Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Dienstag, 8. 10 13

08.10.13, 13:43 | 'Dying to say this to you'
Mich verrückt machen kann ich ganz prima. Mich verrückt machen lassen aber auch. Zefix.

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Ich stehe zu früh und fluchend am Bahnhof, nachdem ich den Koffer kilometerweit geschleift und gezerrt habe. Dann stehe ich zu früh am Flughafen. Planänderung, schreibt die Reisebegleitung. Und als sie dann endlich da ist, sucht sie ihren Reisepass. Langsam, in allen Fächern ihres riesigen Rucksacks. Sie lacht, als sie mich verzweifeln sieht, und für ihr Lachen verzweifle ich doch gern. Der Pass taucht auf, und in der Schlange am Schalter erzählt sie von den Hindernissen des Tages. Dein wildes Leben, denke ich dann, und ein wenig bedaure ich mein schwaches Leben. Es ist nicht voll, denke ich dann. Es braust nicht. Und dieses Gefühl werde ich von da an nicht mehr los.

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Der junge Mann am Schalter erklärt uns, warum er unsere Fluggesellschaft nicht mag. Es sind zu viele Kleber auf den Koffern, und die sind zu schwer zu kleben. Ich bin froh, nicht für eine Fluggesellschaft zu arbeiten, denke ich.

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Man muß sich diese zwei Wochen als einen einzigen Überschwang vorstellen. Dieses Lächeln zu sehen, auf dieses Lächeln hoffen zu dürfen, wenn sie sich nach mir umdreht. Mitleben, mit erleben zu dürfen.

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Sie schenkt mir ihren Fensterplatz, und ich fühle meinen Magen sinken, als wir abheben. Dann sehe ich die Heimat, dann die Alpen, nur wenige Wolken, und schließlich geht die Sonne unter. Alle anderen sehen sich Filme auf den Bildschirmen an. Sprachlos lächelnd drehe ich mich zu ihr. Sie schaut auf, trotz der Kopfhörer, und lächelt mich an. Schön, wie Du Dich freust. Ich kann nur nicken.

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Die Nacht am Flughafen. Ich lese lange, sie packt ihren Schlafsack aus und versucht, bequem zu schlafen. Ich sehe ihr zu, wie die kleine Hand sich ballt, an den Gelenken noch einen Ton brauner als an den Gliedern, als wäre diese wundervolle kleine Faust immer ein wenig schmutzig. Ich sehe in ihr schlafendes Gesicht, die kleine Nase, die weichen Lider und den Mund, der so breit und himmlisch lachen kann. Ich beschließe einfach, diesen Anblick nie zu vergessen. In der Nacht tritt jemand nahe heran. Sie erschrickt, ich springe auf. Der Mann erklärt mir, ich sähe böse aus. Ich sage ihm leise, daß er einen halben Meter von seinem Tod entfernt ist. In einer Hand habe ich ein Buch, auf dem große, rote Lippen abgebildet sind. Ihre Augen flattern, sie ist wach, regt sich im Schlafsack. Der Mann fliegt nach Afghanistan, er lädt uns ein. Das Land ist schön, sagt er.

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Im Morgengrauen döse ich ein wenig, auf meinen Rucksack gelehnt. Statt eines Schlafsacks habe ich ein Handtuch dabei und erzähle ein wenig vom Anhalter durch die Galaxis.

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Noch ein Flug, und noch ein Essen. Diesmal überrascht mich der Unterschied zwischen der Speisekarte - Who is in the kitchen today? - und den Portiönchen in Plastik schon nicht mehr so sehr. Trotzdem esse ich gewohnheitsmäßig noch auf. Beim Rückflug werde ich das schon nicht mehr tun. Gewöhnung.

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Bei der Einreise werden wir getrennt befragt. Wohin, was tun? Ich höre ihre einstudierten Antworten, und dann meine eigenen. Wir wechseln Geld, machen uns auf den Weg zum Bahnhof. Eine Angestellte bedient den Automaten für uns. Hebräisch macht hilflos. Unbedingt das Ticket mitnehmen, wurde uns eingeschärft, und so machen wir schon einen Fehler weniger.

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Ich frage nach dem richtigen Bahnsteig, und im Zug sehe ich eine halbe Stunde aus dem Fenster. Ödnis. Zerstörung. Halboffene Müllkippen. Trostlosigkeit in Staub und Dürre. Ich frage noch einmal, und die beiden Damen gegenüber sind sich sicher, daß wir falsch sind. Eine dritte Dame sagt, wir seien richtig, und ein Soldat in der Reihe neben uns hilft mit seinem Streicheltelefon weiter. Dann fragen uns alle, wo wir her sind. Alle waren schon in Deutschland. Alle freuen sich, daß wir hier sind. Das bleibt jetzt so, für fast zwei Wochen.

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In Benjamina komplimentiert man uns aus dem Zug. Meine Nachricht ist nicht angekommen, weil ich die internationale Vorwahl vergessen hatte. So wird durch die uns abholende Schwiegermutter die ganze Familie aktiviert, bis uns schließlich meine Schulfreundin, mein Engel, anruft. Was macht ihr für Blödsinn? fragt sie, und dann steht schon die Schwiegermutter vor uns, wir tragen die Koffer zum Auto und steigen ein.

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Am Eingang zum Kibbuz ein riesiges Rolltor, ein Wachposten in einem Häuschen. Vor dem Haus ein Garten mit Kräutern, und sie erzählt uns, daß wir davon pflücken sollen, wenn wir frischen Tee trinken wollen.
Die Wohnung ist klein, das Schlafzimmer ist der obligatorische Schutzraum. Vor der Tür liegt eine Matratze, ein niedriger Tisch. Ich lege mich hin, die Begleitung lässt mich, und als ich einschlafe, denke ich noch, daß ich gar nicht schlafen müsste.

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Der Mann mit dem großen weißen Lachen weckt mich, der Hund hat mir schon das Gesicht gewaschen, die Begleiterin sitzt da mit ihrer riesigen Kamera in den Händen und einem Lachen im Gesicht. Wir spazieren am Strand entlang, durch Sand und Muscheln und Strandlilien. Wir springen in die Wellen, ich schmecke Salzwasser.

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Wir fahren auf einen Berg, an einem Kuhstall vorbei, in ein kleines arabisches Dorf. Im Restaurant sind wir die einzigen Gäste. Eine Karte gibt es nicht. Einmal alles, bitte, und dann biegt sich der Tisch. Tausend Teller, Schüsseln, alles unbekannt und köstlich. Ich bin überfressen und glücklich, schaue aus dem großen Fenster zum Meer.

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Ich biete der Begleiterin das Schlafzimmer an, aber in dem kleinen Wohnzimmer stehen sich zwei Sofas gegenüber. So schlafen wir also, ich an der Tür, neben unseren Koffern. Zwischen uns ein niedriger Tisch, den ich ein wenig verschiebe, um sie sehen zu können. Gute Nacht, sage ich als letztes, und Guten Morgen sage ich als erstes am nächsten Tag.

