Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Dienstag, 2. 09 14

02.09.14, 14:11 | 'You're the storm'
Der Moment, ab dem ich Dir nur noch erzählen darf. Ab dem Du nichts mehr erzählen möchtest. Wie ich vorhergesagt habe, schwand die Vertrautheit, wir sind Bekannte, werden Fremde sein.

Godspeed, J. Wherever you may roam.
# |  Rauchfrei | Gas geben

Sonntag, 9. 08 09

09.08.09, 13:04 | 'You're the storm'
Freitagabend, ich fetze in die große Stadt. Auf dem Beifahrersitz der Rucksack, darin Brot. Ich bin zum Essen eingeladen. Bring Brot mit, hat er gesagt. Wieviel Brot hat er nicht gesagt, also drehe ich auf der Hauptstraße um, als ein Neonschild an mir vorbeiflitzt, und mit heißen Reifen stürme ich den Supermarkt. Fünf vor acht, ein Mädchen räumt das Brot aus den Regalen in Kisten. Dann wischt sie die Regale sauber. Ich stehe einigermaßen ratlos vor ihrem Hinterteil, das eine Trittleiter auf meine Augenhöhe hebt. Räuspern.
Sie fällt fast von der Leiter, klatscht mir fast den nassen Lappen ins Gesicht. Eigentlich wollte ich nur Brot, und in Supermärkten kenne ich mich doch so gar nicht aus. Aber es ist acht, und ich bin spontan, und zum Lernen ist man ja nie zu alt. Dieser Satz kein Verb, denke ich noch, als mein Gestammel meine Ohren erreicht und das Hirn die Arme verschränkt, die Lippen schürzt und schmollt, um gleich darauf zu verkünden, es gäbe sich nicht mit Menschen ab, die ihrem eigenen Geplapper zuhören müssen, um überhaupt mitzubekommen, was sie da eigentlich sagen.
Sie lächelt unsicher, reicht mir einen Laib Brot und zeigt mir die Tüten. Die erste ist zu klein, die zweite reißt, und irgendwann bin ich dann tiefrot und an der Kasse. Die finde ich sehr leicht, das Licht geht nämlich dort zuerst aus, wo die Kasse nicht ist. Follow the light, ha ha. Lost in the supermarket, und könntet ihr da oben vielleicht einmal aufhören, mir Musik vorzuspielen, und stattdessen auf die Kassiererin achten? Sie hat eine Zahl genannt und die Hand ausgestreckt. Also wird sie wohl etwas von mir wollen. Und ihr spielt da oben The Clash, sagt mal, gehts noch? Beleidigt dreht das Musikhirn den Sender Freie Assoziation ab und winkt dem Geldhirn. Zahlen, bitte. Es braucht eine Weile, bis es sich nach vorn durchgedrängelt hat, das Mädchenhirn steht wieder mal so breitbeinig da und versperrt die Sicht. Schau auf die Kasse, nicht in ihr Kleid. Hallo? Hallo! Kasse! Anzeige! In die Tasche fassen! Nicht in ihre, in Deine eigene! Ihr Kleid wird wohl keine Taschen... Das Sicherheitsdiensthirn schwingt die Keule und sorgt für Ruhe, bewahrt mich vor Peinlichkeit und davor, die Nacht in einer Zelle zu verbringen. Es ist aber auch sehr heiß heute, und schlußendlich bekomme ich den Laib Brot um den halben Preis, weil es schon nach acht ist, und der Supermarkt schon geschlossen ist. Das Geldhirn entfernt sich singend und tänzelnd, es sieht sehr nach Sterntaler aus. Schwaben! schnaube ich und lasse die Hirne den Rest alleine machen.
