... Vorwärts fahren
08.07.26, 11:59
Der Himmel bedeckt, die Luft zu warm. Kein Gewitter in Sicht hinter all den Wolken. Ich radle durchs Dorf, im Hänger schläft das Kind, das sonst nie schläft, und sogar zurechtrücken ließ es sich im Schlaf, aus der unangenehm anzusehenden vornübergekippten Position heraus, die sich ergibt, wenn man begeistert nach vorn gelehnt ist, um nichts zu verpassen, und dann doch plötzlich sehr müde wird. "Sterben ist wie Schlafengehen" hatte ich lang an der kleinen Tür zum Dachboden hängen. Ein Comic, den ich einmal ausgedruckt, einmal verloren und niemals wiedergefunden habe. Vielleicht soll er Hoffnung machen, daß nur das Einschlafen schwierig sein wird. Ich werde es erfahren, denke ich, während ich so langsam vor mich hin radle durch das vormittagsstille Dorf. Nach links über die Brücke, noch einmal nach links zu den Feldern. In Gedanken nenne ich die Flurnamen, damit sie mir nicht verlorengehen, weil ich sie doch mit niemandem mehr bespreche. Auf der Anhöhe der kleine Schuppen, in dem wir einmal gefeiert haben. Ich erinnere mich an Musik und an unendlich viele Kabeltrommeln, die wir damals abgewickelt haben. Ich erinnere mich an wildes Trinken und wehende Haare beim Tanz, und an mich selbst, der ich still auf einem Strohballen saß und meinen Helden zusah. Vor der Hütte ein Krankenfahrstuhl. Ein Dreirad mit Lenker, mit Blinker und Mofakennzeichen. Der darauf Sitzende kommt mir bekannt vor. Ich radle heran, er zieht an seiner Zigarette. Am Heck des Stuhls ist eine Blechdose mit Klebeband befestigt. Akkurat und provisorisch gleichzeitig hängt sie kerzengerade und fängt Kippe um Kippe auf, wenn der Fahrer sie aufgeraucht hat. Er trägt das Haar lang, und ich erkenne in ihm einen der Helden meiner Jugend. Den wilden Tanz, die wehenden Haare, und immer dieses Lachen. Es hat sich in den Mundwinkeln versteckt. Er sitzt so da, die Schuhe gerade auf dem schmalen Trittbrett ausgerichtet, und schaut zum Gegenhang auf eine größere Baustelle, auf der er so gern wäre. Stattdessen Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte, und neben dem Offensichtlichen noch ein Elefant im Raum, den der Körper bildet, hinter der gegerbten Haut, genährt, gemästet geradezu durch die Jahre auf den Baustellen und der Lebensweise. "Unkaputtbar", sangen die Ärzte damals, und "Somehow all these nights in bars will somehow save my soul" sang Rob Lynch. An der Herrlichkeit dieses Lebens besteht kein Zweifel, wenn man den Sängern Glauben schenkt. Und wer sollte zweifeln an den Propheten des Rock 'n Roll? Es sind schon ein paar Jahre, daß er sich gewünscht hat, spät in der Nacht sein Lied zu hören: Too old to rock 'n roll, too young to die. Da ist noch etwas, sagt er leise, das mich immer so müde macht. Und eines nach dem anderen, sagt er dann, und da ist doch wieder dieses Lachen aus einer anderen Zeit und einem anderen Leben. Wir verabschieden uns, und ich drücke die Daumen und die Zehen. Wie viele Stents kann man haben, fragen wir zum Abschied, und zucken dann die Schultern. Ich radle weiter bergan, und er schaut noch ein wenig zur Baustelle hinüber, bevor er nach Hause fahren wird, wo er die Mutter pflegt. Es ist ja nie nur eine Katastrophe, denke ich und trete. Es sind immer Summen, die uns niederschlagen. Es sind immer die Haufen, unter denen wir erdrückt werden. Einen einzelnen Fels kann jeder Sysiphos ertragen. I'd rather die than fade away, singe ich vor mich hin, als es wieder bergab geht, gegen den Wind, der meine Stimme verweht, bevor sie bei dem Schlafenden ankommen kann, der noch nichts weiß vom Vergehen. Das stimmt nicht, fällt mir dann ein, es stimmt einfach nicht. Es sind nie zwei Leben, es ist immer nur das eine, das wir haben, und es hängt immer alles zusammen, was wir tun, und unsere ganzen Lebensfetzen werden ja doch nur vom Glück zusammengehalten, das wir aufbrauchen, abkratzen, verschenken. Und wir, die wir gesund sind, wir merken den Verbrauch nicht, und ich hoffe, daß wenn wir wenigstens bemerken, wenn wir es verschenken. Daß wir schmecken, fühlen können, was wir wegwerfen. Daß es sich lohnt in dieser Summe, dieses Heldenleben. Und daß wir einst genug von unserem Glück verschenkt haben werden, denke ich, und dann singe ich dem Schlafenden laut etwas vor, bis in seinen Schlaf hinein. May your song always be sung, mein Sohn. May you stay forever young.
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