daß man sich jetzt kümmern müsste, damit sich später jemand kümmert. Und zum ersten Mal bekomme ich Angst ob des Abstands zwischen mir und normal. Die verschwindet nicht, als ich am Samstagabend noch mit dem Ersatztierarzt Kühe suche, der sich immer wieder für sein Zuspätkommen entschuldigen möchte und verwirrt ist, daß ich nicht zur Familie gehöre, sondern zum Hof. Die verschwindet nicht, als ich später noch ein wenig in einem englischen Jugendbuch lese, und nicht, als ich am Sonntagmorgen früh aufwache, das Rad ein wenig streichle und losradle. Die verschwindet nicht, als ich Intervalle am steilsten Stückchen Berg fahre, das in der Gegend aufzutreiben ist, und sie verschwindet auch nicht, als mein Herz hämmert und meine Ohren rauschen, daß ich kaum mehr die lachenden Wanderer hören kann. Sie verschwindet nicht, als ich bei der Einkehr Bekannte treffen, die lang vor mir sitzen und die noch lange sitzen werden, als ich längst schon wieder weiter will. Die verschwindet nicht, als ich abends noch schnell die Kühe füttere und dann mit einem Ausdruck in der Hand über den Acker wandere, um die Grenzen zu suchen. Sie verschwindet nicht, als ich dann beherzt eine Furche in die Landschaft setze, sei sie, wie sie will, und spät in der Nacht zu meinen Eltern in ihr Wohnzimmer schaue, wo ein Film die Landschaft Schottlands besingt. Sie verschwindet nicht, als ich denke, daß mir das Licht fehlt und die langen Stammtische, die wohl nicht wiederkehren werden, weil keiner mehr wiederkehrt, und nicht, als ich Nachricht bekomme von der Freundin, die viel zu weit weg ist, als daß man überhaupt telefonieren könnte. Sie verschwindet nicht, als ich das Rad ins Auto lade, den Rechner und ein Buch oder zwei, und die anderen zurück auf die Stapel packe, die längst aus dem Regal herauswachsen. Sie verschwinden nicht, als ich ins Bett falle und kurz darauf wieder heraus, als ich ins Büro fahre und Nachricht bekomme, daß ich in den Libanon fahren werde. Sie wird mich begleiten, diese Angst. Und mir fällt nichts ein. Es ist eine hilflose Angst, die ich drehen und wenden kann, ohne Ecken und Kanten, und darum lässt sie mich auch schlafen, weil ich keinen Ansatz finde, sie nicht knacken kann. Sie ist einfach nur da, und sie wird es wohl bleiben.
# |  3 RauchzeichenGas geben