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Die Scherze über mein Atmen, meinen totenstarren Schlaf, die wohlmeinende, gutmütige Stichelei von jemandem, der mich schlafen sieht.

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Ich setze Wasser auf, pflücke uns Tee, wir frühstücken draußen auf der Matratze fremde Früchte, im Schneidersitz nebeneinander, und ab und zu schaue ich nach unten, ob sich nicht doch unsere Beine berühren mögen. Aber ich weiß ja nicht einmal, ob man Kakis schälen muß.

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Die Zeitverschiebung hat uns durcheinander gebracht. Vorhergesagt war eine Stunde, im Flugzeug wurde noch eine weitere angezeigt. Am Bahnhof war ich mir nicht mehr sicher. Am Abend war ich verwirrt. Also stehen wir jetzt am nächsten Morgen eine Stunde zu früh vor dem Auto. Wir lachen und pflücken uns auf dem Rückweg noch einen Tee.

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An Jerusalem vorbei in die Negev. An einem Beduinendorf kehren wir um.

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Die Stadtführung in Jerusalem hält ein Professor. Geschichte. Er ist frei von Religion und kann wunderbar erklären. Ich fotografiere hebräisches Graffiti, das Grab König Davids mit dem Mülleimer davor, und die ganzen Zelte, die für das Sukkot-Fest aufgebaut wurden. Auf den Ölberg dürfen wir nicht, weil vor einigen Tagen ein Polizist erschlagen wurde. Die Bewaffneten sind aufmerksam, aber entspannt, und ich merke, wie mich Waffen anstrengen.

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Nicht viel los in der Stadt. Ungewöhnlich sei das, sagt der Führer, und mir ist das alles noch voll genug. Wir essen und folgen dann dem Kreuzweg. In die Grabeskirche. Durch ein Stadttor voller Male von irgendwelchen Patronen.

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In einem kleinen Laden kaufen die Damen allerhand. Der Händler möchte die Begleiterin heiraten. Ich grinse ihn an, und wie am Flughafen einmal muß ich versichern, daß wir kein Paar sind. Beißt.

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Love is like two fish and five loaves. Always too little until you start to give it away. T-Shirts, die man tragen könnte.

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Wir fahren raus aus der Stadt, hoch zur Universität. Von dort sieht man die Wüste. In die fahren wir nun. Kamele am Straßenrand. Gärtnereien. Restaurants. Tankstellen. Vor Jericho ein rotes Schild, das alle Israelis vor dem Betreten warnt. Am Kreisverkehr kehren wir um.

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Wir sitzen im Auto, während der Engel durch ein Tor mit einem Bewaffneten redet. Das Auto lässt man hier laufen, der Klimaanlage wegen.

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Im Nirgendwo eine Polizeistation mit Straßenkontrolle. Ein Parkplatz. Wir sind am Toten Meer. Wir baden und bewundern den Grund aus versteinertem Salz. Ich treibe ab nach Jordanien. Die Sonne geht unter. Wir waschen uns an einer kleinen Süßwasserquelle in der Nähe, und dann werden wir auch schon unterhalten. Jemand spielt Gitarre. Er heißt Dani und lädt uns auf einen Kaffee ein. Spät in der Nacht legen sich die Damen auf die Matte in ihre Schlafsäcke. Sie sind zwanzig Meter entfernt, ich spüre ihre Nähe noch. Dani und ich sitzen am Feuer, trinken Whiskey und reden vom Leben. Er war lange in Deutschland, und dann kam er zurück. Dachte übers Leben nach. Entschied sich. Heiratete und machte. Er erzählt von seiner Tochter, die in der Schule plötzlich keine Freundin mehr hat. Wie ihn das reißt. Everything is bullshit, sagt er. But you have to love this bullshit. Dann erzählt er von seiner deutschen Freundin. Crazy, sagt er liebevoll. Aber Crazy with diploma. Das gefällt mir, sage ich, und beginne von der Begleiterin zu erzählen. Sag es ihr, fordert er. Aber nicht jetzt. Und er sagt uns, was wir für ein Glück haben, mit dem halbleeren Jerusalem und der einzigen Nacht am Toten Meer ohne Moskitos. Wir stoßen an, stochern im Feuer, und irgendwann verabschiede ich mich und laufe zu den Damen. Sie regen sich ein wenig im Schlaf, ich wecke sie. Wir packen zusammen und verschwinden noch im Dunkeln.

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Ein Parkplatz. Ich schmiere mich auf Befehl mit Sonnencreme ein und setze einen Hut auf. Dann entern wir die Burg. Ich schwitze oben, aber das darf man in der Wüste. Wir sitzen auf den alten Festungsmauern. Die Sonne geht auf über Masada. Wir schauen uns um, sehen die Befestigungen der Römer, die Geschichten von gestern noch im Ohr. Hier haben sich die hilflos Verzweifelten umgebracht. An einem Ort, von dem man nicht mehr flüchten kann. Der ein Fluchtort hätte sein sollen. Keine Flucht vor dem Flüchten. Mal drüber nachdenken, Texaner, denke ich, als ich in der aufgehenden Sonne sitze.

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Den Rückweg nehmen wir im Laufschritt, die Begleiterin und ich, und sind ebenso schnell wie die Seilbahn. Auf dem Weg stoppt uns ein älteres Paar. Gebt uns ein wenig von eurer Energie, sagen sie, und ich bin lachend stolz, mit diesem Riesenfunken Energie in Form der Begleiterin unterwegs zu sein.

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In der Wüste eine Schlucht. Von irgendwo ein Wasserfall. Wir stellen uns darunter, waschen uns, kühlen uns ab. Wir laufen durch einen Dschungel, den man aus der Entfernung nicht sehen kann. Das Versteckte in der riesigen Wüste macht das Grün so besonders. Der Wechsel von der trockenen zur feuchten Hitze. Wir essen Datteln und klettern auf den Felsen herum, bis man uns erklärt, daß das verboten ist.

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Wir fahren durch besetztes Gebiet. Die Westbank. Ich erinnere mich an die eindringliche Frage am Flughafen: Westbank? Nein. Golan? Nein. Ägyptisches Grenzgebiet? Nein. Die Gastgeberin ist müde, also wechseln wir. Ich fahre langsam, ab und an überholt uns ein Geländewagen mit Pritsche. Ich weiche vorsichtig auf den breiten Standstreifen aus, weil mir die Beifahrerin erzählt, daß Streitigkeiten im Straßenverkehr ab und zu mit Waffen ausgetragen werden. Dann erzählt sie, die Ärztin, von denen, die bei Kontrollen angeschossen werden, und ich überlege, wo ich meinen Reisepass habe und warum mein Führerschein in Deutschland bleiben mußte. Ich habe zwar kein Problem mit Englisch, aber eines mit Waffen und eines mit meiner großen Klappe. Nach zwei Stunden wechseln wir wieder. Driving in Israel is great fun, schreibt der Reiseführer. Soso.

