... Vorwärts fahren
06.08.26, 19:18
Der Vorteil eines meiner Arbeitsplätze besteht in seiner Lage: Leicht über das Gebäude auskragend habe ich im Winter kalte, im Sommer sehr warme Füße. Mit Ost-, Süd- und Westseite wird es von allen Seiten recht gleichmäßig erwärmt. Und durch ein Blechdach auch noch auf eine Temperatur, bei der jedes Grillhähnchen neidisch wird. Der Vorteil besteht nun darin, daß ich hier bereits am frühen Abend die Fenster für Durchzug öffnen kann, da es nur knapp unter fünfunddreißig Grad abkühlen muß, damit es draußen kälter ist als drinnen. Man muß die Vorzüge nur suchen, dann sieht man sie auch.
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06.08.26, 18:30
Ich begrüße es, daß sich das halbe Land derzeit über die Ausbildung an den Fachhochschulen Gedanken macht. Und über Kommasetzung. Zwei meiner Herzensthemen, auch wenn es davon natürlich noch ein paar mehr gibt. Wenn diese allerdings ein politisches Argument darstellen sollen, ist das doch enttäuschend wenig. Da wäre mir ein Kampf für die Schulpflicht deutlich lieber. Oder gegen Attentate, seien sie nun gegen Kundgebungen oder Flugplätze gerichtet, und seien sie nun religiös oder politisch motiviert. Dafür müsste doch gerade jemand sein, der nach eigenen Worten aus den Verbrechen der Menschheit lernen wollte. Womit wir wieder bei der Schulpflicht wären, die vielleicht ein bißchen mehr als Kommasetzung und Berufsausbildung umfasst.
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06.08.26, 16:37
Rechtzeitig raffe ich mich auf zur abendlichen Radelrunde. Aufs Wetter muß ich ja nicht achten, denn es regnet weder, noch ist abendliche Abkühlung zu erwarten. Ich schlüpfe also in meine zigfach durchgeschwitzten und wieder getrockneten Radklamotten, darunter das endlich erworbene neue Trikot. Es sitzt ein wenig locker, die Ärmel sind etwas lang, doch seit der Anprobehandel dreistellige Preise aufruft, bin ich wieder etwas nachlässiger geworden. Und über den völlig unbekannten Herstellernamen freue ich mich sogar. Die Zeit der Marken habe ich lang hinter mir. Los also, auf die Uhr gedrückt und mich noch in der Auffahrt daran erinnert, daß ich den Sattel einstellen wollte. So wie gestern. Und vorgestern. Irgendwann wird es sicher unbequem genug werden, daß ich rechtzeitig dran denke. Durchs Städtchen, wo auf dem Marktplatz Leute sitzen, was ich Abend um Abend verwundert zur Kenntnis nehme. Meine Strecke auf die Alb habe ich vor einiger Zeit gewechselt, doch heute soll es etwas schneller gehen. Also die alte Strecke, für die ich etwa sechzehn Minuten veranschlage. Was man nicht alles auswertet aus den Uhrendaten, mit ein wenig Interesse und viel technischer Hilfe. Leider zeigt sich kein großer Fortschritt in den Daten, und während ich bergan so vor mich hin trete und schwitze, überlege ich, wie ich einen solchen finden könnte, wenn schon die Zeit nicht schneller werden will. Sehen, was nicht ist, vielleicht, nun ja. Auf halbem Weg reißt mich ein Surren aus den Gedanken: drei Jugendliche auf ihren Akku-Panzerrädern, die Helme keck nach oben geschoben, holen mich ein. Sie sprechen mich an, und sie haben ja recht: auch ich sollte einen Helm tragen, und mein Argument, ich hätte schließlich auch keinen Akku an Bord, taugt ihnen wenig. Tief in den Sätteln radeln sie von dannen, die Knie locker, die Jugend ist alright. Haben die mich eben gesiezt? Oben angekommen biege ich links ab und fahre brav den einfachsten Weg hinab bis zu der Stelle, wo immer die Akkuradrentner stürzen. Noch einmal links, um von oben herab ins Dorf zu stürzen, über die verdorrte Wiese, der man die Feier aus dem Mai noch ansieht, um am Feuerwehrhaus zu warten und mein Mini-Ämtchen zu versehen. Torwart sozusagen, denn ich betreue dort die Schließanlage, und ein junger Kamerad benötigt einen Zugang. Während ich warte, stelle ich wenigstens den Sattel ein. Dann lesen wir einen seiner Finger ins System und erzählen uns von der Dürre, der Gärtner und der Aushilfsbauer. Am liebsten würde ich Gastro machen in diesem Jahr, sage ich, aber vielleicht müssen wir da auch einfach durch. Auf dem Rückweg radle ich durch eine Staubwolke. Sie liegt flach über den Hügeln wie eine müde, staubige Schlange. Sie verfliegt auch nicht, sondern bewegt sich langsam auf das Dorf zu. Ich komme ihrem Ursprung näher, sehe jemanden einen Feldrand mulchen, radle dann mit angehaltenem Atem durch die staubige Schlange, fühle trotzdem das Knirschen zwischen den Zähnen.
