Dieseldunst
In den Gelben Seiten unter Träumer.
Freitag, 10. 04 26

10.04.26, 21:06
Du kannst halt auch nicht ewig hergehen und Werkzeug anschaffen, und dann bei der ersten Reparatur versagen. - Nun ist es keineswegs so, daß ich nichts repariere, aber durchaus so, daß ich den Drang habe, ab und an Werkzeuge sozusagen auf Vorrat zu kaufen. So ist das Sortiment an Feinschraubendrehern eines namhaften Herstellers vielleicht ein wenig überdimensioniert oder anders gesagt zu selten im Einsatz für seinen Preis. Andererseits hat mich gutes Werkzeug schon öfter da gerettet, wo meine Fähigkeiten mit schlechtem nicht ausgereicht hätten. Mit Grauen denke ich an meinen ersten Bremsscheibenwechsel zurück, wo ich eine der Zentrierschrauben zernudelt habe. Nun besitze ich einen Wixer, will sagen einen Schlagausdreher, und wenn ich diesen hin und her räume, weil ich ihn seitdem kaum mehr gebraucht habe, dann wechsle ich immer noch zwischen dem Grauen der ersten Schraube und der Freude am Flutschen der anderen drei. Gekauft im Fachhandel um die Ecke - das Auto war schließlich mangels funktionerender Bremsanlage unpäßlich, und ich fahre ja sowieso gern Rad. Und ich putze seit einiger Zeit gern meine Zähne. Ich hätte schwören können, seit Pandemiebeginn, doch die Kaufhistorie im Online-Gerümpelkaufhaus datierte die Zahnbürste auf das Jahr 2022. Ich hätte vermutlich auch hier nachschlagen können, denn ich bin sicher, das Zahnputzgerät hinreichend gelobt zu haben. Nun war es allerdings schon einige Zeit schlapp. Der Akku, der zu Beginn mehr als zehn Tage hielt, war nur noch für einen Tag gut, und oft erstarb mir die Zahnbürste im Mund. Das fühlt sich überaus seltsam an, wie tot, und es bürstet sich überaus schlecht von Hand mit diesem Gerät. So suchte ich also nach Akku-Ersatz, denn einen passenden - Größe 14500, was für Durchmesser 14 und Länge 50 Millimeter steht, hatte ich natürlich nicht auf Vorrat. Leider fand sich nichts Passendes beim Gerümpelkaufhaus, denn ich habe teuer gelernt, daß übertriebene Angaben bei Akkus durchaus ein Grund zum Schmunzeln sind, aber ebenfalls ein starker Grund, von einem Kauf abzusehen. Mit solchen Akkus habe ich mal versehentlich Feuer gemacht und festgestellt, daß ich auch bei kleinen Bränden eher unentspannt bin, wenn sie an dafür wenig geeigneten Stellen ausbrechen. So geriet der Kauf aufgrund von anstehenden Versandkosten ein wenig aus dem Blickfeld, wollte ich doch sammeln, um zu sparen. Aber Akkus brauche ich wirklich selten, und alle Gewöhnung ans andauernde Nachladen konnte nicht bewirken, daß ich nicht irgendwann genervt genug gewesen wäre von der andauernd nur halbfertigen Zähneputzerei. Es hat also einen Monat gedauert, bis ich bestellt habe, und nun also Erfolgsdruck für acht Euro! Ich nahm mir also heute abend vor, als kleine Pause in der Vorlesungsvorbereitung das Gerätchen zu zerlegen. Und es zeigte sich erneut, daß gutes Werkzeug die eine Hälfte der Medaille ist, und Geschick die andere. Wer nun nicht so geschickt ist, muß wenigstens geduldig sein. Denn Ungeduld hat mich schon so manche erfolgreiche Reparatur gekostet. Ungeschickt und ungeduldig also. Durchatmen. Am Boden des Gerätes ist eine Vertiefung, mit der der magnetische Kreis geschlossen werden kann, um das induktive Laden zu erleichtern. Darin ein Aufkleber, der nach knapp vier Jahren noch erstaunlich zäh war. Ich habe mir angewöhnt, das Restwasser nach jeder Nutzung aus dem Gerät zu pusten, daher war dort auch alles sauber. Mit einem scharfen Schraubendreher also den Kleber herausgepult, und mit einem zweiten die darunterliegende Schraube herausgedreht. Dann ein Trick, um den Bodendeckel samt seiner Dichtung unfallfrei herauszubekommen: ich stecke das Bodenstück hinein und kante. Abgeschaut habe ich mir das an Zerlegevideos anderer Zahnbürsten, die zwar keine Schrauben, aber einen Deckel mit Gewinde haben. Für mein Gerät scheint es noch kein solches Video zu geben, oder ich habe es nicht finden können. Im Innern fand ich dafür zwei Rastnasen, die ich - dritter Einsatz des guten Schraubendrehers! - aufhebelte, während ich gleichzeitig die Bürste kopfunter auf den Basteltisch drückte, der nun einen weiteren Zeugenkratzer hat. So soll es sein, so war's erdacht, an meiner Tischplatte sollt ihr meinen Eifer erkennen. Flugs ein wenig störendes Moosgummi abgepfriemelt, und Geduld hilft hier, es nicht zu zerreißen. Kann man nämlich genau gleich wieder draufpappen, dann klappert die Elektronik nicht in der weißen Röhre. Der Akku hat Lötfahnen, doch Auslöten konnte ich noch nie. Dafür habe ich von einem Reparaturversuch an einem mir nicht mehr erinnerlichen Gerät noch eine sehr feine Knipszange, will sagen Seitenschneider. Die alte Lötfahne also abgeschnitten und mit Lötzinn eingeseift. Zur besseren Haftung hätte ich sogar noch ein klein wenig dran herumschleifen können, aber Geduld und ich, es hat doch alles Grenzen. Ebenso also den neuen Akku angegriffen, die Lötfahnen spitz zurechtgeschnitten und mit Lötzinn versehen. Dann den neuen Akku eingeklipst. Nun war die Lupe dran, die ich mir einst ohne konkreten Zweck gekauft hatte, doch ihre eingebaute Beleuchtung und meine schlechten Augen waren immer wieder Gründe genug, sie einzusetzen. Leider überlastet sie den ein oder anderen USB-Port mit ihrem Stromhüngerchen, aber irgendwas ist ja immer, und die Versorgungen werden ja auch von Jahr zu Jahr stabiler, weil neue Geräte höhere Leistungen haben wollen. Eine feine Pinzette brachte nun die alte und die neue Lötfahne zur Überdeckung, was der Elektronik ein mildes Glimmen entlockte. Kontroll-LEDs sind doch was Feines, wenn man sich dabei nur nicht so schlimm erschrecken würde. Den Lötkolben also weiter aufgeheizt, und noch immer vermisse ich keine geregelte Lötstation, denn Vollgas ist Vollgas, und kurze Lötdauer ist einfach King. Drangehalten, Lot gebrutzelt, die alten Kleberchen zurechtgebastelt und wieder angebracht. Gegen das Zuschrauben hat sich das Plastegewinde wurmig gewehrt, doch hält die Dichung samt dem Zahnpastaschmier vermutlich auch ganz ohne Schräubchen. Werkzeug besitzen und Zähne putzen an einem Freitagabend. So wollte ich mal alt werden, denke ich, aber an anderen Tagen wollte ich auch mal mehr Bumms. Nun ja.
Falls Sie das übrigens versuchen wollen, rate ich zur Geduld, zu gutem Werkzeug und dazu, den Akku gleich von vornherein richtig herum einzulöten. Sonst alles doppelt. Nicht zur Strafe, nur zur Übung, und zum Glück hatte ich das Malheur bemerkt, bevor ein Kontakt zustandekam. Ob die Elektronik eine Verpolung überlebt hätte, wage ich nämlich zu bezweifeln. Und Foto habe ich auch keines gemacht, verflixt.
# |  2 RauchzeichenGas geben


