Dieseldunst
I'd rather be a forest than a street.
Sonntag, 7. 07 24

07.07.24, 16:04
Was tun also mit Deiner freien Zeit?

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Ein heißer Sonnentag, an dem ich bereits frühmorgens mehrere Schichten Sonnencreme auftrage. Erstmals in diesem Jahr, aber ich war ja auch nie draußen. Nie für meine Verhältnisse. Und krank war ich dazu noch. Und auf eine Art und Weise zermürbt und müde, ich hätte wohl keinen Monat mehr durchgehalten. Und doch, das Durchhalten, es geht ja immer noch ein bisschen mehr, als man das für möglich hält.

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Ich laufe also den Tag über einem Balkenmäher hinterher und freue mich, wie die eisernen Stollen im steilen Boden greifen. Mähen, rechen, schieben. Und immer wieder Müll, überall, denn die Leute schmeißen alles weg, und sie schmeißen es auch überallhin.

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Ich mag meinen Schweiß sehr, ich mag mein Schwitzen. Leistung will gekühlt werden.

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Ich verbringe natürlich noch Zeit am Schreibtisch, rechne Aufgaben und versuche, mich in die hineinzuversetzen, die diese Aufgaben demnächst auch rechnen werden.

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Ich besuche eine Sitzung, und wie es die Distanzen so wollen, brauche ich dafür einen Tag. Bemerkenswert an diesem Tag ist, dass ich für einen Moment gern auf meinem Balkon dort sitzengeblieben wäre. So ist das also, denke ich mir kopfschüttelnd auf der zweistündigen Heimfahrt. Weiter bin ich noch nicht, ich denke nicht so schnell. So ist das also.

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Einen Tag verbringe ich damit, mir industrielles Recycling anzuschauen. Tolle Maschinen haben sie da, und doch sitze ich auf einem Schlepper, wo ich immer sitzen wollte, und bin da falsch. Mehr und mehr. Ich wollte doch was mit Tieren, was mit Feldern, was mit Pflanzen und den ganzen Maschinen drumherum. Jetzt fahre ich gemahlene Steine in den Wald, damit ein vielleicht irgendwann auftauchender Städter keine schmutzigen Schuhe bekommt. Oder nur beim Einsteigen ins Auto, denn geparkt wird ja auf den Wiesen und Feldern, während die beiden Wanderparkplätze verwaisen. Ich verstehe die Städter nicht, aber ich verstehe ja auch mich nicht.

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Spannung hängt auch an schlechten Wegen. Zu schmal, zu steil, zu ausgewaschen. Und in der Hektik bei der Bergung eines Radladers, der sich ein klein wenig zu weit vorgewagt hat, verliere ich auch noch meinen Melder. Es ist ein Ärger, es ist mir ein großes Unwohlsein.

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Ich besuche eines Abends eine fremde Feuerwehr, und ich bekomme erstmals einen kleinen Einblick darin, was Professionalität in diesem Bereich bedeutet. Immer noch sind alles Freiwillige, doch was Wille und Können bewirken, beeindruckt mich bis an die Grenze der Verschüchterung. Habe ich also einen neuen Bereich gefunden, dem ich mich nicht gewachsen fühle. Nur nicht zu sicher werden.

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Schleuniges Rasenmähen, als es die Regenfälle zulassen. Die Hecken nachschneiden, und immer noch die Freude an diesem wunderbar wüchsigen Sommer.

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Ich hole den neuen Monitor ab, weil bei der Lieferung niemand zu Hause gewesen sein soll. Im Schreibwarenladen stapeln sich die Pakete und die Angestellte wundert sich, dass im ganzen Dorf wohl niemand zu Hause gewesen sein soll. Vielleicht können nur Lieferschwierigkeiten den Einzelhandel noch retten.

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Ich beaufsichtige eine Prüfung, ich fahre wieder nach Hause. Nehme Müll mit, den ich durchs halbe Land kutschiere, und denke an das Recyclingmaterial, das gar so umweltschonend in Form von Waldwegen abgelagert wird, das ich zwischen Haufen abhole, direkt vom Brecher, und ich kann in diesen Haufen jeden Stein noch erkennen. Gasbetonsteine, Hohlblöcke, irgendwo Fliesen. Wie weit sie gefahren sind, um hier zerrieben und von mir in den Wald gefahren zu werden?

