Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Dienstag, 7. 04 20

07.04.20, 16:00 | 'was von den Jahren uebrigbleibt'
Im Dorfkalender diesen Monat ein Bild meines Großvaters, die kräftigen Hände fest am Lenkrad des Dieselrosses. Dessen Haube geschmückt mit Blumengirlanden, ein Festumzug. Der Opa trägt wie immer Hosenträger, eines der guten Arbeitshemden, und trotz des unscharfen Fotos kann ich sehen, wie er verschmitzt unter seinem Strohhut hervor in die Sonne blinzelt. Am Schlepper angehängt ein alter Kartoffelroder mit stählernen Rädern, aus dem Bild heraus kann ich ihr Klappern auf dem Asphalt hören. Ein Vorderreifen ist abgefahren bis auf das Drahtgeflecht, und beim ach so historischen Umzug zeigte er ein Gespann, das noch im Einsatz war, das Dieselross ebenso wie der Roder, den die Landlustigen schon damals mit einem Heuwender verwechselt haben. Er hat das sicher gewusst, dieser kleine Mann mit der großen Arbeit, daß sie ihn da für einen Vorführer hielten, wo er doch Bauer war, und vielleicht hat ihn das so typisch in sich hineinlachen lassen, wie ich es von ihm geerbt habe. Morgen wäre mein Opa achtundneunzig geworden.
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Samstag, 7. 03 20

07.03.20, 13:42 | 'was von den Jahren uebrigbleibt'
Daß ich damals sechs Tage lang geradelt bin und nur drei Tage aufgeschrieben habe. Wie schade drum, für mich nur, denn es sind bloß noch Fetzen übrig, keine Linie mehr. Die Bilder sind Kirchturmspitzen, die aus dem Nebel ragen. Deshalb, und ich schweife ab, auch Momente, die kein Bild ertragen. Denn es gibt Dinge, die vergehen müssen. Damit aus Schmerz Trost werden kann, vielleicht. Mein Zuspätkommen, mein zu spätes Aufbrechen, mein langsames Fahren und dann ein Stau. Die Augen schon geschlossen. Langes und tiefes Trinken im Holz- und Zigarettenrauch. Ans alte Waschbecken gelehnt stehen. Noch einmal Abschied. Ein kleiner Körper in einem großen Anzug. Die Hände faltig und kalt. Immer noch rauh und zerfurcht, und doch wird ihr Abbild weicher. Kein Bild davon, damit der Trost gewinnt gegen den Schmerz. Irgendwann.
Heute Bilder, die mich erinnern. Räume, Zimmer, Fenster, alte Heizkörper. Es ist nicht nur alles rechtens, sondern alles richtig so. Der Lauf der Zeit lässt keinen Stein stehen, und ich bin der letzte, der ein Museum fordert. Selbst der Stall riecht längst nicht mehr nach Kühen. Und doch haftet etwas an mir und zerrt an meinem Herz.
Ich muß bald wieder radeln gehen, denke ich. Bald. Bald.
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Samstag, 2. 12 17

02.12.17, 08:49 | 'was von den Jahren uebrigbleibt'
Letztes Jahr hast Du noch mit Deiner Pflegerin, die da schon längst zu Deiner engen Freundin geworden ist, gebacken. Große Stollen nach Rezepten aus ihrer Heimat. Viel früher warst Du zuständig für die Springerle, die ich am liebsten mag, wenn sie erst richtig hart sind. Wenn ich mich jetzt nach rechts drehe, sehe ich Dich von einem Bild lächeln. In der Küche warten die Ausstecherle, die ich im Frühjahr aus Deiner Küche gerettet habe, auf ihren heutigen Einsatz. Ich hoffe, Du schaust uns zu und lächelst, Oma.
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Donnerstag, 1. 12 16

01.12.16, 09:25 | 'was von den Jahren uebrigbleibt'
Auf dem Heimweg vom Einkaufen gestern abend, den Rucksack auf, eine Tasche in der Hand, die kalte Luft findet hinter meinem Kragen hinab bis an die Brust, und ich möchte mich auf Dein Grab werfen und die gefrorenen Brocken Erde auftauen, ich möchte Dich wärmen, daß Du auch jetzt nicht frieren mußt, wo es dann doch noch Winter wird.

