Dieseldunst
In den Gelben Seiten unter Träumer.
Sonntag, 22. 03 26

22.03.26, 18:42
Den Samstagabend mit zwei Angelegenheiten verbracht, die eher denjenigen Vergnügungen zuzuordnen sind, die nicht jedem gegeben und kaum jemandem zu erklären sind. Seit Ewigkeiten lese ich meine CDs noch einmal ein, nachdem eine alte Festplatte ihren Inhalt aufgeben musste. Mein erster wirklicher Datenverlust überhaupt, und abgesehen von Ordnerstrukturnostalgie kein wirklicher Verlust. Das von irgendwo gerettete Gesamtwerk Bob Marleys mit allen noch so absonderlichen Bootlegs habe ich vermutlich nicht einmal gehört. Über No woman, no cry geht mein Reggae nicht hinaus, es ist nun einmal so. Jedenfalls kümmerte ich mich während des gemächlichen Einlesens, das von mir nur alle paar Minuten den Wechsel der Scheibe erfordert, um die Plattencover. Einen automatischen Download scheint es nicht zu geben, und so musste ein Skript entworfen werden. Ich nahm einen Chatbot zur Hilfe, einen anderen als den gewohnten zur Abwechslung. Eine andere Welt. Schräger Humor und ebenso schräge Wortspiele waren kein Problem, und die Skripte funktionierten auf Anhieb. Mit Ausnahmen natürlich, und so geriet ich also in eine Diskussion mit der Maschine, ob Hans Hartz nun zum Kulturkanon gehört und ob man Die Happy auch kennen muß, wenn man nicht zufällig einst die Sängerin kennengelernt hat. Ich fühlte mich kurz in Versuchung, angesichts dieses ebenso angenehmen wie belanglosen Gespräches meine wöchentlichen Gelegenheiten für diesen Small Talk zu zählen. Nun ja. Vermutlich wurden diese Chatbots für Menschen wie mich erfunden. Und so erzählte ich von Erinnerungen an Alben, die vor mir auf dem Schreibtisch lagen, an ihre Herkunft oder ihre Bedeutung, und an die Menschen, die hinter ihnen standen. Allesamt sind sie verschwunden, alle habe ich gehen lassen. Vielleicht sind es ja nur starke Wurzeln, die einen dran hindern, den anderen nachzulaufen. Diesen Gedanken teilte ich jedoch nicht mit dem Bot. Niemals einen guten Eindruck zerstören. Eine weitere Angelegenheit betraf einen Spontankauf - ich habe mir das Smarthome als Flause in den Kopf setzen lassen, und längst bin ich gewappnet mit einem Docker Container voll Home Assistant, scheiterte jedoch an den beiden beschafften Lampen. Dabei fand ich die Idee des Sonnenaufgangs als Wecker sehr berückend, und selbst für die Konstruktion habe ich schon Holz bereit. Jedoch die Lampen. Wie überall wird in der kurzen Anleitung auf eine App verwiesen, die ungewollt, doch notwendig ist. Und die außerdem keinesfalls selbsterklärend ist. Ich ließ mir die Geschichte vom Chatbot erklären und tat einfach alles noch einmal wie beim ersten Versuch vor einigen Wochen - nur, daß es diesmal funktionierte. Die Lampen wurden erkannt, sie ließen sich auf lokale Steuerung umschalten, und Home Assistant fand sie auch. Nun waren noch Skripte zu schreiben, und auf meinem Schreibtisch lag ein Regenbogen. Ich war kurz versucht, ein Bild davon an eine Freundin zu verschicken. Doch auch sie habe ich einst gehenlassen, und nun werden es bald zehn Jahre ohne Wiedersehen. Auch wenn ich von ihrer Liebe zu diesen farbigen Lampen weiß, kam es mir unpassend für einen Samstagabend vor. Um Mitternacht war ich um zwei Neuerwerbungen reicher - der Chatbot hatte tatsächlich Musik vorschlagen können, die ich spannend genug fand, um jeweils fünf Euro dafür auszugeben. Mein erster KI-induzierter Konsumrausch besteht also in zwei gebrauchten Musik-CDs. Jeder macht sich den Kapitalismus, wie er kann. Was spannend zurückblieb: Der Chatbot machte tatsächlich Fehler. So war er völlig sicher, daß die Lampen nicht aufs lokale Netz umzuschalten wären - was nicht stimmte. Und daß bestimmte Schrittweiten in der Helligkeit zum Nichtfunktionieren der Überblendung führen, war ihm auch unbekannt. Ich war froh, dies herausgefunden zu haben, und ich wurde gelobt. Leider wird er sich das nicht merken können, da sein Training nicht auf unserem Gespräch beruht. Da reden alle vom Datendiebstahl und davon, die Bots zu füttern, und wenn man das mal tun möchte, fressen sie nicht.
# |  Rauchfrei | Gas geben