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Eine riesige römische Stadt. Ein Theater, Bäder, und ich merke, wie übersättigt ich von Rom bin. Von dem Rom, das sich so perfekt in alle Welt dupliziert hat, daß mich die größten Säulen nicht mehr beeindrucken können.

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Wir sitzen am See Genezareth und schauen auf die trüben Wellen. Schmutz ist überall, und Müll auch. Die Hitze und der Staub lassen es noch schlimmer aussehen, auch wenn man uns sagt, daß die Hitze schon nachgelassen hat und der Staub eben von einem langen Sommer zeugt.

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In einem Kibbuz übernachten wir in winzigen Wohnung einer Junggesellin. Wir kennen sie nicht, aber sie ist nicht da. Freundlich sind sie hier, und dann nehmen uns andere auf, auf ihre Terrasse im ersten Stock, wo sie Sofas stehen haben. Wir streicheln den Hund, denn Hunde hat es hier so viel wie Gastfreundschaft und Kaffee, und reden von operierten Nasen, von Ärzten und allem anderen. Lachen mit Fremden, Lachen mit Freunden.

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Dies ist die Nacht, die wir in einem Bett verbringen. Die Begleiterin möchte an der Wand liegen. Du mußt nicht bitten, sage ich. Du sollst nicht bitten müssen.
Ich liege lange wach. Höre, daß auch sie wach liegt. Im Morgengrauen ein Rasensprenger draußen. Vögel zwitschern. Ich weiß nicht recht, was ich mir erhoffe. Ich weiß nicht recht, wie ich das bekommen soll.

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Wir fahren nach Norden. Laufen durch eine Wüste, fallen fast in eine Schlucht. In der Wüste stehen Eukalyptusbäume, und man erzählt uns die Geschichte, wie man daran die syrischen Stellungen erkennen und vernichten konnte. Ruinen und Stacheldraht. Immer wieder explodieren hier Kühe auf Minen, heißt es. Ein Ausflugsziel. Wir laufen in der Schlucht am Bach entlang. Schwimmen durch die kleinen Tümpel, steigen über Leitern. Am Ende ein Becken und ein riesiger Wasserfall. Nie bin ich lieber geschwommen, und nie habe ich eine Badehose weniger vermisst. Ich freue mich so, daß ich kaum mehr reden kann. Wasser trinken, werde ich ermahnt. Wasser trinken. Als ob ich vor lauter Grinsen noch schluckfrei schwimmen könnte.

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Es gibt eine Pflanze hier, die nur ein dicker Stengel ist. Sie blüht langsam, über Wochen, von unten nach oben.

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Die Drusen sind eine Glaubensgemeinschaft, die ihren Glauben geheim hält. Aber jeder weiß, daß sie keine Steuern zahlen. Wir besuchen einen Markt, und ich bin angenehm überrascht. Freundlich, mit Spaß und unaufdringlich. Die Damen bringen einen Verkäufer so durcheinander, daß er ihnen die ganzen Sonnenbrillen fast schenkt. Ich kaufe eine Badehose, weil die alte nach sechzehn Jahren nun endlich ausgedient haben soll. So will es die Begleiterin.

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Wir kaufen Baklava, wir kaufen Nüsse, wir kaufen allerhand Obst und Gemüse.

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In den Golanhöhen ist es geradezu kühl. Man könnte abends zumindest an einen Pullover denken. Wir passieren eines der bekannten Tor, ein Wachhäuschen, und dann laufen wir durch eine Apfelplantage. Davon lebt der Kibbuz hier, sagt unsere Gastgeberin, und wir füllen uns die Taschen mit den Äpfeln, die übrig sind von der Ernte. Auf dem Heimweg ein Donnern, die Erde bebt kurz. Das ist mehr als Gewehrfeuer, sagt sie. Wir sind etwa vier Kilometer von der Grenze entfernt.

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Im Haus gibt es einen Holzofen, hohe Decken und den obligatorischen Schutzraum. Wir feiern das Schabbatdinner und zerreden die Nacht. Ich beschreibe mich als glücklichen Menschen, sage ich, und in diesem Moment glaube ich das. Ich versuche, Heimat zu erklären, und wie ich sie gerade verliere. Daß ich glaube, keine Heimat mehr finden zu können. Nichts Gleiches mehr. Es hat nichts mit dem ersten Mal zu tun, murmle ich noch, aber inzwischen bin ich sehr müde. Lass von mir ab, bitte ich, und das tut sie dann.

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In der Nacht raschelt es im Schlafsack neben mir. Die Begleiterin dreht sich, kratzt sich die Moskitostiche. Im Halbdunkel sehe ich ihren Schopf, der mit jeder Bewegung verwildert. Ich erinnere mich ans Streicheln.

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Wir fahren zur Grenze. Ein Gedenkstein mit Stimme. Verfallende Panzer. Die letzte Linie, der weiteste Panzer. Minenfelder. Ruhe in Syrien. Die Israelis behandeln Syrer, die es bis zur Grenze schaffen. Sobald sie wieder laufen können, gehen sie zurück. Ein Dorf in der Nähe ist Ruine. Sie haben es nicht wiederaufgebaut. Der Berg im Norden trägt ein paar Wolken. Skifahren kann man dort im Winter, höre ich, und das reißt mich los von den alten Schützengräben und den beiden ineinander verkeilten, kettenlosen Panzern. Da ist kein Blut mehr.

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Wir suchen Gita. Wir schreiben nach Kirgistan, und eine Minute später staubt ein Auto heran. Kommt mit uns, winkt einer, und wir zwängen uns an Kühen vorbei, an einer Kläranlage zum Felsen.

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Wegfindung mit Frauen ist schwierig, denke ich. Nicht, weil Frauen anhalten, um über den Weg zu sinnieren. Sondern weil sie es dort tun, wo keine Abzweigung ist.

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Die Begleiterin steigt und erschreckt mich. Sie ist schwach. Sie hat Angst. Sie hat mir vorhin ein Bild gezeigt, vom Radeln in den Bergen, und ich fragte sie nach dem zweiten Rad. Wir waren zu zweit, sagte sie, und ich frage nicht weiter. Steige die Route, auch wenn das Seil zu kurz ist und mir die Expressen nicht reichen. Gibt so Tage, da steigt man einfach.
Wir suchen Kürzeres, Leichteres und wechseln den Standort. Zwei Mädchen reißen sich durch einen wilden Überhang.
Immer am oberen Umlenker kann ich das Meer sehen.

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Auf dem Rückweg fällt ein großer Stein hinter uns zu Boden. Zwei Meter, denke ich, und bin der einzige, der nicht erschrickt. Nichts zu verlieren heute.

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Noch ein Markt, und wir treffen einen Engländer, der uns von einer Windelmaschine erzählt. Wir essen einen Fladen, den eine alte Frau wirft und auf einem heißen Blech brät. Sie lacht nur, als wir sie fragen, ob man das lernen kann.

