Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.

14.03.19, 08:18 | 'Entwachsen'
Ich versetze die Wohnung, die Bude, wie ich sie ebenso verächtlich wie liebevoll nenne, ganz langsam wieder in den Rohzustand. Es ist ein schrittweiser Umzug, jede Woche ein Auto voller Dinge. Bücher, Geschirr, Elektrogeräte. Jetzt fehlt mir eine Ablage im winzigen Badezimmer, auf die ich zum Duschen meine Brille legen kann. Als ob ich hier duschen würde, und doch kommt es vor. Der Duschkopf ist wieder der alte mit dem Riss an der Seite und dem viel zu kleinen Kopf. Das Bett ist längst abtransportiert, wie zu Beginn liegen ein Lattenrost und eine Matratze auf dem Boden. Ich habe keine Lampe mehr am Bett, sondern muß halb aufstehen und mich weit strecken zum Lichtschalter am Durchgang zum Bad. Der kleine Nachttisch steht noch da in seiner Ecke, und ich erinnere mich an die Nacht, als ich ihn nach Hause getragen habe durch den Nieselregen, gerettet von einem Stapel Sperrmüll. Über mir das Regal, das ich mit so viel Freude gezeichnet und gebaut habe und das in der Wohnung bleiben wird dürfen. Am Schrank keine Postkarte mehr, keine Einladung, kein Dankesbrief, kein Zettelchen. Auch den Zettel aus dem Küchenschrank mit dem lieben Brief habe ich schon abgehängt. Die Wand gegenüber vom Bett ist wieder nackt, das Sofa hat nun auch seinen Weg gefunden, Dienstwägen sei Dank, und auch das Rad hängt nicht mehr an der Wand, sondern wartet treu in einer Garage. Es erzeugt Wehmut in mir, dieses langsame Gehen, und es schärft in mir die Überzeugung ihre lange Klinge, daß ich eben doch nicht so bedürfnislos bin, wie ich immer tat. Dazu sind es doch schon zu viele Autos voller Dinge, dazu hinterlassen ihre Lücken zu tiefe Abdrücke in meinem Wohlbefinden. Es mag sein, daß es immer noch nur wenige Dinge sind, die ich zu brauchen meine, aber es gibt sie doch. Ich bin eben nicht frei, ich berge mich in Dingen, umgebe mich damit, und das zu lernen, zu steuern und mir auch damit das Wohlbefinden zu regulieren, statt nur mit dem kathartischen einzelnen Buch auf dem Boden neben dem Bett, das gilt es zu wissen und zu lernen und nicht mehr zu vergessen. Denn auch dies Unwissen, dieser Unglaube, dieses grimmige Abstreiten der Notwendigkeit von Dingen hat dazu beigetragen, daß ich so bald nach dem Einzug in meine winzige Wohnung das Größte verlieren mußte, das Lachen und Lieben und den Glanz in Augen und Haar. Deine Augen sind wie Felder und Wiesen, habe ich damals gesagt, und ich hoffe, sie sind es heute noch, nach all den Jahren. Lang bin ich hier in der Kälte gelegen, stumm und starr und nur abwartend, daß die Zeit vergehen möge. Nun hebe auch ich die Hand zum Abschied, denn die Zeit vergeht auch ohne mein Warten. Stattdessen wandern und marschieren, voranschreiten. Ich werfe den Rucksack der Erinnerungen nicht ab, sondern trage ihn mit mir, auch wenn sich die Umstände, ja selbst die Dinge ändern, deren Wichtigkeit ich eben erst kennenlerne. Ich werde mich erinnern an die Trauer und den Schmerz und die Kälte, ebenso wie an mein Aufraffen zur Suche, die mir dann wieder Freude bereitet hat. Blondes Haar und eine spitze Nase im Staub der Kletterhalle, kurze Hosen locker um kurze Beine auf einem Pferderücken, ein silbergraues Cabriolet vor der Haustür, wie ein Raumschiff aus einer anderen Welt zu Besuch. Voran, voran, singen Tomte, und voran, voran muß auch ich. Es ist ein Heimkommen und es ist ein Aufbruch, und daß das eine stets das andere in sich trägt, soll meine zweite große Lektion der letzten fast sieben Jahre sein.

Rauchzeichen




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