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Immer wieder die Flächen, deren Mahd man nach hinten schiebt, um Pflanzen und Insekten Zeit und Raum zu geben. Dann allerdings drängen doch die Veranstaltungen und die Bürger, die ihre Parks gern englisch hätten, und wir mähen das nasse Gras und rechen, sammeln, fahren ab. Immer wieder bleiben Kinder auf ihrem Schulweg stehen und schauen uns zu. Sie sind begeistert von den Maschinen, sie sind angewidert von unserem Schweiß. Was einst ihre Arbeit sein wird, wissen sie noch nicht. Und dass man von dieser Arbeit kaum leben kann, wo sie doch - mit dem Manko des Kuhmangels schwer behaftet - das vielleicht Zweitschönste ist, das ich mir vorstellen kann, das möchte ich ankreiden, aber ich wüsste in diesem System nicht, wem.

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Ich gelange zu dem Gedanken, ich könne ein Dorfknecht sein, und hier und da zulangen, mithelfen, mitlachen, und leben von den Tischen, zu denen man mich lädt. Dass ich mal ein Marxist werden würde, hätte ich dann doch nicht gedacht. Aber vielleicht läuft mir auch nur allzuviel Schweiß in die Augen in diesen Tagen.

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Ich sitze über der Korrektur, als mir einfällt, dass mir hinterm Balkenmäher hergehend die Musik zurückgekehrt ist. Gesungen habe ich, wie ich es früher tagelang getan habe, auf dem Schlepper sitzend und mich zwischen Text und Melodie auf schwankendem Geäst fühlend wie ein Vogel, bereit zum Flug.

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Ich war krank in diesem Frühjahr, und ich wäre fast noch einmal krank geworden zu Beginn des Sommers, und ich kenne mich krank nicht, und natürlich hängt es damit zusammen, dass ich nicht krank werden und sein darf jetzt, dass was eine Lebenszeit sein könnte, noch auf tönernen Füßen der Gesundheit steht. Ich habe das abgetan, weil ich ja nie krank bin, aber viel stand nicht zur Wahl, und so heißt es Vorwärtsgehen. Fast die Hälfte der drei Jahre ist um, und noch hat man mich weder für krank noch für verrückt erklärt. Ich schreibe mir auf meinen Zettel, doch mal wieder zum Friseur zu gehen, um zum einen nicht noch beizutragen.

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An einem Morgen in der Woche klingeln alle Melder zum Probealarm, und ich stehe mit meinem Fahrrad dort, wo ich ihn verloren glaube. Ich höre ihn nicht, fahre auf und ab den Weg entlang, immer an der Blindschleiche vorbei, die sich bescheiden sonnt. Dann hinab, und in einer Wiese habe ich gehalten und bin abgestiegen, doch der Melderruf ist längst verklungen. Jede Minute gibt er jetzt noch einen Piepton von sich, kurz und gleichförmig, um dann wieder zu verstummen. Ich stehe also still und horche, von fern ein Piep. Ich laufe drei Schritte, bis ich mir nicht mehr sicher bin, wo der verklungene Ton herkam, stehe still. Erneut ein Piep, und wir spielen dieses Spiel ein dutzend Male, bis ich auf dem Boden krauche, die Gräser zur Seite schiebe, und dann endlich, endlich auf den Melder stoße, tief im weichen Boden hat er sich versteckt, und nur die Schnecken haben ihn gefunden. Ich wische und putze und freue mich, dass ich mir eine Peinlichkeit und der Gemeinde einen Geldbetrag gespart habe.

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Theaterprobe, doch ich muss gleich wieder los, bei all den Wiederholungen sage ich doch nur einen Satz vom sechsten Gebot. Ausgerechnet ich, aber so sei es, es wird schon eine recht göttliche Komödie geben.

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Ich bin zu früh bestellt worden, weil hier alle immer zu spät kommen. Weil hier alle immer zu spät kommen, komme ich lieber ein wenig zu früh. Und so sitze ich dann hinterm Kühlraum, wo ich mir gefälligst nehmen soll, und lasse die Beine in den Schwimmteich hängen, esse Äpfel und Beeren und bin schlaraffig zufrieden. Dann auf in die Stadt, durch die Fußgängerzone mit einem weißen Lastwagen, und direkt unterm Münster halte ich und schiebe Wägen voller Gemüse und Früchten auf die Hebebühne. Wer hätte das gedacht, freue ich mich am Neuen, und wie ein richtiger Trucker halte ich den Arm auf dem Heimweg nach draußen, Gott und der Welt zum Gruße und mir für frische Luft.

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Und immer wieder Korrekturen. Das Spielzeug für die Ferien wird noch warten müssen.
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