Dieseldunst
Geschichten von Pferd und Pferdestärken.
Dienstag, 2. 12 25

02.12.25, 08:50
Während meines montagabendlichen Späteinkaufs, für den ich kurz vor zehn und damit kurz vor Schließung des letzten Supermarktes meinen Bürotag beenden muß, im riesigen Supermarkt kein deutsches Wort mehr. Nun gut, viele Leute kaufen um diese Zeit nicht mehr ein, doch diese sind heute allesamt in redseligen Gruppen unterwegs, von denen ich kein Wort verstehe. Englisch, Französisch, Spanisch, alles für die Katz. Ich denke an meinen Lehrer, der mir vor mehr als zwanzig Jahren das Türkische ans Herz legen wollte, für das ich dann aber keine Motivation mehr fand. Auch das hätte mir heute nicht geholfen, fürchte ich.

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An den beiden Kassen lange Schlangen. Ergeben stehe ich da, mit Zwiebeln, Tomaten und Vorfreude auf ein Käsebrot. Es sind ja die kleinen Dinge. Und weder möchte ich einen Kaffeevollautomaten kaufen noch einen Riesenfernseher. Denn ich sehe nicht fern, wann sollte ich das auch tun. Stattdessen trinke ich Kaffee, habe aber wenig Lust, noch ein Maschinchen zu betreuen, bleibe also beim schnellen Handaufguss. Natürlich trauere ich meiner uralten Maschine nach, die sich mein Senor einst fürs erste Büro gekauft hatte, doch nach fast fünfzig Jahren darf auch ein Kaffeemaschinchen wohl einfach in ehrendem Andenken verschwinden.

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Vor mir kaufen junge Männer Schnäpse. Es sind große Flaschen mit klaren Flüssigkeiten, und nichts davon kenne ich als pur trinkbar. Vielleicht haben sie alles, was man zum Mischen braucht, zufällig schon daheim. Und man muß die Feste eben feiern, wie sie fallen, gern auch montagabends ab halb zehn. Interessant finde ich, wie die Diebstahlsicherungen aufgebaut sind. Daß man die für solchen Industriefusel überhaupt braucht. Und wie lang die Kassiererin sich müht, mit ihrem Magnetwerkzeug die Schlösser zu öffnen. Ich sehe zu und nehme mir vor, die Funktionsweise bei Gelegenheit in Augenschein zu nehmen. Sobald ich herausgefunden habe, wo in diesem riesigen Supermarkt die Regale mit dem Gesöff stehen. Daran bin ich offenbar bislang stets vorbeimarschiert.

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Hinter mir ein junges Paar, die eine ganze Batterie von kleinen Flaschen Schnaps aufs Band legen, die dann allesamt klirrend umfallen. Ich schaue auf meine Äpfel, dann zu den beiden. So verschieden können Leben sein, denke ich, denn ich kann mir nicht einmal vorstellen, was ich als Paar an einem Montagabend täte. Ob sie sich gemeinsam betrinken? Oder backen? Als ich eben bezahle, fragen sie die Kassiererin ebenso gebrochen wie freundlich, ob denn auch Alkohol in ihren Flaschen wäre. Vierzig Prozent, sagt die Angesprochene, und ich bewundere sie für ihren Gleichmut.

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Als ich dann am Tisch sitze, in der dunklen Wohnung, die noch verputzt werden muß, die eine neue Küche braucht und endlich Steckdosen vertragen könnte, oder gar Möbel, fällt mir ein, daß die beiden sich vermutlich auch mein Leben nicht recht vorstellen könnten. Tomatenbrot im Halbdunkel, ein Finger zum Umblättern auf dem Lesegerät. Ich werde mir das wohl nicht mehr abgewöhnen können, fürchte ich. Dabei sollte ich doch das Vorbildliche üben. Seufzend trage ich meinen Abendtee in das Zimmer, in dem fast nur noch die Sockelleisten fehlen. Und das Bett. Nun gut.

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Bald drei Jahre nun. Zunächst im Zug und in einer Pension im Wald. Vielleicht finde ich noch ein paar Bilder meiner damaligen Abendspsziergänge durch das Moor. Dann die Wohnung, der Gestank nach Rauch. Keine Renovierung, weil ich einer Freundin in Wohnungsnot damit helfen konnte. Dann die Schockstarre des Winters. Aufraffen. Stück um Stück begann ich mit den Tapeten, mit dem Teppichboden, mit den Fensterläden. Die Elektroinstallation ist nun teilerneuert und erweitert, ein Zimmer verputzt und mit einem wundervollen Holzboden ausgestattet. Ich betrete es nur auf Strümpfen, so achtsam bin ich. Dann das Bad, das ich gedankenlos herausgerissen habe und mit viel Mühe wieder einbauen konnte. Mauern, Verputzen, Streichen. Beim Fliesenlegen habe ich nur assistiert. Es hilft mir wenig, daß ich daher nicht so richtig schuld dran bin, daß der Lüfter nicht in seine Aussparung passen möchte. Ich werde die Fliesen nachträglich schneiden müssen. Und die Lampen. Und die Decken. Und die Türen. Die Sprechanlage im Flur muss noch versetzt werden, damit eine Garderobe sinnvoll Platz hat. Die Küche, ach die Küche. Der Rest des Fliesenbodens, das alte Parkett. Putz und Farbe. Ich bin müde. Zum Glück habe ich nur einen Klappstuhl hier, dann sitze ich nicht allzu lange.

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Vielleicht doch Schnaps?
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