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Am Abend kommen wir zurück. Begrüßen den Hund. Ich brauche Musik, setze die Kopfhörer auf und laufe singend an den Strand. Steige dann im Dunkeln aus dem Meer, singe immer noch. Die beiden Mädchen, die aus der Dunkelheit auftauchen, kichern. Als ich ins Bett gehe, ist es schon ruhig. Die Begleiterin scheint zu schlafen.

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Ein Tag am Strand, mit Surfbrett und Flossen. Wir schwimmen zu einem Wrack vor der Küste, sammeln Muscheln, und abends kocht die Begleiterin. Joggen am Strand. Bouldern an den Felsen. Lange Läufe mit dem Hund. Wir lernen "ken" und "lo", "nachon" und "chve", und immerhin mit Hunden können wir uns verständigen. Wir sitzen immer wieder auf der Terrasse, wohin das WLAN reicht, und ich sehe zu, wie die Nachrichten auf die Begleiterin einstürmen. Sie scheint nicht hier zu sein, denke ich manchmal.

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Man empfiehlt uns einen Wanderweg, und auf der Fahrt dahin bekommen wir erklärt, wie Deutsche einem Plan folgen. Nur so halb, nur bis zum ersten Ungeplanten, und so folgen wir dem Weg auch, klettern über Steine, schwitzen uns in einer Stunde durch den Dreistundenplan. Wieder zurück auf den Berg, statt uns abholen zu lassen, und an einer Bushaltestelle melden wir uns mit einem neuen Plan.

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Ich kann keine Schilder lesen und keine Fahrpläne. Der erste Busfahrer erklärt uns, wir müssten den zweiten Bus nehmen. Zehn Minuten später kommt derselbe Busfahrer wieder. Nehmt den dritten, sagt er dann. So landen wir am Busbahnhof und stellen fest, daß grüne Busse nichts kosten. Und, daß jeder Bus eine andere Uhrzeit anzeigt. Aber das hatten wir ja schon, und meine Verwirrung trage ich ja zum Markte der allgemeinen Erheiterung.

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In Haifa ist es schmutzig. Ein Zentrum finden wir nicht. Stattdessen stolpere ich über einen Araber, der Deutsch spricht und aus der Bibliothek kommt. Er zeigt mir ein Buch: Hans Fallada, Kleiner Mann - was nun? Ich grinse, und er zeigt uns die Stadt. Hat in Deutschland studiert und freut sich, mit uns reden zu dürfen. Am Strand verlassen wir ihn und suchen das Krankenhaus, um die Gastgeberin abzuholen. Wir werden kontrolliert von einem Bewaffneten, der unsere Rucksäcke durchsucht. Das Krankenhaus wurde erst vor einigen Jahren durch Beschuss schwer beschädigt. Vorstellen kann ich mir das nicht, und durch meine Schusseligkeit landen wir in der Notaufnahme, von wo uns ein freundlicher Sicherheitsmann zum Café bringt. Aroma, sage ich gehorsam den Namen der Franchise-Kette auf, und er lacht. In einer deutschen Notaufnahme hat noch nie einer gelacht, wenn ich kam.

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Am Abend plagen sie Kopfschmerzen. Ich bringe Wasser und Tee, und als ich sie zu lange mitleidig anschaue, wird sie böse. Ich lasse sie schlafen und setze mich nach draußen.
Ich setze mich zum Mann der Gastgeberin auf die Terrasse. Diesem Soldaten mit seinen klaren Meinungen und Ansichten, mit seiner Einsicht in Personen und seiner Ehrlichkeit. Das wird nichts werden, glaubt er, und ich stimme ihm zu. Seine Frau schimpft mit ihm, daß er hilfreich oder still sein soll. Aber Ehrlichkeit schätze ich sehr. Ich streichle den Hund, schicke Grüße in die Heimat und verabschiede mich auf meine Matratze vor der Tür. Spät setzt sich die Begleiterin zu mir, und wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann diesen verschlafenen, schmerzenden Kopf auf meiner Schulter. Ich habe keinen Wunsch frei.

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Noch ein Tag mit Surfbrett und Strand und Hund und Muscheln. Am Nachmittag kaufen wir ein, für die Gastgeberin und für die daheim. Ich schreibe keine Postkarten, ich weiß keine Adressen und keine Adressaten. In der Reihe mit dem unendlichen Gemüse, das hier wächst, fragt mich einer irgendwas, und schon sind wir am Reden, bis die Begleiterin mich zur Kasse zerrt, mit meiner leeren Tüte in der Hand, und sie lacht über meine Hilflosigkeit, daß ich mit ihr lachen muß.

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Den Abend zerrede ich mit der Begleiterin. Sie erzählt von der Familie, den Brüchen, all dem, was sie schon gemacht hat. Plötzlich bin ich eifersüchtig auf einen, der jetzt in Zürich lebt, weil sie Fernbeziehung sagt, und auf einen, mit dem sie ein Haus renoviert hat, weil sie von seinen Katzen redet. Sie will hier nicht bleiben, und ich schlucke leise und sage, daß sie mir fehlen wird. Daß ich ihr nicht raten kann. Daß ich befangen bin. Ich glaube, daß Du dort glücklicher sein wirst, sage ich ehrlich, und dabei reißt irgendwas in mir. Ich kann Dich nicht glücklich machen. Nicht hier, nicht irgendwo.

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Menschen werden nicht geliebt, weil sie schön sind
Sondern weil sie eine eigene Welt in sich tragen
Und je größer ihre Welt ist
Umso mehr
Wird man sie lieben
Das ist mir
In Erinnerung geblieben.

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Ich erzähle von Amerika. Von Ohio. Daß ich nicht weiß, ob es eine Flucht ist. Daß ich nicht flüchten mag. Daß ich nicht weiß, ob es mir helfen würde. Ich werde Dich besuchen, sagt sie, und ich frage mich, woraus ein Feuer sein muß, daß ein Meer nicht reicht, es zu löschen.

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Mit dem Mann der Gastgeberin werfe ich ein paar Frisbees, mache ein paar lachende Klimmzüge. Mein erster Moskito, denke ich, als ich einen roten Fleck in der Hand habe, und eine halbe Stunde später bin ich zerstochen, als wäre ich in einem Bienennest gesessen. Nicht davor, nicht danach. Die Begleiterin erscheint mit dem Hund, und ich sage ihr, daß auch dieses Bild, der Hund und sie ineinander verschlungen auf den warmen Holzdielen der Terrasse, mich nicht mehr verlassen darf.

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Wir geben unsere letzten Schekel aus für Schokolade. Und dann noch einmal für ein Eis, weil wir die Werte der Münzen nicht verstanden haben. In dem kleinen Laden lachen sie über uns, und wir schlecken draußen wie die Kinder.

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Ich stehe in den Wellen, die Begleiterin reitet auf dem Surfbrett. Ein Regenschleier zieht über uns weg. Ich spüre kühles Regenwasser im warmen Meer. Dann gehen wir duschen und packen.

