Dieseldunst
Geschichten von Pferd und Pferdestärken.
Mittwoch, 14. 01 26

14.01.26, 08:22
Ich kann Dir keinen Nachruf schreiben. Warst Du nun der Schiffsbauer in unserer riesigen Familie, oder warst Du der mit den Kraftwerken? Natürlich warst Du beides, und ich merke heute, daß ich so gern viel mehr erfahren hätte. Wer zu Deiner Zeit zum Studieren so weit weg ging, wer zur See fuhr, wer dann Werkstoffe für Kernkraftwerke prüfte, der hatte doch sicher so viel zu erzählen. Doch die Stadt war fern, und selbst Deine Sprache war mir fremd nach all Deinen Jahren auf See und in der Ferne. Außerdem warst Du ein ruhiger Mensch, so wie es mein Senior und Dein Bruder ebenso ist. Und ich bin ein schlechter Fragesteller und überhaupt kein Bitter. Ich kann Dir also keinen Nachruf schreiben, nun, da Du als zweiter der Vaterbrüder verstorben bist. Deine Krankheit hat Dich sehr geplagt, sie hat Dich gebeugt und geknickt zuletzt. Auch in diesem Leid bliebst Du ruhig und gelassen, und so hoffe ich, daß Dein Tod ein sanfter war. Gestern abend kurz vor acht rief mich der Senior an, und beim Annehmen des Gesprächs war ich bereits alert. Denn der Senior ruft mich nie an. Nicht einfach so. Die Sätze wehen zwischen langen Pausen durch die Luft, die uns verbindet. Ich erfahre ein Datum, sehe in den Kalender. Ich komme mit, sage ich dann, und vielleicht ist die nächste Pause zwischen den Sätzen etwas länger, etwas leichter. Der Senior ist nun ein alter Mann, denke ich, ein Opa, was ihn sehr beglückt, und es ist wohl an der Zeit, daß man ihm tragen hilft. Es wird sich nun ein Familienzweig bilden in der Ferne, dessen Verbindung zu unserem Stamm nun schwächer werden wird. Ob sie abreißt und verschwindet, liegt an uns, der Dritten Generation, wie sie mein Vetter sehr treffend genannt hat, bevor er nach Spanien gezogen ist. Ja, sagt nun der Senior, das wäre sicher gut. Und dann reden wir noch, welche Hilfen nötig sein könnten für die Tante, die nun viel allein sein wird, durch den Tod getrennt von ihrem Mann und auch erleichtert von der intensiven Pflege. Dann ist alles gesagt, und weil ich noch immer nicht weiß, ob ich meinem eigenen Senior nun mein Beileid irgendwie bekunden soll, ist die letzte Pause schwerer. Komm gut nach Hause, sagt mein Senior dann, Und vergiss nicht, zu essen. Dann laufe ich durch die dunkle, fremde Stadt in die kleine Wohnung und denke drüber nach, was ein Zuhause ist, und wie schlimm der Tag sein muß, an dem man keinen Senior mehr hat, der einen wahrhaft erkennt und dessen Sorge ist, daß man nicht isst.

Hab es gut, Onkel Wolfgang. Wherever you may sail.
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