Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 15. 06 15

15.06.15, 12:35 | 'Der Vollstaendigkeit halber'
Als wäre das Schreiben ein Abfluss, der mir verstopft ist, den ich gerade nicht mehr öffnen kann. Es hat sich so viel gesammelt, so vieles hat mich beeindruckt, daß ich kaum mehr beginnen kann, kein loses Ende mehr finde, ohne die anderen alle zu vergessen. Wider das Vergessen war stets mein Antrieb hier.
Jetzt hangle ich mich an meinen Bildern entlang, und sie bilden doch nur grobe Maschen in dem Netz, in dem ich gern alles fangen möchte.

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Einkäufe. Ich habe eine Kette erst gewechselt, als die Kettenlehre nicht einmal mehr zwischen die Glieder passen wollte. Damit war auch die Kassette fällig, und die habe ich in der Hektik eben vom anderen Rad gestohlen. Und nun stehe ich da mit der fixen Idee, mit einer neuen Kurbel, Kette und Kassette auf 2x10 umzubauen, wenn ich denn schon eine Kassette brauche. Aber da ist I-Spec, da sind irgendwelche Details, da rechnet man Kettenlängen und Übersetzungen hin und her, denn ein kurzer Käfig im Schaltwerk wäre doch auch sehr fein; und so kommt man doch zu nix. Aber man gibt auch kein Geld aus.

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Kundenentbindung selbst erlebt.
Keine Werbung? Das kann ich nicht, das gibt meine Liste nicht her, dann muß ich die Nummer löschen. Seitdem Werbe-SMS.
Keine Erreichbarkeit am Telefon? Schreibe ich eben eine Mail und bekomme die lapidare Antwort, man werde sich melden.
Lieferzeit? Normal eine Woche, und dann legt man sich einfach mal zwei Wochen in ein Loch, damit einen der Kunde nicht finden kann. Ihr scheint es echt nicht nötig zu haben, ey.

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Enttarnt war ich doch längst, und anonym bin ich auch nicht wirklich. Dazu gibt es dann doch zu viele Details, zu viele Bilder, zu viel Zeit hier. Aber angesprochen zu werden fühlt sich schräg an. Es hemmt mich, unerklärlich, denn was soll ich erklären? Daß ich lieber vor hundert Unbekannten als vor einem Dutzend Bekannter vor mich hin denke? Die Unbekümmertheit muß erst wieder wachsen.
Und die Vielfalt, die ich predige, die ich gern habe, die ich verteidigen will, die muß ich denn auch zeigen. Ich will anders sein können, ohne mich zu verstecken, damit auch andere anders sein können. Lass Dich im Kleinkram nicht auf Linie bringen, sage ich mir.

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Wie seltsam ruhig ich am Routeneinstieg bin. Ich höre mir das nette Geplapper an, ohne etwas zu sagen. Ich bemühe mich um ein Lächeln, turnusmäßig und grundlos. Ich mag euch ja trotzdem, möchte ich sagen - nur jetzt möchte ich mich konzentrieren.
In der Wand dann die Frustration nachlassender Kraft und zunehmender Angst, und wie ich beides sofort vergessen habe, wenn ich wieder am Boden stehe und mir den Schweiß von der Nasenspitze puste.

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Die Amerikanerin trägt ein rotes Kleid mit weißen Punkten und erzählt lachend von ihren Motorrädern. Von ihrem Rennrad.

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Angefixt von ein paar Minuten Einradfahren. Nun kriegt man mich also schon mit nur einem Rad. Wie einfach das ist.

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Wir treffen uns zum Bouldern in der sündig schwülwarmen Halle. Später regnet es noch, aber bis dahin sind wir längst verschwitzt und klebrig. Eine blonde Strähne klebt an ihrem Ohr, als wir nebeneinander auf der weichen Matte liegen. Wir führen uns vor, wie wir im Schlaf liegen, und ich denke kurz daran, wie großartig ein Sport ist, bei dem man in den Pausen als erwachsene Menschen nebeneinander liegen, selbstgebackenen Apfelkuchen essen und sich verschwitzt anlächeln kann. Man kann sich gegenseitig festhalten, während man auf den Sesseln den Rücken stärkt, man kann sich mit der langen Griffbürste ärgern, bis man halb aufeinander sitzt und dem anderen die Arme niederdrückt, bis man erst daraufkommt, was man da tut und ablässt, ganz ohne Verlegenheit.