Draußen lädt eine junge Frau Biogemüse in ihr Auto. Sie macht das sehr liebevoll, und ich kann sowieso nicht einsteigen, weil sie in der schmalen Lücke zwischen unseren Autos steht. Ansonsten ist der Parkplatz riesig. Riesig und leer. Ich räuspere mich erneut, was sie erschreckt hochfahren lässt, so weit es das Wagendach eben zulässt. Von diesem wird sie recht unsanft gebremst, und ich streiche die billige Anmache mit den Möhren, die mir das zurückgekehrte Mädchenhirn schon auf die Zunge gelegt hatte, wieder aus meinem Repertoire. Besser ist das, und die Beach Boys werden dringend gebeten, mit California Dreamin' aufzuhören, das ist nämlich nicht von denen. The Mamas and The Papas nämlich. Solche Dinge denke ich wirklich, und jetzt wissen Sie auch, weshalb ich manchmal vor mich hin grinse, brabble, oder auf irgendwelche Gegenstände renne. In meinem Schädel wohnt ein Tier, will sagen herrscht Theater, und könnte mal eben jemand Element of Crime abdrehen? Das passt nämlich nicht. Danke. Und die junge Frau ist auch weg. Wahrscheinlich muß sie noch schnell was gegen Kopfschmerzen...
Leise vor mich hin delirierend steige ich ein. Als ich in der Eigentumswohnung, Parterre mit Gartenanteil, eintreffe, sind wir nur zu zweit, und das Brot hätte ich auch nicht gebraucht. Wir vergnügen uns mit Männergeschichten und Musik und Internet auf dem Sofa, und nur einmal werden wir ernst, als es um seine Ex und seine Jetzt geht. Ich besänftige, als dirigierte ich ein Orchester. Mein Telefon brummt auf der gläsernen Tischplatte. Unter "Lautlos" verstehe ich etwas anderes, denke ich noch, und dann denke ich, daß jetzt keiner unsere Schatten sehen sollte, auf dem Rasen draußen. Ich halte den Staubsauger in der Hand und schaue nach oben, wie er auf dem Stuhl balanciert und mit dem Sauger nach Schnaken jagt. Und die abgehängten Vorhangstangen wollte ich schon lange mal, sagt er, und lachen Sie nicht, solche Dinge klingen für mich sehr plausibel, freitagabends um elf.
Jedenfalls bemerke ich das Brummen erst, als wir uns wieder setzen. Ich möchte ihm Musik vorspielen, und bei dem Gedanken, wie viele Elektronen dafür wirbeln müssen, vom Telefon durch die Luft in den Rechner, von dort in den Verstärker und dann noch in die Lautsprecher, bei diesem Gedanken jedenfalls und den vielen Windungen darin wird mir ganz blümerant zumute. Vielleicht ist es auch nur das Bier, oder vielleicht doch der Kühlschrank, der kaltes Wasser und Eiswürfel ausspucken kann, wenn man ihn darum bittet. Er gibt, wie die Menschen, die sich solche Dinge kaufen, Bedürfnissen sehr konsequent nach und sieht auch noch gut aus dabei. Lange sinniere ich über den Zusammenhang von Bedürfnissen, Traditionen, das Annehmen und Zurückweisen und das Wecken und Verspüren von Bedürfnissen überhaupt. Das Wasser ist warm, die Eiswürfel haben sich längst aufgelöst, zu dem Lied habe ich nichts erzählt und das Brummen des Telefons habe ich auch vergessen. Dabei dreht sich doch alles, alles um ebendieses, und wie kam ich eigentlich hierher?

