Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Sonntag, 14. 08 22

14.08.22, 16:52 | 'Heller als tausend Sonnen'
Über all der Datensicherei und der Umorganisation meiner physischen Datensicherung ebenso wie der darin befindlichen Strukturen kam ich auf den Gedanken, daß auch auf dem alten Telefon noch Relevantes sein könnte. Zwar habe ich beim Wechsel Dateien und Ordner gesichert und übertragen, aber die Datenbank meiner aufgezeichneten Radtouren wohl vergessen. Das Telefon liegt noch hier, und es fühlt sich reichlich nostalgisch an. Vielleicht war das aber auch nur der Staub. Auf der anschließenden Suche nach einem Ladekabel - der Standard hat sich zwischen dem alten und dem neuen Telefon geändert - fiel mir auch wieder ein, warum das alte Gerät weichen mußte. Es ließ sich schlicht nicht mehr laden. Ich wand es also in den Händen und pustete den Staub aus allen Öffnungen, als könnte ich es dadurch beatmen. Und wie ich so drehe und wende und puste, kommt es mich an, daß da einst noch ein Ladeanschluß war. Ein Magnetkabel, natürlich nur für dieses eine Gerät verwendbar, und darüber auch keine Datenübertragung möglich. Doch zumindest laden sollte ich doch noch...
Jedenfalls saß ich wenige Minuten später in einem Kabelhaufen, umgeben von zwei Kisten, die einst sinnig in "Geräte" und "Kabel" aufgeteilt waren, was ich beim schnellen Einsortieren aber nie sonderlich beachtet habe. Ich nenne es trotzdem Sortieren. Nun. Ich stelle also fest, daß ich noch mehrere alte kabelgebundene Kopfhörer von zweifelhafter Qualität besitze, die außer mir wohl niemand mehr haben wollte. Dabei kann man doch so toll Knoten dran studieren! Nach einigem Zerren und Ziehen begann ich zu überlegen, wer den Gordischen Knoten einst durchschlagen hatte, und was dagegen spräche, den gesammelten Knotenhaufen einfach wegzuwerfen. Gesagt, getan, und so kommt ein gutes Entrümpelungswerk zum endlich gefundenen Ladekabel. Alles gereinigt, alles verbunden, Startknopf.
Noch 81% Akku auf der Anzeige. Damit war der vorige Abschnitt schon mal für nix, das hätte mir wohl auch so gereicht. Nun also die App gestartet, und wie konnte ich auf diesem Bildschirm jemals etwas sehen? Jemals ein ganzes Wort, und das auch noch möglichst korrekt, auf diesem winzigen Tastenfeld eintippen? Was waren wir für Barbaren, für Höhlenmenschen, und ich nehme mir vor, einen alten Zeitungsbericht über dieses wunderbare Telefon zu suchen, um mich einmal darin zu suhlen, früher nichts gehabt zu haben. Wir hatten ja nix! Aber Akku. Akku hatte ich wohl immer, wie es scheint. Denn tapfer lädt das alte Kabel, glimmt die rote Lampe am Kopfende des Telefons, und bis ich mich zurechtgefunden habe in einer völlig veralteten Version der App, die meine Touren aufzeichnet, leuchtet die Lampe schon grün.
Exportieren, auf den schicken neuen Samba-Share hochladen. Und nun sitze ich hier und sehe, wie ich einst durchs Land geradelt bin. Eine Strecke suche ich heraus, von der Ostsee auf die Alb. Fünfeinhalb Tage war ich damals unterwegs, und von manchen Bildern träume ich in guten Nächten noch. Diese Woche werde ich also meine alte Strecke kreuzen. Auf der Schiene dieses Mal, denn wer hat schon die Zeit, das zu machen. Ganze Roman, wer soll das lesen, denke ich ja oft über meinen Notizen, und besonders, wenn sie zu Geschichten werden. So wenig Zeit, so viel zu tun. Und vielleicht habe ich hier in diesem Irrsinn alter Aufzeichnungen, für niemanden etwas wert und mir so hochgeschätzt, etwas gefunden, das ich ändern muß an mir und der Welt und der wundersamen Seltsamkeit, die immer noch dazwischen liegt.
# |  2 RauchzeichenGas geben