Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Sonntag, 29. 11 15

29.11.15, 11:59 | '19th nervous breakdown'
Es gibt Menschen, die mir gern etwas schenken. Und da gibt es mich, der ich eine Abneigung gegen Verschwendung habe, daß es mir bei unerwünschten, unnützen, untreffenden Geschenken die Sprache und den Verstand verschlägt, daß ich keine Dankbarkeit mehr zu heucheln imstande bin. Nun bin ich speziell gegenüber meiner Mutter nicht in der Lage, ausreichend deutlich zu machen, daß ich keine Geschenke wünsche. Das heißt, ich bin durchaus in der Lage, das überaus deutlich zu machen. Allerdings ist meine Mutter noch besser darin, mit einem Jaja all meinen Unwillen wegzuwischen, bis ich wieder sprachlos vor Zorn über der Bescherung sitze.
Bücher fallen mir immer ein. Und Musik. Leider kennen meine Eltern meinen Geschmack nicht. Und wenn ich noch eine vierte Ausgabe von "Gut gegen Nordwind" bekomme, dann fange ich zum ersten Mal bei dieser Schnulze ernsthaft zu heulen an. Oder bei noch einer CD von Silbermond. Und das nicht vor Rührung. Nein, Bücher und Musik funktionieren nicht: das kaufe ich mir selbst, und bevor ich meinen Eltern einen solchen Wunsch aufschreiben würde, den sie dann erst umständlich in irgendwelchen Läden bestellen müssten, da kaufe ich mir das alles lieber selbst. Ich kann das.
Stattdessen sammle ich Notwendigkeiten. Klettere seit September mit Schuhen, durch deren Löcher mein großer Zeh passt. Ja, ich habe schon neue Schuhe, trotz meiner schwäbischen Genetik. Aber ich kann sie nicht nutzen, sie sollen schließlich ein Geschenk werden. Und ich werde mich sehr darüber freuen. Schließlich hören dann vielleicht die blutenden Zehen auf. Das wäre doch mal was.
Ein weiterer Teil der Geschenkegeschichte besteht im Preis. Ich mag keine Geschenke, weil sie mich üblicherweise nicht treffen. Ich mag meine kleine Wunschliste von Amazon, aber die nutze ich weitgehend selbst als Erinnerung an Dinge, die ich irgendwann mal brauche oder möchte und fülle damit Bestellungen auf, um über den Mindestbestellwert zu kommen. Für meine Eltern müsste ich die Liste ausdrucken, das Zeug dann selbst bestellen, zu ihnen bringen und mir Geld geben lassen. Ich bin sehr müde, merkt man das? Nun, der Preis. Kletterschuhe sind teuer. Und in Läden schaffe ich es gerade nicht - gelobt sei der Lebensmitteleinzelhandel bis zweiundzwanzig Uhr - also bestelle ich die Schlappen. Und da ich es nicht in Läden schaffe, weil ich schlicht nicht zu hause und so auch für Paketdienste nicht erreichbar bin und mit der Packstation so meine diversen Problemchen hatte, bestelle ich sie zu meinen Eltern. Bleibt also nur noch, das Paket mit der Begründung, ich müsse die Schuhe anprobieren, zu öffnen. Natürlich probiere ich die Schuhe an. Es sind immerhin die dritten, und immerhin immer die gleichen. Allerdings tatsächlich eine Nummer größer dieses Jahr, nachdem ich im Herbst in einer Mehrseillänge tatsächlich ein Tränchen vergießen musste, weil nicht nur der hervorstehende Zeh, sondern auch noch die gequetschte Ferse blutig waren. Dabei entferne ich geflissentlich die Rechnung, denn die Dinger sind sündhaft teuer, und ich möchte das nicht geschenkt bekommen. Ich. Mag. Nicht. Und alle ignorieren das.
Nun beginnt der psychologische Teil. Ich klettere weitere vier Wochen mit blutenden Zehen und deutlich schlechter, als ich es eigentlich könnte, während daheim die neuen Schuhe warten. Irre. Und ich erfinde meinen Eltern einen Preis, den sie mir noch glauben, aber bei dem sie noch nicht auf die Idee kommen, mir noch etwas schenken zu müssen. Irrer. Damit wären wir nämlich wieder beim Ausgangspunkt angelangt. Und das kann nun wirklich keiner wollen. Bleibt also nur noch, das gleiche Spiel mit allen weiteren Personen durchzuspielen, die mir etwas schenken wollen. Denn seit wir dieses Spiel spielen, wird meine Teilnahme daran aktiv eingefordert. Am Irrsten.
Habe ich schon erwähnt, daß mich Weihnachten sehr müde macht? Daß es mir dieses verzweifelte Gefühl gibt, daß ich mich vor lauter hilflosem Lachen nicht einmal mehr ärgern kann?
# |  5 RauchzeichenGas geben