Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.

14.05.17, 22:19 | 'Heller als tausend Sonnen'
Das Schreiben habe ich mir ja wieder vorgenommen. Aber dann war da ein Dienstag, an dem ich früh mit der Arbeit beginnen musste, um ebenso früh verschwinden zu können und anderswo zu arbeiten. Dort habe ich früher mal gearbeitet und helfe heute nur noch aus. Ich sitze also in einer Nische, wo früher andere saßen, schaue in mein altes Büro und denke daran, wie ich hier angefangen habe. Es war heiß in diesem Gebäude, und zuerst saß ich anderswo im Dachgeschoß, dann hier, wo ich löslichen Kaffee trank und auf den Parkplatz schaute, abends durch die Altstadt ging und unter einer alten Fahrradfelge schlief. Die große Liebe, sie weinte dort einmal, und ein ander Mal sahen wir uns ein Theaterstück an, von dem ich heute noch erzähle. Von ihr erzähle ich nicht mehr so oft wie ich an sie denke, denn kurz darauf suchte ich mir für die gleiche Arbeit einen anderen Platz, eine kleine Wohnung für den Übergang, in der ich heute auch sitze und schreibe, und die Liebe verließ mich und überließ mich der Stadt und der Dunkelheit. Jedenfalls parliere ich heute flüssig und freundlich mit dem Herrn Professor mit dem schlohweißen Haar, der mich zwischendurch fragt, ob ich denn zurechtkomme mit den Kollegen, denn einen eigenen Kopf hätte ich nun doch gehabt. Ja, denke ich, den habe ich noch, und doch zähmt mich das Alter, ganz langsam zieht es die Zügel an, auf daß ich nicht mehr bocken und ausschlagen möge, sondern stetig und fleißig im Geschirr gehe. Daher telefoniere ich auch geschäftlich und höre mir dabei selbst irgendwie von außen zu. Ich halte also die Vorlesung vor wenigen, während die Abendsonne ausgesperrt bleiben muß, damit meine Bilder an der Wand leuchten können. Am Ende bedanke ich mich für die Jahre, fünf sind es nun fast, und meine es auch. Ich stapfe noch einmal durch die Stadt, ein Brot noch und eine kurze Autofahrt, dann habe ich das vergessene Telefon wieder am Ohr. Elf neue Nachrichten, so schlecht ist das nicht für einen wie mich. Am Abend ein Streit, ich weiß den Grund schon nicht mehr, er hat sich angebahnt, er wird vergehen, wenn wir beide müde sind. Ob wir das schaffen, weiß ich nicht, nicht einmal, ob es was zu schaffen gäbe. Daß wir das Wollen zeigt unser Beharren, unser Sitzenbleiben, unsere Situationskomik, wenn ich unruhig den Argumenten folge, statt endlich, endlich zur Toilette zu gehen.
Ich arbeite nicht am nächsten Tag, oder anders, bin also früh am Morgen schon an der elterlichen Kaffeemaschine, dann auf dem ach so heimatlich gebliebenen Hof, wo der Bauer zum Mähen geht, während ich noch einiges zu Pflügen habe. Sattes Gras verschwindet in den Furchen, und an wenigen Stellen sickert Wasser in kleine Pfützen. Ein verrücktes Jahr, so spät waren wir selten. Du hast immer Zeit, lacht der Bauer, und ganz ernsthaft sage ich, daß ich mir diese Zeit immer nehmen will. Zwanzig Jahre bin ich nun hier, das muß eine Ehe erst mal schaffen. Am späten Abend will ich noch etwas tun, erwische die falschen Kugeln und muß noch einmal zurück zum Hof, weil ich die Egge nicht angehängt bekomme. Das Telefon schellt, komm rauf, ein Bier, und ich gebe nach und gebe zu, daß ich auch gern sitze und gern Bier trinke und hier und überhaupt. Wohlig wird mir, und darüber denke ich die halbe Nacht lang nach. Die andere verschlafe ich, und irgendwie ergeben diese Hälften dann doch keine Ruhe, also wische ich mir Wasser durchs Gesicht und stelle den treuen Diesel bald in den Schuppen, wo ich aus einer Laune heraus