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Tel Aviv ist das Chaos. Die Altstadt ist schön, der dauernde Flohmarkt schon geschlossen. Wir essen mit Freunden, die uns Bilder aus dem Urlaub zeigen. Wir sind noch in unseren Bildern, und dazu gehört auch, daß ich an Toiletten ohne Piktogramme immer die falsche erwische. Der Tisch lacht. Wir schlendern durch die Stadt, bis sie uns zum Flughafen bringen. Hope to see you soon, sage ich. Dann verjubeln wir die paar letzten Schekel, die dann immer doch noch da sind, für teure Souvenirs. Baklava, Datteln, Kekse.

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Die Kontrollen bei der Ausreise reichen durch alle meine getragenen Socken, selbst durch die Schuhsohlen hindurch. Meine Hosen muß ich öffnen, darf sie aber anlassen. Immer wieder schaue ich zur Begleiterin am Tresen gegenüber. Dann zeigen wir noch unsere Kameras, ich erkläre, wie ein Kletterseil funktioniert und wozu man Expressen braucht, und dann sind wir am Flugzeug.

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Ein Morgen in Istanbul. Wieder lese ich, während die Begleiterin schläft, den Rucksack als Kopfkissen. Ich kaufe eine Flasche Whiskey, um Kleingeld für eine Flasche Wasser zu bekommen. Wir stromern umher, sehen uns Lampen an. Du hast keine Ahnung, sagt sie, und ich nicke.


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Das war jetzt genug Urlaub, sind wir uns einig.

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Als das Flugzeug in Deutschland ausrollt, beginnt ihr Telefon zu piepsen. Sie tippt, es piept, und dann sind wir schon in der Bahn. Ich würde gern noch etwas sagen, denke ich. Bin aber froh, daß ich nichts sagen kann. Eine Umarmung durch Koffer und Rucksäcke. Ich bin allein. Sie ist unterwegs. Ihre Welt retten, ihre Welt weiterdrehen. Vor habe ich nichts.

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Ich gieße Blumen und setze mich ins Auto. Rufe an. Ich komme mit, haltet den Bus auf! Schon im Bus will ich zurück. Ich kann das nicht wegtrinken. Ich kann das nicht wegsingen. Ich kann das nicht wegarbeiten und nicht wegdenken. Du bist irgendwie in mich eingedrungen, und nun ziehst Du Dich zurück. Zeigst dem nächsten einen Abglanz dessen, wie schön ein Leben sein kann. Aber wer könnte der Sonne böse sein, die weiterzieht, um irgendwo aufzugehen, und hier Dämmerung hinterlässt? Es muß doch irgendwo dunkel werden, damit es anderswo hell werden kann, und wer wollte da die Gestirne verfluchen?

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Ich schlafe zwei Nächte nicht. Stehe stumm vor dem Haus meiner Eltern. Nehme Pakete in Empfang, überlege mir Dinge, die mich füllen könnten. Tröpfchenweise. Besser als nichts. Wie die Wärme, die der Tag hinterlässt. Besser als nichts.

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Jetzt schlafe ich wieder alleine ein. Es ist dunkel und still. Keine Vögel. Kein Gute Nacht. Kein Guten Morgen. Einsamkeit. Lange sitze ich vor dem Telefon. Mir fällt nichts ein.

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Einige Bilder nach dem klick
# |  12 RauchzeichenGas geben

Montag, 2. 09 13

02.09.13, 15:56 | 'Dying to say this to you'
Du liegst da, auf der hochgestellten Lehne, mit einem Kissen und meiner roten Decke, und immer wieder sehe ich weg von dem leuchtenden Bildschirm zu Deinen Augen, die klein und kleiner werden. Zu Deinen Füßen unter der Decke, die sich langsam entspannen und auf meine zu rutschen. Ich nehme sie in die Hand und wärme sie. Davon wachst Du nicht einmal mehr richtig auf.

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Die Eleganz und Schönheit entspannter Muskeln. Zerfließende Härte. Schmelzendes Eis. Darüber bricht Dein panzernder Optimismus, die hochglänzende, dünne Schicht. Ich versuche Trost, ich versuche Zuversicht. Du magst nicht davon trinken, und vorsichtig flöße ich Dir davon ein, wie man einem Kind mit Bauchschmerzen warmen Tee einflößt.

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Es ist nicht der Stau freitagabends, schreibe ich. Ich verbringe einfach gerne Zeit mit Dir.
Dann stehe ich im Stau in der Nachtbaustelle, über meinem Kopf tanzen Wölkchen aus Ironiestaub, und ich lese, daß Du das weißt. Daß Du das schön findest. Mach keinen Blödsinn, schreibst Du noch, dann bin ich zu Hause.

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Ich stehe am Güllefass, die Hand am Kotflügel. Von dort kann ich die Pumpe abschalten, die das Fass füllt. Über den Hof kommt ein junger Mann mit Schultertasche. Unter dem Riemen klemmt seine Krawatte, und ein Hemd trägt er auch. "Finden Sie nicht auch", schreit er durch den Lärm des Sechszylinders und das Röhren der Exzenterpumpe, "daß Gott Ihnen nicht zuhört, wenn Sie mit ihm reden wollen?" Ich haue auf den Knopf, lege Hebel um und löse den Saugschlauch. Es spritzt ein wenig.
Ich schaue wieder hin, ob ich das alles geträumt habe. Er steht immer noch da und streckt mir die Hand hin. Automatisch reiche ich ihm die Hand, und er nimmt sie nicht am Gelenk, wie das alle tun, die auf den Hof kommen, sondern richtig, und zwischen unseren Händen tropft ein wenig Gülle zu Boden. Tut mir leid, sage ich. Ich weiß nicht, ob Gott mir zuhört. Ich weiß auch nicht so recht, was ich ihm sagen sollte. Dann sage ich noch, daß ich ein wenig in Eile bin und zeige dem jungen Mann, wo er sich die Hände waschen kann. Er lässt mir noch eine Zeitschrift da und macht sich zu Fuß wieder auf den Weg, als ich aus dem Hof fahre.

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Auf dem Weg zum Mittagessen sitze ich im Laderaum eines Lieferwagens und winke den hinter uns Fahrenden durch die Heckscheibe. Ich bin einunddreißig, und manchmal muß ich mir das selber sagen.

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Am Nachmittag pflüge ich. Laufe neben dem Schlepper her, der sich einen Weg in der Furche bahnt. Nebenan, in der größten privaten Wirtschaft, die so ein Bauwagen sein kann, kommen Autos an und fahren Autos weg. So können Samstage sein, denke ich, aber vorstellen könnte ich mir das nicht. Ich drehe an Spindeln und klopfe Klemmmuttern fest, springe wieder auf und gebe Gas. Welch wunderschönes Ackerwerk.

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Mitten in der Nacht fahre ich auf den Hof, wasche mich und sage laut in die Dunkelheit, daß wir mal wieder Gehaltsverhandlungen führen sollten. Lachen.