Superfrüh, schreibt sie, und biken, und zuletzt hatte sie mir noch ein Bild ihres neuen Hemdchens geschickt, mit einem Tweety darauf, und "just so sassy", und das hatte mich ja schon sprachlos, Sie verstehen sicher. Gegen diese Verwindungen ist es ein Klacks, von einem Telefon auf dem Tisch Musik geliefert zu bekommen. Bevor ich mich allerdings endgültig verwickle, durchtrenne ich den gordischen Zusammenhangsknoten, von dem sie ja nicht wissen kann, und schreibe. Hurra! schreibe ich.
So weit, so gut, so richtig.

Vielleicht fällt mir auf diesen starken Anfang noch etwas ein. Irgendwann. Ich lege das Telefon auf den Beifahrersitz, den Rucksack darauf, und in der ersten Kurve rutscht alles nach unten.
Um Ihnen das restliche Elend zu ersparen: Ich komme heil an, dort, wo sie unterm Vordach sitzen, in Gartenstühlen, und da stellen zwei die Augen, als könnten sie um mich herumschauen, oder zumindest um die vielen Flaschen auf dem Tisch. Aha. Ich bin hier sehr zu hause, sehr ruhig, sehr geborgen, stelle mich in eine Ecke und antworte ihr, endlich. Saufrüh? Ich hol Dich ab.

Und wie abgemacht rufe ich sie am nächsten Morgen an, eine Viertelstunde vor Saufrüh. "Ich bin wach, ich bin wach", schlurft ihre Stimme durch den Hörer, bevor ich sie begrüßen kann. Ich streiche also die Begrüßung und die Frage, ob sie denn schon wach sei. Danach kommt nichts in der Liste, also springt das Improvisationshirn ein. Nicht schon wieder. Es trägt immer lustige Hüte und rote Nasen und ist stark geschminkt. Ehrlich. "Du lügst doch!" ruft es in den Hörer, und dafür lasse ich ihm die Nase am Gummiband ins Gesicht schnalzen und jage ihn mit einem Fußtritt davon. Aus der Ferne trötet er noch lustig, und solche Dinge bringen mich durcheinander, das können Sie doch sicher nachvollziehen.
Ein Glück, sie lacht, und ich lege auf. Verabschieden hätte ich mich können, denke ich, aber es ist eine Viertelstunde vor Saufrüh und ich bin verknallt. Herrjeh. Und Elvis Presley singt Be-Bop-a-Lula, während ich mir die Zähne bürste. Unauffällig kontrolliere ich im Spiegel, ob ich alles richtig mache. Be-Bop-a-Lula, she's my baby. Aha. Soso.
Radhose, Trikot und Helm und Schuhe. Wasserflasche. Die Tür schlägt hinter mir zu, ich schaue mich betreten um und schließe noch einmal auf, um das Rad zu holen. Hey honey, I'm packin' you in! und kopfschüttelnd radle ich los. Bryan Adams. Ach Gottchen.