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Es gilt nun, noch mehr zu bewahren, was man mir anvertraut. Vertrauensschutz.

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Wir trinken noch eins an der Bar, und sie lacht, als ich gegen alle Gewohnheit ein Radler trinke. Wie wir dann selbstverständlich im kühlen Regen stehen, während sie raucht. Wie wir dann selbstverständlich zu ihrem Auto gehen und sie mich mitnimmt, bis zur Haltestelle. Wie wir uns selbstverständlich umarmen, warme an heißer Wange, und wie ich mich wundere ob dieser Selbstverständlichkeit.

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Am Radständer Unordnung, die Räder durcheinander, und erst im Flur erkenne ich, daß da jemand am Schloss gesägt hat. Erfolglos, was ein Glück! und eine Mail an die Polizei schreibe ich dann trotzdem. Angst essen Seele auf, schreibe ich, lösche es dann aber doch wieder. Nüchternheit bewahren

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Samstäglicher Einkauf, im Ort wird ein Fest vorbereitet. Ich bin naß von einem Regenschauer und wundere mich, daß ich hier sein kann. Ich arbeite und wundere mich nicht, daß ich unruhig werde. Vielleicht ist es nur die Enge und die Untätigkeit, denke ich dann.

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Was man nicht alles so hat mit jedem Fahrzeug. Da sind die Felgen so hoch, daß normale Ventile viel zu kurz sind, also flicke ich erstmals einen Rennradschlauch. Ich radle dann über die Fildern, folge einer langen Straße um den Flughafen und hinunter ins Neckartal. Zehn Kilometer sanftes Gefälle, und ich bin ein riesiges, grinsendes Huuiii!, minutenlang.
Ab der Hälfte der Strecke kenne ich mich aus, könnte abbiegen, einen Abstecher in die Vergangenheit machen. Aber die ist mir gerade eh zu nah. Nein, sie ist mir zu fern, sie geht mir nur zu nah gerade, und ich weiß nicht wie ich sie von mir weisen kann, wenn sie mich nachts überfällt, wenn sie mir morgens den ersten wachen Atemzug raubt, wenn sie mich abends in der Dunkelheit vor sich her treibt. Du, denke ich, und Dir davon erzählen, doch das darf ich nicht. Jemand wie Du, denke ich, doch das ist eitel und lächerlich, und Überhaupt jemand, denke ich dann, aber das will ich dann doch nicht. Und so radle ich dahin und denke an Lehrerinnen und Doktorinnen, und ich mache mir Listen im Kopf, die ich schnell wieder verwerfe, wenn ich mich bei einem Aufzählungszeichen ertappe.

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Ankunft in einem leeren Haus. Warum, denke ich, und dann überfällt es mich, daß das die Zukunft sein wird. Fünf Jahre noch, oder vielleicht auch nur drei. Sie werden alt, sie ändern sich, und mein Widerstand kann doch die Zeit nicht aufhalten. Das Altern der Eltern. Die Kaffeemaschine ist zerlegt, der Kühlschrank ist leer, die Läden sind heruntergelassen. Ich lasse mein Rad provokant in der Tür stehen. Heute wird sich niemand daran stören.

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Wir stehen neben einem Minibagger, und dann trinken wir noch eins zwei drei, und ich weiß doch auch nicht. Ich sitze dann auf einer Bank und mir wird trunkenkalt. Ich stehe dann auf einer Schultoilette, wie schon vor vierundzwanzig Jahren. Ich gehe dann schnell, begleitet von Lachen und Musik.

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Let there be Rock!

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I'd run right into hell and back.

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Ich plane ein wenig hin und her, und mit ein wenig Optimismus werde ich schon alle schaffen, denen ich meinen Sonntag versprochen habe. Wie schön das ist, Sonntage zu versprechen!

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Wir reden beim Fahren, mein Kopf ist schwer, die Beine sind leer. Und trotzdem würde ich nicht anhalten, wir haben uns schon immer aneinander gemessen. Wir reden ehrlich, aber voller Freude, und so rede ich am liebsten. Es ist ja nicht alles schlimm, und was schlimm ist, lässt sich im Reden vielleicht verbessern. Alles ist Streben, alles ist von der Sonne gewärmt.

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Der Plastiknobelhobel auf dem Ipf, fast schon drüben in Bayern.

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Wie schön es ist, Interessen zu teilen. Wir kennen gemeinsame Menschen, wir zeigen uns gegenseitig Getreide und Felder.