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Wir sind so wenige auf diesem Fest. Dabei habe ich mich so gefreut. Dann stehen wir doch bis um fünf, und eigentlich sollte ich schon wieder im Stall sein.
Als ich ankomme, in sonntäglichen Hausschuhen und Sporthosen, kann ich mich nicht umziehen, weil die Oma alle Eingänge verrammelt hat. Alle. Wir melken also ohne Stiefel heute, lache ich, was will man machen. Aber kalt ist es doch.

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Beim Sonntagsfrühstück sitzend bis elf. Lachend.

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Der Mittagsschlaf im Regen.

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Klettern in der Abendsonne. Ich gehe durch bekannte Vorstiegsrouten, sauber und konzentriert. Was Schlaf mit einem macht, denke ich. Beim Sichern legt sich der Hund neben mich auf den Seilsack. Er begrüßt mich, wenn ich herabschwebe, als hätte er mich neu entdeckt. Nimmt meinen Arm zwischen die Zähne, freut sich, will mir etwas zeigen, bringt mir halbe Bäume mit und muß mir alles lautstark berichten. Hunde sind super.

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Auf dem Heimweg fährt sie vor mir. Ich bin müde, ich fahre in mäßigem Abstand hinterher. Tippe am Radio, stecke das Telefon ans Ladegerät. "Singst Du schön mit?" fragt sie, und ich sehe sie im Rückspiegel lachen. Klar doch, schreibe ich, und irgendwann trennt uns eine Ampel.
Es ist dunkel, als ich nach Hause komme.
# |  Rauchfrei | Gas geben

Montag, 19. 08 13

19.08.13, 10:40 | 'Dying to say this to you'

Und sonst so? Alles ein Lächeln.
# |  Rauchfrei | Gas geben

Montag, 22. 07 13

22.07.13, 11:39 | 'Dying to say this to you'
Die Anstrengung besser verteilen. Insgesamt mehr anstrengen. Gleichmäßiger.

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Endlich das Maul aufmachen. Sagen, was mich bedrückt. Weniger bedrückt sein. Nur, daß ich an diese Idee nicht recht glauben mag, daß man etwas aussprechen und aus der Welt räumen kann, wo ich doch glaube, mit Hoffen und Warten klarzukommen.

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Ich bringe Dich nach Hause, sage ich, als sie sich krümmt, vor Müdigkeit und Schmerz. Wir trennen uns an der Kreuzung, und ich treibe hinein in das Straßenfest. Wir treffen noch zwei, und ich schreibe noch einer, und dann kommen wieder welche dazu. Ich trinke, ich weiß schon, warum, aber diese Bremse kann ich nicht so einfach aushebeln.

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Lachen, reden, weiterziehen. Ich drehe eine kalte Zigarette in der Hand, aber rauchen mag ich dann doch nicht. Wir landen in einer Kneipe, in der nächsten, dann in der letzten. Die Kellnerin ist groß, blond, muskulös und tätowiert. Sie lacht und schenkt uns Schnäpse ein.

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Ich mag ja die Verrückten, die Ungewöhnlichen.

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Ja, sage ich irgendwann, ich komme mit, und plötzlich kommt mir das wie eine prima Idee vor. Dann knallt eine Tür, die Stimmen sind hart und kalt, ich kann nicht weg. Ein Weilchen höre ich zu, durch meinen Nebel, dann schlafe ich ein.
Ich wache auf, der Hund seufzt, ich schleiche aus dem Haus. An der Tür ein Zettel für mich. Es ist hell und warm, mein Kopf dreht sich in alle Richtungen.

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Das Pferd und der Rückwärtsgang, und immer und überall meine verfluchte Schwäche.

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Morgens der erste im Stall. Wie jeder seinen eigenen Rhythmus findet, seine eigene Abfolge, seine eigene Optimalität.
Wie mir hier nichts zuviel ist, und woanders alles.
Ich mag doch nicht faul sein.

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Was kauft man für ein Picknick?

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Ich komme spät zum Geburtstag des Bauern. Schaue dem Mond zu, der blauen Stunde über den Bergen. Ich mag nicht recht reden. Um eins darf ich gehen, um die Ausgebrochenen wieder einzufangen. Ich stehe dann da in der engen Hose, im karierten Hemd, rieche mein Rasierwasser im Stallduft und schlage mit dem Mörschel auf einen Balken ein. Drehe große Schrauben in das Holz, knurre durch die Zähne, zwischen denen die nächsten Schrauben klemmen. Dann laufe ich nach Hause, höre von oben noch Musik.

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Die weststeirischen Bauernregeln der Regelungstechnik, und dazwischen schaue ich mir Früchte an.

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Warten und vorbereiten. Ich suche die kleine Straße, ich suche die Abzuholende, ich suche doch immer. Es ist heiß, auch hier im Schatten.

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Die Umarmung, bei der ich die Luft anhalte.

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Wir holen den Hund und die Freundin. Ich stelle den Rückspiegel ein, daß ich sie lachen sehen kann, und den Hund, der über die Rücklehne schaut.

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Ich verliere meine Hosen, sie ihr Oberteil und ihre Kontaktlinse. Kraulen ist gefährlich.

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Schwimmen mit Hund. Großes Lachen, als die beiden mich untertauchen. Ich lasse es geschehen, mache mich weich. Ich kann mich zum Stehen zwingen, aber ich kann mich auch umwerfen lassen.

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Wir schwimmen nebeneinander her. Immer wieder muß ich mich auf den Rücken drehen. Die Arme sind schwach, die Beine sind stark.

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Schnell stark werden, lache ich, und sie hält inne und fragt, ob sie mich ziehen soll. Nichts lieber als das, denke ich und schüttle den Kopf. Ich bin zu stolz zum Ersaufen, sage ich, und zu stolz, um mich retten zu lassen.

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Daß ich einen Linksdrall habe, sagt sie. Daß ich sie nicht berühren möchte, nicht versehentlich und nicht verfänglich, denke ich. Auf Abstand schwimmen.

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Ich teile meine Melone mit dem Hund, und wir beide werden geschimpft. Verzieh den Hund nicht, sagt sie, und wenigstens packt sie mich nicht an den Ohren.

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Ich bin warm von der Sonne und ausgetrocknet vom Wasser. Ich möchte nichts trinken. Sie foppen mich, und dann trinken wir doch. Ich rieche den See in den Haaren, das Eis kühlt meine Hände, und als ich mich verabschiede, schauen wir uns wieder viel zu lange an. Kein Ruck heute, warne ich mich, und habe dann die ganze Nacht Zeit, zu bereuen.