Die Stadt ist ruhig. Die Straße ist ruhig. Nur meine Reifen surren auf dem Asphalt. Das gefällt mir. Das Haus ist verdächtig ruhig, und das gefällt mir nicht. Ich knarze mit den Eisenplatten an den Schuhen auf dem Gartenweg. Läuten? Um fünf nach Saufrüh? Anrufen? Da könnte ich mich ja gleich hinknien, denke ich. Keine schlechte Idee eigentlich, aber ich kann die nicht weiter ausführen, ich muß zunächst die Zillertaler Schürzenjäger vertreiben, die gerade zum Hochzeitsmarsch ansetzen wollten.
Der Engel steht in der Tür des Wintergartens, und ich sehr verwirrt im Garten. Pomm Fritz, Hochzeitspolka, Sie verstehen. Ich verstehe vor lauter Lärm nichts mehr. Ein Baukompressor vielleicht? Ein alter Lanz bei Vollgas? Ach ne, nur Herzklopfen.
Sie reicht mir einen Schokoriegel. Frühstück? frage ich, und sie bestätigt. So früh kann sie nichts essen. Ich speichere das ab, ich werde ihr das Frühstück dann eben nicht vor neun ans Bett bringen. Der Schokoriegel schmeckt seltsam. Er passt nicht zur Verpackung, und wo habe ich die eigentlich? Ich falte sie wieder auf, wie oft habe ich die eigentlich in den sprachlos kauenden zehn Sekunden in der Hand zerknüllt, und für wie doof halten Sie mich eigentlich gerade? Neuer Geschmack! steht da, und heute muß mich ja alles durcheinanderbringen, sogar die Schokoriegel, schönen Dank auch.
Und Hosen. Sie trägt kurze Hosen, sehr kurze Hosen. Sehr weite, sehr kurze, sehr schöne Hosen. Für die Beine, die aus diesen Hosen in den Himmel wachsen, fehlen mir leider die Worte. Bis auf einen blauen Fleck auf dem Oberschenkel. Den könnte ich ihnen beschreiben, dazu müsste ich ihn allerdings sehr lange und sehr intensiv anstarren. Außerdem werde ich später erfahren, daß es drei blaue Flecke sind, also dürfen Sie meine Beschreibung getrost als verwaschen und sehr vage abhaken. Jedenfalls ist er schön, der blaue Fleck. Und die Hosen. Ich weiß nicht recht, ob ich weite Hosen mögen soll. Man sieht ja die Konturen darunter kaum. Allerdings besitzen weite Hosen auch weite Öffnungen, und als ich das feststelle, schließe ich die Hosen sofort ins Herz. In die Augen auch. Eh klar.
Ich zähle drei Riemchen über einem engelsgleichen Schlüsselbein, schwarz, grau und pink, und wenn das zukünftig meine Nationalfarben sein sollen, ich wäre von Sinnen vor Freude. Denn sie darf pink tragen, sie dürfte mich in pink kleiden, sie darf pink sogar "pearl" nennen, aber das gehört nun wirklich nicht hierher.
Sie trägt übrigens einen Rucksack. Soll ich auf den auch noch ein Loblied singen? Nein? Na gut. Aber merken Sie sich, ich könnte. Eine ganze Arie, bis auf den Sopran. Und über ihren Rücken eine Oper. Mindestens. Nun, ihr Rad ist schwarz mit pinkfarbenen, verzeihen Sie bitte, "pearlfarbenen" Flammen, und Sie darf das. Punktum.
Zum Takt von The Chain radeln wir los. Fleetwood Mac, und jetzt haben Sie es übrigens fast geschafft mit der Musik, es kommt nur noch ein Titel. Von dem kenne ich allerdings nur eine Zeile und nicht einmal den Interpreten.
Durch die Stadt, den Berg hinauf, ich ziehe das Tempo an, im Text wie am Rad. Ihre geröteten Wangen. Ihr Lachen, wenn sie erzählt, und ihr Schnaufen, wenn das Lachen sie außer Atem bringt. Meine Schlangenlinien, mit denen ich mich daran vorbeimogle, hinter ihr herfahren zu müssen. Irgendwann reicht sie mir den Handschuh, um mir noch zu gratulieren, und mir fallen die Damen ein, die den Rittern einen Handschuh zur Erinnerung überließen, damals noch. Ich falle fast vom Rad, und jetzt kämpfe ich mit dem Atem.
Wir sind sowieso zu schnell, weil ich immer eine Radlänge Vorsprung brauche. Die brauche ich, ohne die kann ich nicht, und daß das nicht besonders clever ist weiß ich selbst, haben Sie trotzdem Dank für die Zwischenrufe. Sie ruft mich zur Ordnung, auf halber Strecke nach oben, und da erzähle ich eben mehr, um mich zu bremsen. Und noch mehr, ich höre nicht mehr auf zu reden. Jaja, sehr clever, Ruhe da hinten!