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"Ich hatt' einen Kameraden" haben sie gespielt für Dich. Und eines, das ich noch gar nicht gekannt habe:
'S ist Feierabend, 's ist Feierabend
Das Tagwerk ist vollbracht
'S geht alles seiner Heimat zu
Leis zieht herauf die Nacht."
Das summe ich jetzt oft ganz leise auf dem Heimweg im Dunkeln, wenn ich an Dich denke.
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Montag, 27. 08 12

27.08.12, 07:51 | 'was von den Jahren uebrigbleibt'
Bob Dylan erzählt vom Zerbrechen, ich lade Bierkisten in den Kofferraum, und dann stehen die beiden neben mir, links und rechts, heute und damals, und wir bekommen das alle ganz elegant hin, fast mühelos, und dann lese ich Tage später das und bemerke, daß man schon ein Stück weit zerbricht, wenn man sich verliebt; nicht erst das Ende bricht uns, und das habe ich viel zu oft; ich liege in Trümmern, aber vielleicht macht das nichts. Ich weiß nicht, ob ich hoffen darf. Hoffen, daß es uns allen so geht. Und Juliette Lewis erzählt davon, daß einer die ganze Wucht der Welt vor sich hertragen muß, und erst jetzt lese ich, daß sie schreibt "You're given" statt "You're giving", und ihre gelobte Rotzigkeit hat mir das bisher verborgen, oder ich wollte nicht hören, und dann denke ich, daß ich ein Jahr dort leben sollte, oder zehn, nur um die Musik zu verstehen, die ich tausendmal höre und hundertmal singe. Daß mir nichts mehr entgeht, daß ich alle Botschaften aufnehmen kann, und vielleicht, wahrscheinlich, sicher ist auch das ein Fehler, zu glauben, man könne mit der gesamten Menge an Information dann die richtige Entscheidung treffen. Kann man nicht, man kann nicht wissen, und vor allem kann man wohl nicht richtig entscheiden, und für all das hoffe ich nicht mehr auf Vergebung, sondern nur noch auf Linderung, weil doch Erosion und Zerfall der Lauf ist, den wir nehmen, und da ist dann wieder Hoffnung, daß, wenn es schon so ist, dann wenigstens nicht so schlimm sein wird. Aber das ist zuviel verlangt, denn das ist das Schlimmste, weil wir nur leben, um nicht zu zerfallen, und tun es doch.
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Samstag, 8. 10 11

08.10.11, 12:37 | 'was von den Jahren uebrigbleibt'
Alte Bilder drängen sich auf. Es muß Herbst sein.
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Freitag, 6. 08 10

06.08.10, 00:33 | 'was von den Jahren uebrigbleibt'
Und die Namen all der Schönen, die habe ich längst vergessen.
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Freitag, 12. 03 10

12.03.10, 09:30 | 'was von den Jahren uebrigbleibt'
Zufälle. Ich denke an Dich und daran, Dir zu schreiben. Das Telefon brummt, Du schreibst. In jedem Satz eine Spitze, und jetzt weiß ich wieder: Selbstgerechtigkeit, Überheblichkeit und eine Liebe zu sehr billiger Macht.
Deshalb bist Du dort und ich hier. Womöglich waren wir deshalb auch einmal gemeinsam.

Ich antworte nicht, ich mag mich nicht mehr verteidigen.
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Montag, 22. 02 10

22.02.10, 12:02 | 'was von den Jahren uebrigbleibt'
Als wir Sonntagabends noch Essen gingen.
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Sonntag, 17. 05 09

17.05.09, 13:34 | 'was von den Jahren uebrigbleibt'
Wie ich es hasse, Dein Leben als Ordner- und Dateinamen im Kopierfenster an mir vorüberziehen zu sehen, während ich Deine Daten sichere.
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