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Bis morgen! und wenn ich nur das jeden Tag sagen dürfte, es würde mir genügen. So lüge ich mich an, mit Buchstaben über der Stadt, von Spatzen und Tauben und Händen und Dächern, und Spring doch, Feigling, habe ich gelacht, Wasser tretend im See, die Hände nach dem Hund ausgestreckt. Aber selbst springe ich nicht. Herz so schwer.
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Dienstag, 9. 07 13

09.07.13, 12:40 | 'Dying to say this to you'
Ich habe es damals nicht gewusst, aber Du hast mir das Leben gerettet.
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Mittwoch, 1. 05 13

01.05.13, 01:47 | 'Dying to say this to you'
Ich werde klatschnass auf dem Heimweg. Der Regen trommelt eiskalt auf meiner Stirn, meine Jackenärmel haben sich längst vollgesogen und tropfen stetig vor sich hin. Ich weiß nicht, wie schnell der Regen durch die Tasche an den Rechner kommt, also radle ich schneller. Noch schneller.

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Mit Energieüberschuss komme ich nach Hause.

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Das Luftpumpenorchester und die nie stattfindenden Proben zu all den tollen Ideen.

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Das alkoholfreie Leben.

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Kein Guten Morgen, und da geht sie hin, meine gute Laune. Ich fahre durch den üblichen Korridor von nichts, das noch einen Wert hat bis zum wegwerfenden Grinsen, und das alles dauert nur so lange, bis der Stallduft in meinem Kopf ankommt.

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Tiertransport mal von innen. Die Rindviecher sind neugierig. Keine Angst oder Nervosität. Das leichte Schwanken des Anhängers gleichen sie elegant in den Hüften aus. Schauen aus dem Fenster. Wittern. Probieren an der fremden Absperrung. Lassen sich von mir kraulen. Nein, Tiertransporte sind unser Problem nicht. Bei der nächsten Runde öffne ich noch ein paar der kleinen Fenster.

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Wenn es einen Führerschein zu verlieren gibt, bin ich ja immer vorne dran.

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Das Einstreugerät ist neu und, wie wir feststellen, nicht für eine Mischung aus Kalk und Mist geeignet. Und raten Sie mal, wer diese betonzähe Masse aus dem Wurfbeschleuniger kratzen darf. Kurz werde ich wütend. Dann lache ich dem Vetter zu, daß wir jetzt wohl an Kälberdurchfall sterben müssen.

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Der Kühlschrank voller Kuchen, mit einem Zettel, der das Anschneiden verbietet. Folter, will ich schon klagen, als ich den Kugelschreiberpfeil in Richtung Speis sehe. Zwetschgenkuchen für uns, da könnt ihr eure Sahne behalten.

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Mit Energieüberschuss zum Geburtstag, und trotzdem lang getrödelt.

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Die Vettern, langhaarig und Philosophen, und ich mag sie alle.

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Armdrücken mit dem Kleinsten.

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Stunden später noch im Vorraum.

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Gesang und Spiel, und wie viele mit Gitarren an mir vorbeilaufen.

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L'art pour l'art, sage ich, und die Spanierin mit der schönsten Nase der Welt lächelt wissend. Erzählt von Indien und Chile.

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Kunst als Profession, und vielleicht ist es die Verweigerung der diplomierten Kunstkompetenz durch die Welt, die ihn so wütend macht.

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Surfen, sagt er. Sich mit Frauen treffen. Da muß ja nichts laufen, lacht und schüttelt seine perfekte Frisur aus, dieser Schöne, den ich so gern habe.

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Monatliches Einkaufen. Wo ich doch mit dem Bildschirm schon so angegangen bin, der nicht einmal einen Tag angeschlossen war.

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Befreites Schreiben. Irgendwo.

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"Ist sie da", werde ich morgens an der Kaffeemaschine gefragt, mit dieser ganz speziellen, überschnappenden Begeisterung. Nein, sage ich leise. Sie wird nicht wiederkommen. "Aber die Schuhe", heißt es dann, und ich wundere mich wieder und wieder über diese Beobachtungsgabe, die ohne zu fragen weiß, wann und warum ich diese Schuhe gekauft habe, und wann und warum ich sie früher trug.
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Mittwoch, 13. 02 13

13.02.13, 08:37 | 'Dying to say this to you'
Ich höre Deine Stimme wie eine Ansage. Sie klingt dunkel und ruhig und erzählt, daß es Dir gut geht. Eindringlich. Als ich aufwache, muß ich das erst mühsam zu den Träumen sortieren.
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Donnerstag, 15. 11 12

15.11.12, 11:56 | 'Dying to say this to you'
Der Versuch der Unbeschwertheit.
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Donnerstag, 25. 10 12

25.10.12, 11:30 | 'Dying to say this to you'
Und dann sitze ich an dieser Bar, ich bin verabredet mit einem Freund, der dunkel und laut und gerne lacht, der mir auf die Schultern klopft und bei allem Voranschreiten den Blödsinn nicht vergisst; ich warte also im Halbdunkel der Bar, die Fernseher sind noch stumm und warten auf den Fußball, es wird gegessen und getrunken und geraucht, und auch ich bestelle eins, streiche mir über die vom Radeln zerzausten Haare und ziehe das Telefon aus der Tasche. Seine Schwägerin schreibt mir, denn wir werden seine Hochzeit moderieren, und da muß ich lächeln, als er zur Tür hereinkommt und auf mich zuläuft, breitbeinig und stark und lachend, weil ich da so eingebunden bin, auch wenn das hier nicht meine Heimat ist, auch wenn ich fremd bin in dieser Bar, auch wenn ich mich nicht für Fußball interessiere; sie kommen zu mir und schreiben mir, weil ich ihnen schreibe und zu ihnen komme, und so funktioniert das Leben, dieses Soziale, und ich habe jetzt allen Grund, das zu üben. Das Fernsehbild verschwindet, als umgeschaltet wird, und für einen Moment spiegle ich mich in der Schwärze. Ich bin gut. Ich lächle.
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Dienstag, 20. 12 11

20.12.11, 21:11 | 'Dying to say this to you'
Wir haben ein Problem. Lebenswünsche. Irgendwann muß man ja Pläne machen. Ab und zu schaue ich Wohnungen an. Sträube mich gegen das Puppendorf. Ich will es echt, ich will es so, wie es war und ist, und nur zähneknirschend gebe ich Zentimeter frei. Dorf ist Dir nichts, ländlich nur eine Attitüde, mit der man winters teure Pullover mit Mustern anziehen kann. Du kennst das Holz nicht, vor dem Du posierst. Nicht die Mühe dahinter. Ich kann die Stadt nicht, ich kann nicht cool, ich kann Berater und Manschettenknöpfe nicht ernst nehmen. Die Vergnügungen der Stadt sind meine Qualen. Coole Menschen, teure Getränke, abschätzige Blicke. Ein Zoo statt eines Stalls. Kein Berg für mein Rad. Um mich nur Blech und Beton. Ich weiß nicht, wie und ob.
Und so zerren wir aneinander. Mühsam, scherzhaft. Und dann schaue ich Dich an und kann mir Deine Lücke gar nicht vorstellen. Keine Option. Ich weiß nicht viel von eurem Leben, und ich will es nicht. Ich saß gestern lange da und versuchte, in einer fremden Sprache zu erklären, daß doch nicht alle gehen können. Es muß doch jemand hierbleiben. Es muß doch jemand all das lernen, was uns an den Alten verlorengeht. Es muß doch einer dieses Bild in sich tragen, von einem Ort, der sich langsam verändert. Ich weiß schon, warum meine Belichtungszeiten immer zu lang sind.