Bei der kleinen Abfahrt zwischendurch rufe ich "This is rock 'n roll radio", die Steinchen spritzen davon, und wie die wilde Jagd flitzen wir an einer Gruppe übernächtig aussehender Camper vorbei. Übermütig versuchen wir einige kleine Hügel, und scheitern. Sehr kläglich, aber uns sieht ja niemand. Albern bin ich und hüpfe mit dem Hinterrad. Kleine Hüpfer nur, doch sie ruft "Bunny hop", und das macht mich sehr leicht. Dann durch dichtes Gebüsch auf einem schmalen Pfad, langsam und konzentriert. Ein Wackeln, ein Zittern, ein zarter Körper trifft auf den harten Waldboden. Leise raschelnd schließen sich die Blätter wieder über Radlerin und Rad, und laut klingt ein "Verfluchte Scheiße" darunter hervor. Dem Himmel sei dank, solange sie flucht, lebt sie noch, und bevor ich noch antworten kann, hat sie Beine und Rohrrahmen entwirrt und tritt fröhlich davon. Ich merke mir die Wurzel, die sie zu Fall gebracht hat, und den zugehörigen Baum. Wir sehen uns wieder, Freundchen, drohe ich der Buche, und dann wird Winter sein, und ich werde eine Säge haben. Brennen sollst Du, anstatt Engel umzuwerfen, hinterlistiges Buchenstück! Hilft alles nichts, ich strample weiter. "Alles gut?" frage ich. "Lenker", sagt sie nur, und ich schlucke. "Lenker" müsste für Damen das sein, was für Herren das gepresst gezischte "oberes Rahmenrohr" ist. Aua, auch wenn das anatomisch nicht ganz korrekt sein dürfte. "Gibt noch einen blauen Fleck", sagt sie, und da kann sie schon wieder Lachen.

An die dicken Mauern der Ruine gelehnt stehen die Räder einträchtig nebeneinander. Oben sitzen wir in der roten Morgensonne und erzählen. Es zieht mich nach draußen, sage ich, und bin genauso erschrocken und ungläubig wie sie, als ich mich das sagen höre. Eine Stadt in der Schweiz. Sie nennt dieselbe Stadt, und ich sehe schon, wie ich abends in eine Wohnung komme, in der ihr Atem in der Luft liegt, und da schweigt sogar die Musik in meinem Kopf. Es fehlt nichts, es ist alles da, und abends machen wir Ausflüge mit unseren Rädern in die Berge.

Stattdessen packen wir zusammen und radeln zurück. An einer Schneise halten wir, Helme auf, Sättel nach unten, sie rückt ihre Sonnenbrille zurecht. Heute kann mir nichts passieren, ich berühre ja kaum mehr den Boden, so leicht bin ich. Wieder rufe ich "This is rock 'n roll radio!" und bremse erst wieder, als meine Brille auf der Nase zu hüpfen anfängt und der Lenker beinahe meine verkrampften Hände abschüttelt. Knirschend schleift der Reifen über den Schotter, ich stehe im Tal auf dem Weg und schaue ihr zu, wie sie elegant über die letzten Steine gleitet, die mich so durchgeschüttelt haben. "Du magst es wohl hart und schnell", lacht sie, und "Ich mag es lieber langsam und konzentriert", und dazu kann ich dann nichts mehr sagen. Wir lassen es laufen, bis in die Stadt, und dort trennen wir uns. U2 geben immer noch den "Beautiful day", als ich schon längst Ballennetze aus dem Miststreuer fische, und "Darling I don't know, why I go to extremes" singe ich aus vollem Hals, als mir Fahrtwind und Motorenlärm durch die offene Frontscheibe entgegenschlagen und mit schmutzigen Händen winke ich der Braut, die durchs Dorf läuft, ihr Kleid gerafft, an der Spitze des Hochzeitszuges, die Füße in den Dreckbatzen, die ich eben verloren habe.
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Dienstag, 7. 07 09

