Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.

05.07.21, 23:08 | 'Egalitaeten'
Noch immer die Unsicherheit, wie man zu reisen hat. Wie ein Urlaub zu sein hätte.

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Eine Ausschreibung noch, nur eine.

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Immer wieder Zweifel am Beruf, und immer wieder der innere Ordnungsruf, daß es immer ein Produkt geben wird. Nichts ist nur Dienstleistung. Nichts nur digital. Die Physis verstehen, das Zusammenwirken von Befehlen und den Kräften, die sie ausführen. Effekte verstehen. In meinem Leben wird die Maschine wohl nicht mehr verlorengehen.

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Wie weit soll sie gehen, die Konsequenz? Was schützen, was ignorieren? Ich möchte keine Waage sein.

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Entlang aller Parkplätze stehen rauchende Grills, tragen Frauen triefendes Plastik zu überfüllten Mülleimern.

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Wir machen ein Feuer im Wald, das in den Abendhimmel raucht. Es dunkelt schnell, und trotzdem lassen wir es lieber ausgehen. Die Grillstelle ist gemauert, gepflegt und überdacht.

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Eine kalte Nacht in diesem Zelt, und es dauert, sich zu überwinden. Dann Lachen.

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Siebzigzwei, was in Ordnung ist für mein Alter, jedoch nie für meine Idee von mir.