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Ein Pärchen, Bekannte, hat sich getrennt, nachdem sie von hier fort gezogen sind. Studium, Abschluß, ein paar Jahre weg. Dort wollte sie bleiben, er wollte zurück. Ich kenne die beiden lange, und lange nur als Paar.

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Raclette, Feuerzangenbowle, schokolierte Früchte. Ein Fest für wenige. Unser kleines Weihnachten, und ich denke daran, daß ich die Gastgeber mal eben ein Jahr kenne. Wie verstockt ich da saß. Wie sie mich annahmen, aufnahmen. Aufbrachen, ganz behutsam, mit grobem Werkzeug.

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Ich möchte nicht krank werden, ich möchte nicht zum Doktor. Ich möchte nicht sitzen und warten und tue das doch den halben Tag.

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Unterfordert. Vielleicht muß man das mal so zugeben, ganz leise, und sich dann selber nicht gleich überheblich nennen. Ich kann etwas mehr, ich kann vor allem etwas anderes. Und was will ich?

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Mag sich einer finden, der den Wolf Haas mit seinem Brenner übersetzt.

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Wozu verdienst Du Geld, wenn Du es nicht ausgibst? Es nicht nutzt? Ein Kantenschleifer, gerade ein Arbeitstag. Eine Tankfüllung, ein paar Stunden. Aber das Alter! so fern, und allen anderen nicht näher. Kümmere Dich nicht, sorge Dich nicht, und doch -.

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Ich bin sehr froh, daß ich noch hierher kann.

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Ein Geschenk betonieren. Könnte Kunst sein, könnte das unbeholfene Geschenk eines lächerlichen Landeis sein. Katze und Schwanz, Sie verstehen schon.

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Freitagnacht lasse ich mich nach hause bringen. Ich kann die Musik noch hören und schlafe sofort. Samstagabend gehe ich nicht einmal aus dem Haus.

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Christbäume am Sonntag. Romane hätte ich früher geschrieben. Tausend Geschichten. Der Mann mit der Stange, der einen Baum suchte, stangenhoch, stangendünn. Die Frau, die zwei Stunden suchte und dann sogar noch einen privaten Blumentopf kaufen wollte. Ihren Ständer hatte sie dabei, und stolz verließ sie den Hof mit einem schräg eingepassten Baum. Der Ehemann, der sich vor seinem Hofstaat samt Baum um sich selbst drehte. Die verehrenswerten jungen Mütter in ihren hohen Stiefeln, und die verabscheuenswert vorbereiteten in ihren dicken Handschuhen. Zig mal verliebt und verloren. Grüne Wathosen getragen, schwere Stiefel, die signalfarbene Forstjacke, eine über die Ohren hochgekrempelte Mütze. Und wie wohl ich mich so fühlte. Gegen Mittag lange im Stall stehend. Den Stall als Routine begriff. Als Ruhezone. Arbeit, die sich nicht beschleunigen lässt. Die erledigt sein will. Gewissenhaftigkeit einfordert. Ich rufen den Mädels, als ich ihnen das Futter an den Trog schiebe, und ich weiß, daß mich die Einkäufer auf dem Hof hören können, daß sie die Köpfe drehen und sich an ihrem Landleben freuen, bevor sie die Türe wieder vom Wetter trennt und der Fernseher sie wieder in die Welt trägt. Es ist dunkel, als wir die letzte Fuhre bringen, und es sind die ersten Bäume, die ich nicht komplett vom Wagen herab verkaufe. Ich begreife diesen kleinen Markt mit seinen verschwitzten, nassen Helfern und den gewienerten Kunden, ich begreife die Idylle, die Ehrlichkeit, die sie mit ihren Bäumen mit nach hause nehmen, frisch aus dem Wald, und würden wir Touren anbieten, wir könnten uns nicht mehr retten. Auch so kommt die Bärbeißigkeit an, die gute Laune des Naturburschen, der die Jungverheirateten schräg anschwatzt und den hohen Herrn übers Maul fährt. Ich bin ein Gaukler, ich bin Hofnarr, und am Ende des Tages habe ich zwei schöne Bäume verdient, ich vogelfreier Geselle, und mehr als einmal meine ich Neid gesehen zu haben, von den Gewärmten, den Verwöhnten, denn die Hände und die Augen, den schweren Tritt, den bekommt ihr nicht aus euren Fitnessräumen, und vielleicht, denke ich, als ich die nassen Kleider abwerfe und die Stiefel auf den Boden poltern lasse, vielleicht war es doch nur der Punsch, und ihr seid schon recht so.

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Ich mag sie. Sie ist nicht schön. Sie ist ein bißchen hübsch. Ein bißchen bissig. Ein bißchen anschmiegsam. Sie riecht ein wenig nach Möglichkeiten, und das stößt mich dann ab.

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Ich grüble über einer Konstruktion. Ich grüble über Technischer Mechanik. Ins Grübeln, ins Studieren komme ich ja gerne. Man sollte sich das abgewöhnen. Die Strecke von der Erde zum Mond annehmen, und bis zur Rente zurücklegen, in den Hasenstall, in dem sie Büro spielen, und den ich manchmal nicht so recht ernst nehmen kann, bis ich mich dann wieder aufrege, weil einer zieht und zieht, was schon zu lang ist, und mir das auch noch erklären will.

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Mittwochs spielen wir Brettspiele. Montags Basketball. Donnerstags schwingen wir Reden, und dienstags füttere ich oder bastle. Das habe ich mir gewünscht. Will ich das wieder hergeben, noch einmal drei Jahre verschwinden, zurückkehren und nicht aufholen können, was passiert ist? All die Abende, das Lachen, das Jaulen der Motoren, die Sorglosen, die Verbrauchenden, die etwas tatsächlich zu Bruch gebrauchen, für zwei Buchstaben, die mich dann womöglich nie wieder hierher lassen können? Mich fremd machen?

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Das Thema springt mir ins Auge. Der Betreuer. Ich erinnere mich an seine Arbeit, als ich dort studierte. Er vielleicht, aber natürlich muß es so weit weg sein, daß auch die tolle WG der Dörfler nicht zustandekommen wird.

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Mundharmonika. Blues.

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Und dann zwei Tage Skifahren. Ich fahre mit einer, in deren Bilder ich mich schon gewünscht habe. Wäre ich dabeigewesen! dachte ich, und nun fragt sie. Und ich schärfe meine Kanten, wachse die Beläge. Ich freue mich aufs Gleiten, auf das prügelnde Zittern der Knie in den Kurven. Auf das Federn, das mich in die Gerade treibt. Zwei Tage, und ich weigere mich, das in Arbeitszeit umzurechnen.
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