07.07.09, 08:44 | 'You're the storm'
Um elf, als ich längst die Kissen nach dem Schlaf durchwühle, der mir so fehlt, und ja, ich habe zwei Kissen, eines für Bücher und eines für meinen Dummkopf, jedenfalls klingelt um elf das Telefon auf dem Nachttisch.
Draußen Wetterleuchten, entfernt grollt Donner. Regen prasselt auf den Fenstersims, rauscht auf dem Dach. Er flaut ab und kehrt wieder, zurückgeworfen von den Bergen, die mein kleines Tal in einen Kessel, einen Hexenkessel verwandeln, bei Gewittern.
Ja, sage ich. Ich liege still auf dem Rücken, das Telefon am Ohr, und schaue an die Deckenbalken.
- Habe ich Dich gestört?
Mein Engel. Mein Herz klopft, schlägt von unten heftig an meine Zunge, an den Gaumen Ich schlucke trocken und hart. Deine Stimme in meinem Bett, dazu Regen.
Nein, sage ich kehlig. Was gibts?
- Bist Du denn schon im Bett?
- Ja. Was gibts?
- Hast Du etwa schon geschlafen? Um elf? Du klingst entsetzt, und ich fühle mich plötzlich wie ein alter Mann. Du machst mein Leben sehr leer, weißt Du das?
- Ja. Was gibts? Ich lüge, und ich bilde mir ein, daß man das nicht hört, wenn ich einsilbig bleibe.
- Das Bild vom Samstag war sehr schön. Ich hätte trumpfen können mit dem Bodensee.
Du lachst hell. Und ich kam mir toll vor, an einem Samstag, an dem ich den Feierabend um fünf fand, um auf unserer Wiese zu liegen, in unserem Bädchen zu planschen, da lagst Du am Bodensee, mit -. Es ist sehr armselig, was ich hier mache, und ich komme mir sehr klein vor, Dir gegenüber. Sehr begrenzt. Und sehr allein. Ich kann mir vorstellen, wie sie Dich einladen allenthalben, wie es Dir zufliegt das Leben und sich Dir zu Füßen legt, wie ich es tue. Wie es sein soll, bei einem Engel.
- Ja. Was gibts?
- Was Du neulich gemacht hast, an meinem Rechner: Ich verstehe das nicht.
Und Du fragst, und ich erkläre, und wie hätte ich nur hoffen dürfen auf einen zwecklosen Anruf, ein WiegehtsDir? ein WobistDuichmußDirwaserzählenkommsofortvorbei!
Hatte ich lange nicht mehr, das alles.
Irgendwann ist alles erklärt, und Du verabschiedest Dich schnell.
-Ja. Passt schon.
Das Telefon wird stumm, es leuchtet kurz auf und verglimmt dann. Ich halte es weiter am Ohr und sage halblaut den Satz, den ich Dir sagen wollte. Der Donner rumpelt noch einmal. Immerhin.
Schlaf finde ich keinen und verfluche stattdessen das Herz, das klamme, das so beharrlich an Dir festhält, die Du irgendwo sitzt und lernst, im Schein einer Lampe, die Dein Haar zum Leuchten bringt. Die Du an meinem geliebten Bodensee liegst, den ich nur einmal im Jahr sehe, ohne mir das erklären zu können.
Und immer wieder das Gefühl, etwas tun zu müssen. Die wändezerkratzende Angst, mit diesem Leben einen Fehler zu machen. Aber irgendeiner muß doch hierbleiben, denke ich dann, und Wurstbrote essen, und auf euch warten; irgendeiner muß doch all das erhalten, zu dem ihr zurückkehren könnt.
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Sonntag, 28. 06 09

28.06.09, 16:37 | 'You're the storm'


"Freilich", hast Du gesagt, und mit zwei Fingern meinen Arm gehalten, so zart und so bindend, ich hätte mich nicht von Dir lösen können, hätte schweben können, und fliegen mit Dir, "an Deinen Armen findet man alle Adern. Aber schau mal hier." und Du hast mir Deinen Arm entgegengestreckt, und ich habe mich nicht getraut, ihn zu berühren, zu beflecken mit meinen Klauen, ich habe mich stattdessen vollgesogen mit dem Anblick Deines Handgelenks, und Deiner zierlichen Finger, so ebenmäßig und glatt, und ich habe genickt und verstanden, daß man an einer Arterie auch mal vorbeistechen kann. "Dann spritzt es kurz, zwei, drei Schläge, und eigentlich sieht das ganz witzig aus."