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Was ich mir morgens alles denke auf dem Rad. Aus dem Haus, an den dunklen Fenstern und stillen Autos der Nachbarn vorbei. Ich quetsche mich an einem alten Wohnmobil vorbei, das den kurzen Radweg blockiert. Wo sollte es auch sonst stehen, aber noch haue ich keine Spiegel in Scherben. Müsste ja doch selbst darüber hinwegfahren, Tage und Wochen. Dann über eine Wiese holpern, ein schmaler Pfad führt auf der Grenze hinunter. Rechts Obstbäume. Weiter vorn ein kleiner Stall, ein paar Ammenkühe stehen gelassen im Gras, die langen Haare naß vom Tau. Durch das Industriegebiet, wo ich morgens manchmal die Besprechung der Gipser sehen kann. Was sie wohl besprechen mögen? In ein paar Minuten überholen mich ihre Busse auf dem Weg. Sie stellen ein, sagt eine große Werbeplane: "Gipser - und Stuckateure". Ob sie wissen, daß nur ein Leerzeichen sie rettet? Ich biege scharf um eine Ecke, der zur Sicherheit angebrachte Spiegel ist überwuchert und beschlagen. Eine Holzbrücke, die kaum ein Holzbrückengeräusch machen möchte. Ein neuer Radweg, angelegt zu Ehren der vierspurigen Schnellstraße, und damit man die länger bewundern kann, führt er über Kilometer im Zickzack. Und falls doch einer nachlässig wird in seiner Bewunderung, haben sie die scharfen Kehren entweder unter die Autobahnbrücke gebaut, wo sie morgens gern blank vor Nässe ist, oder in jede Kehre ein Gebüsch gepflanzt, das sicher vielen Vögeln Heimat ist, in seiner Vielfalt jedoch zu allen Jahreszeiten schmierigen Schmutz in den Kurven verteilt. Bei dem Wetter sind sowieso überall Schnecken, und nach den ersten Kilometern gebe ich es auf, sie umfahren zu wollen. Es tut mir ja auch leid, daß ich kein Buddhist bin. Waren es die Buddhisten, die auf ihren Pilgerreisen mit dem Besen vor sich kehren, um nur ja kein Insekt zu töten, oder bin ich einer Legende aufgesessen? Einem Traum gar? Ich begegne dem alten Lehrer, der geruhsam läuft und aussieht, wie ich mir Rocky Balboas Trainingsrunden vorstelle. Den Film habe ich nie gesehen. Dem Lehrer begegne ich öfter, und wenn ich recht drüber nachdenke, bin ich mir nicht mehr sicher, warum ich ihm das Lehrerdasein zuschreibe. Ob er es selbst noch weiß, was er einst gewesen ist? Wieder Kurven, ein kleines Dorf, ein Weiler nur. In einem Hof ein alter Traktor, geschwärztes Glasfaserverdeck, ein kleiner Frontlader. Unterm Motor ein blauer alter Eimer, der direkt neben der Öllache auf dem Boden steht. Nun ja. Links Kühe, vermutlich Patientinnen, denn sie sind nur zu zweit und käuen nicht wieder. Rechts ein Mobilstall für Hühner, und ich bin mir sicher, daß er sich schon Jahre nicht bewegt hat. Ich kann hören, wie sie drinnen schon die Federn ausschütteln und auf die Türöffnung warten. Ein Gurren und Gackern. Ich möchte ja kein Huhn sein. Zu meiner Rechten ein alter Weiher, der langsam trockenfällt und überwuchert wird. Morast bleibt, Gestrüpp wächst. Links ein Hof, rechts eine Dauerweide mit steinernen Eckpfosten. Wieder Kühe, eine robuste Draußenrasse, Angus, wie der Sänger von AC/DC. Oder war es der Schlagzeuger? Das ficht mich nicht an, denn außer "Shook me all night long" hört sich für mich alles gleich an, passt zur immer gleichen Uhrzeit der Wilden, Verschwitzten, Trunkenen. Wie gern wäre ich wieder wild und verschwitzt und trunken, denke ich. Ein Auto überholt mich, es kennt den Schleichweg und spart sich den Stau. Schotter spritzt, der Weg ist zum Überholen nicht geeignet. Mir wäre es arg recht, wenn die Leute daheim arbeiten würden, denke ich. Zur Linken ein Hof, und ich grüße wie jeden Morgen kurz in den Himmel. Ein ganzes Leben lang tot. Rechts Schweine. Dann Pferde. Die ersten Autos stehen schon dort, gleich wird der Reitlehrer seine Schäfchen sammeln, die ihren Liebchen die Stiefel in die Flanken drücken werden. Der gemeinsame Ausritt in den Morgen, und wenn ich sehr biestig bin, stelle ich mir vor, daß sie sich anschließend im Reiterstübchen über das böse Patriarchat ereifern werden, das sie daran hindert, mehr Zeit in tristen Büros zu verbringen und weniger Glück auf den Pferderücken zu suchen. Noch ein, zwei Autos, und ich kann den Überholabstand schon am Motorenklang abschätzen. Ins Dorf, durchs Dorf, ein Gärtner lädt eben ein oder