Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.

29.06.15, 23:36 | '19th nervous breakdown'
Und an eben diesem heutigen Montag kam kurz nach vier mein Chef zu mir mit der Mitteilung, dass ich ab Mittwoch keinen Zutritt mehr habe. Du verstehst sicher. Das war also dieses.

Rauchzeichen




strelnikov   |   30.06.2015, 11:55   |  
Naja, das sowas mit Verträgen schief geht ist ja die eine Sache. Aber da hilft ja der Gesetzgeber insofern das man einfach per Anwesenheit weiter beschäftigt ist. Aber Chefs die nicht mal die Eier haben einem zu sagen, das man nicht weiter beschäftigt wird, und das dann über einen nicht funktionierenden Zutritt regeln, braucht wirklich kein Mensch.

Das schlimme ist, das sowas wohl System hat im Wissenschaftsbetrieb. Habe schon ein paar Horrorgeschichten gehört von Leute die sobald sie an der Diss arbeiten wollten einfach nicht mehr bezahlt wurden und dann den Tipp bekamen ihr Arbeit als Hartz4-Empfänger zu beenden.

texas-jim   |   01.07.2015, 07:02   |  
Ich denke, ich muß die Situation etwas erläutern.

Ich bin Angestellter einer Hochschule ohne Promotionsrecht. Die Promotion läuft über die Universität, an der ich schon studiert habe. Einen Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich in der Entwicklung eines Unternehmens. Das Ganze hat einen rechtlichen und formalen Rahmen, ein Promotionskolleg. Da steckt noch das Land als Förderer mit drin, und ein weiteres Unternehmen. Insgesamt gibt es zehn Promotionsplätze im Kolleg.

Vorteil und Ziel dieser Konstruktion ist es, daß Hochschulen und Unternehmen eng verknüpft werden und ein schneller Austausch von Informationen gute Forschungsergebnisse ermöglichen soll. Vorteil für die Doktoranden ist einerseits dieser enge Kontakt zu den Unternehmen und andererseits die volle Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Industriedoktoranden verdienen zum Teil deutlich weniger. Außerdem ist mein Kontakt zur Hochschule und den Professoren dort sehr viel enger als bei Industriepromotionen üblich, glaube ich.

Es ist nun so, daß eine solche Art von Kollaboration rechtlich schwierig zu sein scheint. Ich brauch ja in irgendeiner Form Zugang zum Unternehmen, und dazu brauche ich dort irgendeine rechtliche Funktion. Dies wurde für alle Doktoranden als eine Art Werkvertrag geregelt. Nun hat sich der Wind in den letzten Jahren gedreht, und es wird mehr darauf geachtet, daß es nicht wie Leiharbeit aussieht, die es ja auch definitiv nicht ist, sondern eine Kooperation zwischen Hochschulen und Unternehmen unter Schirmherrschaft des Landes, die allen Beteiligten Vorteile bringen soll. Das ist keine Ausbeutung, muß ich nochmal klar sagen.

Eine Verlängerung um ein Jahr war von Beginn an vorgesehen. Der Arbeitsvertrag mit der Hochschule beinhaltet allerdings den Vorbehalt einer Finanzierung durch das Promotionskolleg. Und eben diese Finanzierung ging in irgendeinem System nicht durch, vermutlich weil Werkverträge und Leiharbeit gerade ein ziemliches Politikum sind und sich niemand diesem Risiko aussetzen möchte, auch wenn es bei mir ja nicht zutrifft.

Von alldem habe ich leider erst recht kurzfristig erfahren. Ich hatte mich auf die Zusagen aller Beteiligten verlassen und mich tatsächlich nicht arbeitssuchend gemeldet, weil ich nach meiner Diplomarbeit vom Arbeitsamt noch Monate lang böse Briefe und Zwangsvorstellungsgesprächseinladungen erhalten habe, obwohl ich längst Arbeit hatte. Außerdem möchte ich meinen Betreuer im Unternehmen nochmal in Schutz nehmen, der wirklich alles getan hat, um die Verwaltung zu überzeugen. Ebenso an der Hochschule: sowohl mein Professor als auch der Dekan waren sofort bereit, mir einen Vertrag auszustellen, um die Mittel werde man sich schon kümmern. Das alles an einem heißen Dienstagnachmittag in Gegenwart eines ziemlich blassen Doktoranden, der aus Protest schon in kurzen Hosen aufgelaufen war. Nun gibt es in diesem Promotionskolleg noch ein Gremium, das steuert und regelt, und mit dessen Hilfe konnte gestern abend offensichtlich noch eine Lösung gefunden werden. Ich wurde da per Kurznachricht und Mail bis in den Abend hinein informiert und überhaupt nicht allein gelassen.

Jetzt dauert natürlich alles noch ein bißchen, bis sich die geweckten Systemhunde wieder schlafen gelegt haben, aber ich hoffe wirklich, daß nun alles glatt läuft. Und ich selbst werde mir wieder einmal merken, daß mündliche Zusagen eben nur mündliche Zusagen sind, daß immer etwas schief laufen kann und das auch tun wird, und daß es besser wäre, einen Plan B in der Tasche zu haben. Etwas zittrig bin ich trotzdem noch. Da merkt man erst einmal, wie sehr man an einer Arbeit hängt. Vor allem, wenn sie ihr Ziel noch nicht erreicht hat.
Mitrauchen
 

arboretum   |   30.06.2015, 15:24   |  
Wenn Sie morgen dort noch gearbeitet hätten, hätten Sie dadurch automatisch einen unbefristeten Arbeitsvertrag gehabt.

Trotzdem ist es verdammt feige von Ihrem Chef. Er hätte mehr als genug Zeit gehabt, Ihnen zu sagen, dass Sie keinen neuen Vertrag bekommen. (Sie haben hoffentlich daran gedacht, sich vor drei Monaten schon einmal bei der Arbeitsagentur zu melden, weil Ihr Arbeitsvertrag bis heute befristet war.) Hoffentlich gibt Ihnen dieser sozial inkompetente Mensch nun wenigstens eine sehr gute Beurteilung für Ihr Arbeitszeugnis. Lassen Sie sich bloß nicht mit einem halbguten Zeugnis abspeisen, kämpfen Sie notfalls darum.

Sie haben mein vollstes Mitgefühl.

texas-jim   |   01.07.2015, 07:04   |  
Haben Sie vielen Dank, ich habe die Situation oben nochmal erläutert. Ich denke, daß den Beteiligten nicht ganz klar war, daß es tatsächlich keine Freigabe geben würde und was das für mich im Ernstfall bedeutete.

vert   |   03.07.2015, 03:35   |  
och, ich denke mal, dass es manche genau wissen und es ihnen einfach mal am arsch vorbeigeht. das absurdeste was ich je erlebte war die klare ansage, mich auf eine stelle zu bewerben. gespräche, gespräch, alles durch, jetzt muss ja nur noch auf der nächsten rektoratssitzung die finanzierung genehmigt werden und...
da wusste ich dann: die tage im bergwerk sind gezählt.

texas-jim   |   06.07.2015, 09:57   |  
Ja, an dem Punkt des Nichtwissens oder Nichtjuckens knabbere ich derzeit auch noch. Und der Witz ist: Ich werde in Abwesenheit nominiert, das Unternehmen bei einer Konferenz zu vertreten, was eine Menge Vorbereitungsarbeit bedeutet.
Mitrauchen
 


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