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Du hast mir geschrieben, gestern abend, und ich war unentschlossen und einsilbig, ich kann das auch beim Schreiben sein, man glaubt es nicht; und das passt alles nicht so recht, und als Du dann angerufen hast, da war ich sehr sprachlos und konnte nur sagen, daß ich nicht geduscht bin, und da hast Du gelacht und gesagt: "Aber zu hause bist Du? Ich bin gleich da", und dann stand ich so vor dem Haus, auf Socken, in Radlerhose und Trikot und helmzerdellter Sturmfrisur, scharrte den Dreck aus meinen Schuhen ins Blumenbeet, und Du vor mir und ich wieder mit dem schlechtestmöglichen Eindruck, aber das geht mir ja immer so, und dann waren wir auch schon oben und ich beim Umziehen, ich kann nicht in Radhosen vor Dir sitzen, beim besten Willen, und den habe ich erst recht nicht, herrjeh, aber was habe ich da, was noch nicht benutzt wurde, schließlich sitzt Du vor meinem Schrank und ich stehe im Bad und komme mir doof vor, aber Du hast sicher schon einmal jemanden gesehen, der - ach, da liegen noch Arbeitshosen vom Klauenpflegekurs, die gehen ja noch, nur der Gestank, was solls, da muß ich rein und Du durch, und dann ging es doch.

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Du hast an Deiner Stirn zwei kleine Adern, die sich kreuzen, und die beiden pochen sogar, wenn man Dich im Profil anschaut, und sie zeigen sehr schön, wenn Du von etwas erzählst, das Dich berührt, und eigentlich sollte ich niederknien vor Dir, doch nicht einmal das möchte ich Dir antun.
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Mittwoch, 17. 06 09

17.06.09, 22:47 | 'You're the storm'
Wenn Du nur sagen wolltest, mit diesem leeren Sofa und dieser grünen Wiese, was ich sagen wollte, mit dieser Stadt von oben, im Sonnenglast, umrahmt vom leeren Fenster der Ruine. Wenn Du nur sagen wolltest, was ich sagen wollte. Wenn Du nur verstehen wolltest. Wenn ich nur verstehen wollte. Wenn nur.
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Montag, 1. 06 09

01.06.09, 12:18 | 'You're the storm'
"You'd chop your arms to give her wings, wouldn't you?"
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Sonntag, 24. 05 09

24.05.09, 15:18 | 'You're the storm'
"Hör mal genau hin", sagst Du, und klopfst Dir selbst mit den Fingerspitzen an die Wangenknochen. "Hört es sich dumpf an? Auf einer Seite vielleicht?"
Und ich höre genau hin, ich nähere mein Ohr, bis mich ein vorlautes Haar von Dir kitzelt und ich Deinen Atem auf meinem Hals spüren kann. Ich höre lange hin, und wenn dies die größte Nähe ist, die je zwischen uns entstehen könnte, es wäre nicht vergebens gewesen, dieses Leben.
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Samstag, 23. 05 09

23.05.09, 11:26 | 'You're the storm'
"Wenn ich mich vertippe, schreibe ich 'Brain'", sagst Du lachend, und in keinem Moment könnte ich Dich mehr lieben als jetzt, den Schal halb vor den Mund gehalten, in meinem Stuhl zurückgelehnt, daß ich immer wieder die zarte Haut an Deinem Bauch sehen kann, und mit ausgestreckten Beinen, in diesen kurzen Söckchen, daß ich Deine Knöchel sehen kann, und Dein Lachen, das mich trägt und erhebt und mich zittern macht, und Deine Augen, die im Fieber glänzen.
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Mittwoch, 20. 05 09

20.05.09, 08:59 | 'You're the storm'
Eine durchfahrene Nacht. Erst eine. Man sieht noch nichts. Neulich, nach zwei Nächten, da sah ich komisch aus, sagten die Kollegen. Durchgefeiert? So ähnlich. Ackerparty, Schlepperdisco. Aber laut habe ich das nicht gesagt.

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Dafür Magenschmerzen. Von den riesigen Tabletten, die sich so schlecht schlucken lassen. Vom Automatenkaffee, der mich vom Gähnen bewahren soll. Friß mich nicht! hat der Chef gesagt, und ich mußte im Gähnen lachen.