10.04.26, 16:38
Einfache Schaltkreise in Enzyklopädien, die richtig beschrieben, aber falsch dargestellt sind, nähren die Hoffnung, daß meine Arbeit bis zum Ende auskömmlich bleiben wird.
# |  1 RauchzeichenGas geben


10.04.26, 14:43
Bin noch gar nicht sicher, ob ich es absurder finde, ausgerechnet nach Amerika zu fliegen, um deutsche Bücher zu lesen und drüber nachzudenken, oder daraufhin ausgerechnet nach Berlin zu fliegen, um über Gedanken zu ebendiesen Büchern zu sprechen.

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Das Problem heißt Überhöhung. Nun, ich weiß nicht, ob es wirklich so heißt, aber ich möchte es so nennen. Es ist die Idee, einen zweifellos erkennbaren Fortschritt als Ideal darzustellen, als alleinige und einzige Lösung. Dadurch wird der eigene Blick auf die Nachteile dieses Schrittes verdeckt. Und alles hat Nachteile, es gibt keine Optimalität in der Realität, und selbst Pareto-Optimales lässt immer mindestens eine Dimension außen vor. Es sorgt zudem dafür, daß man von anderen mitsamt seinem favorisierten Fortschritt als "gläubig" wahrgenommen wird, was die Glaubwürdigkeit sofort senkt, denn wer glaubt, denkt oft nicht. Und zuletzt sorgt es für das Phänomen der Reaktanz, indem diejenigen, die von den Nachteilen dieses Fortschrittes berichten, ungehört bleiben oder sogar bekämpft werden. Überhöhung bremst den Fortschritt, Überhöhung lässt die Nachteile wachsen, weil nicht an deren Minderung gearbeitet wird, wenn man sie nicht sehen oder anerkennen will.

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Überhöht haben wir in den letzten Jahren Ideen, Technologien und Personen. Und alles davon fällt uns auf die Füße. Zeit also, sich mit den Nachteilen zu beschäftigen, mit den Nebenwirkungen einer fortschrittlichen Veränderung. Denn Medizin ohne Nebenwirkungen gibt es nicht, und spätestens nach den Pandemiejahren sollten bis auf den ein oder anderen Politiker alle dies begriffen haben. Was übrigens ganz gut passend ist, denn nicht jede Nebenwirkung, nicht jeder Nachteil ist so stark, daß die Medizin nicht verabreicht werden sollte. Stillstand ist in den seltensten Fällen Fortschritt, und Nichtstun reicht meist nicht einmal, um den Stillstand zu erhalten.
# |  Rauchfrei | Gas geben


10.04.26, 11:13
Mein Vorschlag zur Güte ist ja, überhaupt keine Fußballspiele mehr zu übertragen. Nur so wäre ganz sicher niemand benachteiligt.
# |  Rauchfrei | Gas geben