Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Montag, 24. 10 16

24.10.16, 15:32 | 'Ansatzlos'
Eine halbgare Theaterprobe.

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Wie wir uns aufwiegeln, der Senior und ich. Sein schwaches Gehör, mein heißes Blut.

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Samstägliches Schreiben. Es mag am Wetter liegen, oder vielleicht bin ich allgemein abgestumpft mittlerweile gegenüber dem durchgehenden Arbeiten - jedenfalls arbeite ich einfach, immer weiter, auch wenn der Zenit noch nicht in Sicht scheint.

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Ich würde mich ja gern freuen, denke ich, als er mit seinem Tablet vorbeikommt, ruft und klopft und mir dann begeistert etwas vortippt. Ich würde mich ja gern freuen, aber mein Kopf ist ein einziges, großes Trümmerfeld des Halbwissens über Batteriemodellierung. Ich lese in zig Büchern gleichzeitig, die sich in Nuancen unterscheiden, und in der Notation auch, verdammich. Ich würde mich ja gern freuen, aber da ist kein Platz gerade, kein Erheben möglich aus der tiefknienden Haltung, kein Durchkommen durch den Rauch. Es tut mir leid, denke ich, und das denke ich doch oft gerade. Das ist kein Konto, denke ich, von dem man abhebt und einfach wieder eine Summe einbezahlt, auch wenn ich weder weiß, was mit dem Konto gemeint ist, noch mit den Summen. Das Bild ist vorn und hinten schräg und unpassend, und noch dazu trifft es mich, daß ich schon alles mit Geld vergleiche, was ich noch nicht einmal in Worte fassen kann. Jedenfalls, nehme ich mir wieder einmal vor, wird alles besser, werde ich alles besser machen, wieder gut.

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Ich muß weg vom Ertragen, weil das kann ich nicht besonders gut.

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Auch wenn Du das nie lesen wirst: Ich denke an Dich, wenn ich Dich atmen höre, in den Nächten, da ich ein Stockwerk über Dir schlafe, auch wenn das selten ist, weil ich nicht ewig bleiben kann und darf, und trotzdem denke ich daran, wie kurz die Strecke zwischen uns ist, durch Zufall, und wie weit, durch Schicksal, und daß manchmal zwischen uns nur eine Balkendecke ist, die an genau dieser Hausecke jedes Geräusch, jedes Atmen zu mir durchlässt. Ich denke an Dich, wenn ich große Freude empfinde, und ich denke an Dich, wenn mir die Kraft ausgeht. Dieses Denken hilft mir, auch wenn es Selbstbetrug sein mag, auf so vielen Ebenen. Verdienst ersetzt das Kümmern nicht, aber ohne Verdienst ist auch nicht viel los mit Kümmern. Da sind Grundbedürfnisse, die gestillt werden müssen, und wenn ich auch bei allem anderen ganz furchtbar schlecht bin, die werde ich erfüllen, verdammich. Verdammich schon wieder - das denke ich auch ganz schön oft in letzter Zeit.

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Tapferes Tippen. Abbeißen, durchbeißen.

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Wie es mich reißt, daß er extra nach Hause kommt, um mich zu fahren. Auf mich wartet. Mir helfen mag. Wie sie alle hier meine Anspannung spüren und mich weich betten, daß ich heulen möchte.

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Auf der Fahrt zum Zug Blaulicht. Der wird sich aufgehängt haben, sagt er. Und leise: Seinen Bruder haben wir gestern vergraben. Mein Jahrgang.
Ach, denke ich, wenn Du nur tiefer reden könntest, und ich feiner hören.

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Manchmal, da möchte ich Dir das alles hier schicken. Ich fürchte, Du würdest das nicht verstehen, diese Öffentlichkeit, dieses alter ego, all das. Vielleicht trotzdem, irgendwann.

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Vor mir ein Haufen junger Männer. Telefone, lautes Lachen, Flegelhaftigkeit. Hinter mir ein Haufen junger Frauen. Telefone, lautes Lachen, Alimentegespräche. Ich, verzweifelt tippend. Die Fähigkeit, sich zu versenken, vielleicht zeichnet sie den akademischen Grad dann aus, ich weiß es nicht. Vielleicht auch nur, sich nicht so anzustellen, und dann wäre es kein Wunder, würde ich scheitern.

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In Arme sinken.

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Das lange Liegen bekommt mir nicht. Ein Spaziergang im Park. Wohlige Stille, wir reden uns leer. Wir schwingen im Gleichtakt, und wenn wir uns verlieren, schaukeln wir uns auf. Dämpfung, denke ich, Dämpfung, ohne Energie zu verlieren. Wenn wir das haben, denke ich, dann sind wir das perpetuum mobile. Dann können wir das mit den nächsten siebzig Jahren.

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Überschaubar, denke ich, wo ich schon vierunddreißig bin, und dieser Gedanke des Alterns, des Annäherns an die Mitte, dessen, was jeden Tag an allen Seiten an Möglichkeiten aus dem schmalen Band der Realität fällt, auf dem ich weiter- weiter was? Weiter schwanke, weiter krieche, weiter marschiere, je nach Tagesform, und manchmal bleibe ich bloß einen Tag weiter liegen.

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Es wird dunkel, mein Brot geht nicht auf. Salat dazu. Wein, ein Tatort, eine bequeme Haltung. Ein seltsamer, überruhter Schlaf, ich wache sogar einmal auf. Ich, der Steinschläfer.

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Um sechs stehe ich auf, biege ein Herz aus den zerknitterten Wunderkerzen Deines gefeierten Freitags, schaue noch einmal auf das Bild von mir, das Du mir geschickt hast, heimlich aufgenommen aus der Hüfte, vor einem Einbauschrank stehend, groß und schlank und blass stehe ich da, nackt und bloß, das Gesicht von der Kaffeetasse verdeckt, die Augen geschlossen, und ich weiß nicht, was ich zu diesem wunderbaren Portrait sagen soll, immer noch nicht, seit Stunden, also zucke ich die Achseln und merke, daß ich stehe wie auf dem Bild, nur mit Hosen und ohne Tasse, ziehe mir die Schuhe an und gehe dann. Regen.

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Frohgemut, trotz allem. Wird schon werden.

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Vor zwei Tagen an den Gehörschutz gedacht, doch die alten Pfropfen sind wohl entsorgt worden, wie insgesamt meine Vorräte in der Heimat dünner werden. Gestern an den Gehörschutz gedacht, gefunden, eingepackt, recht achtlos in den Rucksack, der gerade alles tragen muß, den Laptop mit der Arbeit, die Hosen, die Blechteile, Batterien, was man so braucht. Gerade an den Gehörschutz gedacht, den Rucksack ausgeräumt und umgestülpt, und nun sitze ich da mit einem einzelnen Ohrenstöpsel, wo auch immer der andere hingekommen sein mag. wenigstens auf einem Ohr taub, denke ich. Verdammich.
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