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Überhaupt Automatenkaffee. Die Größe des Automaten scheint ja im reziproken Verhältnis zum Geschmack zu stehen. Oder vielleicht der Anteil der Handarbeit. Automaten, die sogar das Tassenspülen vermeiden, indem sie Plastikbecher ausgeben, die sind ganz unten in der Hierarchie.

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Gestern saß ich so auf der Terrasse, und die Bäurin brachte mir eine Tasse. Ich meine, eine Tasse. Ich meine, brachte. Ich meine, hallo? So weit weg ist der Himmel wohl nicht. Ist ja auch steil genug hier am Berg.

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Und der Berg. An dem hört man ein Brummen und ein helles Sirren, das an- und abschwillt, wenn die Mähwerke in den Seitentälern verschwinden und wieder auftauchen. Ich sitze da also beim Kaffee und höre dem Mähen zu. Vielleicht ists so schon am Schönsten.

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Und dann bin ich irgendwo am Schwaden, entlang dieser Schnellstraße, und alles ist krumm und verbogen von den Sonnenbrillenfahrern, und da ist ein Riß im Metall, und dort singt das Getriebe, und überhaupt verstellt sich der hintere Schwadkreisel, wie er lustig ist. Ich köchle so in meiner Wut vor mich hin, weil es hier auch noch viel zu feucht zum Schwaden ist, und dann muß ich immer besondere Kunststücke austüfteln, damit kein Dreck ins Gras - und wie ich das so denke, ersaufen die kleinen Rädchen in einer Pfütze, und die Zinken rechen im Matsch, und ich fluche laut und lästerlich, daß der Druck nach außen kann, und mir ist so gar nicht mehr zum Lachen grade.
Da vibriert es in der Tasche, und ich ziehe die Frontscheibe zu. Jetzt kann ich auch das Läuten hören, den Refrain eines Lieblingslieds, so weit sind wir schon, ach je, ich singe mit und gehe ran.
"Hast Du einen Computer in der Nähe?" Ich sehe mich um, sehe die digitalen Anzeigen und die Kontrolleuchten, die vielen Knöpfe und Schalter, und sage Nein.
Du suchst eine Apotheke, und da rufst Du mich an, und da ist er, der Grund fürs Ichtelefon, da entschwindet er, da war er.
So bleibt mir nichts, als Dir zuzuhören, und irgendwann kommst Du vom Lamentieren ins Erzählen, und dann ins Lachen, und dieses Umschwenken, das ist sehr schön, das macht meinen Tag sehr hell und warm. Wir können ja Tabletten tauschen, sage ich begeistert, meine sind rosa und rund, und Deine?
Lachend trennst Du die Leitung, und ich weiß, daß da eine Leere entsteht, wenn man plötzlich wieder allein ist, Du dort, ich hier, und da schreibe ich Dir noch schnell und danke der Technik, die das möglich macht, ich halte ja immer noch das Telefon hoch, wenn ich was verschicke, das macht ja sonst auch niemand mehr, jedenfalls schreibe ich Dir ein Augenzwinkern und ein Schulterklopfen, und dann fahre ich wieder nur noch, aber die Dämmerung ist heller geworden, und das Abendrot war vorhin auch noch nicht da, und ich könnte schwören, ich habe vorhin noch nicht gesungen. This is yours, möchte ich noch sagen, aber da versagt dann die Technik, und ich auch, und so freue ich mich einfach an den Arbeitsscheinwerfern, die ich neulich noch zerlegt und geputzt habe, und die jetzt wieder hell und klar sind, und die blanken Zinken aufblitzen lassen, auf ihrer ewigen Kreisfahrt.
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Freitag, 17. 04 09

17.04.09, 16:30 | 'You're the storm'
"Ich kenne Dich nur in Bandshirts", sagt sie zu mir, als wir im Gewölbekeller sitzen und die Musik um uns dröhnt, und ich schaue an mir hinunter. Die happy. Ja. Hast schon recht.

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