auf oder ab oder aus. Er tut das Gleiche abends, wenn ich wiederkommen werde, und jedes Mal winke ich ihm zu, und manchmal erkennt er mich sogar. Wir waren mal jung. Ein Haus, das langsam umgebaut wird, gekauft von einem, der seine Nachbarn selbst bestimmen möchte, ein Knaupen, sagt man hier und meint das doch sehr ehrfürchtig. Kurz steil, dann überquere ich die Straße in einer unübersichtlichen Biegung, in der mir noch nie etwas passiert ist. Neue Häuser, wie Blöcke spielen sich auch die kleineren auf. Ein riesiges, verspiegeltes Tor aus blankem Blech. Eine alte Gastwirtschaft mit Stall haben sie abgerissen, und ich habe nie ein Bild davon gemacht. Sie war schon lang geschlossen, aber ich konnte immer noch die Bauern sehen, die dort am Sonntag nach der Kirche eingekehrt sind. Vielleicht auch anstatt der Kirche, in diesem wüstgläubigen Nest weiß man ja nie. So trage ich zwinkernd fort, was der Opa noch zwinkernd gesagt hat, und in welcher Generation aus solchen Aussagen der Ernst verschwunden ist, weiß lange keiner mehr. Für Menschen wie mich hatten sie ja nicht einmal ein Wort. Die nicht zur Kirche gehen. Man muß den Großeltern ja nicht alles sagen. Dann auf, auf, die Alb ruft. Der Gang klein, die Anstrengung groß. An schlechten Tagen klicke ich aus. Bei Schnee und Eis schiebe ich. Holzstapel, Ziegen, die eine Landschaft ohne Wert erhalten sollen. Die Gemeinde muß die Ziegen mittlerweile anschaffen, die Zäune bauen, das alles unterhalten. Rechts ein Grill- und Spielplatz. Am Abend werden hier die Autos aus dem Dorf parken, von hier laufen sie alle los, um ihre Hunde zu lüften und erleichtern. Man möchte unten im Dorf nicht zu Fuß gesehen werden, sage ich immer, und wenn sie mich knorrigen Radler so anschauen, glaube ich mir manchmal sogar. Oben Weite, ein Tal wie eine riesige Badewanne, an den Rändern Wald, der weit nach oben reicht. Hier hat einer den zweiten Schnitt gemacht am Wochenende, dort hat es die Gerste nun doch niedergelegt, Regen und Wind zur Unzeit tun das böse Werk, ohne böse zu sein. Ein Kalkweg, es hoppelt hochfrequent im Lenker. Ich fahre in Richtung Wald, wenn mir nicht wieder der Kaminfeger entgegenkommt, der den Waldweg als Abkürzung und seine Jägerei als Ausrede dafür hernimmt. Man möchte Steine schmeißen, aber die sind hier so klein. Bevor ich ins Dunkel, in die Waldweld, feucht und duftend, eintauche, sehe ich das Tal, das wie immer in dichten Nebeln hängt. Manchmal halte ich hier an und mache ein Foto, nenne das den Luxus meines Arbeitsweges. Im Wald eine Bank und ein Wasserbecken, und immer schon wollte ich beim nächsten Mal ein Bad drin nehmen. Beim nächsten Mal dann. Am Waldrand beginnt der Asphalt, bis hierhin gelangen die Läufer, die Spaziergänger, die Hundelüfter. Wenn ich spät dran bin, lerne ich stets neue Arten kennen, mit denen Menschen andere an der Fortbewegung hindern können. Heute scheinen sie noch zu schlafen. Nur aus den Wohnsilos quellen die Autos, sie überholen mich fauchend, hinterlassen weiße Dampfschwaden. Die meisten davon werde ich auf dem Parkplatz wiedersehen. Doch erst durch die kleine Stadt, herausgeputzt, und doch stehen an den Straßenrändern nur die rußverschmierten Transporter der Rumänen, die hier eine Arbeit machen. Ein kleines Café, das zur Straße Eis verkauft, doch nicht morgens und nicht abends, also nicht mir. Eine Kreuzung, auf der ich Vorfahrt habe, und einmal habe ich das sogar versucht. Ein Kreisverkehr, eine lange Ausfahrt aus der Stadt, einige zeigen mir die blecherne Überlegenheit ganz nah und deutlich. Über die Brücke, ein letzter Anstieg, und mittlerweile weiß ich schon, daß ich hier oft beobachtet werde. Ich richte die Weste wie ein Etappensieger, nestle am Rucksack nach dem Ausweis und freue mich, daß auch für mich eine kleine Schranke nach oben weicht, als wäre ich jemand, für den Schranken so etwas für gewöhnlich tun. Menschen steigen aus einem Bus. Am Radparkplatz hinter den dichten Hecken höre ich die Raucher husten.

Rauchzeichen




strelnikov   |   06.07.2021, 14:56   |  
Ich finde grad diese Jahr hat gezeigt, das nicht nur die Arbeit uns taktet sonder wir auch die Arbeit. Das Gehirn liebt halt Vereinfachungen und Wiederholungen.
Mitrauchen
 


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