sogar die Türen schließe. Man sieht ihn kaum, und Minuten später bin ich schon vom Hof, mit den rechten Kugeln diesmal, mit der Egge wenige Minuten später, um tapfer über die frischen Furchen zu holpern, um sie einzuebnen. Das schüttelt und rüttelt mich über die Maßen, und die Zäune der Nachbarn tun ihr übriges an meiner Laune. Weit jenseits von Gesetzen und Grenzen sind sie aufgestellt, hindern mich am Wenden und an der Arbeit und versperren die dünnen Spuren im Gras, auf denen ich als Kind das Fahren gelernt habe, während der Opa vor der Hütte auf der Holzbank saß, eine Zigarette rauchte, Stuywesant vom Automaten am Haus gegenüber dem Hof, wo der Metzger wohnt, wohin man von hinten um die Ecke das Vieh brachte zum Schlachten. Um zwölf fahre ich zum Hof, wie besprochen, denke ich, fülle die Reifen wieder mit Luft und spüre mein Blut und Leben rauschen. Das Fahren und die Furchen, die sind mir was. Ich schreibe der Freundin und der großen Liebe, und an solchen Tagen kann ich das. Ich schwitze wieder in der Sonne, als der junge Arbeiter kommt und nach der Essenszeit fragt. Er lacht verständnislos, als ich auch lache ob der Frage, wie kann einer heute nur ans Essen denken! Silieren, sage ich, Silagefieber, wer wollte da Hunger haben? Die Bäurin kommt mit Paketen in Alufolie, damit ich mit meinen Dreckpfoten auch abbeißen kann, was ich halb nur auspacke. Der Arbeiter hat das Lachen verloren, sinniert in die Alufolie und fragt sich, wie einer sich daran noch freuen kann. Ich fahre los, den großen Kipper am Haken, über die Wiesen, an den nassen Stellen vorbei zum Häcksler. Alt und klein kommt er mir heute vor, weil ich neu und groß gewohnt worden bin. Ich winke dem alten Chef und denke an die vielen Stunden, die Nächte, die ich mit ihm gefahren bin. Heute trage ich den Namen eines anderen auf meinem Hemd, wir lachen trotzdem, wollen uns nichts Böses. Fahren also, wie in alten Zeiten, und einen der Jungen, der bös durch eine Pfütze fährt, stauche ich zusammen, daß es eine Freude ist. Hat uns auch nicht geschadet, und natürlich ist das Blödsinn. Es fuchst mich immer noch unglaublich, wenn nich das beste Fahren das Ziel ist, und der Chef winkt mir zu, mich nicht aufzuregen, doch das Blut, das Blut, das Leben. Irgendwann wechseln wir, ich weise einen der Junioren ein und fange wieder an, über Furchen zu holpern. Es schauert. Es scheint. Es schauert noch einmal. Dann regnet es, ich bin fertig, fahre zurück und habe schon das Walzen im Sinn. Die Handgriffe sind alt und bekannt, und so bin ich kaum bis zur Haut durchnässt, als ich umgehängt habe und im Silo bin. Wenige Wägen noch, dann legen wir Folien, Netze und Sandsäcke, lachen viel und unterweisen die Jugend, wie Folien zu ziehen sind. Ein Bier im leeren Heizraum, eine schnelle Dusche, eine lange Fahrt und eine ganz ganz kurze Nacht später sitze ich im Büro, entsinne mich meiner Aufgaben und sitze dann gleich im Auto, einen Rechner auf dem Schoß, und so ganz genau weiß ich nun auch nicht, was ich tue. Später jedenfalls scheint die Sonne, ich fahre aus dem Werk und freue mich an dem Blatt Papier, das mir dieses schöne Auto zugesteht. Mit dem fahren wir sofort los, ganz nach anderswo, aber das ist eine andere Geschichte, denn man hat zum Schreiben ja keine Zeit, wenn man von anderswo am Sonntagabend zurückkehrt und noch einen Berg Folien vor sich liegen hat. Andere nun, aber auch die werden gelegt und gefüllt und decken eine Arbeit zu, die mich nun schon Jahre umtreibt. Man wird sehen.

Rauchzeichen




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