Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.

18.08.20, 17:39 | 'Single Trails'
"Jeder Tag ein Abenteuer", sage ich gern, aber was mich dann letzten Endes doch dazu antreibt, hundertunddreißig Kilometer durch die Landschaft zu radeln, weiß ich selbst nicht. Einen Anlass habe ich, trage deshalb zwei Autokennzeichen auf dem Rücken und eine hoffentlich wasserdichte Plastikdose mit den Papieren im Rucksack. Am Morgen klimpert der Regen auf den Fensterbrettern wie Fingernägel auf dem Holztisch, ich ziehe meine knallgelbe Regenjacke über und fahre los. Erst einmal in die nur fast richtige Richtung, was mich zum einen völlig in den Wald und zum anderen nur nach Überwindung von hunderten zusätzlicher Höhenmeter und einer wild durchnässten Schotterstraße zurück auf meinen Weg bringt. Rehe am Waldrand schauen mir versonnen nach. Eine riesige Firma am gegenüberliegenden Waldrand, graue Gebäude und helle Gedanken. Irgendwo esse ich einen Riegel und trinke einen Schluck Wasser, das ich mit einer Magnesiumtablette versucht habe, in Zaubertrank zu verwandeln. Es sind die Geschichten, für die ich fahre, denke ich mir, aber ich erzähle sie ja kaum noch, und bis zu den Enkeln ist es lang hin und außerdem völlig unsicher, welcher Teil ihnen idiotischer vorkommen wird: daß der Opa einst durch irgendeinen Sommerregen geradelt ist, aus dem er das einzige Unwetter aus östlicher Richtung macht, das jemals den ganzen Tag angedauert hat, oder daß er mit dieser ganzen Radlerei nur eines getan hat - ein Auto abzuholen? Ich weiß es nicht, aber ich freue mich jetzt schon auf die Geschichte, die ich mir erradle, und so stehe ich ebenso naß wie fröhlich vor einer Bäckerei, in der ich derzeit nicht essen darf, mit einem tropfnassen Schlauchschal um den Hals, würge an einem trockenen Stück kalter Pizza und ziehe schnell den Schal wieder über den Kopf, was mir die Brillengläser total verschmiert, aber mich wenigstens nicht noch nasser machen kann. Über die Donau also, und das fühlt sich schon nach großer Welt an, und nachdenklich über Feldwege, nachdem ich auf einem Schild gelesen habe, wie wenige Brücken im zweiten deutschen Weltkrieg erhalten geblieben sind. Deutscher Weltkrieg, denke ich über Schotterwege und durch Pfützen holpernd, ist ja auch ein Ausdruck, der mir mal so eingefallen ist, und wäre ich Lehrer, von einer ganzen Division an Schülern in seitenlangen Aufsätzen zu erörtern wäre. Es macht den Kopf frei, dieses lange Radeln, und es lässt mich bissig werden gegenüber allen, die es mir vorab vermiesen wollten mit der Weite und der Nässe und der Unbequemlichkeit, und ich habe in mich hineingebrummt, daß unser Opa jahrelang bis zum Kinn im Eiswasser gesessen sein muß in ebendiesem deutschen Weltkrieg und noch Jahre danach, und natürlich ist das weder wünschenswert, noch irgendwie vergleichbar, und deshalb brumme ich ja nur so für mich und in mich hinein und hoffe doch, daß er mich vielleicht sehen kann in einer Regenpause, und daß er lächelt und den Kopf schüttelt und daß genau das zu mir passt, so fröhlich vor mich hin zu radeln, während mir das Wasser oben von der Nase und unten aus den Schuhen tropft. Komfort, Schmompfor, schimpfe ich fröhlich vor mich hin, als die Sehnen im Knie und die seltsame Stelle am Gesäß wieder zu zwicken beginnen, ganz unterschiedlich und zum Glück auf verschiedenen Seiten, damit ich nicht gar zu ungleichmäßig zu fahren beginne. Ich finde den einzig richtig steilen Hügel im Donauried, ich finde blauweiße Fahnen und irgendwo jemanden, der eben das Vorgewende pflügt und dann aussteigt und auf den frisch gewendeten Schollen herumtritt, wie