Stehe dann irgendwann am Herd, nachdem endlich alle Fenster offen sind. Ich trage nur noch Unterwäsche, die Radklamotten dürfen trocknen. Die Luft wird langsam so, daß man dafür einst in den Urlaub gefahren wäre. Angenehm auf nackter Haut. Gemüse und Reis, mehr braucht kein Mensch. Sitze dann auf der Terrasse, zehn Meter überm Boden. Noch immer kein Geländer, das die Sicht versperrt. Die Bäume wiegen sich leicht, fast glaubt man, sie trocken rascheln zu hören. Einer, der längst schlafen sollte, erscheint bestens gelaunt mit seinem Spitzbubenlachen, dem niemand entkommt. Sitzt dann in seinem langen Schlafsack auf meinem Schoß, mümmelt vom Reis und vom Gemüse, und zeigt immer wieder begeistert in die Kerzenflamme auf dem Tisch. Da, da, da! Am Horizont die roten Blinklichter der Windräder. Da, da, da! Die Nachbarn scharren mit den Hufen, schnauben durch die Nüstern. Da, da, da! Vergnügt verbringen wir den späten Abend, rumoren noch durch die Küche, und wie soll man wohl jemals schlafen, wenn doch immer alles neu und spannend ist. So sitzen wir also in der lauen Nacht und unterhalten uns bestens. Und bevor ich noch drüber nachdenken kann, ist es auch schon geschehen: ich bin vierundvierzig Jahre alt geworden. Sechzehntausendundeinundsiebzig Tage. Und dann dieser Abend voller Wunder.
Stehe dann irgendwann am Herd, nachdem endlich alle Fenster offen sind. Ich trage nur noch Unterwäsche, die Radklamotten dürfen trocknen. Die Luft wird langsam so, daß man dafür einst in den Urlaub gefahren wäre. Angenehm auf nackter Haut. Gemüse und Reis, mehr braucht kein Mensch. Sitze dann auf der Terrasse, zehn Meter überm Boden. Noch immer kein Geländer, das die Sicht versperrt. Die Bäume wiegen sich leicht, fast glaubt man, sie trocken rascheln zu hören. Einer, der längst schlafen sollte, erscheint bestens gelaunt mit seinem Spitzbubenlachen, dem niemand entkommt. Sitzt dann in seinem langen Schlafsack auf meinem Schoß, mümmelt vom Reis und vom Gemüse, und zeigt immer wieder begeistert in die Kerzenflamme auf dem Tisch. Da, da, da! Am Horizont die roten Blinklichter der Windräder. Da, da, da! Die Nachbarn scharren mit den Hufen, schnauben durch die Nüstern. Da, da, da! Vergnügt verbringen wir den späten Abend, rumoren noch durch die Küche, und wie soll man wohl jemals schlafen, wenn doch immer alles neu und spannend ist. So sitzen wir also in der lauen Nacht und unterhalten uns bestens. Und bevor ich noch drüber nachdenken kann, ist es auch schon geschehen: ich bin vierundvierzig Jahre alt geworden. Sechzehntausendundeinundsiebzig Tage. Und dann dieser Abend voller Wunder.
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