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Einen Tag Dreck fahren. Ein Tag auf dem Bagger im Regen, und wie schwer dieses Glück wiegt, gedachte Bewegungen durch die Hände in die Maschine zu leiten.

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Im Zelt ist es eng und laut, und ich spüre mich schrumpfen. Ich darf das, sage ich mir, ich muß das nicht mögen. Und so grüßen wir freundlich und freuen uns daran, die größten Chaoten zu kennen, die mit Hut und Krawatte durch den See schwimmen und sich an sich selber freuen. Wir essen, trinken und winken, und ich freue mich am Handschlag.

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Wir radeln in einen Hof hinein, einfach so. Da stehen einige Männer, und plötzlich sitzen wir auf einem Kirchenfest, im Garten eines hunderte Jahre alten Gebäudes, wir essen Kuchen und trinken Kaffee und schauen den Kindern beim Spielen zu.

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Ein schönes Gesicht, denke ich und blinzle in die Sonne. Sie fragt mich irgendwann, und ich stelle mich einfach als den Vetter vor. Ich mache es mir gern einfach. Sie denkt ein wenig nach. Da war mal jemand, sagt sie, bei meiner Tochter, der wollte immer einen alten Porsche fahren. Ja, sage ich leichthin und doch ertappt, dann war das wohl ich. Aber dem Porsche bin ich nicht näher, sage ich lächelnd dazu. Sie scheint unter eine Wolke zu geraten, als sie von der Tochter erzählt, und ich habe plötzlich wieder das Bild im Kopf, auf meinem Sofa, in der Nacht vor meinem Geburtstag, vor tausend Jahren, in der Nacht nach dem Fest, Hand in Hand, in der Wärme und mit nichts im Garten, im Schwimmbad auf dem Rücken in den Himmel starrend, bis mich ein Schwall Wasser traf, und wie dann doch daraus nichts geworden ist. Sie ist weit weg, und ich bin noch da, und vielleicht sind Eltern ja immer so besorgt um ihre Kinder, müssen ihnen das Beste und die Nähe wünschen, und was wäre da besser und näher als ein Ingenieur, dessen einziges Laster Fahrzeuge sind? Die Wolken erdrücken sie fast, und mit fällt nichts ein, als zu sagen, daß die Welt hier für manche zu eng sein muß. Wir sehen uns um, das Lachen im Garten, Sonnenwärme, diese freie, ruhige Anhöhe mit der schönsten Aussicht der Welt. Ich bin ein Trottel und kein Trost, und ich habe heute, dreizehn Jahre später, noch einmal eine Mutter traurig gemacht. Es tut mir leid, denke ich, daß ich all das nicht geschafft habe, nie geschafft habe, in allen Anläufen nicht und nicht mit aller Kraft, mit allem Wollen und allem guten Willen.

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Wir verabschieden uns von der Gesellschaft und von einander, und ich sehe nach Stunden erstmals wieder auf die Uhr und auf das Telefon. Tage, von denen man nicht wissen möchte, daß sie vergehen.
Ich radle also noch ein Stück weiter, bis ich endlich überhaupt nicht mehr kann. Ich bin leer, ich bin erschöpft, und ich wundere mich selbst, daß ich noch mit einem Herrn vom Sicherheitsdienst ins Gespräch komme, daß ich nach Hause finde, daß ich noch essen und trinken und duschen kann, und daß ich dann im Liegen langsam abkühle, wach mit geschlossenen Augen und am Morgen mit schweren Gliedern.

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Zuvor noch am Bahnhof messe ich mein Glück in den Minuten, die ich auf die Bahn warten muß. Das funktioniert nur, wenn man weder weiß, wann die Bahnen fahren, noch wie spät es ist. Hektik kann ich nicht mehr, das geben die Beine nicht mehr her. Ich muß einundzwanzig von dreißig möglichen Minuten warten, und das ist ganz guter Durchschnitt hier. Ich sitze also in der Sonne, ziehe das Telefon hervor und beantworte die gesammelten Nachrichten. Telefoniere laut und lachend mit einem, der wieder am frischgemähten Gras mich wird berauschen lassen. Ende der Woche, sagt er.
Das Bild, das ich gegen Mittag noch gezeigt habe, ist ausgetauscht, und man sieht die feinen Linien der Arme nicht mehr, nur noch Strohhut und Lachen statt Kleidchen, und ich freue mich trotzdem schon und sehe es gar nicht ein, mich nicht an Schönheit freuen zu dürfen.
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