man das eben so macht beim Pflügen. Denn es kommt ja trocken von unten rauf, wie das so ist im Sommer. Den spüre ich in den Regenpausen, in denen es sofort warm und schwül wird und in denen ich von innen heraus naß werde und außerdem langsam gar in meiner plastikdichten Regenjacke. Gut durch, puste ich mir einen Schweißtropfen von der Nase. Weitab von der Route auf meinem Telefon unterquere ich die Autobahn an einer Auffahrt, die man irgendwie kennt, wenn man mit dem Verkehrsfunk aufgewachsen ist. Dörfer, die nach Stauenden benannt sind, und was es nicht alles gibt. Erstmals die Stadt auf den weißgrünen Schildern, noch zwanzig also. In mir streiten sich die Gelehrten, ob es sinnvoller ist, mich nach oben oder unten hin zu betrügen, denn die Schilder sind sich nicht alle ganz einig mit den Entfernungsangaben, und überhaupt muß ich ja durch die ganze Stadt auch noch, aber vielleicht lag sie ja doch in einem Tal? Wie auch immer, ich radle bis zum Ende, lehne das Rad an eine Säule am Eingang, wo es sofort anfängt, aufgesammelte Dreckbatzen wieder von sich zu werfen, trete ein und werde lachend begrüßt - schau'n se her, das ist der Radler, sagt einer, und dann schau'n se alle her, und irgendwie mache ich es auch dafür, für die Geschichten der anderen, um irgendwie Objekt zu sein, Stein des Anstoßes vielleicht, oder auch nur Anlass zum ein oder anderen Schwank in einem der vielen Häuser dieser Stadt. Ich bekomme Wasser gereicht, bestätige die Entfernung und den Regen, darf mich in der Toilette umziehen und zahle dann mein Auto. Das Geld ist trocken geblieben, nur die Wechselkleidung nicht. Ich bleibe also näherungsweise naß, nur weniger verschwitzt. Irgendwas unterschreibe ich noch, und während ich das Rad in den Kofferraum falte, bringt der Verkäufer meine Kennzeichen an. Mein Auto. Immer noch ist Stolz dabei. Was, fragt er, wenn das Rad nicht reingegangen wäre? Und ich sage, ohne viel nachzudenken, die Wahrheit, daß ich nämlich dann einfach wieder nach Hause geradelt wäre, und deshalb sind wir wohl beide froh, daß es gepasst hat. Ich bekomme noch ein paar Knöpfe erklärt und denke, ich hätte doch besser meine Brille putzen sollen, und dann fahre ich los, verpasse die Einfahrt zur nächsten Tankstelle, fahre dem Navi einfach nach und den anderen Fahrzeugen, die mich allesamt langweilen, nach zehn Minuten schon, wo ich zuvor sechs Stunden begeistert vor mich hin geflucht habe über die schönen Radwege, weil sie früher einmal Bahntrassen waren, und über die schrecklichen Radwege, deren runder Donaukies die Räder umschließt und festhält, daß man nicht weiß, ob man stehen oder stürzen möchte. Immerhin, so denke ich, hat mich die Polizei nicht angehalten mit den Kennzeichen auf dem Rücken, und immerhin komme ich unfallfrei an einer Tankstelle an und tanke, erstmals seit Monaten wieder, fülle Luft in die Reifen und lande schlußendlich in einer Halle, sitze auf dem Gabelstapler und bugsiere ein Ölfass ins Regal, weil wenn ich schon mal da bin. Jeder Tag ein Abenteuer, und auf keinen Fall Komfort, und dann stehe ich komfortabel unter der warmen Dusche, falle ebenso komfortabel vornüber ins warme Bett, und vielleicht suche ich diese Ironien ja auch einfach, statt immer wieder über sie zu stolpern, denke ich noch, aber eigentlich schlafe ich dabei auch schon.

Rauchzeichen




froschfilm   |   20.08.2020, 18:42   |  
Immer! Alles!
Ich bin sehr fürs Radeln und für die Donau!

texas-jim   |   22.08.2020, 08:47   |  
Sie erinnern sich offenbar besser als ich selbst. Aber ja: Immer. Und alles!
Mitrauchen
 


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